BGH · IV ZR 1/63
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Zusammenhang zwischen den norvösen Beschwerden und den Verfolgungserlebnissen verneint und diese Leiden auf eine Arteriosklerose zurückgeführt hätten« Die Leistenbrüchc, die erat Jahre nach dem Ende der Verfolgungszeit aufge-treton seien, hätten die ärztlichen Sachverständigen als Folge einer angeborenen Bindegewebsschwäche bezeichnet und aus diesem Grunde einen ursächlichen Zusammenhang mit der Verfolgung abgelehnt« 14» Januar 1959 nicht verneint werden, da dieser Arzt zwei der drei Bruchoperationen ausgeführt und in dem Zeugnis auf die schwere körperliche Arbeit des damaligen Klägers als Ursache der Bruchleiden hingewiesen habe« Das Berufungsgericht hat das Urteil des Landgerichte bestätigt« Es hat die Revision an den Bundesgerichtshof nicht zugolasscn« Durch den Beschluß des Senats vom 3o« November 1962 wurde die Revision zugelassen« Nachdem Revision eingelegt ' war, verstarb der Ehemann der Klägerin« Seine »Vitwe, die ihn beerbt hat, setzt den Rechtsstreit fort., um zu erreichen, daß das beklagte Land verurteilt wird, an die Klägerin Kapitalentschädigung und rückständige Rente von insgesamt 26«545,4o DM zu zahlen« 1« Nach der Auffassung des Berufungsgerichts können die beiderseitigen Leistenbrüche, die den Ehemann der Klägerin nötigten, sich dreimal operieren zu lassen, sowie die darauf beruhenden gesundheitlichen Verhältnisse keinen Sntschüdi-gungsanspruch nach § 28 ff BEG begründen« Nach der vom Berufungsgericht gebilligten Ansicht der ärztlichen Gutachter Dr« Dr« RflBHHP un(* 3r« ist das erwähnte Leiden auf eine angeborene Bindegewebsschwäche zurUckzuführon« In dom angefochtenen Urteil wird dazu noch gesagt, daß das Rczidivieren des linken Leistenbruchs, sowie der Umstand« daß der Vertrauensarzt Dr* bei seiner Untersuchung dos Ehemannes der Klägerin erstmals einen kleinen Narbenbrueh an der Prostataoperationsnarbe gefunden hat, für diese Ansicht der drei genannten Arzte spreche« Das Berufungsgericht vor- 2» Die Klägerin wendet sich gegen diese Festu oöllun,;; i in L l der Rüge, das Berufungsgericht hätte den Antrag, zur Klärung dieser Präge das Erscheinen der Arzte Dr. RflBHIV und Dr» vor Gericht anzuordnen, nicht ablehnen dürfen« Dieser Antrag war in der mündlichen Verhandlung vor dem Berufungsgericht am 1?» Januar 1962 gestellt und im Schriftsatz von 19« Januar 1962 erläutert worden« In ihm hatte der damalige Kläger mitgcteilt, daß er den Antrag gestellt habe, um den beiden Ärzten die Präge stellen zu können, ob die Leistenbrüche allein auf die Bindegewebsschwäche zurücksu-fUhron seien« Dieser Arzt war von der Entschädigungsbehörde des beklagten Landes in dem an das Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland gerichteten Schreiben vom 28„ November 1959 mit der Erstattung eines Gutachtens beauftragt worden» Da nach §191 BEG die Vorschriften der Zivilprozeßordnung für die Beweisaufnahme durch die Entschadigungsbehörde gelten, int ein von der Entschädigungsbehörde als Sachverständiger hinzu-gezogener Arzt nicht als Privatgutachter einer Partei, sondern wie ein gerichtlicher Sachverständiger ansusehen» Das hat der Senat in der RzW 1961, 132 Nr» 29 abgedruckten Entscheidung ausgesprochen» Anders ist es dagegen, soweit der Antrag das Ziel verfolgte, dem damaligen Kläger nach §§ 397, 4o2 ZPO Gelegenheit zu geben, an Br« Prägen zu stellen« Dieses Recht, an den Sachverständigen, der ein schriftliches Gutachten erstattet hat, Fragen zu stellen oder stellen zu lassen, ist für die Partei von erheblicher Bedeutung« Ist kein Rcchto-mißbrauch,insbesondere auch keine Absicht der Prozeßvor-ochlcppung.-ersichtlich, so ist einem entsprechenden Antrag in der Regel stattzugeben, wie in der Rechtsprechung des Bundes gerichtshofs mehrfach hervorgehoben worden ist (BGHZ 6, 398, Der Antrag auf diese Vernehmung war auch nicht verspätet gestellt» Zwar hat der V» Zivilsenat in der BGHZ 35 s 37o abgedruckten Entscheidung dargelegt, daß das Recht, nach § 397 ZPO an einen Zeugen Prägen zu stellen, nur unmittelbar in Verbindung mit der Vernehmung des Zeugen ausgeübt werden kann» Hieraus hat der genannte Senat gefolgert, daß der Antrag, das Erscheinen eines Sachverständigen vor Gericht anzuordnen,, .in dem Termin gestellt werden muß, in dem nach § 285 Abs» 2 ZPO das schriftlich erstattete Gutachten vorgetragen und dadurch in den Rechtsstreit eingeführt worden ist» Eine solche zeitliche Beschränkung dieses Rechts ist mit den das Verfahren vor den Entschädigungsgerichten kennzeichnenden Besonderheiten nicht zu vereinbaren» Erfahrungsgemäß benötigen die überwiegend in Ausland lebenden Verfolgten erhebliche Zeit, Äußerungen der Ärzte ihres Vertrauens beizubringen» Erst auf Grund solcher Äußerungen kann, aber in der Regel sachgemäß beurteilt werden, ob ein solcher Antrag zu stellen ist» Sind nach § 2o9 Abs» 1 BEG die Vorschriften der Zivilprozeßordnung entsprechend an-zuwonden, so ist es nach dem Gesagten jedenfalls angebracht, die in der erwähnten Entscheidung dargelegten Grundsätze im Verfahren vor den Entschädigungsgerichten nicht durchgreifcn zu lassen» Bas Recht des Gerichts, einen verspätet gestellten Antrag aus diesem Grunde zurücksuweisen, wird dadurch nicht berührt» Durch diese Angriffe gegen die Erwägungen, mit denen die Entschädigungsbehörde und das Landgericht ihre Verneinung dos ursächlichen Zusammenhanges begründet hatte, hatte der frühere Kläger bereits zu dem Ausdruck gebracht, in welcher Richtung er durch mündliche Befragung des Sachverständigen weitere Aufklärung wünschte (vgl» VII ZK 275/56 vom 21» Januar 1957)o Forderte er nun, wie der Schriftsatz vom 19« Januar 1962 ergibt, die Vernehmung des Sachverständigen Dr» durch das Gericht, weil er ihm die Frage vorlogen wollte, ’’ob die Leistenbrüche allein auf Bindegewebsschwäche zurückzuführen sind", so kann nach dem gesamten Vortrag des Klägers nicht zweifelhaft sein, daß er diesen Sachverständigen nach der Bedeutung der ihm durch die Auswanderung aufgezwungenen schworen Arbeit für die Entstehung oder Verschlimmerung seines Leidens fragen wollte (vgl» hierzu RsW 1962, 454 Nr» 17)« Insgesamt gesehen, genügte diese Begründung des Antrags sogar den Anforderungen, die das Berufungsgericht nach den Gründen seines Urteils für notwendig erachtet« Aus diesem Grunde kann die Auffassung des Berufungsgerichts, der Kläger hätte seinen Antrag, nicht ausreichend begründet und das Ziel seiner Fragen nicht deutlich genug bezeichnet, nicht gebilligt werden« nicht auseinandergesetzt hatten» Wie der Senat in der Rs\V 1961, 132 Nr» 29 abgedruckten Entscheidung betont hat, muß eich ein ärztlicher Gutachter in Entschädigungssachen in aller Regel mit den von dem Geschädigten vorgelegten ärztlichen Zeugnis ausoinandersetzen» Ist das nicht geschehen, so liegt darin ein VorfahrensmangelP der den Wert des Gutachtens erheblich beeinträchtigt» Ohne daß es eines Antrags der Parteien bedarf, muß das Gericht, je nach Lage des Palles, eine schriftliche Ergänzung des Gutachtens anfordern (§ 412 ZPO), dio Vernehmung des Sachverständigen anordnen oder ein Obergutachten anfordern» Auch diese Erwägungen hätten das Berufungsgoricht zu einer anderen Entscheidung über den Antrag auf Ladung des Sachverständigen veranlassen müssen» Eine solche Anordnung erübrigte sich auch nicht deshalb, weil auch bei zwei operierten Leistenbrüchen die Minderung der Erwerbsfähigkeit meist die Grenze von 2o v» H» nicht überschreiten wird» Für sich gesehen, würde ein derartiges Leiden den Anspruch auf Rente und Kapitalentschädigung meist nicht begründen könnon (§31 Abs» 1, § 36 BEG)» Es ist aber nicht auszuschließen, daß eine verfolgungsbedingte M.dJS» von insgesamt 25 i» in Betracht kommt, wenn das Berufungsgericht auch die psychischen Erscheinungen, unter denen der Erblasser der Klägerin gelitten hatte, als Verfolgungsleidcn anerkennt* Daran ist es möglicherweise gehindert worden, weil es den Antrag auf gerichtliche Ladung des Sachverständigen Prof» Auch dann9 wenn das Berufungsgericht auf Grund einer sorgfältigen Prüfung und Abwägung zu dem Ergebnis kommen konnte, daß die von der Norm abweichenden psychischen Erscheinungen nicht alo Folge des Verfolgungsschicksals anzuoehen sind, durfte es die von dem damaligen Kläger beantragte Vernehmung dos Sachverständigen Profc-Dr«H®fc nicht ablehnen«, Es kam dem Antragsteller darauf an, sich durch Befragen dieses Sachverständigen darüber zu unterrichten, ob die poycho-neuroticchcn Storungen durch die jahrelangen seelischen Belastungen, verursacht, mitvoruroacht oder verschlimmert worden waren« Nach dieser Richtung sollte der Sachverständige befragt worden« wie sich aus dem Schriftsatz vom 17« November 196o ergibt« Aus dem diesem Schriftsatz beigefügten Zeugnis des I)r« PiflHH? tigen konnte, ist zu ersehen, daß Dr« Pi^HH die rcsidi-viorendo Depression seines Patienten auch auf den sozialen Abstieg zurückführt, der als Folge der erzwungenen Auswanderung anzuoehen ist« Nach Ansicht des Erblassers der Klägerin hatte Prof« Dr« HflP die hierauf beruhenden seelischen Belastungen nicht genügend berücksichtigt« Ob dieser Mangel vorlag, ist nicht zu erörtern, auf jeden Fall war damit genügend deutlich gemacht, worauf es bei der Befragung des Sachverständigen ankommen sollte« Das Berufungsgericht hätte daher auch die Vernehmung des Prof« Dr« durch das Prozeßgericht oder durch das zuständige deutsche Konsulat anordnen müssen«