BGH · Ib ZR 135/65
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
§ 85 AbSo 1 GüKG hat nicht nur programmatischen Charakter , sondern verbietet es dem Güternahverkehrsunternehmer schon jetzt, die ihm nach den gesetzlichen Vorschriften oblie- ‘ gende Haftung auszuschließen. Die Revision gegen das Urteil des 18„ Zivilsenats des Oberlandesgerichts Hamm vom lo Juli 1965 wird auf Kosten der Beklagten zurÜckgewi e s en, Von Rechts wegen Tatbestand: lo Das Berufungsgericht stellt auf Grund der Beweisaufnahme fest, die Beklagte sei als Spediteur beauftragt worden, die Sendungen der Firma GmbH in einer ihr freistehenden Art und Weise zu den Empfängern zu schaffen» Dadurch, daß sie ira Einverständnis mit der Firma & COo die Beförderung der Güter mit ihren eigenen, für den Güternahverkehr zugelassenen Lastkraftwagen ausgeführt habe, sei sie durch Selbsteintritt {§ 412 HGB) als Frachtführer tätig geworden» Diese tatsächliche und rechtliche Würdigung wird von der Revision nicht angegriffen» Sie läßt auch keinen Rechtsfehler erkennen» 2» Das Berufungsgericht hat der Klage stattgegeben, weil es die Beklagte nach §§ 431, 432, 429, 412 HGB, § 67 WG, §§ 831, 398 BGB für verpflichtet hält, der Klägerin den Betrag von 3»423,80 DM.als den Schaden zu ersetzen, der der Firma H^^^ GmbH aus der Straftat des Fahrers Sch^P((^ unstreitig entstanden sei» Dabei könne es, so meint das Berufungsgericht, dahinstehen, ob bei dem fraglichen Yertragsverhältnis die Anwendung der ADSp vereinbart worden sei und ob der geltend gemachte Anspruch nach den ADSp etwa nicht begründet wäre» Soweit durch Vorschriften der ADSp eine Haftung der Beklagten ausgeschlossen würde, seien die ADSp nach § 85 Abs» 1 in Verbindung mit § 26 des Gütorkraftverkehrsgesetzes (GÜKG) nicht anwendbar» den Beförderungsbedingungen obliegende Haftung nicht ausschließen kann, sei dahin zu verstehen, daß der Begriff "gesetzliche Vorschriften" nicht die Haftungsvorschriften des BGB und des HGB betreffe, sondern nur solche Vorschriften, durch welche die Haftung im Güternahverkehr künftig in einer der Kraftverkehrsordnung (KV0) für den Güterfernverkehr entsprechenden Weise geregelt werden solle (so insbesondere Züchner, VersR 1963, 318; Hein, BVZ Nr* 58 vom 18« Hai 1965* zweifelnd Helm, Haftung für Schäden an Frachtgütern, 1966, 17 ff m0WoHachv/0; a0M<> Baum-bach~Duden, HGB, 17o Auflo, § 452 Anho I, Anm,, zu § 26 GüKG)o a) § 85 AbSo 1 GüKG bestimmt seinem Wortlaut nach fti den Güternahverkehr, daß auf die Pflichten der am Beförderungsvertrag Beteiligten "die Vorschriften des § 26 über das Verbot des Haftungsausschlusses der Unternehmer anzuwenden" sindo § 26 GüKG untersagt es dem Unternehmer des Güterfernverkehrs, die ihm "nach den gesetzlichen Vorschri ten oder den Beförderungsbedingungen (§ 20)" obliegende Vertrag auszuschließen oder zu beschränken» Welche Eedeutung es hat, daß § 85 Abs» 1 GÜKG von einem Verbot des Haftungsausschlusses spricht, zugleich aber auf § 26 GüKG verweist, der nicht nur von einem Haftungsausschluß, sondern auch von einer Haftungsbeschränkung handelt, braucht hier nicht erörtert zu werden, weil im Streitfall nur ein Ausschluß der Haftung (nach §§ 41 a, 56 a ADSp) in Präge steht» Insoweit ist der Wortlaut des § 85 Abs» 1 GüKG eindeutig» Zwar bestehen für den Güternahverkehr noch keine "Beförderungsbedingungen” Im Sinne der §§ 20, 26 GüKG» Verboten ist durch § 26 GüKG aber auch der Ausschluß der Haftung, die dem Unternehmer "nach den gesetzlichen Vorschriften" obliegt» Auch diese Alternative des § 26 GüKG ist, wie es in § 85 Abs» 1 GüKG ausdrücklich heißt, "anzuwenden"o Damit ist klar zu dem Ausdruck gebracht, daß für den Güternahverkehrsunternehmer die gesetzliche Haftung nach den §§ 429 ff HGB unabdingbar sein soll, und zv/ar schon jetzt, nicht erst künftig» b) Etwas anderes läßt sich auch aus dem Sinnzusam-menhang, in den die Vorschrift des § 85 Abs» 1 GüKG gestellt^ ist, nicht entnehmen» § 85 GüKG enthält zwei Verweisungen auf Regelungen, die für den Güterfernverkehrsunternehmer gelten, in Abs» 1 eine Verweisung auf § 26 GüKG und in Abs» 2 eine Verweisung auf § 27 GüKG» Diese beiden Bälle werden deutlich voneinander unterschieden» Während die Verweisung auf § 27 GüKG (über die Ausgestaltung der Versicherungspflicht) nach der unzweideutigen Fassung des § 85 Abs» 2 GüKG erst gelten soll, wenn auch für den Güternahverkehr die Versicherungspflicht gegen Güterschäden oingeführt ist, wird in § 85 Abs« 1 GüKG ebenso unzweideutig die Anwendung des § 26 GüKG (über das Verbot des Haftungsausschlusses) ohne eine entsprechende Einschränkung angeordnet« Versicherungspflicht und Verbot des Haftungsausschlusses sind also für den Güternahverkehr nicht miteinander gekoppelt; die gesetzliche Regelung ist hier eine andere als beim Güterfernverkehr (§§ 26, 27 GüKG)« Angesichts dieser Verschiedenheit ist es keineswegs ungewöhnlich, wenn sich eine weitere Verschiedenheit daraus ergibt, daß für den Güternahverkehr "Beförderungsbedingungen11 im Sinne des § 26 GüKG, auf den § 85 Abs« 1 verweist, bisher nicht erlassen sind; eine Gleichbehandlung des Güternahverkehrs mit dem Güterfernverkehr ist eben in § 85 GüKG ersichtlich nicht bezweckt• Der dem GüKG zugrunde liegende Regierungsentwurf eines Gesetzes über den Güterfernverkehr mit Kraftfahrzeugen (BI-Drucksache 1/1343) enthielt nur wenige Vorschriften über den Güternahverkehr, die hauptsächlich der Abgrenzung dieses Verkehrszweiges vom Güterfernverkehr dienen sollten, ein Verbot des Haftungsausschlusses für den Güternahverkehr jedoch nicht vorsahen» Die Bundesregierung stand dem Gedanken, den Güternahverkehr ins einzelne gehend zu regeln, wie sich aus der Begründung ergibt, ablehnend gegenüber; sie hielt die Zeit für ein derartiges Ge setzge bungs Vorhaben noch nicht für gekommen» Dagegen war der Bundesrat der Auffassung* Güterfernverkehr und Güternahverkehr seien in der Regelung durch den Gesetzgeber praktisch nicht voneinander zu trennen» Dies war mitent- Bei den Beratungen der beiden Entwürfe im Bundestag ausschuß für Verkehrswesen (27° Ausschuß) setzte sich die Meinung des Bundesrats insofern durch, als eine Regelung des Güternahverkehrs nun doch in den endgültigen Entwurf aufgenommen wurde (BT-Drucksache 1/3515), allerdings mit gewissen Abschwächungen gegenüber den Vorschlägen der Bändervertretungo So wurde davon abgesehen, eine völlig einheitliche Regelung für beide Verkehrszweige zu schaffe; Die Vorschriften über den Güternahverkehr wurden in einem besonderen Abschnitt zusammengestellt (§§ 80 ff GüKG)« Si< lassen erkennen, daß man in diesem Verkehrszweig zunächst mit einem geringeren Maß an Zwang auskommen wollte e Bine Versicherungspflicht wie beim Güterfernverkehr sollte es vorläufig nicht geben« Die bisherige freie Betätigung der Güternahverkehrsunternehmer wurde Jedoch beseitigt; die Zulassung zu dem Gewerbe wurde von einer staatlichen Erlaubni abhängig gemacht (§80 GüKG)« Eine Neuerung gegenüber dem bisherigen Rechtszustand war ferner die Ausdehnung des Vei bots des Haftungsausschlusses auf den Bereich des Güternab Verkehrs (§85 Abs« 1 GüKG)« In diesem Punkt übernahm der Ausschuß für Verkehrswesen die Vorschläge des Bundesrats <> Daß er damit - entgegen der Absicht des Bundesrats - etwa nur eine Rahmenvorschrift für die Zukunft schaffen wollte, hat er nicht zu dem Ausdruck gebracht° Den-Gesetzesmaterialie ist nirgends zu entnehmen, daß § 85 Abö« 1 GÜKG entgegen seinem eindeutigen Wortlaut vorerst unbeachtet bleiben müß Das Berufungsgericht ist daher mit Recht davon ausgegangen, daß die §§ 41 a, 56 a ADSp, auf die sich die Beklag te beruft, wegen des in § 85 Abs« 1 GüKG enthaltenen Verbots des Haftungsaus Schluss es unanwendbar sind, soweit sie die Haftung nach den §§ 429 ff HGB abbedingen« Diese Auffassung des Berufungsgerichts liegt auch einer Reihe von