BGH · IX ZB 274/69
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Ein Leistungsvorbehalt ist auch zulässig bei Ungewißheit über die Auswirkung rechtserheblicher Umstände, wenn diese Ungewißheit auf der Verletzung der Mitwirkungspflicht des Rentenempfängers beruht (hier: verspätete Vorlage amtlicher Einkommensunterlagen). Eine nachträgliche Änderung der Verhältnisse im Sinne von § 35 BEG liegt nicht vor, wenn die Einkommensverhältnisse sich bereits bei Erlaß des früheren Rentenbescheides geändert hatten, ihre Berücksichtigung wegen verzögerter Vorlage der Einkommensbelege aber erst zu einem späteren Zeitpunkt möglich war. In einem solchen Fall ist die Geltendmachung eines Leistungsvorbehalts daher unabhängig von den Voraussetzungen des § 35 BEG zulässig. Das Oberlandesgericht hat die Berufung der Klägerin zurückgewiesen, weil die Entschädigungsbehörde mit dem Änderungsbescheid vom 1. Der Bundesgerichtshof hat zwar in dem Beschluß RzW 1968, 208 Nr. 41 entschieden, daß ein Leistungsvorbehalt nicht auf bereits vorhandene, von der Entschädigungsbehörde aber noch nicht oder nicht vollständig aufgeklärte Umstände gestützt werden könne. September 1965 neu in das BEG aufgenommenen § 177 a, der einen Leistungsvorbehalt nur dann für zulässig erklärt, wenn ein Entschädigungsanspruch in seinem Bestand oder in seiner Höhe von Umständen abhängig ist, deren Eintritt noch ungewiß ist oder die sich in Zukunft ändern können. Unabhängig davon, daß im vorliegenden Fall der Änderungsbescheid mit dem Leistungsvorbehalt bereits vor Inkrafttreten des neuen § 177 a BEG erlassen worden ist, lag der Sachverhalt bei dem in RzW 1968, Januar 1965 eine endgültige Festsetzung des Hundertsatzes der Rente und damit auch des Rentenbetrages selbst nicht möglich, weil die Klägerin trotz entsprechender Aufforderung der Entschädigungsbehörde die amtlichen Einkommensunterlagen ihres Ehemannes nicht vorgelegt hatte» In einem solchen Fall tritt daher an die Stelle der Ungewißheit über den Eintritt rechtserheblicher Umstände die Ungewißheit über die Auswirkung dieser Umstände. Die Klägerin kann sich auch nicht darauf berufen, daß der Geltendmachung des Vorbehalts § 35 BEG entgegenstehe, weil die neu errechnete Rente nicht um mindestens 10 vom Hundert von der bisher festgesetzten Rente abweiche. Januar 1965 hatten sich die wirtschaftlichen Verhältnisse der Klägerin für das Jahr 1964 in der Weise geändert, daß die Höhe des Einkommens ihres Ehemannes die Annahme besonders günstiger wirtschaftlicher Verhältnisse begründete» Der Umstand, daß die Klägerin über die Höhe dieser Einkünfte erst verspätet Rechnung legte, kann nicht dazu führen, daß die Änderung der Verhältnisse erst zu diesem späteren Zeitpunkt eintritt und damit zu einer nachträglichen Änderung im Sinne von § 35 BEG wird. Die Entschädigungsbehörde war daher nicht gehindert, den Leistungsvorbehalt im Änderungsbescheid vom 21.* Januar 1965 ohne Rücksicht auf § 35 BEG geltend zu machen.