BGH · I ZR 14/54
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Rechtssatz: Geht Handelsgut, das zwar eine# Marktpreis, aber keinen "Fakturenwert” im Sinne des § 35 Abs 1 und 2 KVO hat, bei der Beförderung mit Kraftfahrzeugen verloren, so ist für die Feststellung der Höhe d‘es vom Unternehmer zu vergütenden Ersatzwerts § 430 Abs 1 HGB anzuwenden<, Handelsgut, das innerhalb des Betriebes der Herstellerfirma zu einem Auslieferungslager befördert wird, hat keinen Fakturenwert im Sinne des § 35 Abs 1 oder 2 KVO* habe ihr den "Fabrikpreis” der Ware nicht genannt-; dieser habe nach Auskünften, die die Beklagte bei Margarinegroßhändlern» eingeholt habe, für Palmin 2,20 DM und für Margarine 1,60 DM je kg betragen* Da es sich um Ware ohne Fakturenwert gehandelt habe, sei § 35 Abs 2 KVO anzuwenden» Hach dieser Vorschrift solle der Rechtsweg ausgeschlossen werden; denn dem Gericht könne die Anhörung von Sachverständigen nicht vorgeschrieben werden»Mindestens müsse die vor Anrufung des Gerichts durch Sachverständige den Zeitwert der verloren gegangenen Ware ermitteln lassen* Genauso wie die Eisenbahnverkehrsordnung (EVO) regele die KVO die RechtsbeZiehungen der Vertragspartner erschöpfend; kein Schadensfall solle von der in § 35 KVO getroffenen Regelung ausgenommen bleiben«, Demgegenüber hat sich die Klägerin für die Schadensberechnung auf § 35 Ab3 1 KVO berufen und ausgeführt, nicht entscheidend sei, ob*tatsächlich eine Faktura schon ausgestellt gewesen sei* Es komme darauf an, ob die Ware einen Fakturenwert besitze oder nicht* Im vorliegenden Fall habe die Ware schon bei ihrer Versendung einen Fakturenwert gehabt ? d*h* einen Preis, der später hätte in Rechnung gestellt werden sollen* Da es sich bei der verloren gegangenen Ware um Handelsgut mit Fakturenwert gehandelt habe, könne § 35 Abs 2 KVO nicht zur Anwendung kommen* Im übrigen könne auch die Eisenbahnverkehrsordnung nicht zu dem Vergleich herangezogen werden* Sie sei Gesetz, während die KVO lediglich Frachtvertragsbestandteil und im Zweifel gegen den Reichskraftwagenbetriebsverband (RKB) auszulegen sei* dieser besonderen Bedeutung der KVO ergebe sich, daß die KVO das Frachtrecht im Güterverkehr mit Kraftfahrzeugsn abschließend und vollständig zu regeln bestimmt sei* Aus Mdem erschöpfenden Charakter der Regelung der KVO" will die Revision folgern, daß das Berufungsgericht, nachdem es die Anwendung des § 35 Abs 1 KVO mit Recht verneint habe, nach § 35 Abs 2 KVO hätte verfahren müssen* Unter Hinweis auf§ 22 Abs 2 GüKG führt die Revision in diesem Zusammenhang zur Begründung aus, daß die Regelung der KVO zufolge der Festsetzung durch den Minister unabdingbar sei* Abgesehen davon, daß es sich hier um einen Tatbestand aus der Zeit vor Inkrafttreten des Güterkraftverkehrsgesetzes handelt, kann dahingestellt bleiben, ob und unter welchen Voraussetzungen Bestimmungen der X70 unabdingbar sind (vgl hierzu BGHZ 8, 66 ff5 Urteile des Senats vom 19» April 1955 - I ZR 76/53 - und vom 23« September 1955 - I ZR 212/53 ~); denn unstreitig haoen sich die Parteien der in der KVO getroffenen Regelung unterworfen; sie haben auch nicht behauptet, daß diese Regelung teilweise, etwa hinsichtlich der Berechnung des Ersatzwerts, abbedungen worden sei* Beide Parteien stimmen vielmehr ausdrücklich darin überein, daß § 35 KVO Vertragsbestandteil geworden sei* RGZ 95, 150 /T517; 96, 124 /I257) ° Ein Unterschied besteht nur insoweit; als nach § 85 Abs 1 EVO für die Berechnung nicht auf Ort und Zeit der Ablieferung, sondern auf den Versandort und den Zeitpunkt der Annahme des Gutes zur Beförderung abgestellt wird* Dem entspricht die Rege-lung nach § 32 KVO der Reichsbahn«, Diese Regelung kann ohne weiteres auf alle Schadensfälle bezogen werden* Diese Art der Schadensberechnung soll die Umstände des Einzelfalles und die Sonderverhältnisse der Prachtbeteiligten in weitgehendem Maße ausschließen; es soll kein individueller, sondern ein objektiver Maßstab angelegt werden (RGZ 100, 105 /TO4J)o Es kommt deshalb auch grundsätzlich weder auf den konkreten Anschaffungspreis noch auf den konkreten Weiterveräußerungspreis an* Der - objektive - Ersatzwert kann höher oder niedriger als diese Preise sein* Der gemeine Handelswert (Marktpreis) kann den Anschaffungspreis wesentlich übersteigen, so daß der Ersatz insoweit auch einen «Gewinn" des Ersatsberechtigten einschließen kann* Andererseits kann der Ersatz nach dem Marktpreis auch geringer sein als der tatsächlich für die Anschaffung Von dieser Art der Berechnung weicht § 35 KVO im Interesse einer Vereinfachung und Beschleunigung der Feststellung des Ersatzwertes ab» § 35 Abs 1 KVO geht bei Handelsgütern vom "Fakturenwert” aus und berücksichtigt weiter den "entgangenen Gewinn"? im Normalfall des Kaufs und des Weiterverkaufs des beförderten Handelsgutes durch Vorlage der Fakturen oder auch der Kaufverträge erfolgen* Anders liegt es nur dann« wenn - wie im vorliegenden Fall - sich die Ware noch nicht auf dem Wege zu einem bestimmten Abnehmer befindet, sondern zunächst im Rahmen einer rein innerbetrieblichen Maßnahme von der Fabrik zu einem auswärtigen Verteilungslager be- die vom Verteilungslager aus auszuführen sind, wirtschaftlich ohne weiteres verfügt und die wirtschaftliche Bewertung des Gutes* auch schon vor der Aussonderung und Versendung der Ware an einen bestimmten Abnehmer nach dem Fakturenwert vorgenommen* Dieser Fakturenwert ergibt sich im vorliegenden Fall aus d.en Listenpreisen, die bei der Verteilung und Versendung der Ware an die Kunden und bei der Fakturierung durch den Leiter des Verteilungslagers zu beachten sind und die auch von den Abnehmern der Markenwaren der AG ohne weiteres anerkarmt werden* Im Betrieb der AQ als der Herstel- lerin der Ware konnte es für die wirtschaftliche Bewertung des Transportschadens keinen Unterschied machen, ob sieh die verkaufsfertige Ware noch auf dem Wege zu dem Verte Hungs lager oder bereits auf dem Wege vom Verteilungs-lager zu einem bestimmten Kunden befand« Die listenmäßigen Großhandelspreise, die auf Grund der Gestehungskosten, einer Durchschnittsfracht und einem Gewinnzuschlag kalkuliert und festgesetzt werden, stellen für Markenwaren, wie sie im vorliegenden Fall befördert worden sind, den mit dem gemeinen Handelswert identischen Marktpreis dar, der nach § 430 Abs 1 HGB, § 85 Abs 1 EVO und § 32 Abs 1 KVO der Reichsbahn für die Berechnung des Ersatzwertes maßgebend ist» Dieser Ersatz umschließt also auch den Gewinnzuschlag des Herstellers, und zwar ohne Rücksicht darauf, ob es sich wirklich um ”entgangenen” Gewinn handelte Der Markepreis ist auch dann in voller Hohe zu ersetzen, wenn der Umsatz des Herstellers durch den Verlust der Ware in keiner Weise verringert wird, sondern vielmehr durch eine Ersatzlieferung, die eine zusätzliche Verdienstmöglichkeit bietet, sogar erhöht werden kann® Ein Fall des § 35 Abs 1 KVO liegt nur deshalb nicht vor, weil der Hersteller als verfügungsberechtigter Absender überhaupt nicht durch ’’Rechnungen” (§37 Abs *2 KVO) einen Fakturenwert im Sinne eines - etwa dem Gestehungspreis entsprechenden - Anschaffungswertes und einen - gesondert davon nachzuweisenden ’’entgangenen Gewinn” belegen könnte„ Es ist aber nicht richtig, wenn die Revision meint, nach dem Sinn des § 35 Abs 1 KVO dürfe der dem Verfügungsbe-rechtigten zu ersetzende Wert keinen Gewinn enthalten» tent Handelsgutj sie betrifft also nur deft Zwischenhandelsgewinn , nicht aber den vom Hersteller durch Verkauf der Ware zu erzielenden Preis* Her Herstellerpreis liegt als Bestandteil des im Handelsverkehr zu erzielenden Preises regelmäßig unter dem nach § 35 Abs 1 KVO zu ersetzenden Wert* Wie das Berufungsgericht zutreffend ausgeführt hat, kann die für Fälle der vorliegenden Art nach § 35 Abs 1 KVO bestehende Lücke auch nicht durch § 35 Abs ?, KVO geschlossen werden* Ware die von der Revision vertretene Auffassung richtig, so würde der mit § 35 KVO verfolgte und auch von der Revision anerkannte Zweck einer Vereinfachung und Beschleunigung der Schadensregelung nicht erreicht, sondern geradezu in ihr Gegenteil verkehrt werden* Es wäre auch nicht einzusehen, weshalb ein Hersteller bei Verlust einer Ware, die einen, z„Bo durch Börsen-und Marktnotierungen ohne weiteres feststellbaren, gemeinen Handelswert hat, zwecks Feststellung des Zeitwerts oder gemeinen Werts noch ein "Sachverständigenverfahren" einleiten müßte* Handelsgüter, die einen solchen Marktpreis haben, also auch geeignet sind, mit diesem Marktpreis fakturiert zu werden, können nicht unter § 35 Abs 2 KVO fallen* Biese Vorschrift soll dem Schutz des Unternehmers in allen Fällen dienen, wenn kein Handelsgut befördert wird, und zwar auch dann, wenn das beförderte Gut bereits "fakturiert” ist* Eines solchen Schutzes der Unternehmer durch Einleitung von Sachverständigenverfahren bedarf es dann nicht, wenn Handelsgüter befördert werden, deren gemeiner Handelswert jederzeit durch Börsen-und Marktnotierungen, durch Preislisten für Markenartikel uswo feststellbar ist* Eines solchen Schutzes bedarf es umso weniger, als der für den Hersteller in Betracht kommende Großhandelspreis regelmäßig den niedrigsten "Marktpreis" darstellt* Her Marktpreis, der für eine vom Groß- handler an den Einzelhändler zu befördernde Ware in Betracht kommt, wird immer größer sein* Im übrigen kann die Anwendung des§ 35 Abs 2 KVO, wenn keine Rechnung ausgestellt worden ist, nur noch für solche Waren in Betracht kommen, für die im kaufmännischen Verkehr mangels eines regelmäßigen, bestimmten Absatzes kein Marktpreis feststellbar isto Wenn in § 35 Abs 2 KVO von "Gütern, die keinen Fakturenwert haben" gesprpchen wird, so kann hieraus nicht gefolgert werden, daß diese Vorschrift stets schon dann anwendbar ist, wenn für ein befördertes Handelsgut aus irgendwelchen Gründen keine Rechnung vorgelegt werden kann* Sofern für das* Handelsgut ein praktisch dem Fakturenwert gleichzusetzender gemeiner Han-deslwert (Börsen- oder Marktpreis) gegeben ist, bedarf es nicht der Einleitung eines Sachverständigenverfahrens* Dabei kann hier dahingestellt bleiben, welche rechtliche Bedeutung der "Soll-Vorschrift" des § 35 Abs 2 KVO im Streitfall beizu demessen ist; insbesondere kann dahinstehen, ob aas Gericht hinsichtlich der Höhe des Ersatzwertes in jedem Fall an das Schiedsgutachten eines Sachverständigen gebunden ist oder ob es hierüber selbst frei befinden kann; denn im vorliegenden Fall war die Anwendbarkeit des § 35 KVO schlechthin zu verneinen* Mit Recht hat das Berufungsgericht unter Anwendung des § 430 Abs 1 HGB für die Schadensberechnung die Großhandelspreise für Palmin und Margarine nach der im Dezember 1951 unstreitig gültigen Preisliste der AG zugrunde gelegt* Das Berufungsgericht hat dabei jedoch nicht berücksichtigt, daß nach § 430 Abs 1 aE HGB von* dem gemeinen Handelswert abzuziehen ist, was infolge des Verlustes an Fracht oder sonstigen Kosten erspart wurde (ebenso § 35 Abs 1 Satz 2 KVO)* Die Ersparnis besteht nicht etwa nur in der auf die verloren gegangene Ware rein kalkulationsmäßig entfallende "Durchschnittsfracht" wie sie zu- Der auf diese Weise ersparte Betrag ist von dem zu ersetzenden Marktpreis (Großhandelslistenpreis) abzuse'tzen«, Das Berufungsgericht wird aufzuklären haben, welche Fracht die AG bei ordnungsmäßiger Ausführung des Frachtvertrages für den Transport nach Wiesbaden, Mannheim und Karlsruhe hätte auf wenden müssen«, Es wird weiter zu prüfen sein, ob noch sonstige Kosten, etwa die Umsatzsteuer, infolge des Verlustes der Ware erspart worden sind*