BGH · I ZR 52/59
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Der Beklagten wird bei Meldung einer für jeden Fall der Zuwiderhandlung festzusetzenden Geldstrafe in unbeschränkter Höhe oder Haftstrafe bis zu 6 Monaten, letztere zu vollziehen an ihrem Inhaber, verboten, anderen gewerblichen Unternehmen unverlangte und unbestellte Waren zuzusenden, soweit es sich nicht um kostenlose Warenproben handelt« Diese Rechnung ist als Proformarechnung zu betrachten zu dem Zwecke der Preisübersicht und erhält nur Gültigkeit, wenn Sie die Ihnen zur Ansicht zugesandte Warenprobe käuflich erwerben wollen. am Ende der Fußnotec In einer späteren Ausführung sind größere Buchstaben als ursprünglich verwendet, der Satz "Die Ware bleibt mein Eigentum" und die Worte "mit dem Vermerk 7Annahme verweigert7" weggelassen lind den Zahlungsbedingungen die sieht in diesem geschäftlichen "Verhalten der Beklagten einen Verstoß gegen die guten Sitten, weil es die Empfänger der unbestellten Sendungen belästige und täusche» Nach erfolglosen Abmahnungen hat er Klage erhoben mit dem Antrag, der Beklagten bei Meidung von Strafe zu verbieten, anderen Firmen oder Privatpersonen unverlangte und unbestellte Waren zuzusenden, soweit es sich nicht' um kostenlose Warenproben handelt«, Die Beklagte hat um Abweisung der Klage gebeten und die Ansicht vertreten, es handele sich lediglich um eine zulässige unentgeltliche Abgabe von Y/arenproben» Der Aufdruck auf den Rechnungen schließe Belästigungen oder Täuschungen der Empfänger aus, zu demal die Sendungen nur an Firmen und nicht an Privatpersonen gerichtet würden» ln letzter Zeit beliefere sie, die Beklagte, nur noch solche Firmen, die schon Waren bei ihr bestellt hätten» Das Landgericht hat der Klage stattgegeben» Mit ihrer Berufung hat die Beklagte ergänzend vorgetragen, sie habe nur von wenigen Empfängern Beschwerden, von einer Reihe anderer Firmen dagegen Anerkennungen und Neubestellungen erhalten» Das Berufungsgericht geht in Übereinstimmung mit dem Landgericht davon aus, daß die unverlangte Zusendung nichtbestellter Y/aren mit dem Ziele des Verkaufs dieser Waren mit den guten Sitten im geschäftlichen Verkehr nicht vereinbar sei, außer wenn der Versender bei laufender Geschäftsverbindung mit dem Empfänger Anlaß zu der Annahme habe, daß den Kunden die Zusendung erwünscht sei» Es begründet diese Auffassung unter Berufung auf ein in der Juristischen Wochenschrift von 1935 So 3284 veröffentlichtes Gutachten des Sonderausschusses zur Regelung von Wettbewerbsfragen im Einzelhandel damit, daß der Versender sich einen ungerechtfertigten Vorsprung gegenüber seinen Mitbewerbern verschaffe, indem er durch die .unbestellte Sendung einen erheblichen Teil der Empfänger in der freien Entschließung beeinträchtige und belästige«, Es sei eine Erfahrungstatsache, daß solche Sendungen einer nicht unerheblichen Zahl von Empfängern nicht oder nicht in vollem Umfang willkommen seien; unter diesen Umständen sei es unerheblich, ob eine größere oder kleinere Zahl von Beschwerden und ob und in welchem Umfang Anerkennungsschreiben eingegangen seien» Es spiele auch keine Rolle, ob die Beklagte jetzt nur noch Firmen beliefere, die schon früher eine oder mehrere Lieferungen bezogen hätten, denn auch solche Empfänger dürften Das Vorgehen der Beklagten führe zu einer erheblichen Belästigung des Empfängers, denn er sei zur fürsorglichen Behandlung der sugesandten Ware rechtlich verpflichtet und auch bei ausdrücklicher Entbindung von dieser Verpflichtung doch vielfach aus geschäftlicher Rücksichtnahme veranlaßt. Eine Annahmeverweigerung sei nach Öffnung der Sendung nach den maßgebenden postalischen Bestimmungen nicht mehr zulässige Der Empfänger sei daher, wenn er die Ware nicht behalten wolle, genötigt, sie mit Rückporto und, auch wenn die Beklagte ihm das Porto übersende, jedenfalls mit Rückadresse zu versehen und wieder der Post zu übergeben, wobei er für ein Beweismittel sorgen müsse, um eine Haftung im Palle des Verlustes auszuschließeno Lasse er die Sendung unbeantwortet, so laufe er Gefahr, daß ihm die Beklagte mit Erhebung des Rechnungsbetrages durch Nachnahme drohe. Die Beklagte nutze die Erfahrungstatsache aus, daß die Empfänger unbestellter Waren vielfach geneigt seien, diese, obv/ohl unerwünscht , zu behalten, sei es aus Unsicherheit über die Rechtslage, die auch bei Firmen bestehen könne, sei es, um die sonst zu erwartenden Unannehmlichkeiten zu vermeiden und unter Umständen auch, um dem Versender die unwirtschaftlichen Kosten der Hin- und Rücksendung zu ersparen« Um eine bloße Übersendung von Warenproben handele es sich bei den Sendungen der Beklagten nicht, da dem Empfänger nach dem Inhalt des Aufdruckes auf der Rechnung nur die Entnahme einer kleinen Warenprobe gestattet sei» Der Ausnahmetatbestand, daß nach den Umständen angenommen werden könne, die unbestellte Sendung werde dem Empfänger erwünscht sein, liege nicht vor. Bei dem Absatz von Massenartikeln, wie Verbandstoffen, sei diese Annahme nur begründet, wenn der Kunde während einer erheblichen Zeitdauer ständig wiederkehrende Bestellungen gemacht * .< und so zu erkennen gegeben habe, daß er bei. die die Rechtsprechung zu den einschlägigen 'fragen entwickelt hat# Danach ist die unverlangte Zusendung unbestellter Waren mit dem Ziele des käuflichen Erwerbs durch den Empfänger im allgemeinen nicht statthaft? ob er die V/are behalten will oder nicht» Im letzteren Falle wird er sie entweder unter Aufwendung von Mühe und Kosten zurücksenden oder einstweilen bis zur Klärung in einem Briefwechsel mit dem Absender pfleglich behandeln müssen» Eine bloße Annahmeverweigerung wird in der Regel daran scheitern? Mit der ersten Änderung des Rechnungsvordruckes wurde lediglich der Charakter der Sendung als eines bloßen Kaufangebots dadurch stärker betont, daß der Hinweis auf die Zahlungsbedingungen an den Schluß der Fußnote gestellt wurde« Auch die zweite Änderung, wie sie der mit Schriftsatz vom 8« Januar 195° überreichte Vordruck erkennen läßt, ist rechtlich ohne entscheidende Bedeutung« Die Weglassung des Satzes "Die Ware bleibt mein Eigentum11 ändert nichts daran, daß der gewissenhafte Empfänger die Sendung als Kaufangebot und die übersandte Ware demnach, solange das Angebot nicht angenommen ist, als Eigentum des Absenders betrachten wird« Laß die Bitte um Rücksendung der Ware nicht mehr den Hinweis enthält, sie solle "mit dem Vermerk ?Annahme verweigert?" der Post übergeben werden, trägt lediglich der Tatsache Rechnung, daß eine Annahmeverweigerung nach Öffnung der Sendung postalisch unzulässig ist, und kann die anreißerische, die Wiliensentschließung beeinträchtigende Wirkung des Vorgehens der Beklagten nicht beseitigen« Das gleiche gilt von der Hinzufügung der Worte "Bei evtl« käuflicher Erwerbung” zu den Zahlungsbedingungen; sie bringt nur In welchem Maße sich das Vorgehen der Beklagten als Belästigung der Empfänger auswirkt, machen besonders die vorgedruckten Erinnerungsschreiben deutlich;, die die Beklagte gegenüber der Birma Mollenhauer noch im April und Mai 1953 benutzt hat« Sie lassen nicht mehr erkennen, daß dem Empfänger die Annahme oder Ablehnung der unverlangten Sendung freigestellt war, sondern behandeln die Angelegenheit nicht anders als einen regelrechten Kaufabschluß, an dessen Regulierung sie erinnern* Bie in dem zweiten Schreiben enthaltene Anfrage, ob eine Erhebung des Rechnungsbetrages per^Nachnahme genehm sei, und die Ankündigung, den Betrag nachzunehmen, falls nach Ablauf von 14 lagen eine Nachricht nicht vorliegen sollte, verstärkt den psychologischen Kaufzwang« Selbst wenn die Beklagte in der Folgezeit, was sie nicht einmal eindeutig vorgetragen hat, die Verwendung von Schreiben dieses Inhalts aufgegeben und nur noch den mit Schriftsatz vom 15» September 1958 und mit der Berufüngsbegründung vom 27- November 1558 überreichten Vordruck verwendet haben sol-lte, so könnte dies im Ergebnis nichts ändern« In diesem Vordruck wird zwar nicht mehr die “Regulierung*1 angemahnt, sondern für den Ball, daß der Empfänger am käuflichen Erwerb der Ware kein Interesse haben sollte, um Rücksendung unter Benutzung der beigefügten Freimarken gebeten; es bleibt jedoch die Tatsache bestehen, daß der Empfänger durch die unbestellte Warensendung selbst in seiner Entschließungsfreiheit beeinträchtigt worden ist und sich vor die Wahl gestellt sieht, die Ware, obwohl vielfach unerwünscht, käuflich zu erwerben oder sie trotz der damit verbundenen Mühewaltung an den Absender zurückzu3enden. Die Befreiung des Empfängers von der Aufbewahrungs- und Rück-sendungspflicht kann allerdings* wie der erkennende Senar in seiner Entscheidung vom 11» November 1953 ■(G-RüR 1959s 277, 275 “ Künstlerpostkarten -) ausgeführt hat, die unbestellte Warensendung unter Umständen ihres anstößigen Charakter entkleiden, nämlich dann, wenn durch die Freistellung für den Empfänger die wettbewerbsfremde Zwangslage entfällt, die im allgemeinen unbestellten, mit der Aufforderung zu dem Ankauf verbundenen Warensendungen anhaftet» Der Senat hat dies in der erwähnten Entscheidung für den Fall angenommen, daß die unbestellte, auf dem Postweg übermittelte Sendung eine Serie von neun Künstlerpostkarten enthält, also Verbrauchsgüter des täglichen Bedarfs, die vielfach über den Hausierhandel erworben werden, in der Regel auch keinen erheblichen wirtschaftlichen Wert besitzen und leicht vernichtet werden können» Der vorliegende Fall ist insofern wesentlich anders gelagert, als es sich hier um Sendungen von nicht unerheblichem Wert (10 DM bis 16 DM"> handelte Viele Empfänger werden, wie das Berufungsgericht ohne Rechtsirrtum annimmt, die Freistellung nicht ernst nehmen und sich scheuen, die Ware zu vernichten oder zu verbrauchen; ein solcher Empfänger befindet sich trotz der ausdrücklichen Freistellung von der Aufbewahrungs- und Rücksendungspflicht in der unzu demutbaren Zwangslage, die Ware entweder käuflich zu erwerben oder sich den Unannehmlichkeiten auszusetzen, die mit der pfleglichen Aufbewahrung, einer Korrespondenz mit dem Absender und der Rücksendung der Ware notwendig verbunden sind» 392, 396 - Anzeigenblatt , nicht nur auf die Interessen des von der Werbemaßnahme unmittelbar Betroffenen Rücksicht zu nehmen, sondern auch darauf«, daß die Allgemeinheit vor Wettbewerbsauswüchsen und vor untragbarer allgemeiner Beunruhigung des Wirtschaftslebens geschützt werden muß* die zu befürchten wäre, wenn solche Wettbewerbsmethoden Schule machten Biese Gefahr ist bei Weitbewerbsmaßnahmen der liier vorliegenden Art in hohem Maße gegebene Wollte man es zulassen, daß die Beklagte ihre Waren, wie es nach den Feststellungen des Berufungsgerichts geschehen ist, in größeren Teilen der Bundesrepublik ohne vorherige Bestellung an eine beträchtliche Zahl von Empfängern versendet und unter Ausnutzung eines psychologischen Zwanges auch absetzt, so kann es nicht' ausbleiben, daß dieses Beispiel Nachahmung findet und so noch eine wesentliche Ausbreitung und Verstärkung derartiger Belästigungen imu Gefolge hat» Bie Revision verkennt, daß es sich bei den Sendungen der Beklagten, auch wenn in den Rechnungsvordrucken die Worte "zur Ansicht" gebraucht werden, nicht um echte Ansichtsendungen handelt, nämlich um Sendungen, die den Empfänger ohne jede Verbindlichkeit in die Lage versetzen sollen,'*' die Qualität der Ware zu prüfen und die in der Regel nicht unverlangt, sondern - oft nach vorausgegenem Angebot des Versenders in Katalogen oder anderen Werbungsmitleln - auf Wunsch des Kunden vorgenommen werden* In Wirklichkeit verfolgt die Beklagte vielmehr nur den Zweck, die übersandte Ware abzusetzen. Ferner beanstandet die Revision zu Unrecht, daß das Berufungsgericht nur auf die objektive Unerwünschtheit der Sendungen eingegangen sei und nicht geprüft habe, ob die Beklagte nicht wenigstens subjektiv der Meinung sein konnte, daß die Sendungen den Empfängern erwünscht seien, denn für den mit der Klage allein erhobenen Unterlassungsanspruch genügt die Feststellung der Tatumstände, die das geschäftliche Vorgehen der Beklagten objektiv als sittenwidrig erscheinen lassen, also auch die Feststellung der objektiven Unerwünschtheit der Sendungen. Schließlich kann auch der Einwand nicht durchgreifen, daß die Verurteilung zu weit gehe, weil sie die anerkannte Ausnahme von dem grundsätzlichen Verbot unbestellter Sendungen nicht berücksichtige, nämlich den Fall der Versendung an solche Empfänger, die im Rahmen einer laufenden Geschäftsverbindung mit dem Absender eine Betreuung durch solche Warensendungen erwarteten und wünschten. dung von "unverlangten und unbestellten Waren11 beziehta Von diesem Verbot werden Sendungen an solche Empfänger: mit denen die Beklagte in laufender Geschäftsverbindung steht und die nach ihrem Vortrag solche Warensendungen im Rahmen des Kundendienstes erwarten und wünschen, nicht erfaßt»- denn in Fällen dieser Art kann von “unverlangten" Sendungen nicht gesprochen werden, Pie Prüfung der Frage, ob im Einselfall ein solcher Ausnahmetatbestand gegeben ist, muß daher der Vollstreckungs-instans überlassen werden.