BGH · I ZR 79/66
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Der Io Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung vom 14 o Juni 1968 unter Mitwirkung der Bundesrichter Fehle, Dr0 Sprenkmann, Alff, Br, Simon und Br, Merkel für Hecht erkannt: Die Klägerin ist Inhaberin des am 13o Juni I960 angemeldeten, aus der Abkürzung für (Lösungsmittel beständig) gebildeten Warenzeichens Nr0 768 213 ,fS-Rn, das zu ihren Gunsten nach einer Umfrage durch den Deutschen Industrie- und Handelstag auf Grund nachgewiesener Verkehrsdurchsetzung am 17o Februar 1962 für künstliche Zähne, Pro the s en und Kunststoffmasson zur Herstellung von Zahnersatzmitteln eingetragen worden isto Sie ist ferner Inhaberin von Zeichen, die aus dem Bestandteil "SR“ in Verbindung mit vn abkürzung ’'Ivo” enthaltenden Zusätzen die Firznen-gebildet worden sind, z oBo ,,SR-Ivosealn, "SR-Ivosiut*', ,,SR-Ivotyp,r Ivopal”, "SR-Ivolen” und "Ivo-SR110 23x0 Beklagte hat Klageabweisung beantragt 0 Sie hat geltend gemacht, eine Verwechslungsgefahr sei für den beteiligten fachkundigen Verkehr nicht zu befürchten, da der ursprünglich enge Schutzu demfang des Klagezeichens auch durch dessen Verkehrsdurchsetzung nicht erv/eitert worden sei, zu demal auf dem einschlägigen Warengebiet weitere Buchstabengruppen - z»B» "Buxupaiit CL", "Anato-form~HSu, "Idodens-RS" - und schon seit 1957 die angegriffene Buchstabengruppe in Verbindung mit durchgesetzten Warenzeichen verwendet würden,, Etwaige Unterlassungsansprüche der Klägerin seien verwirkt, da sie, die Beklagte, bereits bis zur Bekanntmachung des Klage— Zeichens für etwa 1,4 Millionen DM LR-Artikel uingesetzt und laufend für ihre lösungsresistenten Dentalkunststoffe geworben habe» Für die weiteren Anträge fehle das erforderliche Verschulden» Der Vorwurf unlauteren Anhängens gehe schon deshalb fehl, weil lediglich eine schon jahrelang vor Eintragung des Klagezeichens begonnene Benutzung fortgesetzt worden sei» 1* Dazu stellt das Berufungsgericht zunächst fest, daß die Beklagte den Bestandteil LR, der allein eine V erv/e chs lungs ge fahr begründen könnte, nicht als warenbeschreibende Angabe, sondern warenzeichenmäßig verwende, ohne daß es dabei auf die noch in anderem Zusammenhang zu erörternde Präge eingeht, ob der fachkundige Verkehr auf dem in Rede stehenden Warengebiet an Typenbezeichnungen in Gestalt von Buchstabengruppen gewöhnt ist und in dem angegriffenen Bestandteil nicht einen Herkunftshinweis, sondern eine derartige Typenbezeichnung für ein Spezialprodukt erblicken könnte (vglo dazu auch den zur Veröffentlichung bestimmten Beschluß Ib 5SB 14/66 vom 4» Oktober 1967 - Praline)» gruppe im allgemeinen eng zu ziehen sei, entfalle eine Verwechs1ungsgefahr grundsätzlich schon dann, wenn sich bei einem ebenfalls nur aus zwei Buchstaben bestehenden Gegenzeichen nur ein Buchstabe nach Klang und Sinnbild hinreichend von dem entsprechenden Buchstaben des Klagezeichens unterscheideo Im Streitfall genügten bereits die klanglichen wie optischen Unterschiede zwischen S und 1, um eine Verwechslungsgefahr auszuschließen, insbesondere auch unter Berücksichtigung des geschärften UnterscheidungsVermögens, das bei derartigen Zeichen beim Verkehr vorausgesetzt werden könne* Mit dem Landgericht sei zusätzlich zu berücksichtigen, daß der Abstand durch die Zusätze 1,PromidentH und ,,Promolux,f noch vergrößert werde und daß die beteiligten fachkundigen Verkehrskreise erfahrungsgemäß daran gewöhnt seien, genauer auf die Herkunftshinweise bei den ihnen unterbreiteten Warenange- Es ist zwar richtig, daß die Buchstabengruppe des Klagekennzeichens von Haus aus schutzunfähig und erst im Wege der Verkehrsdurchsetzung eintragungsfähig geworden ist« Dem Berufungsgericht mag ferner darin beizutreten sein, daß derartige Zeichen trotz Verkehrsanor-kennung vielfach nur ein begrenzter Schutzbereich gebührt , Anm » 39 Uo 69 zu § 4)o Diese Erfahrungsregel läßt sich aber nicht schematisch und ohne Rücksicht darauf anwenden, ob und inwiefern sich der Verkehr veranlaßt sieht, auf feinere Unterschiede zu achten<> Sie mag namentlich dann heranzuziehen sein, wenn der Verkehr an entsprechende Symbole als fypenbeZeichnungen u0 dgl» gewöhnt ist oder vrenn das Zeichen seiner Art nach so beschaffen ist, daß der Verkehr ihm nur unter genauerer Beachtung seiner Gestaltung individuelle Unterscheidungskraft beilegen kann» Gelingt es aber, eine Buchstabengruppe im Verkehr stark durchzusetzen und sind keine Umstände ersichtlich, die den Verkehr zur Beachtung feinerer Unterschiede nötigen könnten, dann besteht kein rechtlich begründbarer Anlaß, diesen Zeichen nur einen engen Schutzbereich zuzuraessen» Die gegenteilige Auffassung des Berufungsgerichts beruht danach auf einer Verkennung des § 31 WZG» Das Berufungsgericht hätte die Beweisangebote der Klägerin über die erhebliche Stärke der Verkehrsgeltung nicht als unerheblich bezeichnen und auch nicht dahingestellt sein lassen dürfen, ob und wie weit auf dem einschlägigen Gebiet der Verkehr mit dem Gebrauch von Buchstabengruppen rechnet , und welche Bedeutung er ihnen beimißt» Erst dann läßt sich auch mit hinreichender Sicherheit beurteilen, welche Bedeutung für die frage der Verwechslungsgcfahr dem Umstand zukommt, daß die fraglichen Zeichen nur Fachleuten gegenübertreten» Soweit das Berufungsgericht aus dem Hebeneinanderbestehen der beiderseitigen Zeichen seit 1957 die Fähigkeit des Verkehrs herleitet, diese auoeinanderzuhalten, hätte es - wie die Revision zu Recht bemängelt - Feststellungen darüber treffen müssen, ob die Beklagte ihre Buchstabenkombination überhaupt -im Vergleich zur Verwendung der Klagekennzeichnung -in einem solchen Umfang benutzt hat, daß der Verkehr tatsächlich zur genaueren Unterscheidung genötigt war * Hatte diese Mitbenutzung keinen wesentlichen Einfluß, haben auch dritte Mitbewerber nicht in größerem Umfang entsprechende Buchstabengruppen verwendet, fehlt ferner ein für den Verkehr erkennbares Freihaltebedürfnis und hat die Klägerin für ihr Zeichen tatsächlich starke Verkehrsgeitung errungen, dann müßte von einer starken Kennzeichnungskraft des Klagezeichens ausgegangen werden c Diese Gefahr kommt gerade auch im Streitfall in Betracht, sofern der Klägerin für ihre Buchstabengruppe starke Kennzeichnungskraft zustehen sollte» Insbesondere kann dem Berufungsgericht nicht allgemein darin gefolgt werden, daß bei einer aus zwei Buchstaben bestehenden Kennzeichnung grundsätzlich bereits die Unterscheidbarkeit eines der beiden Buchstaben genüge, um die Gefahr von Verwechslungen auszuräumeno Maßgeblich bleibt stets der Einfluß, den die Abweichung auf den Gesamteindruck ausübt o Insoweit Uberwiegen Gemeinsamkeiten zu demindest in - gleiche Vokalfolge und die Verwechslungsgefahr erhöhenden Identität der Spezialwaren (vglo dazu BGH GRUR 1957, 488, 490 - MHZ) nicht ausschließen läßt» Die weiteren Zeichenzusätze ^fromi-dent” und "Promolux” in den angegriffenen Zeichen mögen zwar dazu führen, daß der Verkehr die Herkunft aus einer anderen Betriebsstatte zu erkennen vermag0 Da aber die Buchs tabengruppe nicht in den angegriffenen Bezeichnungen untergegangen ist, sondern ihre Selbständigkeit behalten hat und ihrerseits in verwechslungsfähiger Weise mit dem Klagezeichen übereinstiramt, bleibt zu demindest die Gefahr von Verwechslungen in dem erörterten mittelbaren Sinne bestehen (vgl0 auch BGH Betrieb 1967, 1976, 1977 - Maggi;