BGH · Ib ZR 82/63
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Der Kläger begehrt - nachdem er zunächst Vollstreckung sgegenklago erhoben hatte, nach Klage-änderung - im Wege der Abänderungsklage die gerichtliche Feststellung, daß seine Unterhaltspflicht aus dem Vergleich weggefallen sei» Er trägt vor, er habe im Frühjahr 1956 sein Einverständnis mit dem Besuch der Sprachenschule in erklärt, damit die Beklagte durch die Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin in die Lage versetzt werde, sich den ausreichenden Unterhalt nach der schon damals beabsichtigten Scheidung selbst zu verdienen«, Bei den dem Vergleichsabschluß vom 30• September 1953 verange-gangenen Verhandlungen sei man dementsprechend davon ausgegangen, daß er, der Kläger, Unterhaltsieistungen an die Beklagte nur deshalb und nur so large erbringen werde, als sie durch die Betreuung der Kinder an einer dieser Ausbildung entsprechenden Berufstätigkeit gehindert sei; der Beklagten sei bekannt gewesen, daß er sich nur unter dieser Voraussetzung zur Zahlung von Unterhalt bereit erklärt habe» Keinesfalls brauche er mit seinen Unterhaltszahlungen ein lang-jähriges Studium zu finanzieren, nachdem er schon während der Ehe eine Ausbildung ermöglicht habe, von der die Beklagte selbst erklärt habe, sie könne aufgrund der damit erworbenen Kenntnisse monatlich 500,— LI.I und mehr verdienen«, Die Beklagte hat beantragt, die Klage abzuweiseno Sie beruft sich in erster Linie auf den nach ihrer Ansicht eindeutigen Wortlaut des gerichtlichen Vergleichs und macht weiter geltend, der Unterhaltsvergleich sei lediglich geschlossen worden, damit sie auf die streitige Durchführung des Ehescheidungsrecht sstreits verzichte und sich mit einer Scheidung wegen beiderseitigen Verschuldens einverstanden erkläre o Der Kläger könne ihr aus keinem Rechtsgrund verwehren, daß sie durch ihr Studium für sich und die Kinder ein neues Leben aufbaue0 Schon als Referen darin werde sie so viel verdienen, daß die Unterhalts pflicht des Klägers dadurch ganz oder teilweise zu dem Ruhen komme0 für die drei Kinder erhalten; dadurch sei ihre Seit so in Anspruch genommen, daß sie daneben nicht oder nur in beschränktem Umfang berufstätig sein könne; so bald und so weit es der Beklagten aber möglich sein werde, solle sie sich bemühen, ihren Unterhalt selbst zu verdienen» Von dieser Vorstellung seien beide Parteien - oder doch wenigstens erkennbar der Kläger mit Billigung der Beklagten - bei Abschluß des Vergleichs ausgegangen; das ergebe sich nicht nur aus den Aussagen der beiden Rechtsanwälte Dr» und Br» G^m^über die zu dem Vergleich führenden Verhandlungen, sondern auch aus der den Scheidungsakten zu entnehmenden Vorgeschichte des Vergleichsabschlusses» Danach sei der Tatsache, daß sich die Beklagte noch während bestehender, aber bereits zerrütteter Ehe mit Zustimmung des Klägers einer Berufsausbildung unterzogen habe, zu entnehmen, daß die Beklagte für den Fall der Scheidung von Unterhaltsleistungen des Klägers unabhängig sein solle; dementsprechend sehe schon der Vertrag vom 1» Februar 1956 Verringerung und Wegfall der Unterhaltsleistungen für die Beklagte nach dem Maße ihres Einkommens vor« Machten es diese Umstände schon wahrscheinlich, daß Geschäftsgrundlage des Vergleichs die Vorstellung gewesen sei, die Beklagte solle Unterhalt nur erhalten, so lange sie wegen der Fürsorge für die Kinder nicht berufstätig sein könne, und solle im übrigen ihren Unterhalt so bald und so weit wie möglich durch eigene Berufstätigkeit verdienen, so sei der Beweis dafür durch die Aussagen der beiden Rechtsanwälte geführt worden» bevollmächtigte des Klägers, habe bekundet , die Parteien seien bei den Vergleichsverhandlungen davon ausgegangen, es werde auch bei einer streitig durchgeführten Ehescheidung nur beiderseitiges Verschulden an der Zerrüttung der Ehe festgestellt werden; der Kläger9 der zunächst jeden Unterhalt für die Beklagte abgelehnt habe, habe sich erst nach dem Hinweis darauf, daß die Beklagte wegen der Sorge für die Kinder nicht berufstätig sein könne, bereit erklärt, so lange Unterhalt zu bezahlen, als diesex- Zustand ctndauex'eo Selbst Rechtsanwalt Dr« G^|^, der damalige Prozeßbevollmächtigte der Beklagten, habe sich nicht daran erinnern können, dieser Auffassung bei den Vergleichsverhandlungen entgegengetreten zu sein; auch aus seiner Aussage ergebe sich, daß beide Parteien damals von. der Vorstellung ausgegangen seien, eine zur Sicherung ihres Unterhalts ausreichende Berufstätigkeit sei der Beklagten nur wegen der ihr obliegenden Sorge für die Kinder nicht mögliche 2, Biese Geschäftsgrundlage des Vergleichs, so fährt das Berufungsgericht fort, habe sich geänderte Zwar schreibe der Vergleich für die Aufnahme einer Berufstätigkeit durch die Beklagte keinen bestimmten Zeitpunkt vor; damit sei aber der Vergleich nicht zu einem Leibrentenvertrag (§ 759 BGB) geworden; er biete keinen Anhaltspunkt dafür, daß "ein von aller gesetzlichen UnterhaltsVerpflichtung völlig losgelöster selbständiger Lcibrentenvertrag zwischen den Parteien geschlossen werden sollte1'« Da die Beklagte seit April 1961 nicht mehr für die - seitdem heim Kläger befindlichen - Kinder zu sorgen habe, müsse sie sich gemäß § 24-2 BOB so behandeln lassen, als ob sie damals eine Berufstätigkeit aufgenommen hätte; dann hätte sie aber ein Einkommen von mehr als 410,— DM im Monat erzielen können« Dabei sei der Gesichtspunkt, daß die nur sechsmonatige Berufsausbildung auf der Sprachenschule einer Ergänzung bedurft habe, insofern berücksichtigt, als der Kläger, nachdem er die Kinder zu sich genommen habe, noch beinahe ein weiteres Jahr Unterhalt geleistet habe« 1« Zwar kann dem Inhalt des Vergleichs die Erwartung der Parteien entnommen werden, die Beklagte werde sich ihren Lebensunterhalt in Zukunft durch eigene Berufstätigkeit verdienen; diese Erwartung ist aber nach dem Wortlaut des Vergleichs weder an einen bestimmten Zeitpunkt eknüpft noch durch den Wegfall der Sorge für die Kinder bedingt« b) Nach der Lebenserfahrung ist davon auszugehen, daß die Parteien nicht annehmen konnten* die Beklagte werde allein von dem in Ziffer 1 a) festgesetzten Unterhaltsbetrag ihren Lebensunterhalt bestreiten können; denn dieser Betrag wäre nur dann höher als 200,— DM im Monat gewesen, wenn der Kläger daß er in der in Betracht kommenden Zeit als angestellter Tierarzt ein solches Einkommen erzielt hätte9 ist nichts festgestellt oder vorgetragen0 Danach kann schon dem Zusammenhang der Ziffern 1 a) und 1 b) des Vergleichs die übereinstimmende Vorstellung der Parteien entnommen werden? a) Das Berufungsgericht stellt fest, beide Parteien seien beim Abschluß des Vergleichs von der Vorstellung ausgegangen, die Beklagte solle sich, so bald und so weit es ihr wegen der Kinder möglich sein werde, bemühen, ihren Lebensunterhalt durch Berufstätigkeit selbst zu verdienen» Hierbei geht das Berufungsgericht davon aus, daß die Beklagte verpflichtet gewesen sei, ihre sechsmonatige Ausbildung auf der Sprachenschule notfalls zu ergänzen und in einem Arbeitsverhältnis auszuwerten, wobei sie unter Berücksichtigung der läge auf dem Arbeitsmarkt nach der Lebenserfahrung ein 410,— DM im Monat übersteigendes Arbeitseinkommen hätte erzielen können» Für dieses Ergebnis beruft sich das Obevlandesgericht auf die Vorgeschichte des Vergleichsj dabei würdigt es aber nicht den Umstand, daß die Parteien 10 Tage, nachdem der Kläger sein Einverständnis mit dem Besuch der Sprachenschule erklärt hatte, den Vertrag vom Io Februar 1956 geschlossen haben, in dem der Unterhaltsanspruch ähnlich wie später im Vergleich nach dem Arbeitseinkommen der Beklagten abgestuft, die Zahlung der 200,— DU monatlich aber ausdrücklich für den Fall vorgesehen war, daß "alle drei Kinder aus dem Hause" seien» Zumindest dieser' Teil der Entstehungsgeschichte ; könnte gegen die Auffassung sprechen, nach dem Willen der Parteien sei es Geschäftsgrundlage gewesen, daß der Unterhaltsanspruch - entgegen dem eindeutigen Wortlaut des Vergleichs - in dem Augenblick entfallen solle, in dem die Beklagte nicht mehr für die Kinder zu sorgen habe» b) Das Berufungsgericht stützt sich für seine Auffassung;, die Vorstellung der Parteien, daß die Beklagte sich nach dem Wegfall der Sorge für die Kinder ihren Lebensunterhalt sogleich durch Berufstätigkeit selbst verdienen solle, sei Geschäftsgrundlage des Vergleichs geworden, vor allem auf die Zeugenaussage der Rechtsanwältin Dr» Bieda» Diese habe nämlich bekundet, der Kläger habe bei den Vergleichsverhandlungen zunächst erklärt, daß er für die Beklagte keinen Unterhalt zahlen wolle5 erst als ihm entgegen-gehalten worden sei, daß die Beklagte wegen der Sorge für die drei kleinen Kinder überhaupt nicht in ausreichendem Maße berufstätig sein könne, habe sich der Kläger bereit erklärt, so lange Unterhalt zu bezahlen, als dieser Zustand andauere« Der damalige Prozeßbevollmächtigte der Beklagten aber habe ausgesagt, er könne sich nicht erinnern, dieser Auffassung bei den Vergleichsverhandlungen entgegengetreten zu sein«, Liese tatsächlichen Peststellungen reichen nicht aus, die rechtliche Folgerung zu tragen, die Vorstellung der Parteien die Beklagte v/erde alsbald nach dem Wegfall der Sorge für die Kinder ihren Lebensunterhalt selbst verdienen, sei Geschäftsgrundlage des Vergleichs geworden» Denn Geschäftsgrundlago im Rechtssinne sind solche Umstände, von deren Vorliegen die Parteien als feststehend ausgingen, die sie aber zur Bedingung für die Rechtswirksamkeit des Geschäfts erhoben hätten, wenn sie mit ihrer Ungewißheit gerechnet hätten«, Daß es sich im vorliegenden Falle so c) Aber auch wenn man mit dem Berufungsrichter davon ausginge, Geschäftsgrundlage des Vergleichs sei die Vorstellung der Parteien gewesen, daß die Beklagte so bald wie möglich nach dem Wegfall der Sorge für die Kinder ihren Lebensunterhalt durch eigene Arbeit verdienen solle, genügte das nicht ohne weiteres für die vom Oberlandesgericht vorgenominenc Abänderung des Vergleichs« § 242 Anm0 70)o Der Umstand allein, daß eine Partei wirtschaftlich ungünstiger gestellt ist, als nach den getroffenen Vereinbarungen zu erwarten war, gibt dem Richter noch nicht die Befugnis, gemäß § 242 BGB in ven den Parteien geschlossene Verträge rechtsgestaltend einzugreifen; wollte man es für zulässig halten, Verträge aus bloßen Billigkeitserwägungen durch Richterspruch umzugestalten, würde dies zu einer für das Rechtsleben untragbaren Unsicherheit führen (BGH aaO)o Die Beklagte hatte nach dem unstreitigen Sachverhalt das Abitur«, aber keinerlei abgeschlossene Berufsausbildungo Der Besuch einer privaten Sprachenschule für die Dauer von einigen Monaten kann nach der Lebenserfahrung im allgemeinen nicht einer Berufsausbildung gleichgesetzt werden, die zur Ausübung einer der bisherigen Lebensstellung der Beklagten angemessenen Berufstätigkeit befähigen könnte; dies ergibt sich u»a» bereits aus dem naheliegenden Vergleich, daß schon eine einfache kaufmännische lehi'e ein Vielfaches an Ausbildungszeit erfordern würde«, V/enn unter diesen Umständen die Beklagte nach dreizehnjähriger Ehe im Alter von noch nicht 4-0 Jahren vor der Notwendigkeit stand, einen Beruf zu ergreifen, der ihr für ihr weiteres Leben ni^ht nur notdürftigen Unterhalt, sondern auch einen gewissen Lebensinhalt geben konnte, dann wurde durch ihren Entschluß«, ein akademisches Studium zu beginnen, dem Kläger lediglich die Last auferlegt, daß er für die Dauer des Studiums den gerichtlichen Vergleich entsprechend dessen eindeutigem, unter Beteiligung von zwei Rechtsanwälten gestalteten Wortlaut Y/eiter erfüllen mußte» Dieses Ergebnis könnte nicht ohne weiteres als so mit Recht und Gerechtigkeit in Widerspruch stehend angesehen werden, daß sich nach den dargelegten Grundsätzen ein richterlicher Eingriff in den Vergleichsinhalt rechtfertigen ließe, auch wenn man berücksichtigt, daß die Parteien davon ausgegangen sind, die Beklagte werde eine Berufstätigkeit ergreifen und später ihren Lebensunterhalt im vollen Umfang selbst verdienen können» Wie der Fall zu beurteilen wäre, wenn die Beklagte weder Berufsausbildung noch Berufstätigkeit aufgenommen