BGH · I ZR 220/55
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Unter der Tube befindet sich die Bezeichnung "Kolestral-Frisiercreme"«, Die rechte Bildseite dieser Anzeige' weist einen wohlfrisierten Kopf auf, neben dem ein Kreis Zeichen mit dem Wort stehto Unten quer über sämtliche Anzeigen zieht sich, gegen den übrigen Text abge-setzt und.in etwas schwächerem Druck, die Zeile "Weil, für's Haar, nur beim Friseur zu haben!"o Der Kläger, ein Drogistenverband, ist der Auffassung, die Beklagte treibe durch die Benutzung des Werbespruches "Weil fur's Haar, nur beim Friseur zu haben” unlauteren Wettbewerb« In dieser Werbezeile liege für den unbefangenen Leser die Behauptung, daß Haarpflegemittel nur beim Friseur erhältlich seien, und daß der Friseur der alleinige Fachmann für den Verkauf von Haarpflegemitteln(xseio Außerdem stelle dieser .Werbesatz die Behauptung auf, daß die Verbraucher gewöhnt seien, Haarpflegemittel nur beim Friseur zu kaufen. Darüber hinaus lasse sich aus der Werbezeile lediglich noch entnehmen, daß die Beklagte den Alleinvertrieb ihres Frisierkrems deshalb dem Friseur überlasse, weil dieser nach ihrer Meinung für den Verkauf von Haarpflegemitteln besonders geeignet sei» Jede andere Ausdeutung des Werbespruches sei willkürlich» mittel ausschließlich durch' die Friseure vertrieben würden oder eine Käufergewohnheit bestehe, Haarpflegemittel nur oder doch nur überwiegend beim Friseur zu kaufen„ 2s sei auch zweifelhaft, ob der Durchschnittsleser aus der Anzeige die Behauptung herauslese, der Friseur sei der alleinige Fachmann für den Verkauf von Haarpflegemittelno Aber selbst wenn man dies unterstelle, so scheitert nach Ansicht des Landgerichts die Annahme eines nach § 1 UnlWG unzulässigen kritisierenden Vergleichs daran, daß die Behauptung, der Friseur sei der alleinige Fachmann für den Verkauf von Haarpflegemitteln, nicht hinreichend deutlich erkennen lasse, mit welchen Gruppen von Gewerbetreibenden die Friseure ver-’ glichen werden sollten«' Das Landgericht erblickt jedoch eine unzulässige vergleichende Reklame der Beklagten in ihren,an die Friseure gerichteten Rundschreiben, da darin die Drogisten in Gegensatz zu den Friseuren gestellt und als fachfremd bezeichnet würden« Der Inhalt dieser Rundschreiben erfüllt nach Ansicht des Landgerichts außerdem den T,at1äestand der §§ 3 UnlWG und 826 BGB« '■ o) Den Unterlassungsanspruch hat das Berufungsgericht zunächst im Rahmen des § 3 UnlWG geprüft« Dabei ist es zu dem Ergebnis gelangt, daß er aus diesem Gesichtspunkte nicht begründet sei« Nach Auffassung des Berufungsgericht enthält der beanstandete Werbesatz der Beklagten zwar eine unvollständige und deshalb unrichtige Angabe über Geschäfts-Verhältnisse« Die Unvollständigkeit und damit Unrichtigkeit der Werbeangabe der Beklagten erblickt das Berufungsgericht darin, daß sich die Beklagte nicht auf den zweiten Teil des * beanstandeten Werbesatzes ("nur beim Friseur zu haben") beschränke, womit unmißverständlich ausgedrückt werde, daß die Beklagte nach dem ihr frei stehenden Entschluß den Frisierkrem nur durch Friseure vertreiben wolle« Die von der Beklagten dafür hinzugefügte Begründung ("Weil für's Haar") gebe nur einen Grund für diese Beschränkung des ■Vertriebes, nämlich den angeblich objektiven Grund an» Dieser angegebene Grund sei aber für die Beklagte in Wirklichkeit nicht bestimmend und auch sonst nicht zutreffend und deshalb unwahr und eine unrichtige Angabe, weil Haarpflegemittel unbestritten nicht nur beim Friseur zu haben seien*, Nach Meinung des Berufungsgerichts ist diese unvollständige und damit unrichtige Werbung der Beklagten aber nicht geeignet, den Anschein eines besonders günstigen Angebots hervorzurufen« Bei Beurteilung der Wirkung der streitigen Zeitungsanzeigen auf den Verkehr ist das Berufungsgericht zutreffend davon ausgegangen, daß es insoweit auf den Gesamteindruck der betreffenden Werbeangaben beim Durchschnitts-zeitungsleser ankommt« Es führt im einzelnen aus; Die Abbildungen der Tube un<3 ^es frisierten Kopfes im oberen Teil der Anzeige seien im Verhältnis zu dem übrigen Inhalt sc- auffällig, daß sie zunächst den Blick des Betrachters auf sich lenkten« Erst nachdem dieser durch die Bilder und vielleicht auch noch durch die daneben befindlichen Werbeaussagen; "Gut frisiert - Glanz im Haar" Uoä* darauf aufmerksam gemacht worden sei, daß es sich um die Werbung für einen bestimmten Frisierkrem, nämlich für handle, werde er die weiteren im unteren Teil der Anzeige enthaltenen Angaben lesen» Erst dann werde er also auch den Werbesprueh ("Weil für's Haar, nur beim Friseur zu haben") und den Hinweis auf den Bezug einer Gratistube als ergänzenden Hinweis zu dem übrigen Inhalt der Anzeige zur Kenntnis nehmen» Aus diesen beiden Schlußsätzen werde der Leser entnehmen, daß der Frisierkrem nur beim Friseur erhältlich und eine Gratistube von W£J^AG zu haben sei» Parin werde er allenfalls eine gewisse Ungereimtheit sehen, da ja -Haarpflegemittel auch anderweitig als beim Friseur gekauft werden könnten, aber alle weiteren Schlüsse, von denen der Kläger zur KlagebegrUndung ausgehe, könne allenfalls ein Leser mit ungewöhnlich scharfem Verstände oder mit besonders gewecktem Interesse, etwa dem eines Mitbewerbers, ziehen» Solche Leser entsprächen aber nicht dem zugrunde zu legenden Mittelmaß» Per Leser entnehme also nicht dem beanstandeten Werbespruch die angeblich inneliegende Behauptung, daß dieser Krem nur beim Friseur zu haben sei, weil der Friseur der alleinige oder besondere Fachmann für den Verkauf von Haarpflegemitteln sei» Der Leser werde daher an den streitigen Werbesatz nicht die Überlegung knüpfen, daß der Frisierkrem nW^HAn deshalb besonders zu empfehlen sei, weil er nur beim Friseur zu haben sei» Der Anschein eines besonders günstigen Angebots werde also nicht hervorgerufen« Es kann in diesem Zusammenhänge auf sich beruhen, ob die Annahme des Berufungsgerichts, daß die beanstandete Werbeangabe der Beklagten an und für sich unvollständig und deshalb unrichtig sei, bedenkenfrei ist» Denn in jedem Palle muß § 3 UnlWU als Klagegrundlage für den Unterlassungs anspruch des Klägers ausscheiden, weil auch eine solche un-richtige Angabe, wie das Berufungsgericht rechtsirrtumsfrei ausgeführt hat, nicht geeignet wäre, den Anschein eines besonders günstigen Angebots beim Abnehmer hervorzurufen« 2.) Hingegen' erachtet das .Berufungsgericht den Unterlassungsanspruch des Klägers aus § 1 UnlWG- als begründet, weil die Beklagte eine Werbung mit Unwahrheit betreibe, was sittenwidrig im Sinne der genannten Vorschrift sei« In Wirklichkeit sei aber ’’Wellaform” nicht deshalb- ausschließlich in Friseurgeschäften zu haben, weil es ein Haarpflegemittel sei, sondern weil die Beklagte nur an ^r^seure liefern wolle« Diese subjektive Entschließung der Beklagten trete in dem Halbsatz ’’Weil für's Haar”, nicht hervor« Den Einwand der Beklagten, der beanstandete Werbesatz beziehe sich nur auf den von ihr hergestellten Wellaformkrem, hat das Berufungsgericht mit der Begründung zurückgewiesen, der streitige Werbesatz stehe als groß begonnener Satz selbständig in der Aussage, sei also nicht erkennbar nur auf ’’Wella-form”-Frisierkrem abgesteilt» Zudem sei aus den Rundschreiben der Beklagten zu entnehmen, daß sie durchdie ständige gleichförmige Wiederholung Ihres Werbespruches zu erreichen versuche, daß auch andere Haarpflegemittel verstärkt bei Friseuren gekauft würden» Da es allgemein bekanntsei, daß Haarpflegemittel auch in anderen Geschäften, wie Drogerien usw«, verkauft würden, entspreche die in der beanstandeten Werbeankündigung liegende Behauptung, Haarpflegemittel gebe es nur beim Friseur, gegenwärtig nicht den wahren Verhältnissen beim Absatz von Haarpflegemitteln und sei unrichtige Der seit längerer Zeit ständig wiederkehrende Werbesatz der Beklagten aber habe eine suggestive Wirkung und sei durch seine Einwirkung auf das Unterbewußtsein der angesprochenen Verkehrskreise geeignet, beim Publikum die von der Beklagten beabsichtigte Gedankenverbindung "Haarpflegemittel-Friseur” zu erreichen«: Den Mitbewerbern könne nicht zugemutet werden, solange abzuwarten, bis die von der Beklagten ausgehende Werbung mit ihrer unrichtigen Behauptung zu einer Irreführung des Publikums geführt habe«: Nach Auffassung defe Berufungsgerichts hätte der beanstandete Werbesatz zutreffend lauten müssen : "Weil für's Haar, und weil ich, die Beklagte?e.s so will, nur beim Friseur zu haben”» behauptungen kommen auch irreführende Angaben über die Vertriebsstätten einer Ware in Betrachte Für die Frage, ob die Voraussetzungen des § 1 UnlWG vorliegend gegeben sind, kommt es zunächst darauf an, wie die angesprochenen Verkehrskreise die beanstandeten Werbeangaben der Beklagten auffassen« Maßgebend ist insoweit der Gesamt-eindruck, den die beanstandeten Zeitungsanzeigen bei dem flüchtigen Burchschnittsbetrachter erweckeiio Sine Würdigung des Sachverhalts unter diesem Gesichtspunkt hat das Berufungsgericht bereits im Bahmen der Prüfung, ob die Voraussetzungen des § 3 TJnlWG gegeben sind, vergenommen und ist dabei zu dem Ergebnis gelangt, daß der Leser den beiden Schlußsätzen entnehmen werde, daß der Krem nur beim Friseur und eine Gratistube bei der Wella AoG« zu haben seio Mit diesen Feststellungen setzt sich das Berufungsgericht in Widerspruch, wenn es bei Prüfung des Vor-liegens der Voraussetzungen des § 1 TJnlWG ausführt, daß nicht nur dem von der Klägerin angegriffenen Werbespruch, sondern sogar dem Halbsatz ’’Weil fttr's Haar eine selbständige Bedeutung zukommec Biese Bedeutung soll nach Auffassung des Berufungsgerichts darin liegen, daß das Publikum durch ständige Wiederwerbung der sehr einprägsamen Werbezeile allmählich zu dem Fehlschluß veranlaßt werden könnte, Haarpflegemittel seien in erster Linie beim Friseur als dem Fachmann für Haarpflegemittel erhältlich« Dieser Meinung des Berufungsgerichts steht indessen entgegen, daß die Werbung der Beklagten in den beanstandeten Zeitungsanzeigen eindeutig auf abgestellt ist, was auch einem flüchtigen Burchschnitts-betrachter nicht entgehen kann% denn jede dieser Anzeigen Ist dies aber der Fall, so kann der streitige Werbesatz nicht als selbständige, vom übrigen Inhalt der Anzeige losgelöste Werbebehauptung angesehen werden Daran kann sich auch dadurch nichts ändern, daß die fragliche Werbung dem ' Publikum nicht nur einmal, sondern in ständiger Wiederholung entgegentritt« Unter diesen Umständen verstößt die Annahme des Berufungsgerichts, es werde der Beklagten durch die 'ständige Wiederholung ihrer einprägsamen Werbezeile gelingen, bei den Terbrauchern oder doch einem nicht unbeträchtlichen Teile von.ihnen die von ihr beabsichtigte Gedankenverbindung "Haarpflegemittel - Friseur” zu erreichen und damit die Torstellung hervorzurufen, daß Haarpflegemittel schlechthin in erster Linie beim Friseur als dem Fachmann für Haarpflegemittel erhältlich seien, gegen die Lebenserfahrung« Die unter diesem Gesichtspunkt gemäß § 286 ZPO erhobene Terfahrensruge der Revision ist daher begründet« richtig sei., unterliegt rechtlichen Bedenken* Kin Gebot der Vollständigkeit von Werbeangaben, wie es das Berufungsgericht annimmt, besteht nach geltendem Recht nicht« Rin solches Erfordernis würde auch mit den praktischen Bedürfnissen der Wirtschaftswerbung in Widerstreit stehen§ Werbeanzeigen würde dadurch weitgehend die Schlagkraft genommene Nicht in jedem Pall ist Unvollständigkeit gleichbedeutend mit Unrichtigkeit« Im vorliegenden Pall kann dem Berüfungsgericht nicht darin beigetreten werden, daß der Werbesatz, um wahr zu erscheinen, lauten müßte "Weil fürrs Haar, und weil ich, die Beklagte, es so will, nur beim Priseur zu haben"„ Denn aus dem beanstandeten Werbesatz ist auch ohne einen solchen Hinweis auf den Willen der Beklagten für einen Durchschnittsbetrachter ohne weiteres zu entnehmen, daß der ausschließlich vom Priseur vorzunehmende Verkauf von auf den Willen des Herstellers dieser ’Ware zurückgehen muß, weil dieser eben nur Priseure belieferte Nach alledem entfällt auch § 1 UnlWG als Klage-grund läge für den vom Kläger aus dem Gesichtspunkte unwahrer Werbeangaben über die Vertriebsstätten von.