BGH · Ib ZR 118/62
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
hat der Ib-Zivilsenat des Bundesgerichtshofs auf die münd liehe Verhandlung vom 4« März 1964 unter Mitwirkung dor Bundeorichtor Dr® Krüger-Nieland, Dre Spreng, Pohle, Dr* Sprenkmann und Dr« Mösl für Recht erkannt: Die Klägerinnen sind Orgelbauer, die sich mit anderen in dem nicht rechtsfähigen Verein “Bund deutscher Orgelbaumeister" zucammengeschlosson haben, dessen Ziol os ist* die wirtschaftlichen Belange dieses Standes zu vertreten« Bei den von ihnen hergestellten "Pfeifenorgeln" wird der Ton dadurch erzeugt, daß Pfeifen durch einen Luftotrom, der von einem Regierwerk (Traktur) gesteuert wird? Die Beklagte befaßt sich mit der Herstellung und den Vertrieb elektronischer Musikgeräte, bei denen der Ton nicht durch Pfeifen, sondern durch eine Anordnung von Spulen, Kondensatoren und Röhren vollolcktronisch erzeugt wird, wobei die entstehenden elektrischen Schwingungen durch Tonstrahler in akustische Schwingungen umgewandelt und durch einen Verstärker hörbar gemacht werden« Dieses Instrument nennt die Beklagte Orgel0 oder "elektronische Orgel0« Die Klägerinnen haben die Ansicht vertreten, bei der Bezeichnung "/^Up-Orgel" oder “oloktrouische Orgel" handele es sich um eine irreführende Angabe im Sinne von § 3 UWGro Unter "Orgel” werde gemeinhin eine Pfeifenorgol verstanden, mit der das von der Beklagten hergestellto Instrument nichts gemeinsam habe« Abgesehen davon« daß der Ton nicht durch Pfeifen - was für eine Orgol nach der historischen Entwicklung typisch sei - her vor gerufen werde, soi auch der Klang der Eloktrophone der Beklagten nicht mit demjenigen einer Pfeifenorgel au vergleichen, da er v/io heim Kadiogerät flächig wirkeo Das Wort Orgel habe im Laufo dor Jahre auch kein© Erweiterung erfahren, so daß die Beklagte es nicht hei ihrer Werbung benutzen dürfe9 da hierdurch eine Täuschung der Allgemeinheit herbeigeführt werde, vor allem, da sie darauf hinweise, daß ihr Instrument besonders preisgünstig sei« Sic haben doshalb beantragt, die Beklagte unter Strafandrohung zu verurteilen, es zu unterlassen, in der Werbung und/oder bei Vertrieb von Elektrophonen diese als "Elektronenorgeln" Sie hat die Ansicht vertreten, ein Instrument, das den Tonoffekt einer Orgel bewirken könne, dürfe als "Orgel" bezeichnet worden, da es nicht darauf ankomme, ob der Ton durch Pfeifen oder auf elektronischem Wege hervorgerufon werde o Im übrigen habe der Begriff 11 OrgelM im Laufe der Jahre eine sprachliche Erweiterung erfahren, da schon seit Jahren elektronische Musikinstrumente als "Orgeln" bezeichnet würden, z«Bo "Polychord-Orgel”, "Vierling-Orgel", Die Beklagte hat gegen dieses Urteil Berufung eingelegt und in der Berufungsinstanz ihren Antrag auf Klag-abweisung weiterverfolgt«, Das Berufungsgericht hat Beweis erhoben durch Veranstaltung einer Hörprobe«, bei der die gleichen Musikwerko sowohl auf einer Pfeifenorgel als auch auf einem Instrument der Beklagten gespielt worden sind«, sowie durch Einholung eines Sachverständigengutachtens des Gürzenich-Kapellmeisters Prof« Dr« Wand, der zuvor an der Hörprobe teilgenommen hatte«, I« Das Berufungsgericht untersucht zunächst, ob dio Behauptung der Klägerinnen zutroffo, dio Beklagte dürfe ihro Instrumente schon deshalb nicht als Orgel bezeichnen, weil mit diesen weder orgelähnliche Klänge hervorgerufon werden noch \7erko der klassischen Orgollitcratur gespielt werden könnten« Hierzu stellt es unter Heranziehung des Sachverständigengutachtens fest«, die HÖrproho habe ergeben«, daß für den Nicht-Fachmann* d«h. Entscheidend sei jedoch* ob die von der Beklagten für ihr Instrument verwendete Bezeichnung "Orgel" deshalb irreführend im Sinn des § 5 UWG- sei* weil das Instrument nicht den Anforderungen entspreche* die der Verkehr mit dem Begriff Orgel verknüpfe* Diese Irreführung liege vor* soweit die Beklagte ihr Instrument "A^BBÄ-Orgel" nenne. odor die "Hammond-Qrgel", die in don allgemeinen Lexika unter dem Stichwort "Elektronische Musikinstruraonte" aufgeführt seien• Auch werde von der "Kino"- und der "Rundfunk-Orgel" gesprochen, die keine Pfeifenorgeln seien* Es werde somit von einem feil der Bevölkerung nicht mehr so sehr auf die Art, wie der Orgelklang erzeugt werde - nämlich durch Pfeifen - abgestollt, sondern darauf, ob ein Instrument in der Lage sei, den Orgolklang zu imitieren* Die Präge, ob sich inzwischen bereits ein Oberbegriff "Orgel" in dem Sinn gebildet habe, daß darunter nicht nur die Pfeifenorgel zu verstehen sei, sondern jedes Instrument, das einen Orgelklang, sei es auch auf elektrischem Wege, erzeugen könne, brauche nicht abschließend entschieden zu werden* Abgesehen davon, daß der verflossene Zeitraum von 25 Jahren, seit dem es elektronische Musikgeräte auf dem deutschen Markt gäbe, hierzu nicht ausreiche, sei jedenfalls festzustellen, daß ein nicht unerheblicher Teil der von der Werbung der Beklagten angeaprochenen Öffentlichkeit an der ursprünglichen Auffassung feothalte, daß eine Orgel nur eine Pfeifenorgel sei, denn entscheidend sei die Auffassung derjenigen Kreise, die über die Anschaffung einer Orgel beraten oder beschließen* Das seien die Vorstände von Kirchengemeinden, Stadtverordnetenkollegien und auch musikliebende Privatpersonen, die jedoch sämtlich keine Pachleute seien* Zur Vermeidung eines Verstoßes gegen § 3 UWGr müsse die Beklagte daher dem Wort "Orgel" einen aufklärenden Zusatz beifügen, der darauf hinweise, daß es sich bei ihren Instrumenten nicht um Pfeifenorgeln handele* Der Zusatz ihres Namens in der Bezeichnung "A^HH-Orgel" reiche jedoch zu dem Ausschluß einer Irreführung deshalb nicht aus, weil es einmal im Instrumentenbau üblich soi, das Instrument nach dem Erbauer zu nennen und weil außer- Dagegen genüge die Beklagte ihrer Pflicht zur näheren Kennzeichnung der Andersartigkeit ihres Gerätes gegenüber einer Pfeifenorgel mit dem Hinweis, daß es sich um eine ’’elektronische1' Orgel handele. 4o Die Bezeichnung "Elektronenorgol" ist eine Wortbildung, die aus zwei Worten zusammengesetzt ist» Nach dem deutschen Sprachgebrauch bezeichnet regelmäßig der letzte Bestandteil eines solchen Wortes den Gegenstands während der vorangestollte Zusatz dazu dient, diesen Gegenstand aus dem allgemeinen Begriff durch Kennzeichnung besonderer Eigenschaften herauszuheben (BGHZ 27, 'i , 7/8 - Emaillolack) „ Da die Parteien im Verlauf des Rechtsstreits nicht vorgetragen haben, daß den Bestandteilen dieses Wortes in ihrer Zusammenfassung in der neuen Wortbildung "Elektronenorgel" von den Verkehrsbeteiligten ein von ihrer Einzelbedeutung abweichender Sinn beigelegt wird«, hat aas Berufungsgericht zutreffend zunächst geprüft, was diejenigen, an die die V/er bung der Beklagten gerichtet ist, unter einer Orgel verstehen» In Anbetracht der Tatsache, daß die in Betracht kommenden Verkehrskreise nicht musiktechnisch vorgebildet sind, geht das Berufungsgericht bei der Untersuchung, welche Eigenschaften diese Kreise bei einer Orgel für wesentlich halten, zutreffend vom allgemeinen Sprachgebrauch und den Vorstellungen der Allgemeinheit aus. Soweit die Revision sich gegen die Auffassung des Berufungsurtoils wendet, der Begriff der Orgel unterliege z.Zt. einem Bedeutungswandel, können ihre Angriffe schon deshalb auf sich beruhen, weil das Berufungsgericht Bao Berufungsgericht hat es nämlich ausdrücklich dahingestellt gelassen, ob sich ein Oberbegriff "Orgel” in dem Sinn gebildet habe* daß darunter nicht nur eine Pfeifen-orgcl zu verstehen sei, sondern jedes Instrument, das einen Orgolklang erzeugen könne, auch wenn dies auf elektrischem Y/ege gescheheo Abschließend stellt es vielmehr fest, daß ein nicht unerheblicher Teil der von der Werbung der Beklagten angesprochenen Öffentlichkeit an der ursprünglichen Auffassung festhalte, daß eine "Orgel" eine Pfeifenorgel sei. 5c Die Revision kann auch keinen Erfolg haben, soweit sie geltend macht, die Bezeichnung "Elektronen-orgel" soi solbst dann irreführend im Sinn von § 3 UY/Gr, wenn sio dio beteiligten Vorkehrskreise wie das Berufungsgericht annehmep ausreichend darüber aufkläro, daß es sich nicht um eine Pfoifenorgol handele , weil damit noch nicht klargestollt soi, daß sie den Orgelton nur mangelhaft imi-tieron könne. daß es für die mit dem Klang einer Pfeifonorgel vertrauten Mitglieder des Senats, dio auch über so viol musikalisches Verständnis verfügten, daß sie unterscheiden könnten, ob man auf dem Instrument der Beklagten klassische Orgolliteratur spielen könne, beim Spiel von Orgelv/erken von J.S. Bach strecken- Wenn zwar auch heim Spiel des vollon Werkes Klangunterschiede bemerkbar seien, so lasse sich doch nicht sagen« daß das Instrument der Beklagten nicht orgelähnliche Klänge hervorbringe• Denn auch dor Klang von Pfeifenorgoln verschiedener Fabrikate sei unterschiedlich, und neben Pfeifenorgeln«, die don typischen Orgolklang einwandfrei hervorbrächten, gäbe es auch solche , bei denen dies weniger gut gelinge 9 weil ZoB« dio Bässe schwach und die hohen Töne schrill scion. Per Unterlassungsanspruch der Klägerinnen lasse sich daher nicht mit dem Hinweis rechtfertigen«, die Beklagte dürfe ihr Instrument schon* deshalb nicht als eine Orgel bezeichnen, weil es nicht in der Lage sei, orgolähnliche Klänge hervorzurufen und weil auf ihm die klassische Orgelliteratur nicht gespielt werden könnottc Es handelt sich insoweit um tatrichterliche Würdigungen, die der Nachprüfung durch das Hevisionsgoricht entzogen sind. Bei dieser Sachlage hatto das Berufungsgericht auch keinen Anlaß, dom Beweiserbieten der Klägerinnen naehzugehon, daß in je einer Kirche in dor Bundesrepublik,in dor Schwoll und in Belgien dio zunächst aufgestellton Elektrophono, bei denen es sich jedoch nicht um Instrumente der Beklagten handelte, auf Wunsch der Gemeinden wieder entfernt worden seien. daß es sich bei dem Instrument der Beklagten nicht um eine Orgol handele? führt* daß über die Einzelheiten* wie auf diese Weise der Klang erzeugt werde oder wie diese Instrumente arbeiten* weitgehend Unklarheit herrschen möge« Penn hieraus kann geschlossen werden* daß die durch das Wort "Elektronenorgel" hervorgerufenen Vorstellungen solche der verschiedensten Art sein können, So mag es möglich sein* daß zwar - obgleich ein Teil des Verkehrs hierunter eine Orgel versteht* die keine Pfeifonorgol ist -p dennoch nicht unbeträchtliche Kreise der Abnehmer an eine Pfeifenorgel denken* deren Arbeitsweise oder Bedienung auf elektronischem Wege erfolgte Mit Recht hebt dio Revision hervor* die Bezeichnung "Elektronen” als Zusatz zu dem Wort Orgel lasse nicht eindeutig erkennen* daß es sich nicht wie bei den elek-feischeni#] Klavieren oder elektrischen Gitarren und Rechenmaschinen um bloße Steuerungsanlagen für Musikinstrumente herkömmlicher Art handele* zu demal es bereits seit Jahren sowohl elektrisch als auch elektronisch gesteuerte Pfeifen orgeln gebe« Pie Klägerinnen haben mit Schriftsatz vom U. April 1961 (S» 6 = GA 94) unwidersprochen vorgetragen* daß es seit Jahren elektrisch gesteuerte Pfcifenorgeln gebeo Auch hat das Berufungsgericht festgectollt, daß die im Kölner Gürzenich aufgestellte Orgol eine elektromagnetische Pfeifonorgol ist (BU 13)* Boi dieser Sachlage läßt sich aber nicht ausschließen, daß ein nicht unerheblicher Toil der Ver-kehrobeteiligten unter einer "Elektronenorgel11 eine in irgendeiner Weise elektrisch oder elektronisch gesteuerte oder betriebene Pfeifenorgel versteht„ Bas Berufungsgericht hätte sich daher* wenn es meinte* die Gefahr einer Irreführung ausschließen zu müssen* durch geeignete Beweismittel* zu deren Angabe es die Klägerinnen im Rahmen des §139 ZPO hätte anregen können* Einblick in die Anschauungen derjenigen Kreise verschaffen müssen* auf deron Bei der erneuten Verhandlung wird das Berufungsgericht sich daher durch die Einholung von Auskünften die erforderliche Gewißheit darüber verschaffen müssen, welche Vorstellungen die Mitglieder der über den Ankauf einer Orgel entscheidenden Gremien (Kirchenvoratände, Stadtgemeinden) mit dem Wort "Elektronenorgel11 verbinden» Daboi wird es weiter zu prüfen haben, ob in diesen Kollegien jeweils Fachleute, z«B» Organisten vertreten sind oder ob diese Kollegien, ?/enn sie selbst nicht über die notwendigen Fachkenntnisse verfügen, von anderer Seite beraten werden» Hier wird das Berufungsgericht auch das von dor Beklagten vorgelegte und von den Klägerinnen nicht bestrittene Material würdigen müssen, aus dem sich ergibt, daß jedenfalls dio Kirchengemeinden vielfach von ihren Kirchen in dieser Frage beraten werden» Nachdem die Klägerinnen schriftsätzlich Stellungnahmen der christlichen Kirchen wiedergegeben haben (GA 16 bis 18), die sich gegen dio Benutzung von nelektronischen Orgeln1' aussprechon, hat die Beklagte hieraus gefolgert, daß diejenigen Kirchenstellen, die für ihr Gotteshaus einmal eine Orgel kaufen wollen, dio unterschiede awischontfbeiden Orgelarten sehr genau kennen (GA 23)» Im zweiten Rechtszuge hat die Beklagte zu dem Beweise dafür, daß den Kirchenstellen der Begriff der ,,£l©ktronenorgell, durchaus geläufig sei (GA 108 ff), Stellungnahmen und Gutachten evangelischer und katholischer kirchlicher Stellen vorgelegt, dio ersehen lassen, daß die Gemeinden beider Kirchen von den oberen Kirchenbehörden laufend Mitteilungen erhalten., b) Mit Recht greift die Revision auch die Auffassung des Berufungsgerichts an, ein Verstoß gegen § 3 UWG scheide auch deshalb aus, weil es dem nichtfachkundigen Käufer zuzu demuten sei, sich wegen der näheren Einzelheiten der von der Beklagten hergestellten elektronischen Musikinstrumente zu erkundigen0 Da ein Verbot der Bezeichnung einen für die Industrie wertvollen Besitzstand an dieser in der Fachwelt eingebürgerten Bezeichnung vernichten würde9 hat der Bundesgerichtshof ein schutzwürdiges Interesse der Allgemeinheit 3 den Nichtfachmann vor Irreführung zu bewahren«, nicht anerkannt und ausgesprochen«, daß in solchen Fällen vielmehr dem Nichtfachmann eine erhöhte Aufmerksamkeit zuzu demuten sei« Im Streitfall würde die Auffassung des Berufungsgerichts* daß es dem nichtfachkundigen Käufer zuzu demuten sei9 sich wegen der näheren Einzelheiten des als “Elektronenorgel" bezeichneten Musikinstruments zu erkundigen9 dahor nur dann rechtlichen Bestand haben können«, wenn 3ich feststellen ließe«, daß diese Bezeichnung sich in der Fachwelt derart durchgesetzt hätte9 daß dem Interesse* diooc Bezeichnung weiter verwenden zu können, der Vorzug zu geben wäre vor dem Interesse der Allgemeinheit, den Nichtfachmann vor Irreführungen zu bewahren.