BGH · I ZR 39/54
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Als Volksfeste im Sinne des § 27 LitUrhG sind nur Feste anzusehen, die von allen Bevölkerungsschichten ohne Ansehung der Person, des Standes oder Vermögens auf Grund einer längeren Tradition gefeiert werden» Die ira Rahmen solcher Feste stattfindenden öffentlichen Aufführungen geschützter Werke der Tonkunst bedürfen nur dann keiner Genehmigung der. L Die Entscheidung des Rechtsstreits.erfordert eine Auslegung des § 27 Abs 1 Satz 2 Ziff 1 des Gesetzes betreffend das Urheberrecht an Werken der Literatur und Tonkunst vom 19» Juni 19Ö1 (RGBl I, -227)« Hach dieser Bestimmung sind öffentliche Aufführungen geschützter Werke der Tonkunst ohne Einwilligung des Urheberberechtigten zulässig, wenn sie "bei 'Volksfesten”, mit Ausnahme von Musikfesten-, stattfinden und es sich nicht um eine bühnenmässige Aufführung von Tonwerken handelt (§ 27 Abs 2 LitUrhG). Das Gesetz enthält weder eine Begriffsbestimmung, was unter einem "Volksfest” zu verstehen ist, noch ist allein aus dem Gesetzeswortlaut zu entnehmen, weiche Musikdarbietungen, die im Zeitlichen und räumlichen Zusammenhang mit einem Volksfest stattfinden, als Aufführungen "bei” einem Volksfest'im Sinne dieser Vorschrift anzusehen sind«, für die hiernach gebotene: Gesetzesauslegung ist maßgebend, welchen Interessenkonflikt der Gesetzgeber aus-gleichen wollte, indem er Musikdarbietungen "bei. das literarische Urhebergesetz von 19Ol dem Urheber das ausschließliche Aufführungsrecht unabhängig von einem entsprechenden Vorbehalt auch nach Erscheinen des Werkes» Dieses Ausschließlichkeitsrecht des Urhebers ist jedoch durch § 27 LitUrhG - abgesehen von den bereits erwähnten Aufführungen bei Volksfesten - zugunsten unentgeltlicher, keinen gewerblichen Zwecken dienender Aufführungen sowie zugunsten von Aufführungen bei WohltätigkeitSt und Vereinsveranstaltungen, eingeschränkt» Das Gesetz von 1901 erweiterte hiernach einerseits das Aufführungsrecht der Urheber erschienener Werke der Tonkunst, indem es dieses Recht nicht mehr an einen Vorbehalt band, brachte aber andererseits eine Beschränkung dieses Aufführungsrechts, der die Urheberberechtigten, die sich das Aufführungsrecht Vorbehalten hatten, nach dem Gesetz von 1870 nicht unterlagen. Zunächst soll eine Aufführung, bei der die Hörer ohne Entgelt zugelassen werden, keiner Erlaubnis.bedürfen,wenn sie keinem gewerblichen Zwecke dient» Dahin gehören die üblichen Veranstaltungen im Bereiche der Kirche, der Schule, des Heeres und der Flotte, Im Gegensatz hierzu dienen die Konzerte in Gastwirtschaften einem gewerblichen Zwecke; sie können deshalb, auch wenn sie ohne Entgelt und unter freiem Himmel stattfinden, um so weniger freigegeben werden, als dadurch dem Berechtigten ein empfindlicher Ausfall an Einnahmen lediglich zugunsten der gewerblichen Unternehmer angesonnen würde-« Andererseits läßt sich für Volksfeste, mit Ausnahme'-' von Musikffestöi, das Aufführungsrecht nicht zur Geltung bringen, ! Dem Volksg'efühl würde es Widersprechen, wenn Aufführungen, deren Ertrag ausschließlich für Wohltätigkeits-zwecke bestimmt ist, fortan von der vorherigen Erlaubnis' einzelner Urheber abhängig gemacht werden sollten, während sie bisher im großen und ganzen keiner Beschränkung unterlagen» Nur muß zur' Verhütung von Umgehungen daran festgehalten werden, daß die Mitv/irken-den, zu denen auch der Veranstalter gehört, keine Vergütung erhalten (§ 27 Abs 1 Nr 2)» Dem Urheber eines Werkes kann man eine Vergütung nicht wohl versagen, wenn diejenigen eine Vergütung beanspruchen, welche bei der Aufführung des Werkes mitwirken» Endlich will der Entwurf die..private Musikpflege durch Vereine dem Einfluß des Aufführungsrechts selbst dann entziehen, wenn ausser -den Mitgliedern noch deren Hausgenossen Zutritt erhalten und-dadurch eine gewisse Öffentlichkeit hergestellt wird (§ 27 Abs 1 Nr 3)» Mit dem Gemütsleben des deutschen Volkes ist die Pflege der Musik in.solchen Vereinen so verwachsen, daß jede Erschwerung ihres Gedeihens bitter empfunden werden würde» Sollten, wie seitens der Komponisten besorgt wird, bei der einzelnen Aufführung fremde Personen gegen ein Eintrittsgeld zugelassen werden, das der Verein in der Form eines Mitgliedsbeitrags erhebt, so würde darin eine unstatthafte Umgehung des Gesetzes zu finden sein", (vgl Stenografische Berichte über die Verhandlungen des Reichstags, 10» 'Legislaturperiode,. Hiernach hat der Gesetzgeber Musikaufführungen bei, Volksfesten -von einem Genehmigungszwang aus der Erwägung heraus freigestellt, daß die Einholung der Erlaubnis, "mit erheblichen, zu dem voraussichtlichen Ertrag in keinem Verhält nis stehenden Belästigungen verbunden wäre"»Nachdem aber seit Schaffung der Klägerin von dieser Aufführungsrechte an nahezu allen .unter Urheberschutz stehenden musikalischen Werken der Welt erworben werden können, eine "Belästigung" durch Einholung der Genehmigung der Urheber der einzelnen Werke also nicht mehr in Frage steht und zudem die Volksfeste weitgehend zu einer recht einträglichen Erwerbsquelle geworden Sind, kann die Aufführungsf-reiheit bei Volksfesten Da andererseits auch schon zur Zeit der Entstehung des Gesetzes von 1901 Volksfeste größeren Umfanges veranstaltet wurden und die Vorstellung des Gesetzgebers, durch die Freistellung'' von Aufführungsgebühren werde dem Urheber nur ein geringfügiger - gegenüber den mit der Erlaubniseinholung verbundenen Belästigungen nicht ins Gewicht fallender - Einnahraeausfall zugemutet, im Gesetz nicht zu dem'Ausdruck gekommen ist, kann aus diesem Teil der Begründung zu § 27 LitUrbG für die Auflegung der fraglichen Befreiungsvorschrift nichts Entscheidendes entnommen werden (so auch OLG München JW 1932 , 890 /8917) •■ Bedeutsam ist dagegen für die Auslegung, daß der Gesetzgeber bei dieser Einschränkung des Aufführungsrechtes des Urhebers zugunsten bestimmter Musikdarbietungen allein einen Ausgleich der Interessen der Allgemeinheit mit den Belangen der Urheber im Auge hatte» Dies ergibt sich nicht nur eindeutig aus den Gesetzesmaterialien, sondern ist auch aus den Wertentscheidungen, die der Gesamtregelung des Urheberrechts zugrundeliegen, zu entnehmen0. Als Volksfeste im Sinne dieser' Bestimmung -sind nur solche Feste anzusehen, die von allen Bevölkerungsschichten ohne Ansehung der Person, des Standes oder Vermögens auf Grund einer-längeren Tradition gefeiert werden, und zwar so, daß dem Sinngehalt des Festes entsprechend das Volk als Träger der Veranstaltung erscheint». Aus dem dargelegten Gesetzeszweck, im Interesse der Allgemeinheit im Brauchtum: verwurzelte Feste des Volkes von Urhebergebühren freizustellen, folgt vielmehr,, daß unter Aufführungen, die bei Volksfesten stattfinden, nur solche Musikdarbietungen zu verstehen sind, die im Rahmen von Veranstaltungen stattfinden, die nach der Art ihrer Durchführung die oben dargelegten Merkmale eines Volksfestes aufweisen» Es dürfen also nicht bestimmte Bevölkerungskreise von der Teilnahme an der Veranstaltung ausgeschlossen sein.. nicht zu vereinbaren, wenn auch solche Von gewerblichen Unternehmern zur Erzielung eines wirtschaftlichen Nutzens veranstaltete Musikaufführungen in die Aufführungsfreiheit einbezpgen würden» Insoweit steht in Wahrheit kein Ausgleich zwischen den Belangen des Urhebers und denen der Allgemeinheit in. Dieser Abgrenzung des Begriffs der Aufführung bei einem Volksfest im Sinne des § 27 LitUrhG kann nicht entgegengehalten werden, daß die. keinen gewerblichen Zwecken dienende, unentgeltliche öffentliche Aufführung eines Werkes der Tonkunst bereits durch § 27 Abs 1 Satz_l LitUrhG von einem Genehmigungszwang, befreit sei, sich bei dieser Auslegung deshalb eine Sonderbestimmung für Volksfeste erübrigt hätte» Nach herrschender Auffassung,-der sich der erkennende Senat angeschlossen hat, reicht bereits'die mittelbare Förderung der gewerblichen Interessen eines Dritten aus, die.Anwendung des § 27 Abs 1 Satz 1 auszuschliessen (BGHZ 17, 376)° Bei der Entwicklung, die selbst echte Volksfeste, wie Karneval, Kirmes und Schützenfeste in der Gegenwart genommen haben, sind mit ihnen.in der Regel Erwerbsinteressen einzelner eng verknüpft» Dies steht aber auch hach der hier vertretenen Auslegung einer1Berufung auf die zugunsten von Volks- Dies wird für die Musikaufführungen bei den allgemein zugänglichen Umzügen in der Regel zutreffen, Aber auch'wenn die Musikdarbietungen in einer Gastwirtschaft stattfinden und damit mittelbar der Umsatzstei-gerung des Inhabers der Gastwirtschaft dienen, kann der Volksfesteinwand durchgreifen, wenn der Veranstalter dieser Aufführungen nicht der Gastwirt, sondern die die Gastwirtschaft besuchenden Volksfestteilnehmer sind oder die Musikdarbietungen von einem Verein, etwa einem Schützen- oder Karnevalverein, durehgeführt werden, der als traditionsgemäßer Träger des Volksfestbrauchtums anzusehen ist, und die weiteren Voraussetzungen für den Volksfestcharakter -nämlich Zugänglichkeit für alle Bevölkerungsschichten und das Pehlen eines eigennützigen Gewinnstrebens des Veranstalters - erfüllt sind, Abgesehen hiervon gewährt Satz 1 des ersten Absatzes des § 27 LitUrhG eine Aufführungsfreiheit nur, wenn überhaupt kein Entgelt, auch kein geringfügiger Beitrag zur Deckung der Unkosten der Veranstaltung gefordert wird. Erhebung eines Entgelts nur entgegen, wenn entweder der Veranstalter mit diesem Entgelt einen wirtschaftlichen Nutzen anstrebt, der nicht vorwiegend nur der Pflege der Volksfesttradition dienen soll, oder das Entgelt so hoch liegt, daß es die Teilnahme minderbemittelter Bevölkerungsschichten an den Musikdarbietungen praktisch ausschließt, so daß von einer allgemeinen Zugänglichkeit der Veranstaltung nicht mehr gesprochen werden kann. Wenn es in der Begründung heißt; "Im Gegensatz hierzu dienen die Konzerte in Gastwirtschaften einem gewerblichen Zwecke5 sie können deshalb, auch wenn sie ohne Entgelt und unter freiem Himmel stattfinden, um so weniger freigegeben werden, als dadurch dem Berechtigten ein empfindlicher Ausfall an Einnahmen lediglich zugunsten der gewerblichen Unternehmer angesonnen würde", so ist ein gleichgelagerter wirtschaftlicher Sachverhalt jedenfalls auch dann gegeben, wenn Anlaß zu von Gastwirten veranstalteten Musikdarbietungen ein Volksfest bildet o Ob 6s zutrifft, wie das Berufungsgericht annimmt daß Tanzveranstaltungen nicht typischer Ausdruck des Karnevals selbst, sondern nur Volksbelustigung anläßlich des Karnevals seien, kann hier dahinstehen,.Denn jedenfalls rechtfertigt die Feststellung des Berufungsgerichts, wonach die fraglichen Musikdarbietungen vornehmlich dem gewerblichen, auf Gewinn gerichteten Interesse des Beklagten gedient haben, der durch sie die Bevölkerung des Ortes in seine Gastwirtschaft gezogen und damit seinen Absatz an Speisen und Getränken gesteigert hat, sowohl die Verurteilung des Beklagten zur Zahlung der üblichen- Urhebergebühren wie auch das Unterlassungsgebot, Denn nach den vorstehenden Ausführungen sind die-Voraussetzungen für eine Aufführungsfreiheit aus § XJ Abs -d Satz 2 Ziff 1 lit UrhG nicht gegeben, weil bei den fraglichen Musikaufführungen die Erwerbsinteressen des beklagten Gastwirtes im Vordergrund standen. Durch die Mehrforderung der Klägerin in Höhe von 14,06 DM, die vom Berufungsgericht abgewiesen worden ist, ist eine neue Gebührenstufe nicht erreicht worden, so daß es auch keinen rechtlichen Bedenken unterliegt, wenn das Berufungsgericht trotz teilweiser Abweisung der Klage dem Beklagten gemäß § 92 Abs 2 ZPO die gesamten Kosten des Rechtsstreits auferlegt hat.