BGH · IX (IV) ZR 311/66
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Bei Kriegsausbruch floh er von dort nach Frankreich und wurde von französischen Behörden interniert« Aus der Internierung richtete er Gnadengesuche an den Reichskanzler mit dem Hinweis, er habe Deutschland we-gen des Strafverfahrens verlassene Das Verfahren wurde eingestellt« 1949 wurde dem Kläger für die Zeit der Internierung und der anschließenden Ermittlungs- und Strafhaft eine landcorechtliche Haftentnchädigung von 9»000,- DM zuerkannt» Diese Entschädigung hat der Beklagte unter Berufung auf § 7 Abs« 3 BEG zurückgcfordert» Sein Bescheid ist im vorliegenden Rechtsstreit rechtskräftig aufgehoben worden» Nach dem Inkrafttreten des Bundesentochädigungsge-setzeothat der Kläger weitere Entschädigungsansprüche mit der Begründung erhoben, er sei am 12« Dezember 1937 aus Furcht vor einer Verhaftung wegen Betätigung für die verbotene Sozialdemokratische Partei Deutschlands nach Die Entschädigungobehörde hielt dem Kläger vor, daß er nach dem Urteil deo Volksgerichtshofs Deutschland mit Rücksicht auf die zu erwartende Bestrafung wegen Betruges und Urkundenfälschung verlassen haben wolle. Nach Auffindung der Akten dieses Verfahrens hat die Entschädigungobehörde durch den angefochtenen Bescheid vom 24o November 1961 die Entschädigungsansprüche des Klägers mit der Begründung abgelehnt, der Kläger habe Deutsch* land nicht aus den Gründen deo § 1 BEG verlassen. weil er sich subjektiv von einer Verfolgung wegen dieser Tätigkeit bedroht fühlte» Der aus der Flucht ins Ausland entstandene Schaden an Eigentum und im beruflichen Fortkommen könne vielmehr nur dann als verursacht durch nationalsozialistische Gewalt-raaßnahmen (§2 BEG) angesehen werden, wenn sich der Ver-fölgungsdruck im Seitpunkt des Ausweichens nach Belgien so weit verdichtet hatte, daß die Lage für den Kläger aussichtslos geworden und seine physische oder wirtschaftliche Vernichtung nur noch eine Frage der Zeit war (HzW 60, 502; 63, 358)» Dies lasse sich aber nicht festotellen» Zwar möge der Kläger sich wegen seines Einsatzes für eine verbotene Partei und mit Rücksicht auf eine körperliche Durchsuchung bei einem Grenzübertritt am Tage vor seiner Flucht nach Belgien bedroht gefühlt haben» Es könne aber nicht angenommen werden, daß er zu dieser Zeit bereits einer der in § 2 BEG bezcichneten Stollen als politischer Gegner bekannt gewesen sei» Denn selbst in dem späteren Verfahren vor dem Volksgerichtshof sei ein solcher Verdacht nicht aufgetauchto Mit diesen Ausführungen knüpft das Berufungsurteil an die frühere Rechtsprechung des Senats zur Frage an, unter welchen Voraussetzungen davon abgesehen werden kann, daß der geltend gemachte Schaden auf einer nationalsozialistischen Gev/altmaßnahmo beruht (§§ 1, 2 BEG), Biese Grundsätze - entwickelt für die außerhalb des nationalsozialistischen Zugriffebereichs von der Verfolgung Bedrohten - gelten verstärkt für Personen, die sich bereits im Herrschaftsbereich der Verfolger befanden und ohne eine Änderung der politischen oder militärischen Verhältnisse dem 3oderzeitigen Zugriff ausgesetzt waren« Eine andere, nur nach den Umständen des Falles zu entscheidende Präge ist es, von welchem Zeitpunkt ab einer Person, die nicht bereits wegen ihrer Hasse der Verfolgung proisgegeben war, sondern aus politischen, religiösen oder weltanschaulichen Gründen von den Gewalthabern als ein Feind des nationalsozialistischen Regimes angesehen werden konnte, zuzubilligen ist, daß sie mit guten Gründen Lebensguter, für die sie Entschädigung begehrt, aufgeopfert hat, um Schlimmerem zu entgehen« In der Hegel kann sie nur dann so behandelt werden, als wäre sie tatsächlich durch nationalsozialistische Maßnahmen geschädigt, wenn sie auch ihre persönlichen Chancen mitabgewogen hat, unentdeckt zu bleiben oder notfalls ohne erheblichen Schaden davonzukommen« Gerechtigkeit und Billigkeit erfordern es nicht, über das Gesetz hinausgehend auch Entschädigung für eingebildete Gefahren oder für eine ira Vergleich zu dem drohenden Nachteil unver- hältnismäßige Preisgabe von Lebensgütern au gewähren» Grundsätzlich aber gilt auch für den nicht aus rassischen Gründen Verfolgten, daß er nicht nur entschädigt wird, wenn Gewalt gegen ihn verübt wurde, sondern auch dannwenn er nach der ihm möglichen Einsicht und Abwägung ein Ausweichen vor der Gewalt als notwendig an-sehen dui’fte, um Schlimmerem zuvor zukoimen» In Falle des Klägers kommt es deshalb nicht darauf an, ob er von den Organen des Verfolgers bereits als Mitglied einer illegalen politischen Gruppe erkannt worden war oder jemals erkannt worden ist» Entscheidend ist, ob er nach der Art seiner Betätigung für.die verbotene Partei, nach dem Kreise der Mitwisser, nach den ihm zu-gekommenen Warnungen und nach der Behandlung, die ihm bei seinem Grenzübertritt am Vortage der Flucht widerfahren war, bei vernünftiger Erwägung damit rechnen durfte, daß er bereits in den Verdacht illegaler Betätigung geraten sei oder daß ein Zugriff der Geheimen Staatspolizei auf die illegale Gruppe bevorstehe, bei welchem er als Mitglied ermittelt oder verraten werden und Maßnahmen ausgesetzt sein könnte, die nicht außer Verhältnis zur Aufgabe von Eigentum und Beruf durch die Flucht ins Ausland standen» Wenn sich der Berufungorichter davon überzeugt, daß der Kläger Deutschland am 12» Dezember 1937 aus Furcht vor politischer Verfolgung verlassen hat, dann wird er somit festzuotellen haben, in welcher Art und Weise sich der Kläger für die verbotene Sozialdemokratische Partei eingesetzt und betätigt und durch diese Tätigkeit gefährdet hat und welche Anhaltspunkte der Klüger dafür hatte, daß er über kurz oder lang ein Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung werden könne» Es erscheint nicht ausgeschlossen, daß das Berufungsurteil in diesen Punkten Unterstellungen zugunsten des Klägers macht, weil aus Rechtsgründen die objektive Ge-fabrenlagc für allein maßgeblich erachtet worden, ist» ob die Entscheidung des Berufungsrichters im Ergebnis durch die Versagung der Entschädigung gemäß § 7 Abs* 1 BEG getragen wird» Das angcfochtene Urteil enthält keine Feststellungen darüberp wie es zur Ableugnung des Betrugsverfahrens durch den Kläger gekommen ist und in weichem Grade dieses Verhalten nach den konkreten Umständen dem Kläger zu dem Vorwurf gereicht <> Mangels solcher Feststellungen läßt sich die Verhältnismäßigkeit der Ei'moosensentscheidung nicht beurteileno Die Entscheidung über die Gebühren und Auslagen beruht auf § 225 BEGo Mai Wüstenberg Ifaaß von der Mühlen Bökolmann