BGH · I ZR 168/54
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Die Beklagte ist Inhaberin des mit Wirkung vom 29« Januar 1949 an erteilten Patents Nr 818 621 betreffend eine Vorrichtung zur Herstellung von Betonfertigteilen in einer Gleitschalung.,, Die Patentansprüche lautens lo Vorrichtung zur Herstellung von Betonfertigteilen beliebiger Länge mit hohlem oder vollem Querschnitt, mit oder ohne Stahleinlagen, mit oder ohne Vorspannung, aus Schwer- oder Leichtbeton, mittels einer gegenüber der Masse wandernden Form, in welcher der Beton verdichtet wird, dadurch gekennzeichnet, daß die Form aus zwei Teilen (b, c) besteht, die unter sich so verbunden sind, daß die im vorderen Teile (b) durch die Verdichtungsvorrichtungen (e) erzeugten Schwingungen nicht auf das Ende des hinteren Teiles (c) übertragen werden,, 60 Vorrichtung nach den Ansprüchen 1) bis 5)» dadurch gekennzeichnet, daß am schwingungsfreien Teil der Form ein Oberflächenrüttler (f) angebracht ist, welcher dem Betonfertigteil zugleich die endgültige Höhe gibt© 5) und 6) seien durch die deutschen Patente 581 572 von 1931, 718 403 von 1939, die französischen Patente 818 955 von 1937 und 940 100 von 1948 vorweggenommen« Die Äquivalenz des im Anspruch empfohlenen Oberflächenrüttlers mit bisher zu dem Verdichten von Beton empfohlenen Stampfvorrichtungen ergebe sich aus den weiteren deutschen Patenten 361 665 und 648 534, sowie aus der französischen Patentschrift 906 079«» Der Anspx'uch 4) enthalte keine Lehre zu dem technischen Handeln« Das Patentamt hat das Streitpatent nur hinsichtlich der Ansprüche 1) - 5) vernichtet, im übrigen aber die Klage abgewiesen« Es scheidet die deutschen Entgegenhaltungen 581 572 und 718 403 aus, weil diese keine stetig fortbewegte Gleitschalung, sondern eine absatzweise beförderte Schalung zu dem Gegenstand hätten« Dagegen seien die Patentansprüche 1) und 2) durch das französische Patent 818 955 vorweggenommen« Dem 3o Patentanspruch des Streitpatents komme keine selbständige erfinderische Bedeutung zu, Anspruch 4) sei nicht .patentfähig, weil er keine Lehre zur Führung der Gleitform durch die Bewehrungsdrähte enthalte und der 5« Patentanspruch spreche nur eine Selbstverständlichkeit aus-» Die Ansprüche 1) -5) seien deshalb für nichtig zu erklären« Dagegen sei der Anspruch 6) neu, insbesondere nicht dur.ch das deutsche. Zur Begründung weist die Klägerin darauf hin, daß der Anspruch 6) insbesondere von dem deutschen Patent 581 572 vorweggenommen werde, das im Gegensatz zur Meinung des Patentamts ebenfalls eine Gleitschalung beschreibe und jedenfalls in der Praxis abweichend vom Patent unter stetiger Bewegung der Schalung offenkundig vorbenutzt worden sei« Im übrigen seien die StampfVorrichtung dieses Patents und der Oberflächenrüttler des Streitpatents äquivalente Die Beklagte beantragt Zurückweisung der Berufung« Sie hat sich nach Ablauf der Berufungsfrist der Berufung der Klägerin angeschlossen und beantragt ihrerseits die vollständige Abweisung der Klage« Sie beruft sich darauf, daß das französische Patent 818 955 nicht neuheitsschädlich sein könne, da es nicht zwei starre Formteile enthalte, wie das Streitpatent, sondern nur einen starren und einen elastischen Formteil aus Gummi, der den mit dem Streitpatent verfolgten Zweck der Sicherung der Formung bis zu dem Erstarren nicht erreiche« daß die im vorderen Teil durch Verdichtungsvorrichtungen erzeugten Schwingungen nicht auf das Ende des hinteren Teils übertragen werden* Nur der vordere Teil soll der Verdichtung? einander verbunden sind« Hiernach stellt Anspruch 1) lediglich die Aufgabe, den Formling nach der Verdichtung des Betons solange in einer schwingungsfreien Form zu belassen, bis er genügend Konsistenz erlangt habe, um beim Abzug der Form die Formgebung beizubehalteno Anspruch 1) beschreibt zwar die Unterteilung der Form in ein Mundstück, in dem die Einfüllung und Verdichtung des Betons stattfindet, und eine anschließende schwingungs-freie Formhaltung, gibt aber keine Lösung der Aufgabe, wie .7“rr die Übertragung der VerdichtungsSchwingungen auf die Formhaltung verhindert werden soll« Mit diesem Inhalt ist Anspruch 1) für sich allein nicht patentfähig, da er im Wesentlichen nur die Aufgabe ohne eine Lösung gibt«, ES mag dahinstehen, ob die Stellung der Aufgabe schon erfinderischen Rang beanspruchen kann, denn sie. war jedenfalls nicht mehr neu* Schon das noch näher zu erörternde französische Patent 818 955 hatte sich dieselbe Aufgabe gestellt, den Betonformling nach der Verdichtung eine schwingungsfreie Schalung durchlaufen zu lassen« Die Lösung der Aufgabe des Anspruchs 1) wird erst in Anspruch 2) gegeben, der das Übergreifen der Schwingungen des Mundstücks auf den zweiten Formteil durch Zwischenschaltung von Gelenken verhindern will« • Der Hauptanspruch des Patentes ist deshalb den ersten beiden Ansprüchen zu entnehmen« Über die Gestaltung der Gelenke sagt der Patentanspruch nichts.« Die Patentbe-Schreibung erwähnt auf Seite 2 Zeilen 45-46 Bolzen-und Federgelenkeo Die Patentzeichnung läßt die Gestal-tung der Gelenke nicht erkennen« Es ergeben sich also bereits an dieser Stelle Zweifel, ob das Patent eine hinreichende Offenbarung der empfohlenen Lösung enthält« Diese Zweifel sind umso schwerwiegender, als die empfohlenen Bolzengelenke nach dem überzeugenden Gutachten • des gerichtlichen Sachverständigen nicht geeignet sind, eine Übertragung der Schwingungen des Formmundstücks auf das Formendstück zu verhindern, oder sie auch nur nennenswert zu dämpfen,, Dieser Ansicht hat der Privatgutachter der Beklagten, Professor Dr« Kammtiller, zugestimmt* Es bliebe also nur die Anbringung von Federgelenken an der Verbindungsstelle beider'Formteile übrig* Die Patentinhaberin gibt, wie gesagt, keine Darstellung solcher Gelenke« Ihre in der mündlichen Verhandlung beschriebene eigene Handhabung des Patents besteht in der Verwendung einer langen ungeteilten Schalung, die lediglich hinter den Seitenrüttlern durch Wegschneiden der Flanschen oder durch Einschnitte senkrecht zur Längsausdehnung geschwächt werden* Dadurch erhält die Schalung nach dem Gutachten des gerichtlichen Sachverständigen aber kein Federgelenk, es handelt sich vielmehr -um eine ungeteilte Schalung, in der die an sich geringen Schwingungsamplituden der Verdichter möglicherweise schon vor dem Ende der Schalung ohne besondere Vorrichtung abklingen* diese Handhabung nichts mehr zu tun« Im übrigen zeigt die in Anspruch 6) vorgesehene Verwendung eines weiteren Oberflächenrüttlers hinter der Gelenkverbindung der beiden Schalungsteile und die Anbringung eines Gewichtes am Ende des Formendstücks (Anspruch 7), daß der Erfinder selbst damit rechnet, daß der Formling beim Passieren der Verbindungsstelle Beschädigungen erleidet und daß Schwingungen bis an das Ende der Schalung -auftreten können* Nach den Ausführungen des gerichtlichen Sachverständigen sind in der Technik Federgeienke in den verschiedensten Ausführungen bekannt und in Gebrauch« Sie.umfassen unter anderem auch die Zwischenschaltung von Gummipuffern zwischen vibrierenden und nicht vibrierenden Teilen«, Derartige Gummipuffer sind nach dem Gutachten geeignet, die von dem Formmundstück ausgehenden Schwingungen entscheidend zu dämpfen, wenn, sie den Amplituden, der Frequenz der Schwingungen und der Eigenschwingung des Formendstücks richtig angepaßt werden« Eine solche Anpassung kann vom Durchschnittsfachmann durch Versuche ermittelt und erzielt werden« Die Anweisung des Streitpatents, Federgelenke an der Verbindungsstelle der beiden Schalungshälften zu verwenden, genügt daher unter dem Gesichtspunkt der Offenbarung allenfalls zur Patentfähigkeit der Ansprüche 1) und 2)« zur Aufgabe gemacht* Es löst die Aufgabe aber mit anderen Mitteln als das Streitpatent, indem es an das Formmundstück ein '’Entformungselement" aus Kautschuk oder dergleichen mit dem gleichen Querschnitt anschließt, das vermöge seines "antivibrierenden” Materials die von dem Verdichtungsstück ausgehenden Schwingungen dämpft und abklingen läßt* Es muß zwar auch hier von einer Unterteilung der Schalung in einen schwingenden Verdichtungsteil und einen schwingungsfreien Formhaltungsteil gesprochen werden, jedoch kann man hier keine im engeren Sinne gelenkige Verbindung zweier starrer Formteile wie. schwingungsfreie Formhaltung wie das Streitpatent, sondern benutzt nur eine Gummimuffe zwischen dem schwingenden Verdichtungsteil (Schild) und dem Einfülltrichter dazu, um die Schwingungen des Schildes von dem Einfülltrichter ab-zuhalten«, Das Patent ist nach Aufgabe und Lösung mit dem Streitpatent nicht unmittelbar vergleichbar* namentlich bei Berücksichtigung der Tatsache, daß durch das französische Patent 940 10Ö die Ausbildung eines wirksamen Federgelenks in Gestalt von Gummizwischenlagen zwischen schwingenden und nicht schwingenden Metallteilen gerade für Maschinen ähnlicher, wenn auch nicht gleicher Verwendung aufgezeigt worden war* 3)ie Verbesserungen des Streitpatents lagen im Zuge der zwangsläufigen Entwicklung und hätten von jedem Lurchschnittsfachmann ohne erfinderische Leistung angegeben werden können» Dis Hauptansprüche 1) und 2) des Streitpatents sind daher mangels ausreichender Erfindungshöhe nicht patentwürdig» Der Anspruch 4) ist nach.dem Gutachten des Sachverständigen technisch nicht brauchbar, soweit die Führung der Schalung allein durch die Betonbewehrung erfolgen soll« Die Bewehrungen stellen bei den in Betracht kommenden großen Baulängen von 100 m kein brauchbares Führungs-element für die Gleitschalung dar, zu demal diese seitlichen Erschütterungen durch die Rüttelvorrichtung ausgesetzt ist« Für eine zusätzliche Führung durch die Bewehrung besteht beim Vorhandensein von Leitschienen kein Anlaß« Er könnte dann am Verdichtungsteil Platz finden und würde so dem Erfindungsgedanken angepaßt sein, das Ubergreifen von Schwingungen von dem Verdichtungsteil auf den Formhaltungsteil möglichst zu verhindern« Die Anbringung dieses Rüttlers gerade an der schwingungsfreien Formhaltung ist dagegen im Sinne des Erfindungsgedänkens ein Nachteil, da er hier erneut Schwingungen hervorruft, von denen die Formhaltung nach dem Patent frei gehalten werden sollte„ Seine Anbringung an dieser Stelle ist nur verständlich aus der Erkenntnis des Erfinders, daß die von ihm in Aussicht genommenen Gelenke die von ihnen erwartete Funktion nicht voll erfüllen und der Formling beim Passieren der Verbindungsstelle Beschädigungen erleiden könnte, die durch erneute Verdichtung beseitigt werden müssen« Aber auch eine solche Maßnahme würde offensichtlich des Charakters einer selbständigen Erfindung entbehren, der aber gegeben sein müßte, wenn der Patentanspruch nach dem Wegfall der Hauptansprüche 1) und 2) gehalten werden sollte.«