BGH · IV ZR 75/63 vom 08.11.1963
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Zivilsenats - Entschädigungosenats - des Ober-landesgerichts Saarbrücken vom 7» Juni 1962 aufgehoben, soweit auf die Berufung des beklagten Landes über den Anspruch auf Entschädigung für Schaden an Freiheit und über die außergerichtlichen Kosten entschieden ist. Der im Jahre 1908 in geborene Kläger begab sich einige Tage nach der Saarabstimmung im Januar 1935 nach Frankreich* kehrte jedoch nach einiger Zeit wieder zu seiner Familie nach BUHHP zurück und war zunächst bei Baufirmen* später bei der Staatlichen Forstverwaltung als Notstandsarbeiter tätig» Durch Urteil des Landgerichts Saarbrücken vom %» Oktober 1936 wurde er wegen schweren Diebstahls zu einer Gefängnisstrafe von 8 Monaten verurteilt» Von dort begab er sich im November 1936 nach Spanien* wo er in den Reihen der Internationalen Brigade auf Seiten der Re-publikanor am Spanischen Bürgerkrieg teilnahm und bei den Kämpfen um Teruol eine Verwundung erlitt* die zur Amputation einos Fußes führte» Seit November 1938 lebte der Kläger in Paris. Dort wurde er bei Kriegsausbruch interniert» Nach der Entlassung aus dem Internierungslager begab er sich in die damals noch unbesetzte Zone Frankreichs und hielt sich im Gebiet der Pyrenäen auf.Im Juni 1943 wurde er durch deutsche Grenzpolizisten in der Nähe von Andorra festgenommen» In der Folgezeit war er in verschiedenen Gefängnissen» Am 16. Der Kläger hat auf Grund landesrechtlicher Vorschriften über die Wiedergutmachung durch Bescheid vom 23« Juni 1949 als EntSchädigung für Prciheitsschaden 78.000 ffrs* für Möbel- und Klciderverlustc 50.000 ffrs und für Verdienstauofall 69»000 ffrs erhalten. Die EntSchädigungsbehörde hat durch Bescheid vom Dezember I960 die Ansprüche abgelehnt« In den Gründen des Bescheides ist ausgeführt: Der Kläger sei nicht Verfolgter im Sinne des Verlobten geerbt, während er damals verheiratet gev/esen sei und sein Bruder erklärt habe, der Kläger habe diese Möbel gekauft Der.Kläger hat Klage erhoben und beantragt, das beklagte Land zu verurteilen, an ihn wegen Schadens an Körper und Gesundheit sowie wegen Schadens im beruflichen Fortkommen eine Rcnto, ferner v/egen Schadens an Freiheit für 15 Monate eine Entschädigung abzüglich der bereits 1949 gezahlten 65«OOO ffrs, außerdem die Pauschalabgeltung gemäß § 54 BEG als Entschädigung Ras Landgericht hat durch Teilurteil das beklagte Land verurteilt9 an den Kläger als Entschädigung für Schaden an Freiheit den Betrag von 1 032«) 10 DM (1 800 DM ab 65*000 ffrs - 767990 DM) zu zahlen, die Klage, soweit sie auf eine höhere Entschädigung für Schaden an Freiheit sowie auf eine Entschä-digung wegen Schadens an Eigentum und auf Zubilligung einer Soforthilfe gerichtet ist, abgewiesen und die Entscheidung über die weiteren Ansprücho des Klägers Vorbehalten« Gegen dieses Urteil haben beide Parteien Berufung eingelegt, der Kläger mit dem Antrag, das beklagte Land auch zur Zahlung von 6.000 DM Soforthilfe an ihn zu verurteilen, da3 beklagte Land mit dem Antrag, die auf Entschädigung für Schaden an Freiheit gerichtete Klage in vollem Umfang abzuwoisen. Mit dor vom Bundesgerichtshof zugelassenen Revision verfolgt das beklagte Land den Antrag, die auf Entschädigung für Schaden an Freiheit gerichtete Klage in vollem 1« Nach den Feststellungen des Berufungsgerichts ist der Kläger spätestens im Februar 1936, wenn nicht schon v/e sondern um sich der Vollstreckung aus dem Strafurteil vom 1« Oktober 1936 zu entziehen« Las Berufungsgericht hat ferner für erwiesen erachtet> daß der Kläger im früheren V; ie d er gut nachungs ver fahren unrichtige oder irreführende Angaben gemacht hat« Solche Angaben hat es darin erblickt, daß der Kläger bei der Larstellung seiner Emigration nach der ScarabStimmung seine baldige Rückkehr in das Saargebiet und soinc endgültige Emigration erst im Oktober 1936 verschwiegen und noch boi der Anmeldung seiner Schäden im August 1947 erklärt hat, ihm ooi vom Urteil vom 1« Oktober 1936 des Klägers zu vermeiden, den bei einer Emigration erst im Oktober 1936 schwierigen Nachweis für eine Auswanderung aus politischen Gründen führen zu müssen« Gleichwohl hat jedoch das Berufungsgericht die Zubilligung einer Entschädigung für den an heit soitens des Landgerichts mit vermieden werden solle, daß sich jemand durch unrichtige Angaben eine Entschädigung erschleiche, so erscheine es doch angebracht, die Bedeutung der Angaben und den zugefügten Schaden abzuwägen* Bas Verschweigen des Klägers über die Rückkehr in das Saarland und die spätere Emigration seien nicht so schworwiegend zu beurteilen, daß dem Kläger des halb eine Entschädigung für seine Leidenszeit in einem Kon zcntrationslager versagt werden solle* Nach den gegebenen Umständen dürfte es nicht im Sinne des Bundesentschädigungs gesetzQs liegen, dem Kläger für die Inhaftierung in Dachau eine Entschädigung zu verweigern* Die übrigen im Versagungs bcschcid als unrichtig bezeichneten Angaben seien nicht als falsch anzusehen BEG liegt die Entziehung oder Versagung von Entschädigungsansprüchen im Ermessen der Entschädigungsbehürde Das Entschädigungsgericht hat folglich nach § 211 BEG nur zu prüfen, ob die Entschädigungsbehürde die gesetzlichen Grenzen des Ermossens überschritten oder von dem Ermessen in einer dem Zweck der Ermächtigung nicht entsprechenden Weise Gebrauoh ge macht hat0 Mit dieser Regelung, die den allgemeinen Grund Sätzen des Verwaltungsrechts entspricht und sich auch in einer Reihe anderor Gesetze findet (vgl Berner obliegt dem Gericht die Prüfung, ob die Entschädigungsbehörde von dem Ermessen in einer dem Zweck der Ermächtigung nicht entsprechenden Weise Gebrauch gemacht hat« Hierzu gehören die Bälle des Ermessenofcblgebrauchs, insbesondere der Willkür oder des Ernccocncinißbrauchs (vgl« BVerwGE 3/279)« Von oincr fehlerhaften Ermossonsentscheidung dieser Art kann insbesondere dann gesprochen werden, wenn die Behörde sich von rechtlich unzutreffenden oder sachfremden Erwägungen hat leiten lassen, wenn sie gleichgelagerte Fülle ohne hinreichenden Grund ungleich behandelt hat, also von einer bestehenden Verwaltungsübung ohne zwingenden Anlaß abgewichen ist, schließlich auch, wenn die Behörde entweder keinerlei Erwägungen angestellt hat oder wenn die den Verwaltungsakt tragenden Erwägungen bloßer Vorwand sind (vglo zu diesen Fragen Pachingcr, Überschreitung und Fehlgebrauch des Verwaltungsermossens in NJW 1949? c) Bas Berufungsgericht hat sich, wio die Revision mit Recht rügt, nicht im Rahmen dieser ihm nach § 211 BEG obliegenden beschränkten Nachprüfung gehalten« Bas Gesetz sicht bei Vorliogen der Voraussetzungen des § 7 BEG die ganze oder teilweise Versagung jeden Anspruchs vor, also auch die Versagung eines Anspruchs, der durch eine in einem Konzentrationslager erlittcno Freiheitsentziehung entstanden ist« Nit Rücksicht auf die Bedeutung, die in den Entschädigungsverfähren den Angaben der Antragsteller schon mit Rücksicht auf die Bestimmung des § 176 Abs« 2 BEG zukommt, hat der Gesetzgeber mit gutem Grund erhöhte Anforderungen an die Richtigkeit dieser Angaben gestellt und an unrichtige Angaben eine weitgehende Vorv/irkungs-folgo geknüpft (vgl« Senatsurteil von 16« Bezember 1957 - IV ZK 232/57 LM Nr0 4 zu § 7 BEG 1956 = RzW 1958, 100 Nr« 18)« Diesem Gesichtspunkt kommt hei dor Prüfung einer etwaigen Verhältnismäßigkeit zwischen dem schuldhaften Verhalten eines Berechtigten und dor deshalb ausgesprochenen Versagung eines Anspruchs besondere Bedeutung zu» Im Hinblick auf den vom Gesotz, gober mit der vorgesehenen weitgehenden Verwirkungsfolgc erst ten Zweck besteht daher kein Kaum für die Annahme des Berufungsgerichts 9 daß die Entschädigungsbehörde den Grundsatz der Ver-hältnismäßigkeit zwischen der festgestellten Verfehlung und dor Versagung einer Entschädigung für den Aufenthalt in einem Kon» Des gleichen kenn auch nicht gesagt werden, daß schädigungsbehördc hier von ihrem Ermessen nicht in einer Zweck der Ermächtigung entsprechenden Weise Gebrauch gemacht Das Gesetz wortot grundsätzlich einen vorsätzlichen oder fahrlässigen Verstoß gegen die Wahrheitspflicht als so schwer wiegend, daß es der Entsch^äigungsbehörde die Befugnis zur zen oder teilweisen Versagung des oder der Entschädigungsan Sprüche wegen eines solchen Verhaltens gibt. 3» hach allem hat das Berufungsgericht sich nicht auf iio in § 211 BEG vorgesehene Nachprüfung beschränkt, sondern jein Ermessen an Stelle des Ermessens der Entschädigungsbe-lördo gesetzt» Dies ist unzulässig« Bie Entschädigungsbehörde hat die Versagung des Anspruchs juf den Vorwurf unrichtiger Angaben hinsichtlich mehrerer "unkte gestützt» Bemgegenüber hat das Berufungsgericht un richtige oder unvollständige Angaben des Klägers nur hin sichtlich eines einzigen Punktes, nämlich des Zeitpunktes er endgültigen Emigration, als erwiesen erachtet» Weicht iber der vom Entschädigungsgericht festgestellte Sachverhalt ;esentlich von dem Verhalten des Berechtigten ab, das die 2ntschädigungsbchördc zur Versagung veranlaßt hatte, so ist 3er Entschädigungsbehörde Gelegenheit zur erneuten Ausübung