BGH · I ZR 55/66
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
a) Bei der Frage, ob der Zeicheninhaber trotz langjähriger Nichtbenutzung eines Vorratszeichens im Inland ein schutzwürdiges Interesse an der Aufrechterhaltung des Zeichenschutzes hat, kann auch von Bedeutung sein, daß dasselbe Zeichen von ihn in angrenzenden ausländischen Staaten schon längere Zeit in größeren Umfang benutzt wird. b) Die Klage auf Entziehung des Schutzes einer IR-Marke kann nicht darauf gestützt werden, daß deren Inhaber im Inland keinen Geschäftsbetrieb unterhält. Der Io Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung von 26, Juni 1968 unter Mitwirkung der Bundesrichter Behle, Dr, Mösl, Alff, Dr0 Simon und Dr0 Merkel für Hecht erkannt: Frankreich und Italien im Handele Für den Markt der Bundesrepublik Deutschland war es bisher infolge mangelnder Lagerfähigkeit nicht geeignete Nunmehr glaubt die Beklagte das Mittel CALURIL als Stabilisator zur Beseitigung dieses Mangels gefunden zu haben, das sie seit Januar I960 in mehreren deutschen Krankenhäusern erproben ließe Ihre Forschungsabtoilung gab das Präparat ALCACYL am 30o Dezember 1963 auch für außereuropäische Länder frei« Auf Antrag der deutschen Tochtergesellschaft wurde es am 24o Juli 1964 in das Spezialitätenregister beim Bundesgesundheitsamt eingetragen In der Zeit von 1956 bis etwa Frühjahr 1965 lieferte die Beklagte insgesamt etwa 380 bis 400 Verkaufseinheiten im Werte von zusammen etwa 400 DM an inländische Abnehmer auso Die Klägerin, die ebenfalls pharmazeutische Erzeug- nisse herstellt, meldete am 20 Februar 1962 das Wort ARG AGIL zur Eintragung in die Warenzeichenrolle beim Deutschen Patentamt an0 Dagegen hat die Beklagte auf Grund ihrer IR-Marke Widerspruch erhoben, über den noch nicht entschieden isto Die Klägerin ist der Ansicht, die IR-Marke ALCACYL sei im Inland als schutzunwürdiges Vorratszeichen anzusehen0 Sie hat beantragt, die Beklagte zu verurteilen, einzuwilligen, daß der unter der Nr0 133 702 international registrier- Die Beklagte hat Abweisung der Klage beantragt und behauptet, schon in den Jahren 1934 bis 1936 sei ALCACYL durch ihre deutsche Tochtergesellschaft im Inland vertrieben v/ordeno Seit 1948 sei der Vertrieb wieder ernsthaft in Erwägung gezogen und ab 1956 aufgenommen worden» Ihre Marke sei wegen ihrer großen Bekanntheit besonders in der Schweiz von hohem wirtschaftlichem Werte Land- und Oberlandesgericht haben die Klage abgewiesen <, Ilit der Revision, um deren Zurückweisung die Beklagte bittet, verfolgt die Klägerin ihre Klageanträge weiter», I«, Als Grundlage für den Haupt antrag der Klage kommt nach Meinung der Revision § 11 Abs ^ 1 Jr» 2 WZ Gr. in Verbindung mit § 10 der Verordnung über die internationale Registrierung von Fabrik- und Handelsmarken vom 9o November 1922 (RGBl II 778) in der Fassung der Verordnung vom 17 o Juli 1953 (BGBl I 696) in Betracht0 .Danach ist die Schutzentziehung auf Klage eines Dritten auszusprechen, wenn der Ges c hä ft s bet r i e b , zu dem das Warenzeichen gehört, von dem Inhaber des Zeichens nicht mehr fortgesetzt vJird0 Die Revision ist der Ansicht, Voraussetzung des Schutzes der IR-Marke im Inland sei das Bestehen eines inländisch e n Geschäftsbetriebs der Beklagten, der hier - was der Niehtfortsotzung gleiehotehe (RGZ 67, 349) - schon von Anfang an nicht bestanden habe«. Diese Ansicht trifft nicht zu0 § 1 WZG fordert nichtP daß der Geschäftsbetrieb des Anmelders im Inland liege» Das ergibt sich aus § 35 WZG* der für den Pall des Pehlens einer inländischen Niederlassung besondere Anmeldungserfordernisse aufstellto Ausländische juristische Personen aber, die ihren Bitz - wie die Beklagte - in einem der Par.taer Verbandsüber-einkunft vom 20» März 1883 zu dem Schutz des gewerblichen Eigentums (Lissaboner Passung - BGBl 1961 II 274) angehörenden Staat haben? Nach der weiteren Bestimmung des Art* 2 Abs» 2 PVÜ darf der Genuß dieser Rechte nicht von der Bedingung abhängig gemacht werden, daß der Verbandsangehörige einen Wohnsitz oder eine Niederlassung in dem Lande hat, wo der Schutz begehrt wirdo Die Vorschrift des § 35 Abc0 1 WZG gilt daher im Verhältnis zu den Angehörigen der Verbands Staaten der PVÜ nichto Sic sind, wenn sie im Inland keine Niederlassung haben, lediglich gehalten, einen Patentanwalt oder einen Rechtsanwalt als Vertreter zu bestellen {§ 35 AbSo 2 WZG); das ist im Streitfall geschehene Soweit er- ^ sichtlich, ist diese Rechtslage auch nie in Zweifel gezogen worden (vgl» RGZ 100, 3, 5 - Antiformin; DPA GRÜR 1955, 104; auch die Anmeldebestimmungen für Warenzeichen vom 16o Oktober 1954 /Binz Nr0 2177? 133, 145 - Dreitannen)o Aber auch, wenn man § 11 WZG auf den Fall des langjährig unbenutzt gebliebenen und deshalb schutzunwürdigen Vorratszeichens entsprechend anwenden wollte (vglo BGH GRIJR 1966, 432, 434 - Epigran; GRITR 1966, 427 ff - Prince Albert), könnte dem Hauptantrag auf Schutzentziehung im Streitfall nicht stattgogeben werden, da die Voraussetzung der Schutzunwürdigkeit der IR-Marke nicht gegeben iot0 Damit erweist sich zugleich der auf dieselbe Voraussetzung abgestellte Hilfsantrag als unbegründet0 Io Die Revisionseiwiderung meint vorab, jode Erörterung der Frage, ob die IR-Marke der Beklagten als ein nach deutschem Recht noch schutzwürdiges Vorratszeichen anzusehen sei, erübrige sich schon im Hinblick auf Art» 5 Abse 1 des zwischen der Schweiz und Deutschland geschlossenen Übereinkommens vom 15o April 1892 (RGBl 1894? 511; 1903, 181), das mit ArtQ 15 PVÜ vereinbar ist und dessen Wcitergeltung anläßlich der Unterzeichnung des Abkommens vom 20 November 1950 (BGBl 1951 II 64) bestätigt worden ist (B1PMZ)1955, 292)o Danach sollen Rechtsnachteile, welche nach den Gesetzen der vertragschließenden feile eintreten, wenn eine Marke Da ein Benutzungszwaog mit "bestimmter Frist" nur in der Schweis vorgesehen war, hatte diese Vorschrift praktische Bedeutung nur zugunsten der Inhaber von Schweizer Marken und IR-Marken, die nach Art» 4 des Madrider Markenabkomnens Schutz in der Schweiz genießeno Bine nur in Deutschland erfolgte Benutzung der Marke sollte einer Benutzung in der Schweiz gleichstehen0 Dasselbe würde, wie der Revisionserwiderung zuzugeben ist, in dem Palle gelten, daß auch in Deutschland ein Benutzungszwang mit bestimmter Prist bestände» Das Abkommen betrifft aber nicht die davon verschiedene Präge, ob der nach dem deutschen Rocht bei einem längere Seit unbenutzt gebliebenen Vorratszeichen unter Umständen anzunehmendo Rechtsmißbrauch schon dann schlechthin zu verneinen ist, wenn der Inhaber eines deutschen Warenzeichens oder einer IR-Marke das Zeichen nur in der Schweiz benutzt0 Der Pall eines zulässigen Schlusses vom Stärkeren auf das Geringere liegt nicht vor» Das Abkommen kann insbesondere nicht dahin verstanden werden, die Benutzung eines Zeichens in dem einen Staate stehe einer Benutzung in dem anderen Staat in jeder rechtlichen Hinsicht, also auch über den Fall des Zwanges zur fristgebundenon In-benutzungnahmo hinaus, gleich; nach seinem Wortlaut bezieht das Abkommen sich nur auf den Pall des Rechtsnachteils wegen Nichtbenutzung innerhalb einer bestimmten Frist; nur diese rigorosere Regelung sollte entfallen und nur an diesen Pall war bei dem Abschluß des Abkommens auch gedacht worden<> Da dieser Wille in dem Abkommen genügenden Ausdruck gefunden hat, kann es nicht in der 2» Die IR-Harke der Beklagten genießt im Inland Schutz in dem gleichen Umfange wie wenn sie am Tage ihrer internationalen Registrierung als Warenzeichen beim Deutschen Patentamt zur Eintragung angemeldet und eingetragen worden wäre (Art» 4 J#IA? Auch die IR-Markc unterliegt, wenn sie im Inland noch nicht benutzt, aber für »spätere Benutzung vorgesehen ist, ebenso wie ein im Inland eingetragenes Warenzeichen grundsätzlich den Regeln, welche die Rechtsprechung für die Schutzwürdigkeit von Vorratszeichen entwickelt hat« Danach führt lang dauernde Hichtbenutzung eines eingetragenen Warenzeichens dazu, daß dessen Inhaber, wenn er auf Grund des Zeichens gegen Dritte Vorgehen will, beweisen muß, daß er noch ein schutswürdiges Interesse an dem Zeichen besitzt, das die von diesem ausgehende Beeinträchtigung des Verkehrs an einer freien Zeichenwahl als vertretbai' erscheinen läßt (BGH GRUR 1957, <-24, 225 - Odorex GRUR 1965, 533, 534 - Windboy; GRUR 1965, 665, 668 - LiquMerma) <> Das Berufungsgericht ist dex' Meinung, diese Rechtslage gelte nicht ohne weiteres auch für IR-Maidcen, die im Ausland benutzt werden« is schließt dies aus Sinn und Zweck der PVÜ und des MHA und beruft sich dafür auch auf die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs (GRUR 1961, 628, 630 - Umberto Rosso)« Entscheidend komme es auch in diesen Bällen darauf an, ob inländische Zeichenanmelder durch die Ausübung der Zoieherrechte des Inhabers der IR-Marke unzulässig behindert werden« Das sei im Streitfall zu verneinen« Die Beklagte habe ein schutzwürdiges Interesse an der Aufrechterhaltung des Schutzes aus ihrer Marke« Seit 1958 vertreibe sie im Inland unter demselben Zeichen dasselbe Präparat wie vorher schon seit langem in mehreren ausländischen Staaten« Eine im Ausland auf genommene Benutzung der Marke kann aber im Rahmen der nach dem inländischen Recht zu prüfenden Frage Bedeutung haben, ob der Inhaber der IR-Marke, die im Inland als Vorratszeichen anzusehen ist, noch das nach dom inländischen Recht erforderliche schutzwürdige^Interesse an der Aufrcchterhaltung des Schutzes zu beweisen vermag* Ist die IR-Harke, wie das Berufungsgericht hier feststellt, im angrenzenden Ausland für ein bestimmtes Erzeugnis in größerem Umfang seit längerer Zeit benutzt, so kann schon deshalb ein erhebliches Interesse des Inhabers daran bestehen, das Erzeugnis auch im Inland unter demselben Warenzeichen zu vertreiben* Dieses Interesse wird im Streitfall durch die zunehmenden Kontakte der medizinischen Wissenschaft, der Wirtschaft und der Bevölkerung in den fraglichen Staaten unterstrichen* Es wird ergänzt durch ein Interesse der Allgemeinheit daran, daß nicht unter verwechselbaren Bezeichnungen zwei verschiedene der Gesundheit dienende Mittel angeboten werden* Auch das über die Staatsgrenzen hinaus greifende Interesse der Fachkreise während es im Streitfall hinsichtlich des außerdem in Betracht kommenden Hilfsantrages auch um das Begehren einer Einschränkung des Zeichenschutzes der Beklagten im Verhältnis zur Kläger rin unter dem Gesichtspunkt der Schutzunwürdigkeit des Zeichens geht« Ein erheblicher sachlicher Unterschied zwischen dem für die Schutzentziehung geltenden verbandsrechtlichen Rechtszustand und den Rechtsgrundsätzen? ist nicht begründet« Haupt-und Hilfsantrag haben weitgehend dieselbe rechtliche Grundlage <> Das Berufungsgericht hat deshalb einleitend - übrigens mehrfach - beide Anträge genannt und sodann die für beide in Betracht kommenden Klagegrundlagen zusammongefaßt abgehandelt« Damit ist das Urteil auch in bezug auf den Hilfsantrag mit Gründen versehen«