BGH · IV ZR 95/56
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
2* Bei einer Entscheidung, ob Entschädigungsan-* spräche ganz oder nur teilweise zu versagen sind, .sind nicht nur die Auswirkung der unlauteren Mittel oder der unrichtigen Angaben auf die geltend gemachten Entschädigungsansprüche, sondern alle hiermit in Zusammenhang stehenden Umstände, insbesondere das Maß des Verschuldens des Anspruchsberechtigten und der Unrechtsgehalt seines Verhaltens zu berücksichtigen. Das Urteil des 13- Zivilsenats des Kammergerichts in Berlin vom 21, Dezember 1955 wird aufgehoben, Der Rechtsstreit wird zur anderweiten Verhandlung und Entscheidung, auch über die außergerichtlichen Kosten der Revision, an das Berufungsgericht zurückverwiesen • Im übrigen ist das Verfahren vor dem *evisionsgericht gebühren- und auslagenfrei. Januar 1947 in Westberlin wohnte, gehörte seit dem Jahre 1919 der KPD an« Ungeachtet ihres Verbots durch den nationalsozialistischen Gewalthaber betätigte er sich weiter für diese Partei als Kassierer, Aus diesem Grunde wurde er am 26 * Februar 1934 durch die Gestapo verhaftet und durch Urteil des Kammergerichts vom 11, August 1934 wegen Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens zu 1 1/2 Jahren Gefängnis verurteilt. Die Entschädigungsbehörde hat in der Zugehörigkeit zur WN ein Vorschubleisten im Sinne des § 1 Abs 4 Nr 1 BErgG erblickt und eine Entschädigung abgelehnt. Es hat sich der Auffassung der Bntschädigungs-behörae angeschlossen, daß der Kläger wegen seiner Mitgliedschaft bei der WH auf Grund des § 1 Abs 4 Hr 1 BErgG keinen Anspruch auf Entschädigung habec Die Berufung des Klägers gegen dieses Urteil hatte abgesehen von der Entscheidung über die Kosten keinen Erfolg, Mit der vom Berufungsgericht zugelassenen Revision verfolgt der Kläger sein Begehren weiter. Es hat ihm jedoch auf Grund des § 2 Abs 1 BErgG eine Entschädigung versagt, weil er, um Entschädigungsleistungen zu erlangen, der Wahrheit zuwider die Frage nach einer Mitgliedschaft bei der SED in dem Zusatzfragebogen verneint habe, Wenn der Kläger in dem Verfahren vor der Entschädigungsbehörde den Zusatzfragebogen ausfüllte, so sei er verpflichtet gewesen, dies wahrheitsgemäß zu tun, da die Ausfüllung für das Entschädigungsverfahren von entscheidendem Einfluß hätte sein können. Wenn sie zunächst sich darauf beruft, daß § 2 BEG nur von wissentlich oder grob-fahrlässig unrichtigen Angaben über Grund oder Höhe des Schadens spreche und Angaben über die Mitgliedschaft bei der SEE nichts mit dem Grund oder, der Höhe des Schadens zu tun hätten, so übersieht sie, daß § 2 BErgG eine Versagung auch zuläßt, wenn der Anspruchsberechtigte sich zur Erlangung von Entschädigungsleistungen unlauterer Mittel bedient hat. Eas, was § 2 BErgG unter unlauteren Mitteln versteht, ist zu demindest nichts anderes, als was nach dem von der Revision hervorgehobenen § 31 Abs 1 Er 2 BWGöE gleichfalls zu einer Versagung der Wiedergutmachung führen kann, nämlich eine zu dem Zwecke der Täuschung erfolgte Verschweigung, Entstellung oder Vorspiegelung 'für die Entscheidung erheblicher Tatsachen. Einmal können, wie der erkennende Senat bereits in sei-ner zur Veröffentlichung bestimmten Entscheidung vom 21% April 1956 IV ZR 52/56 ausgesprochen hat, unrichtige oder irreführende Angaben oder unlautere Mittel, deren sich der Anspruchsberechtigte zur Erlangung irgendeiner und nicht nur der streitigen Entschädigung bedient hat, zur Versagung einer Entschädigung führen. Sodann setzt § 2 BErgG das Bestehen eines Entschädigungsanspruchs voraus, der nur wegen des unlauteren Verhaltens des Geschädigten zu versagen ist, Schließlich erfordert auch, wie in cer oben angegebenen Entscheidung näher ausgeführt ist, der Sinn und Zweck dieser Bestimmung, daß der Anspruchsberechtigte, auf dessen Angaben die Entschädigungsorgane weitgehend angewiesen sind, sich unwahrer Angaben oder unlauterer Mittel enthalten muß und daß, wenn er dies trotzdem nicht tut, er Gefahr läuft, seinen sonst berechtigten Entschädigungsanspruch zu verlieren. Abgesehen davon, daß es nicht arglistig ist, wenn der Beklagte sich auf eine ihm günstige Rechtsprechung - besonders in einer höchstrichterlich noch nicht entschiedenen Rechtsfrage - beruft, übersieht die Revision, daß nach § 83 Abs 1 BErgG die Entschädigungsorgane von Amts wegen alle für die Entscheidung erheblichen Tatsachen zu ermitteln und wenn diese einen unter § 2 Abs 1 BErgG fallenden Tatbestand ergeben, auoh von Amts wegen diese Bestimmung anzuwenden haben> Abgesehen davon, daß nach den bisherigen Feststellungen des Berufungsgerichts bei dem Kläger nur von einer bloßen Mitgliedschaft bei der SEB und dem TVTff aüszugehen i.st und ihm deshalb ein Entschädigungsanspruch auf Grund der Bestimmungen des 5*1 Abs 4 BBrgG nicht zu versagen wäre, die unrichtigen Angaben über die Mitgliedschaft bei der SED somit auf den geltend gemachten Entschädigungsanspruch nicht einwirken könnten,- sind für die Frage, ob trotz unrichtiger Angaben oder unlauterer Mittel dem Kläger seine Entschädigungsansprüche völlig zu versagen sind, nicht allein die Auswirkung auf die streitigen Ansprüche, sondern alle hiermit in Zusammenhang stehenden Umstände, insbesondere das Maß des Verschuldens des Anspruchsberechtigten und der Unrechts gehalt seines Verhaltens entscheidend.. Dies hätte das Berufungsgericht berücksichtigen und entsprechend der sich hieraus ergebenden Würdigung der gesamten Umstände des Falles über die völlige oder nur teilweise Versagung einer Entschädigung entscheiden müssen, wobei die Festsetzung des Umfangs nach freier Überzeugung zu erfolgen hatte« Da es sich hierbei um eine tatrichterliche Frage handelt, die vom .Revisionsgericht nicht zu entscheiden ist, war das Verfahren zur anderweitigen Verhandlung und Entscheidung an das Berufungsgericht zurüclczuver-v/eisen« Die Entscheidung der Kosten beruht auf § 87 BErgG- c