BGH · IX ZR 46/69
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Der IX« Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat ohne mündliche Verhandlung am 27« Februar 1969 unter Mitwirkung der Bundesrichter Dr0 Graf, Maaß, von der Mühlen, Zorn und Henkel für Recht erkannte Auf die Revision des Klägers wird das Urteil des 3» Zivilsenats - Entschädigungssenats - des Oberlandesgerichts Koblenz vom 280 November 1967 aufgehobene Der Rechtsstreit v/ird zu anderv/eiter Verhandlung und Entscheidung, auch über die außergerichtlichen Kosten der Revision, an das Berufungsgericht zurückverwies en0 Der am 19o Juni 1896 in Bardejow/CSR geborene jüdische Kläger betrieb in seinem Heimatort bei Ausbruch des zweiten Weltkriegs eine Spirituosenfabrik sowie eine V/ein-und Bierhandlungo Er ist von 1940 bis 1945 verfolgt worden«, Er mußte in Bardejow den Judenstern tragen, sich 1942 einige Wochen im Lager Poprad aufhalten, und von 1944 bis zur Befreiung im April 1945 illegal im Wald leben, Nach dom Krieg betrieb er seine an ihn zurückgegebene Spirituosen- Im Berufungsrechtszug hat der Kläger zur Begründung seiner Anspruchsberechtigung noch vorgetragens Als die Kommunisten in der Tschechoslowakei an die Regierung gekommen seien, sei sein Betrieb als einer der ersten verstaatlicht und eine Verrechnung auf die beiden vorausgegangenen Jahre angeordnet worden«, Nach Y/erdegang und Einstellung sei er Antikommunist gewesene Er sei daher, nachdem er sich auf illegalem Weg einen Paß beschafft habe, ausgewandert;, weil er Schwierigkeiten befürchtet habe«, Das Oberlandesgericht hat die Berufung zurüclcgewi e-senc Es hat die Anspruchsvoraussetzungen des § 160 BEG verneinto Mit der vom Bundesgerichtshof zugelassenen Revision verfolgt der Kläger seine Ansprüche weitero Das beklagte Land hat sich im Revisionsrechtszug nicht vertreten lassen«, Der Kläger fällt nicht unter die von den §§ 4 und 150 BEG- erfaßten Personenkreiseo Seine Entschädigungsberechtigung hängt sonach davon ab, ob er im Zeitpunkt des Inkrafttretens des Bundesentschädigungsgesetzes, also am Io Oktober 19539 Staatenloser oder Flüchtling im Sinne der Genfer Konvention war (§ 160 Abs» 1 BEG-)o In dem angefochtenen Urteil ist ausgeführt, es seien keine Anhaltspunkte dafür gegeben, daß der Kläger in der Zeit zwischen 1948 und 1953 die tschechoslowakische Staatsangehörigkeit verloren habe0 Die Entscheidung beruht insoweit auf der Anwendung des tschechoslowakischen Rechts \md ist für das Revisionsgericht bindend (§ 209 Abs» 1 BEG; §§ 549 Abs» 1, 562 ZPO)«, Im Berufungsurteil ist dem Kläger ferner die Eigenschaft eines Flüchtlings im Sinne der Genfer Konvention aus folgenden Erwägungen abgesprochen worden; Flüchtling nach Arto I A Nr0 2.GK sei nur derjenige, der aus begrün- deter Furcht vor Verfolgung wegen seiner Rasse, Religion , Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen seiner politischen Überzeugung sich außerhalb des Randes seiner Staatsangehörigkeit befinde und dessen Schutz nicht in Anspruch nehmen kenne oder wegen dieser Befürchtungen nicht in Anspruch nehmen wolleo Bas fehlende Einverständnis mit den politischen Verhältnissen iin Heimatland begründe noch nicht die Flüchtlingseigenschaft0 Dafür, daß der Kläger den Kommunismus aktiv bekämpft habe oder daß er durch die Verstaatlichung seines Betriebs die Existenzgrundlage verloren habe, sei nichts vorgetragen0 Bei dem nicht besonders großen Umfang seiner Likörfabrik habe er auch nicht zu den Großunternehmern gehört, denen Gefahr für Leib oder leben gedroht habe» Gegen seine Flüchtlingseigenschaft spreche, daß er bei seiner Auswanderung im Besitz eines von den Behörden als gültiges Reisedokument angesehenen tschechoslowakischen Passes gewesen sei, selbst wenn er diesen illegal erlangt haben sollte» Selbst wenn er aus den in der Genfer Konvention genannten Gründen ausgewandert wäre, sei er spätestens vom 200 September 1948 an nicht mehr als Flüchtling anzusehen<, Er habe nämlich diesen bis zun 11o August 1946 gültigen Paß am 20o September 1948 durch das tschechoslowakische Generalkonsulat in New York bis zu dem Io August 1949 verlängern lassen0 Damit habe er nach Verlassen der Tschechoslowakei den Schutz seines Heimatlandes erneut in Anspruch genommen ^^nd gezeigt, daß er weiterhin als tschechoslowakischer Staatsbürger gelten wolleo Dieser Schutz sei ihm auch ohne Schwierigkeiten gewährt worden,, Für einen späteren Wiedererwerb der Flüehtlingseigenschaft lägen keine Anhaltspunkte vor* Zumutbar war die Heimkehr, wenn festgestellt wird, daß der Geschädigte zu seinem Heimatlande in rechtlichen, politischen, wirtschaftlichen oder sonstigen Beziehungen stand, aus denen hervorgeht, daß er dessen innere Verhältnisse als einen Grund, sich außer Landes zu halten, nicht betrachtete« Dieser Schluß wird jedoch nicht schon dadurch gerechtfertigt, daß der Geschädigte die Auslandsbehörden seines Heimatstaates in Anspruch genommen hat, um Reisepapiere verlängern oder Urkunden beschaffen zu lassen.11 Mit diesen Grundsätzen steht das angefochtene Urteil im Widerspruch» Daher muß es aufgehoben und der Rechtsstreit an das Berufungsgericht zurückverwiesen werden, damit dieses die Plüchtlingseigenschaft des Klägers in Anwendung dieser Grundsätze sowie die weiteren sachlichen Voraussetzungen des Klageanspruchs überprüfen kann» Es kommt sonach darauf an, ob im Jahre 1948 ein Verbleiben in der Tschechoslowakei im Hinblick auf die dort bestehenden allgemeinen Verhältnisse nach den in der Bundesrepublik herrschenden Anschauungen zu demutbar gewesen ist» Nur wenn das zu bejahen ist, kommt es entscheidend auf die besondere Lage der Juden in der Tschechoslowakei in dieser Zeit an« Das Berufungsgcrich wird ferner zu beachten haben, daß die Inanspruchnahme