BGH · IX ZR 217/67 vom 13.03.1969
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Darauf hat der Kläger vorgebracht, er habe Polen 1920 wegen des aufkommenden Antisemitismus verlassen und sich nach Oberschlesien begeben. Es hat eine Berechtigung des Klägers nach § 4 und § 160 BEG verneint und die medizinischen Prägen auf sich beruhen lassen. Der Berufungsrichter hat sich nicht davon überzeugt, daß der Kläger vor seiner Einv/anderung nach Belgien (1923) im Reichsgebiet vom 31» Dezember 1937 gelebt hat« Die eidesstattliche Versicherung des Klägers, daß er sich 1920 von Polen nach Oberschlesien begeben und später von 1921 bis 1923 als Zuschläger in einer für den S^mH||||^ täti-Schmiede in - jetzt: Soweit die Revision etwa rügen will, durch diese Anfrage sei der Pflicht zur Amtsaufklärung nicht genügt, müßte sie aufzeigen, wie das Berufungsgericht weiter hätte verfahren sollen; sie legt aber nicht einmal dar, auf welchem Wege der Kläger nachträglich in den Besitz der Meldebescheinigung der Stadt vom 10» August 1966 gelangt ist, nach welcher er, von kommend, vom 4» Juli 1922 Entgegen ihrer Meinung bestand keine Pflicht, den Kläger über seinen Aufenthalt im Ruhrgebiet als Partei zu vernehmen» Voraussetzung hierfür wäre gewesen, daß der Tatrichter diesen Aufenthalt aufgrund der Darstellung des Klägers mindestens als wahrscheinlich angesehen hätte (§§ 209 Abs, 1 BEG, 448 ZPO), Nur unter dieser Voraussetzung hätte das Berufungsgericht den Aufenthalt im Ruhrgebiet gegebenenfalls auch gemäß § 176 Abs» 2 BEG für festgestellt erachten dürfen. Geht man von der hiernach im Revisionsverfahren nicht angreifbaren Feststellung des Berufungsurteils aus, daß der Kläger sich zwischen dem Verlassen Polens und der Einwanderung in Belgien nicht für längere Zeit in Deutschland aufgehalten habe, dann kann er entgegen der Auffassung des Berufungsrichters nach § 160 f BEG entschädigungsberechtigt sein, Dafür genügt, wie der Senat unter Aufgabe früherer Anforderungen RzW 1968, 571 dargelegt hat, daß einem polnischen Staatsbürger bei Inkrafttreten des Bundesentschädigungsgesetzes, dem für den Kläger maßgebenden Zeitpunkt, wegen der in Polen herrschenden allgemeinen Verhältnisse nach den in der Bundesrepublik maßgeblichen Anschauungen nicht hätte zugemutet werden können, in sein Heimatland zurückzukehren. Hilfsweise hat der Berufungsrichter insoweit die Auffassung vertreten, von einem dauernden Aufenthalt im Sinne des § 4 BEG könne auch dann nicht gesprochen werden, wenn sich der Kläger tatsächlich von 1920 bis 1923 im Reichsgebiet aufgehalten habe. Dieser Auffassung kann nicht zugestimrnt werden,, Unterstellt man mit dem Berufungsurteil, daß der Kläger Polen noch im Jahre 1920 verließ und bis 1923 in Deutschland blieb, dann hat er sich vor der Weiterwanderung nach Belgien mindestens zwei und möglicherweise fast vier Jahre im Reichsgebiet vom 31» Dezember 1937 aufgehalten, und seinem Aufenthalt haftet das Merkmal des offensichtlich Vorübergehenden jedenfalls nicht mehr an. Es v/äre nicht ausgeschlossen, daß der Kläger beim Verlassen Polens die Absicht hatte, 3ich endgültig in einem der westlichen Nachbarländer Deutschlands niederzulassen und sich nur vorübergehend, wenn auch langfristig in Deutschland aufzuhalten. festgestellt werden, die es zweifelhaft machen, ob der Verfolgte ungeachtet der Dauer seines Verweilens nicht doch von vorneherein nur für eine gewisse Zeit in Deutschland bleiben und dann weiterwandern wollte, oder mit anderen Worten: die eine solche Absicht ernsthaft in den Bereich der Möglichkeit rücken» Eine solche Situation des ersten Anscheins liegt nicht vor, wenn der Aufenthalt im Reichsgebiet schon nach Zweck und Gestaltung zunächst einem befristeten Ziele diente wie etwa das Studium eines Ausländers in Deutschland» Deswegen muß der Ausländer in diesem Palle dartun, daß er sich nach seinem Studium in Deutschland niederlassen wollte (RzW 1959p 500)» Würde demnach im weiteren Berufungsverfahren festgestellt, daß der Kläger sich von 1920 bis zu dem Oktober 1923 (Abmeldung in zuerst in Oberschlesien und ab 1922 im Ruhrgebiet aufgehalten hat und dort einem Erwerbe nachgegangen ist, dann wäre davon auszugehen, daß er im Reichsgebiet von 1937 mindestens seinen dauernden Aufenthalt genommen hatte» Seine Entschädigungsberechtigung nach § 4 Abs» 1 Nr» 1 c BEG könnte nur bei Feststellung von Tatsachen verneint werden, die es ernsthaft als möglich erscheinen lassen, daß er schon, bevor sein Aufenthalt, äußerlich gesehen, nach einigen Monaten den Charakter des Vorübergehenden verlor, den Plan gefaßt hatte, Deutschland demnächst wieder zu verlassen» Die Verpflichtung zur Aufklärung von Amts wegen (§ 176 Abs» 1 BEG) erstreckt sich auch auf diese Tatsachen» Nicht ausreichend wäre es, daß der Kläger in Oberschlesien nicht endgültig Fuß gefaßt, sondern sich wie zahlreiche polnische Einwanderer später dem Ruhrgebict zugewandt hat„ Denn nach § 4 BEG kommt es auf den Verbleib in Deutschland und nicht auf die Ansässigkeit an einem bestimmten Orte Deutschlands an.