BGH · IX ZR 151/70
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Das Berufungsgericht unterstellt zugunsten des Klägers, daß seine Dienstverpflichtung eine nationalsozialistische Gewaltmaßnahme gewesen sei und seine Schwerhörigkeit eine Minderung der Erwerbsfähigkeit von mindestens 25 £ bewirke. Januar 1966 für erwiesen, daß die beiderseitige Schwerhörigkeit des Klägers wahrscheinlich darauf zurückzuführen ist, daß er ein Jahr lang dem Lärm der Feilenhauerei ausgesetzt war; es handele sich um eine Berufskrankheit. Eine Berufskrankheit sei aber dann nicht adäquat von der Verfolgung verursacht, wenn sie nicht auf einer mangelnden Vertrautheit mit der ungewohnten oder gefährlichen Tätigkeit im Ausweichberuf, sondern auf einer unglücklichen, außergewöhnlichen Verkettung von Umständen beruhe und wenn auch jeder andere nichtverfolgte Arbeiter in der gleichen Lage wie der Verfolgte die gleiche Berufskrankheit hätte erleiden können« Las treffe für die Schwerhörigkeit des Klägers zu. Nach den Unterstellungen und Feststellungen des Tatrichters hat das Revisionsgericht davon auszugehen» daß der Kläger nicht in einer lärmerfüllten Feilenfabrik gearbeitet hätte und deshalb auch von der durch den Lärm ausgelösten Schwerhörigkeit mit einer Minderung der Erwerbsfähigkeit von mindestens 25 # verschont geblieben wäre, wenn ihn nationalsozialistische Gewaltmaßnahmen nicht zur Aufnahme der Tätigkeit in der Feilenhauerei veranlaßt hätten. Adäquat ist eine Bedingung für den Schaden jedenfalls dann, wenn sie die Gefahr seines Eintritts erst geschaffen oder auch nur wesentlich erhöht hat. dadurch gekennzeichnet isty daß ihr Angehörige einer bestimmten Berufsgruppe infolge der Art ihrer Tätigkeit in erheblich höherem Maße als die übrige Bevölkerung ausgesetzt sind (vgl* § 541 Abs* 1 Satz 2 RVO)* Es war bei dieser Sachlage weder außergewöhnlich noch unwahrscheinlich insbesondere keine Verkettung unzurechen-barer Umstände, daß der Kläger, den nationalsozialistische Gewaltmaßnahmen zur Aufnahme der Arbeit in dem gefährdeten Berufszweig gezwungen hatten, von der für diesen Beruf typischen Krankheit befallen wurde* Seine Arbeitskollegen waren allerdings im gleichen Maße wie er gefährdet* Dieser Umstand berührt aber die adäquate Verknüpfung zwischen Verfolgung und Berufskrankheit nicht* Weshalb andere Arbeitnehmer die besonderen Gefahren ihrer Berufsgruppe auf sich genommen hatten, war für den Kläger ohne Belang; er befand sich in einer verfolgungsbedingten Zwangslage* Entscheidend ist, daß er ohne Verfolgung sich der Bedrohung seiner Gesundheit in der Feilenhauerei nicht ausgesetzt hätte* Danach ist das angefochtene Urteil aufzuheben* Aufgrund erneuter Verhandlung wird der Tatrichter zu entscheiden haben, ob der Kläger durch eine nationalsozialistische Gewaltmaßnahme zur Arbeit in der Feilenhauerei verpflichtet oder wie andere Personen vergleichbaren Alters und Berufs aus kriegswirtschaftlichen Gründen zu dem Dienst in der Rüstungsindustrie herangezogen worden ist, rassische Gründe also nicht mitgewirkt haben* Gegebenenfalls ist zu untersuchen, ob ein Heilverfahren Aussicht auf Erfolg