BGH · IX ZR 27/78 vom 15.11.1979
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Beklagten und Revisionsbeklagten Der IX, Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung vom 15« November 1979 durch den Vorsitzenden Richter Mai und die Richter Henkelf Dr« Thumm9 Portmann und Dr« Lang für Recht erkannt: Von Rechts wegen Tatbestand Die im Februar 1919 geborene jüdische Klägerin verglich sich im Verwaltungsverfahren am 22* Juli 1959 mit dem Beklagten über ihren Anspruch auf Entschädigung für Schaden an Körper oder Gesundheit* Megan vegetativer endokriner Störungen mit Ovarialinsuffizienz erhielt sie für die Zeit vom 15« April 1945 big zur Vollendung ihres 48* Lebensjahres lm Februar 1967 Heilverfahren sowie die jeweilige Mindestrente und die entsprechende Kapitalentschädigung für eine Minderung ihrer Erwerbsfähigkeit um 30 #. Im Oktober 1965 focht die Klägerin den Vergleich unter Hinweis auf das BEG-SchluBgesetz an* Sie beantragte die Weiterzahlung der Rente über ihr 48* Lebensjahr hinaus, weil ihre gesundheitlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse sich verschlechtert hätten* Mit Bescheid vom 12* April 1967 lehnte die Entschädigungsbehörde den Antrag als unzulässig ab; die Voraussetzungen einer Überleitung oder Angleichung nach Art. III oder IV HEG-SchluBG seien nicht gegeben* Die Entscheidung über den Verschlimmerungsantrag behielt sich die Behörde in dem Bescheid ausdrücklich vor« Die Klage auf Heilverfahren sowie auf Weiterzahlung und ab 18* Dezember 1962 Erhöhung der Rente wies das Landgericht München I mit dem rechtskräftig gewordenen Urteil vom 8* November 1967 ab, weil die Voraussetzungen der Angleichung (Art* IV BEG-SchluBG) und der Überleitung (Art* III BEG-SchluBG) nicht gegeben seien und die Entscheidung darüber, ob das anerkannte Verfolgungsleiden sich verschlimmert habe, einem weiteren Verfahren Vorbehalten sei. Zur Prüfung, ob das Verfolgungsleiden der Klägerin sich nach Abschluß des Vergleichs verschlimmert habe, holte die Entschädigungsbehörde ein nervenfach-ärztliches Gutachten und eine Stellungnahme ihres ärztlichen Dienstes ein« Beide kamen, anders als der Vergleich von 1959t im Juni 1968 zu dem Ergebnis, die Klägerin leide verfolgungsbedingt an einer chronisch-reaktiven Depression mit ausgeprägter vegetativer Begleitsymptomatik, die ihre Erwerbsfähigkeit um 30 % mindere« Mit der Klage focht die Klägerin den Vergleich auch wegen Irrtums und wegen Fortfalls der Geschäfts-gundlage an« Diese Anfechtung wiederholte sie im November 1966 in einem Schreiben an die Entschädigungsbehörde« Die Entschädigungsbehörde lehnte diesen Antrag mit Bescheid vom 12« Juni 1969 als unzulässig ab« Die dagegen erhobene Klage nahm die Klägerin im Dezember 1969 zurück« Sie betrieb die erste Klage weiter und verlangte außer Heilverfahren 30 v« H« der Dienstbezüge eines vergleichbaren Beamten des höheren Dienstes als Rente und Kapitalentschädigung ab 15. Das Berufungsgericht sprach der Klägerin nur 179 DM nebst Zinsen zu, weil ihr für die Zeit vom 1, September 1965 bis 28, Februar 1967 statt der Mindestrente die nach dem mittleren Hundertsatz 27,5 aus den Bezügen des einfachen Dienstes errechne te Rente zustehe. Im übrigen wies es die Berufung zurück, Mit der Revision verlangt die Klägerin außer einem Heilverfahren nur noch die nach dem mittleren Hundertsatz der Bezüge des einfachen Dienstes für eine Minderung ihrer Erwerbsfähigkeit um 30 - 35 % berechnete Rente für die Zeit ab 1, März 1967. Diese vom Berufungsgericht übernommenen und mit der Revision nicht angegriffenen Feststellungen tragen das Ergebnis, daß der Vergleich von 1939 nicht nach dem hier entsprechend anzuwendenden § 779 Abs* 1 BGB (BGH RzW 1973» 133) unwirksam ist* Die Parteien haben nicht, was diese Vorschrift voraussetzt (vgl* BGH RzW 1965, 454 Nr. 10; 522; 1970, 235; 1972, 274; 1975, 153; NJV 1959, 2109), ihrem Vergleich als feststehend und nicht von dem Streit und der Ungewißheit über den Entschädigungsanspruch der Klägerin erfaßt zugrunde gelegt, daß die als verfolgungsbedingt angesehenen Beschwerden der Klägerin zu einem bestimmten Zeitpunkt enden würden* Vielmehr haben sie, gestützt auf ein ärztliches Gutachten, die Ungewißheit, ob und wann die Beschwerden abklingen würden, dadurch beseitigt, daß sie in dem Vergleich einen Zeitpunkt bestimmten, zu dem die Entschädigungsleistungen des Beklagten spätestens enden sollten* Zutreffend geht das Berufungsgericht weiter davon aus, daß das Festhalten an einem Vergleich, der nicht nach § 779 Abs* 1 BGB unwirksam ist, wegen Fehlens oder Wegfalls der Geschäftsgrundlage gegen Treu und Glauben (§ 242 BGB) verstoßen kann (vgl. ln Art» IV Nr« 1 Abs« 1 a BEG-SchlußG die Voraussetzung gen festgelegt, unter denen früher - auch durch Vergleich (Art« IV Nr» 2) - geregelte Gesundheitsschäden erneut hätten aufgegriffen werden können» Dieser Vorschrift komme eine umfassende und ausschließliche Bedeutung für alle vor Erlaß des Schlußgesetzes geregelten Gesundheitsschadensansprüche zu« Sie könne auch nicht unter Berufung auf Treu und Glauben umgangen werden« Deshalb mUsse sich die Klägerin, die längere Zeit Gesundheitsschedensrente bezogen habe, an dem 1959 abgeschlossenen Vergleich festhal-ten lassen* Das ist nicht richtig« Die Regelung des Art« IV Nr« 2 mit Nr« 1 Abs« 1 a BEG-SchlußG für die Anfechtung von Vergleichen über Gesundheitsschadensansprüche, die vor Verkündung des BEG-Schlußgesetzes abgeschlossen sind, schließt nur in den von ihr erfaßten Fällen das Zurückgreifen auf allgemeine Rechtsgrundsätze aus, nach denen die Wirksamkeit des Vergleichs beeinträchtigt sein kann (vgl« BGH RzW 1972, 274; 1974, 317; 1975, 117; 151; 153). Der Vergleich der Parteien von 1959 fällt nicht unter Art« IV Nr. 2 mit Nr« 1 Abs« 1 a BEG-SchlußG« Die Klägerin hat in ihm ihren Anspruch auf Rente nicht in vollem Umfange aufgegeben« Ihr ist vielmehr für die Zeit bis 28. Februar 1967 eine Rente gewährt worden« Wegen Art« IV Nr. 2, Nr. 1 Abs. 1 a BEG-SchlußG kann die Klägerin somit nicht an dem Vergleich von 1959 festgehalten werden, wenn ihr dies wegen Fehlens oder Wegfalls der Geschäftsgrundlage nicht zuzu demuten ist. 7fi Das Berufungsgericht hält die Geschäftsgrundlage des Vergleichs für mangelhaft» Zutreffend geht es davon aus, daß die Geschäftsgrundlage gebildet wird durch die nicht zu dem eigentlichen Vertragsinhalt erhobenen, aber bei VertragsschluB zutage getretenen gemeinschaftlichen Vorstellungen beider Vertragsparteien oder die dem Geschäftsgegner erkennbaren und von ihm nicht beanstandeten Vorstellungen der einen Vertragspartei von dem Vorhandensein oder künftigen Eintritt gewisser Umstände, auf denen der Geschäftswille der Parteien sich aufbaut (BGH NJV 1976, 963 mit weit. vegetativer Begleitsymptomatik, das seit Haftende über den im Vergleich vorgesehenen Endtermin hinaus unverändert fortwirke und eine Minderung der Erwerbsfähigkeit um 35 % verursache* Damit erwiesen sich die dem Vergleich zugrunde gelegten Vorstellungen, insbesondere soweit sie sich auf die begrenzte Dauer des Verfolgungsleidens bezogen hätten, als in einem wesentlichen Punkt irrig* Somit habe von Anfang an ein wesentlicher Mangel der Geschäftsgrundlage Vorgelegen* Daraus könnte dem benachteiligten Vertragspartner das Recht erwachsen, sich unter Berufung auf den Grundsatz von Treu und Glauben von dem Vergleich zu lösen* Der Vorwurf des Beklagten, die Klägerin habe die Falschbegutachtung schuldhaft verursacht, weil sie dem Gutachter ihre Ängste und Beschwerden nicht ausreichend geschildert habe, stünde dem nicht entgegen« DaB die Klägerin bewußt falsche Angaben gemacht habe, werde nicht behauptet* Im übrigen sei es Sache des Psychiaters, seine Patienten zur vollständigen Darlegung ihres Leidenszustandes anzuhalten* Diesen Ausführungen läßt sich schon nicht mit hinreichender Sicherheit entnehmen, worin das Berufungsgericht die Geschäftsgrundlage sieht, die sich als fehlerhaft herausgestellt hat* Sollten sie so zu verstehen sein, daß die den Parteien durch die ärztlichen Gutachten vermittelten Vorstellungen in der Überzeugung bestanden, die verfolgungsbedingten Beschwerden der Klägerin seien vorübergehend und würden mit der Vollendung ihres 48* Lebensjahres verschwinden, dann wäre dieser Punkt bei Vergleichsschluß nicht mehr streitig oder ungewiß gewesen* Dies ließe sich mit den vom Berufungsgericht übernommenen Feststellungen des Landgerichts zu § 779 Abs« 1 BGB nicht vereinbaren* Ein solcher Widerspruch besteht aber nicht, wenn die den Parteien durch die ärztlichen Gutachten vermittelte Vorstellung darin bestand» daß die Ungewißheit über Art und Dauer der ge-sundheitlichen Beeinträchtigung der Klägerin zwar nicht behoben» eine bessere Aufklärung des medizinischen Sach« Verhalts aber nicht zu erwarten sei« Ist dies für beide Parteien die Vergleichsgrundlage gewesen» dann hat sie sich nach den weiteren Feststellungen des Berufungsgerichts als falsch erwiesen« erkennbar dazu bewogen hat, dem Vergleich das Gutachten der Gynäkologen mit der zeitlichen Begrenzung lediglich der Ovarialinsuffizienz zugrunde zu legen, obwohl dem Bevollmächtigten nach den Feststellungen der Tatrichter auch die übrigen ärztlichen Gutachten bekannt waren« Der Internist, der Vertrauensarzt ln seiner zusammenfassenden Stellungnahme und der ärztliche Dienst des Beklagten haben nämlich unter Einbeziehung weiterer Beschwerden eine verfolgungsbedingte Minderung der Erwerbsfähigkeit von 30 bis 35 % ohne zeitliche Begrenzung bejaht«