BGH · I ZR 31/66
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Gegen dieses Urteil hat die Beklagte Berufung eingelegt und unter Ergänzung ihres erstinstanzlichen Vorbringens folgendes geltend gemacht; Die Bambi-Figur, deren Kunstschutzwürdigkeit zu demindest zweifelhaft erscheine und die von ihr nicht als Vorbild für die angegriffene Rehdarstellung benutzt worden sei, vermittle den Eindruck eines kessen Teenagers in einer kokett-grazilen Haltung0 Demgegenüber zeige die angegriffene Darstellung ein in jugendlichem Übermut dahinspringendes Tier mit kürzeren wolligen laufen und einem natürlichen, nicht vermenschlichten Gesichtsausdruck, das mehr an ein unschuldigtapsiges Dämmchen erinnere° Im übrigen entsprächen Rehdarstellungen der beanstandeten Art dem Zeitgeschmack, wie sich beispielsweise aus zwei Kinderbüchern des die Qualität eines Kunstwerks erreichen Davon abgesehen weiche die Bambi-Darstellung in verschiedener Hinsicht deutlich von einem natürlichen Jungreh abQ Besonders der Kopf des Bilm-Bambis hebe sich mit der hohen gewölbten Stirn, der verkürzt dargestcllten Schnauze und den übergroßen, durch ellipsenförmige Umrandung noch verstärkten Augen bemerkenswert von dem Vorbild in der Natur ab, ferner durch die überlangen Vorderläufe und den beim natürlichen Rehkitz fehlenden Stummelschwanz„ Der für die Beurteilung der Kunstwerkqualität entscheidende Gesamteindruck werde durch den vermenschlichten, beseelten Gesicht sausdruck des Bilm-Bambis geprägt - möge man ihn als mehr kindlich-naiv oder als mehr teenagerhaft-keß bezeichnen - und darüber hinaus durch die Art, wie die ganze vermenschlichte, nkht tierische Haltung des Bilm-Bambis überhaupt dargestellt sei; die Bambi-Bilder vermittelten - nicht zuletzt wegen der Überbetonung der langen grazilen Gliedmaßen des Rehs - den lindruck eines insgesamt graziösen, geschmeidigen ®ewegungsablaufh0 Entgegen der Meinung der Beklagten habe Walt Disney nicht etwa allgemein übliche, frei benutzbare Gestaltungsformen verwendete Soweit die Beklagte auf andere Jungrehdarstellungen verweise, sei ihr Vorbringen von vorneherein deshalb unschlüssig, weil keine dieser Darstellungen älter als die Bambi-figur sei« IIo lo Während nach Auffassung des Landgerichts die angegriffene RehdarStellung mit den charakteristischen Zügen der Bambi-Eigur übereinstimmt, gelangt das Berufungsgericht zu einem gegenteiligen Ergebnis, wobei es dahinstehen läßt«, ob eine Rachbildung schlechthin zu verneinen sei oder ob zu demindest die Voraussetzungen einer zulässigen freien Benutzung (§§ 16 KUG, 24 UrhG) gegeben seien* Bei dieser Entscheidung geht das Berufungsgericht von den in der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes (BGHZ 5? 1961, 635, 658 - StahlrohrStuhl) anerkannten Grundsätzen aus, daß das der Bambi-Eigur zugrunde liegende Motiv, nämlich die Gestaltungsidee eines «Jungtieres mit vermenschlichten Zügen, grundsätzlich frei benutzbar und nicht zugunsten der Klägerin geschützt sei, daß vielmehr auf die Ausführung dieser Gestaltungsidee abgestellt werden müsse, daß insoweit allerdings nicht nur eine identische Kopie eines Kunstwerks verboten sei, sondern daß es darauf ankomme, ob die charakteristischen künstlerischen Merkmale des Vorbildes bei dem angegriffenen Werk wiederkehrten und Änderungen nicht lediglich zur Verschleierung einer Abhängigkeit vorgenommen worden seien* Anderen Unterschieden habe aber das Landgericht eine zu geringe Bedeutung beigemessen, insbesondere der unterschiedlichen Gestaltung des Kopfes - Stirnwölbung, Stupsnase mit Lippenpartie, Augenpartie - und gerade auch der Ausführung der Läufe » Bas Gesicht der angegriffenen Rehdarstellung ähnele eher dem Kopf eines kleinen Lämmchens als demjenigen eines Jungrehs o Ber in gewisser Weise vermenschlichte Gesichtsausdruck lasse sich eher als schelmisch bezeichnen Bie Läufe wirkten - nicht nur wegen der vergröbernden Bellzeichnung, sondern wegen ihrer allgemeinen Ausgestaltung - gröber und klobiger,.und zwar namentlich auch in der außerordentlich breiten Hufpartie, so daß das angegriffene Jungtier den für das "Wesen” des Bilm-Bambis charakteristischen Hauch des Graziösen, Geschmeidigen verliere und eher an ein tolpatschig springendes Lämmchen erinnere 0 Bie Beklagte habe nicht nur das äußere Erscheinungsbild ihres Jungtiers deutlich von dem schlank-grazilen Bild des Bilmbambis abgesetzt, sie habe auch die Eigenart des vermenschlichten, "beseelten” Ausdrucks in Blick und Bewegungshaltung erkennbar von dem Eindruck des Pilmbambis entfernt«, Auf das fier der Beklagten passe etwa die Kennzeichnung, kleiner, schelmisch dreinblickender folpatsch, eine Charakterisierung, die dem Wesen des Bilm-Bambis schwerlich gerecht zu werden vermöge 0 2« Auch diese Würdigung läßt keinen Rechtsfehler erkennen» Sie ist zwar entgegen der Ansicht der Revisionsbeklagten einer Nachprüfung in der Re vis Ions Instanz nicht schlechthin entzogen» Renn wenn auch die Beantwortung der Frage, ob das ausschließliche Verwertungsrecht eines Urhebers durch die Verbreitung einer Nachbildung verletzt wird oder ob in freier Benutzung des Werkes eines anderen ein selbständiges Werk geschaffen worden ist, im Einzelfall von den näheren, vom fatrieh-ter festzustellenden Umständen, insbesondere dem vorbekannten Formenschatz abhängt (vgl» BUH URUR 1961, 635, 638 - Stahlrohr Stuhl), so kann doch die rechtliche Würdigung der entscheidungserheblichen Catumstünde in der Revisionsinstanz anhand des unmittelbaren Eindrucks der verschiedenen Darstellungen auch darauf nachgeprüft werden, ob der Catrichter zutreffende Beurteilungsmaßstäbe angelegt hat (vgl» BUH URUR 1958, 500, 501 - Mecki I)c Das Berufungsgericht ist aber nicht nur - wie erwähnt - von anerkannten urheberrechtlichen Grundsätzen ausgegangen, sondern hat entgegen der Ansicht der Revision auch die nach läge des Falles gebotenen Maßstäbe zugrunde gelegt und in einer rechtlicht bedenkenfreien Weise auf den festgestellten Sachverhalt angewendet» Das Berufungsgericht betont ausdrücklich, daß in der Annahme einer zulässigen freien Nachbildung um so zurückhaltender zu verfahren ist, je auffallender die Eigenart des zu dem Vorbild genommenen Werkes ist, wobei im Interesse eines ausreichenden Urheberrechtsschutzes kein zu milder Maßstab angelegt werden darf (BUH URUR 1958, 500, 502 -Mecki X)o Es hält diesen Grundsatz im Streitfall für anwendbar, da es vor Erscheinen der Bambi-Figur - anders ala in dem Mecki-Fall- vergleichbare vermenschlichte Rehkitz-Darstellungen nicht gegeben hat0 Es hat - wie sich aus dem Gesamtzusammenhang der Entscheidungsgründe ersehen läßt - auch nicht verkannt, daß sich die angegriffene Darstellung von dem natürlichen Jungreh-Vorbild namentlich in der Gestaltung des Kopfes und der Anordnung eines Stummelschwanzes in einer ähnlichen Richtung v/ie die Bambi-Figur entfernt* Ob die insoweit vorhandene Übereinstimmung der beiderseitigen Darstellungen in einigen Einzelheiten noch etwas weiter geht, als das Berufungsgericht zu dem Ausdruck gebracht hat, und ob sich dieser Umstand nach Vorführung des Bambi-Filmes noch deutlicher ergeben hätte als aus den vorgelegten Standphotos, ist nicht ausschlaggebend 0 Selbst wenn nämlich aus diesem Grunde die vom Berufungsgericht nicht abschließend erörterte Möglichkeit einer Benutzung des Bambi-Rehs als Vorbild in Betracht kommt, so ist doch die Würdigung des Berufungsgerichts, es liege infolge der Unterschiede in der Einzelausführung und insbesondere im ästhetischen Gesamteindruck jedenfalls eine zulässige freie Benutzung vor, aus Rechtsgründen nicht zu beanstanden* Entgegen der Rüge der Revision war das Berufungsgericht nicht gehalten, zur Beurteilung dieser Fragen einen Kunstsachverständigen heranzuziehen0 Denn da die charakteristische Individualität des Bambi-Vorbildes gegenüber natürlichen Jungreh-Darstellungen vom Berufungsgericht zutreffend herausgearbeitet worden war und die Parteien vorbekannte Darstellungen nicht zur Erörterung gestellt haben, konnte sich der latrichter - v/ie die Klägerin in den Vorinstanzen selbst eingeräumt hatte - für sachkundig genug halten, kraft eigenen Augenscheins darüber zu ent- scheiden, ob die charakteristischen Züge des Bambi-Vorbildes ausreichend hinter der Eigenart der angegriffenen Darstellung verblassen» Das Berufungsgericht brauchte dabei entgegen der Ansicht der Revision nicht abschließend zu der von den Parteien aufgeworfenen Präge Stellung zu nehmen, ob der Gesichtsausdruck des Pilm-Bambis als mehr kindlich-naiv oder als mehr "teenagerhaft-keß" aufzufassen sei» Denn wie immer man diesen Gesichtsausdruck, der sich mit Worten ohnehin nur unzulänglich ausdrücken läßt, umschreibt, entscheidend bleibt die rechtsirrtums- "Bambi11 bezeichnet worden sind» Denn dieser Umstand muß nicht darauf beruhen, daß ein künstlerisch verständiger Betrachter in diesen Reh-Darstellungen die künstlerisch charakteristischen Züge der Bambi-Pigur wiedererkennt, sondern erklärt sich, wie das Berufungsgericht im Zusammenhang seiner wettbewerblichen Ausführungen andeutet, offenbar daraus, daß die Bezeichnung "Bambi11 wegen der großen Bekanntheit und Beliebtheit des Pilm-Bambis in manchen Kreisen als Gattungsbegriff für ein Rehkitz schlechthin verwendet wird» 381 -Gasparone; BGHZ 9, 262 - Schwanenbilder) <> Denn das Berufungsgericht ist schon im Hinblick auf die Kopfpartie rechtsirrtumsfrei zu dem Ergebnis gelangt, daß diese eher dem Kopf eines kleinen Lämmchens ähnele und durchaus nicht mit dem für das Bambi-Reh eigentümlichen Gesichtsausdruck übereinstimmeo Selbst wenn im übrigen bei der Kopfpartie noch am ehesten Anklänge an einzelne Gestaltungsmerkmale des Film-Bambis feststellbar sein sollten, so bev/irkt doch die Einfügung des Kopfes in die angegriffene Gesamtdarstellung, daß die ohnehin schon vorhandenen Unterschiede zwischen den beiderseitigen Kopfdarstellungen noch stärker betont und Gemeinsamkeiten so weit zurückgedrängt werden, daß auch im Hinblick auf den Kopf der Vorwurf einer unfreien Benutzung nicht mehr gerechtfertigt ist« III0 Rechtlich bedenkenfrei sind endlich auch die Ausführungen des Berufungsgerichts, mit denen es den Vorwurf wettbewerbswidrigen Verhaltens der Beklagten verneint» Es geht von dem anerkannten Grundsatz aus, daß eine Nachahmung fremder Leistung, die nach den einschlägigen Sondergesetzen zulässig ist, grundsätzlich nicht auf dem Umweg über wettbewerbsrechtliche Gesichtspunkte unterbunden werden kann, sofern nicht besondere, die Unlauterkeit begründende Umstände hinzutreten» Ausreichende Umstände hat das Berufungsgericht, wie es im Einklang mit den Grundsätzen der erwähnten Mecki-Entscheidung und der zweiten Hummelfiguren-Intscheidung (BGH GRUR 1961, 584) näher darlegt, nicht feststellen können» Darin tritt ein Rechtsirrtum nicht zutage» Dem Berufungsgericht ist entgegen der Ansicht der Revision insbesondere auch einen einjährigen Lizenzvertrag über die Verwertung der Bambi-Figur für Abzieh- und Schiebebilder geschlossen hatte o Denn dem Berufungsgericht ist darin beizupflichten, daß die vorübergehende Verwendung des Hamens und eine zehn Jahre zurückliegende Lizenzauswertung durch eine andere Rechtspersönlichkeit als die Beklagte es nicht rechtfertigen, der Beklagten nunmehr sogär Herstellung und Vertrieb einer urheberrechtlich zulässigen Hachbil—