BGH · I ZR 70/66
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
UNO- § 1 Glassteine Ein Schmuckwarenhändler Begeht einen Yfettbev/erbsverstoß., wenn er eine Verkäuferin beschäftigt, die den Unterschied zwischen synthetischen Edelsteinen und Glasstcinen nicht kennt und deshalb einem Kunden G-lasstcine als synthetische Steine verkauft0 lo Am 3° April 1964 habe eine bei dem Kaufmann beschäftigte Verkäuferin auf Weisung ihres Ghefs das Geschäft der Beklagten aufgesucht und dort einen Anhänger in Buchform zu dem Preis von 103?76 DM gekauft. Während des Verkaufsgesprächs habe die Verkäuferin der Beklagten die in dem Schmuckstück enthaltenen Steine als vier echte Turmaline und einen echten Türkis bezeichnet; dagegen habe eine zweite, später hinzugekommene Verkäuferin geäußert? 2o Am 25o September 1964 hätten zwei Verkäuferinnen des Kaufmanns K^pp im Geschäft der Beklagten einen Anhänger in Kugolform mit vier blauen und vier rosa-farbenen Steinen zu dem Preis von 60,— DM gekaufte Bei dem Verkaufs-gespräch habe die Verkäuferin der Beklagten erklärt? b) Kurze Zeit darauf hätten Sch^JI und das Geschäft der Beklagten nochmals aufgesucht und den Anhänger mit dem Amethyst gegen den Rhorabusanhänger umge-tauschto Nunmehr habe die Verkäuferin der Beklagten zugesichert, daß der Rhombusanhänger ein italienisches Fabrikat mit synthetischen Steinen sei0 In allen drei Fällen, so behauptet der Kläger, seien die Schmuckstücke woder mit echten noch mit synthetischen Steinen ausgestattet gewesen; es habe sich vielmehr um G-lassteine gehandelte Der Kläger hat beantragt, der Beklagten bei Vermeidung von Strafen zu untersagen, in Verkaufsgesprächen oder sonstigen Ankündigungen Slassteine als echte Steine oder Synthesen zu bezeichnen, insbesondere G-las-steine als synthetische Turmaline oder Türkise zu bezeichnenQ Sie bestreitet die von dem Kläger angeführten Vorfälle in verschiedenen Einzelheiten und meint, daß sie sich bei Zugrundelegung des wahren Sachverhalts nicht v/ettbewerbs-widrig verhalten habe» Sie hebt hervor, daß die Klage auf den Kaufmann K^pP zurückgehe, der ihr erbitterter Konkurrent sei und ihr Schaden zufüge, wo und wie er nur könne; er habe zahlreiche Verfahren gegen sie anhängig gemachto Io In dera dex' Verurteilung allein zugrunde zu legenden Falle 3) folgt das Oberlandesgericht der Beweiswür-digung des Landgerichts; es hat die Aussagen der Zeugen Soh^Pund (inzwischen verheiratete für glaubhaft gehalten, wonach ihnen beim ersten Besuch im Geschäft dex' Beklagten der Rliombusaniiänger vorgelegt worden sei, wobei die Steine als echt bezeichnet worden seien, während beim späteren Umtausch des Amethyst-Anhängers gegen den Rhombusanhängcr die in diesem verarbeiteten Steine als Synthesen bezeichnet worden seien0 Tatsächlich habe es sich dabei aber um G-lassteinc gehandelte 20 Im Sinne des Klageantrags kann mangels für das Revisionsgericht verwertbarer v/oiterer 'j?atsachenfeststol-langen nur der Fall 3) der rechtlichen Würdigung zugrunde gelegt werden«» Pas Berufungsgericht hat insoweit einen Verstoß gegen § 3 UWG verneint, weil die falschen Angaben über die Echtheit der Steine nur gegenüber den beiden Käufern im Verkaufsgespräch, nicht aber gegenüber einem individuell nicht begrenzten oder nicht begrenzbaren Per-sonenkrcio abgegeben worden seien„ Demgegenüber hat sich die Revision auf die im Schrifttum gebilligte Rechtsprechung des Reichsgerichts bezogen (RG GRUR 1939, 801, 805 - Kaffee Hag), nach der auch die stillschweigende Entgegennahme einer Bestellung - etwa in einer Gastwirtschaft - als eine für einen größeren Personenkreis bestimmte Mitteilung gewertet werden kann«. Da die zu dem Verkauf bei der Beklagten ausgestellten Schmuckstücke offenbar alle individuell verschieden sind, bestehen Zweifel, ob dieses für die Anwendung des § 3 UWG erforderliche Merkmal im Streitfall erfüllt ist, auch wenn in mehreren Einzelfällen über die Beschaffenheit von Steinen unrichtige Angaben in Verkaufsgesprächen gemacht worden sinch Biese Präge kann jedoch - ähnlich wie im Urteil des erkennenden Senats vom 180 Bezember 1964 (BGH GRUR 1965, 561 - Taxi-Bestellung) - dahingestellt bleiben, da die Klage jedenfalls aus § 1 UWG begründet ist© 2o Diese Beurteilung hält der rechtlichen Nachprüfung nicht stando Der Berufungsrichter hat es zu Unrecht als entschuldbaren Irrtum bezeichnet, daß die Verkäuferin der Beklagten den Unterschied zwischen synthetischen Steinen und Ulas-steinen nicht gekannt hat« Mit dieser Beurteilung ist der Sachverhalt rechtlich nicht erschöpfend gewürdigte Zwar kann der Verkäuferin nicht ohne v/eiteres der Vorwurf sittenwidrigen Handelns gemacht werden, wenn sie den Unterschied zwischen synthetischen Edelsteinen und (rlasstoincn nicht gekannt hat - wie das Berufungsgericht festotcllt - und daher die Steine richtig zu bezeichnen glaubteo Nur wenn sie wußte oder mit der Möglichkeit rechnete, daß sie die Steine falsch bezeichncte, handelte sie unlautero Gegen die guten Sitten im Wettbewerb .verstieß aber die Beklagte selbst dadurch, daß sie ihre Waren dem Publikum durch eine Verkäuferin anbieten ließ, der es an den grundlegenden Kenntnissen über echte, synthetische und G-lasstoine fehlte „ In einem Schmuckwarengeschäft erwartet der Kunde mit als wichtigste Auskunft eine zutreffende Unterrichtung darüber, ob die ihm vorgelegten Steine echt oder synthetisch sind oder ob es sich um bloße Nachahmungen (Cflasstcinc) handelt0 Babci ist der Unterschied zv/ischen synthetischen Steinen und G-lasstcinen für ihn wichtiger als der Unterschied zv/ischen echten und synthetischen Steinen; denn während synthetische Edelsteine sowohl in ihrer chemischen Zusammensetzung wie in ihren physikalischen und optischen Eigenschaften in der Natur vorkommenden Steinen vielfach so ähnlich sind, daß man die Echtheit nur noch mit speziellen Apparaturen, z0B0 schlossen worden«, Entscheidend ist deshalb, ob der Geschäftsinhaber alles Zumutbare getan hat, um Irrtümer aus-zuschließen, und gleichwohl ein Fehler der in Hede stehenden schwerwiegenden Art vorgekommen ist, oder ob der Geschäftsinhaber es an der notwendigen Sorgfalt ~ Schulung des Personals - hat fehlen lassem Im Streitfall rechtfertigt der feotgestellte Sachverhalt ohne weitere tatsächliche Aufklärung den Vorvmrf fehlerhafter Organisation Die falsche Bezeichnung der Steine in dem Rhombus-Anhänger beruht nach den Feststellungen des Berufungsgerichts darauf, daß die Verkäuferin allgemein den Unterschied zwischen synthetischen Steinen und Glassteinen nicht kannte0 Pie Kenntis dieses Unterschiedes ist aber für eine Schmuckwarenverkäuferin von so grundlegender Bedeutung, daß der ihr unterlaufene Irrtum zu lasten der Beklagten geht; denn wer als Schmuck-warenhändler so wenig vorgebildetes Verkaufspersonal beschäftigte kann unter keinem Gesichtspunkt seine Pflichten zu dem Schutze des Publikums und seiner Mitbewerber erfüllt haben« Die Möglichkeit, daß es sich um einen wettbewerbsrechtlich unerheblichen Irrtum im Einzelfalle gehandelt habe, scheidet unter solchen Umständen ausP IVo Nach allem hat das Landgericht im Ergebnis zu Recht, wenn auch mit anderer Begründung, dem Kläger wegen des Falles 3) einen Untcrlassungsanepruch gegen die Beklagte zugebilligt; in der gegenüber dem Klageantrag allgemeineren Fassung des Urteilsspruchs des Landgerichts ist eine Einschränkung des Klagebegehrens nicht zu erblicken«