BGH · I ZR 171/54
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Das Berufungsgericht ist in flbereinstimmung mit dem Landgericht der Auffassung, daß eine Verletzung des Zeichens "Venostasin" nicht vorliege, weil es an einer Verwechslungsgefahr zwischen den sich gegenüberstehenden Warenzeichen im engeren wie auch im weiteren Sinne fehleo Dieser Entscheidung ist im Ergebnis beizutreten, wenngleich die Begründung nicht in allen Teilen rechtlich unbedenklich isto ohne Befragung eines Arztes erwerben wird® Im übrigen hat der Senat aber schon in seinem Urteil vom 18® Januar 1955 (GRUR 1955, 4-15 /?16/ - Arctuvan) ausgesprochen, daß es selbst für die Beurteilung der Verwechslungsgefahr von Warenzeichen für rezeptpflichtige Arzneimittel nicht nur auf die Auffassung der Ärzte und Apotheker, sondern auch auf die Auffassung des kaufenden Publikums ankomme® Aus dem Gesagten folgt, daß es für die Entscheidung auch nicht maßgeblich darauf ankommen kann, ob die Indikationsgebiete der streitigen Mittel verschiedene sind® Zwar ist der Ansicht des Berufungsgerichts zuzustimmen, daß ein Arzt oder ein Apotheker besondere Aufmerksamkeit darauf verwenden wird, die beiden Mittel nicht miteinander zu verwechseln, weil es ihm bekannt ist, daß "Venostasin” den Blutkreislauf fördern, also die Blutgerinnung hemmen, "Topostasin" dagegen die Blutgerinnung fördern soll® Diese Überlegungen kann das kaufende Publikum,•das keine medizinischen Kenntnisse besitzt, indessen nicht anstellen® Würde also eine Ähnlichkeit der beiden Zeichen tatsächlich bestehen, so könnte bereits diese Ähnlichkeit den Kunden zu der Annahme veranlassen, das ihm entgegentretende Mittel sei das ihm bekannte, es müsse sich also bei seinem Leiden bewährt haben (RGZ 156, 555 /5667)® 2o Kann dem Berufungsgericht den zufolge nicht darin zugestimmt werden, daß es wesentlich auf den Eindruck ankomme, den die sich gegenüberstehenden Zeichen auf Ärzte und Apotheker machen, so ist doch auch dann, wenn man bei der Prüfung von der flüchtigen und gedankenlosen Betrachtung der Zeichen durch den unaufmerksamen Verbraucher, der kein Fachmann ist, ausgeht, eine Verwechslungsgefahr dieser Zeichen zu verneinen* Die Auffassung des Berufungsgerichts, die beiden Zeichen seien weder in Klang- und Bildwirkung noch nach ihrem Sinngehalt vexwvechslungsfähig, trifft auch für den Ge-samteindruck zu, den die Zeichen auf das Publikum machen Baß das Berufungsgericht im übrigen bei der Prüfung dieser Verwechslungsgefahr im Gegensatz zu seinen erwähnten Ausführungen auch den Nichtfachmann offenbar hat mitberücksichtigen wollen, läßt sich aus änderen Teilen der Entscheidungsgründe ersehen* Es würde andernfalls insbesondere nicht recht verständlich sein, warum es in den sehr eingehenden, die Entscheidung einleitenden Ausführungen auseinandergesetzt hat, daß sich das Publikum auf Grund der großen Anzahl verhältnismäßig ähnlich klingender und verhältnismäßig wenig einprägsamer Bezeichnungen für pharmazeutische Artikel daran gewöhnt habe, diese Bezeichnungen mit einer besonderen Aufmerksamkeit zu lesen* Es mag indessen dahinstehen, ob diese Vermutung zutrifft* Ba die Verwechslungsfähigkeit im Warenzeichenrecht nach ständiger Rechtsprechung des Senats (GRUR 1952, 35 /567| 1954, 192 /?9j57) eine Rechtsfrage ist, i steht dem Revisionsgericht bei hinreichend geklärter Sachlage die selbständige Nachprüfung zu, ob eine Verwechslungsgefahr der beiden Zeichen gegeben ist, selbst wenn das Berufungsgericht irrtümlicherweise als maßgebliche Abnehmerkreise nur Ärzte und Apotheker, nicht aber das durchschnittliche Publikum angesehen hat* Biese Nachprüfung ergibt, daß dem Berufungsgericht jedenfalls im Ergebnis beizutreten ist* Unter diesen Umständen ist aber für den Gesamteindruck, den ein flüchtiger Beschauer des Publikums von den Worten ge»^ winnt, die Annahme des Berufungsgerichts nicht rechtsirrtümlich, daß sich die Endung "stasin" als geschlossener Bestandteil darstellt, dem die Anfangswörter "Veno" und "Topo1* gegenüberstehen® Es ist auch nicht zu beanstanden, wenn das Berufungsgericht den Vorsilben der beid.en Bezeichnungen für die Bildwirkung die maßgebliche Bedeutung beimißt® Denn der Verkehr hat sich, wie das Berufungsgericht zu Hecht hervorhebt, bei pharmazeutischen Erzeugnissen an die vielfach übereinstimmenden und gewöhnlich nicht sehr einprägsamen Endungen der Bezeichnungen gewöhnt® Es wird daher schon aus diesem Grunde in der Regel dem Anfang eines Wortes eine stärkere . bei Namen pharmazeutischer Artikel* die gewöhnlich t* ten Sprachen entnommen sind, in der Regel hinter den 'ptische* > Eindruck zurücktreten, den die Vorsilben dem Beschauer vermitteln«» Hiernach bestehen jedenfalls keine rechtlichen Bedenken gegen die Annahme des Berufungsgerichts* daß dem Gesamtbild der sich gegenüber stehenden Zeichen durch die beiden Worte "VenoM und "Stopo« seine Eigenart gegeben wird® Es ist dann aber auch nicht rechtsfehlerhaft, wenn das Berufungsgericht das Schriftbild der beiden Vorsilben trotz des übereinstimmenden Schlußvokals Ä# *o" als so stark voneinander abweichend angesehen hat, daß es auf Grund der unterschiedlichen optischen Wirkung der vollen Zeichen zu einer Verneinung der Verwechslungs-möglichkeit gelangt ist« iüer Endung MstasinM würde allerdings dann eine andere Bedeutung beizu demessen sein, wenn sie sich dem Verkehr in so starker Weise eingeprägt hätte, daß sie aus diesem Grunde bereits für sich allein in ihrer Bildwirkung dem Leser einen Hinweis auf die Herkunftsstätte des Mittels geben würde® Die Klägerin hat indessen nicht unter Beweis gestellt, daß sich schon der Wortbestand-teil MstasinM als solcher im Verkehr als Hinweis auf ihre Firma durchgesetzt hätte® Für einen solchen Beweisantritt wäre auch die Behauptung erforderlich gewesen, daß dieser Besitzstand bereits in einem Zeitpunkt bestanden hat, als die internationale Registrierung des Zeichens der Beklagten oder jedenfalls seine Ingebrauch nähme durch die Beklagten erfolgt ist® Ware es der Klägerin etwa erst zu einem späteren Zeitpunkt gelungen, die Endung "stasin" zur Herkunftsangabe zu entwickeln, so würde ihr auch kein Anspruch mehr gegen die Beklagten darauf zustehen, daß diese den ihnen einmal eingeräumten Zeichenschutz wieder aufgäben (RG GRUR 1936, 613 /5l8/$ BGH Urteil vom 13o März 1956 - I ZR 49/54 - Getränke-industrie$ vgl auch BGHZ 21, 85 /54 ff/ - Spiegel -und BGHZ 19, 23 /58,2g/ ~ Magirus)» Tie Revision rügt nur, das Berufungsgericht habe die angetretenen Beweise für die Yerkehrsgeltung der vollen Bezeichnung »'Venosta-sin” nicht erhoben (§ 286 ZPO)o Sieht man davon ab, daß insoweit eine Behauptung über den Zeitpunkt des Eintritts dieser Verkehrsgeltung fehlt, so kann es auf diese Rüge schon deswegen nicht ankomme'n, weil selbst bei einer Verkehrsgeltung des vollen Zeichens nichts dafür dargetan wäre, daß die Endung "stasin" bereits in ihrer Alleinstellung im Rahmen des Gesamtzeichens den bildlichen Gesamteindruck maßgeblich beeinflussen würde«. Die Silbe Mstasinw komme nach den angestellten Ermittlungen lediglich in dem für eine Süßwarengroßhandlung für Hustenbonbons eingetragenen-Zeichen «Hustasin" vor, das aber gleichfalls nicht benutzt werde«, Ist für die Revisionsinstanz auch die Richtigkeit dieses Vortrages zu unterstellen, so könnte die Klägerin doch auch mit diesem Vortrag nicht den Nachweis erbringen, daß das kaufende Publikum seine besondere Aufmerksamkeit gerade auf die Endsilbe "stasin" richten wird«, Unstreitig ist nach den Feststellungen des Berufungsgerichts die Endung rtasinM für pharmazeutische Artikel vielfach gebräuchlich«, Der Verkehr wird aber, wie das Berufungsgericht zu Recht hervorhebt, der Endung "stasin" kaum mehr Beachtung als der Endung MasinM schenken, zu demal da das breite Publikum keine Kenntnis der griechischen Sprache besitzt und daher mit der Silbe "stasin" keinen bestimmten Begriff verbindet® Es mag der Revision zugegeben werden, daß die vom Berufungsgericht vorgenommene Streichung der Konsonanten "st" für den objektiven Sinngehalt der Endung "stsain” willkürlich ist® Pur die an dieser Stelle allein zu beurteilende Bildwirkung gilt indessen nicht das gleiche, soweit das durchschnittliche Publikum in Betracht kommt® Schenkt dieses den Endsilben pharmazeutischer Namen, wie oben ausgeführt, schon grundsätzlich keine besondere Aufmerksamkeit, so wird es nach der rechtsfehlerfreien Annahme des Berufungsgerichts dann umso weniger einen wesentlichen Unterschied bemerken* wenn es auch andere Endungen im Verkehr antrifft, die sich jedenfalls im äußeren Schriftbild stark einander annahern® Selbst wenn die Bezeichnung "Venostasin" daher Verkehrsgeltung genießt, wird es den hier in Betracht kommenden Abnehmerkreisen nicht ohne weiteres bewußt werden, daß dieses Wort gegenüber der Endsilbe "asin" noch ein zusätzliches "st" auf weist® Darauf, wann die behauptete Verkehrsgeltung der vollen Bezeichnung "Venostasin" eingetreten ist, kommt es mithin schon aus diesen Gründen nicht an® Für Ärzte und Apotheker ist die Sachlage zwar anders zu beurteilen® Sie kennen die Herkunft der Silbe "stasin" aus dem griechischen Wort stasis® Tritt ihnen diese Silbe entsprechend dem Vortrag der Klägerin nur in dem Zeichen "Venostasin" entgegen, so werden sie auch auf Grund der Bildwirkung eher eine Verbindung mit der gleichen Endsilbe in anderen Bezeichnungen herstellen® Eine Verwechslung ist deswegen aber noch nicht zu befürchten® Denn „die Anfangssilben "Veno" und "Topo" heben sich für sie bildlich dem geschlossenen e und zwei anderen Konsonanten stark abhebt« Bern Gleichklang der beiden Silben "stasin" kommt demgegenüber aus den schon erörterten Gründen als reinen Rndungssilben nicht die gleiche Bedeutung zu« Per Revision kann aber auch nicht zugegeben werden, daß sie die wesentlichen Träger des Tones seien«, Ist dies bei einer sprachlich korrekten Aussprache, die bei Fachleuten vorausgesetzt werden kann, schon sicherlich nicht der Fall, so wird auch das Publikum, soweit es sich überhaupt über die Betonung der Worte Rechenschaft ablegt, keineswegs gerade den Endbestandteil der Bezeichnungen so stark unterstreichen, daß hierdurch die Schließlich ist nach der zutreffenden Annahme des Berufungsgerichts auch der Sinngehalt der sich ge-genüberstehenden Bezeichnungen nicht verwechslungsfähig» Mag auch der laie bei dem Wort "Veno” noch eine Gedankenverbindung zwischen dem Wort Vene und dem Präparat der Klägerin hersteilen, so wird er sich unter dem Wort ”Topo” überhaupt nichts vorstellen können* Jedenfalls £ wird er» nicht auf den Gedanken kommen, durch dieses Wort sei die Örtliche Anwendung des Mittels angedeutet, was im übrigen einer Verwechslungsgefahr gerade entgegenstehen würde* Auch würde es jeder Lebenserfahrung widersprechen anzunehmen, daß die durchschnittlichen Verbraucherkreise die Endung "stasin” aus dem griechischen Wort stasis ableiten und etwa durch dieses Wort veranlaßt würden, auf eine Blutbeeinflussung zu schließen* Selbst einen humanistisch gebildeten Laien wird die Endung nstasin”, wie das Berufungsgericht zu Recht hervorhebt, nicht ohne weiteres über den mit ihr verbundenen Sinn aufklären, weil auch er im allgemeinen die Silbe "sta-sin” nur als Endung empfinden und dabei in der Regel 9 ’ gar nicht an das Wort "stasis” denken wird* Bei Ärzten und Apothekern liegt es zwar anders $ denn dem Fachmann wird aus seiner Kenntnis der medizinischen Terminologie heraus in der Regel die Herkunft der Silbe ”sta-sin” aus dem griechischen Wort stasis bekannt sein* gefühls werden sie sich nicht damit begnügen, auf die gemeinsamen Endungen der Zeichen zu achten, die im übrigen als Bestimmungsangaben auch für sie in ihrer Bedeutung für den einzelnen Anwendungsfall nicht ohne weiteres verständlich sind, sondern sie werden auch die übrigen Silben beachten,» Auch die Revision kann indessen nicht in Abrede stellen, daß "Veno" und "Topc" dem Fachmann einen verschiedenen Gedankeninhalt vermitteln* Werden die Ärzte und Apotheker dsher durch die Anfangssilben darauf hingelenkt, daß die Präparate einem unterschiedlichen Zweck dienen-sollen, so ist auch dem Standpunkt des Berufungsgerichts zuzustimmen, daß damit trotz des übereinstimmenden Wortbestandteils "stasin" einer Verwechslungsgefahr ausreichend vorgebeugt ist* Eine Verwechslungsgefahr im engeren Sinne ist nach alledem von dem Berufungsgericht zu Recht verneint worden* Eine solche Gefahr bestehe auch nicht aus dem von der Revision noch weiter he rvorgehobenen Gesichtspunkt, daß der Verkehr das Zeichen der Beklagten "Topostasin” jedenfalls nur als Abwandlung des Zeichens der Klägerin "Venostasin" ansehen werde* Ist es auch vielfach üblich, den gleichen oder ähnlichen Anwendungsbereich verschiedener Präparate desselben Geschäftsbetriebes dadurch zu kennzeichnen, daß charakteristischen Stammwörtern unterschiedliche Anfangssilben hinzugefügt werden, so sehe!