BGH · IV ZR 72/59
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Er betrieb in Gablonz ein Konfektionsgeschäft» Im September 1933 flohen die Klägerin und ihr damaliger Ehemann nach Spraslav an der Moldau, Beim Versuch, illegal über die Grenze nach Polen zu gelangen, um von dort nach England auszuwendern? 6, Dezember 1957 mit der Begründung abgelehnt worden, daß die Voraussetzungen für eine Entschädigung nicht gegeben seien, da der Erblasser niemals eine örtliche Beziehung zur Bundesrepublik oder zu dem Gebiet des Deutschen Reichs nach* dem Stande vom 31 * Dezember 1937 gehabt habe (§ 4 BEG) und auch nicht Vertriebener im Sinne des § 1 des Bundesveririebenengesetzes.(BVFG) Das Berufungsgericht hat zutreffend dargelegt, daß die Klägerin den mit der vorliegenden Klage geltend gemachten Anspruch auf Entschädigung für die vom Erblasser erlittene Freiheitsentziehung nur als erei’bten Anspruch (§ 46 Abs. 2 BEG) geltend machen kann, während ein etwaiger Anspruch wegen Schadens am Leben des Erblassers auf Grund ihrer Hinterbliebeneneigenschaft (§ 1 Abs, 1 Ziff, 1, § 15 Ziff.1, § 17 Abs, 1 Ziff.1, § 41 BEG) in ihrer Person entstanden sein kann, sofern sie zu einem Personenkreis gehört, auf den eine der Voraussetzungen der §§ 4, l5o,Abs.2 Satz 2 oder l6o Abs.3 Satz 2 BEG zutrifft, Der von der Klägerin hier geltend gemachte Anspruch steht ihr also nur zu, sofern die Voraussetzungen Per Erblasser ist weder aus dem Gebiet der Tschechoslowakei,, in dem er bis April 1939 seinen Wohnsitz hatte« noch aus Polen, wo er sich in der Folgezeit aufgehalten hat, wegen.seiner Zugehörigkeit zu dem deutschen Volkstum tatsächlich vertrieben worden. wenn er nach dem 3o* Januar 1933 die im § 1 AbSc 1 BVFG beseichneten Vertreibungsgebiete verlassen und seinen Wohnsitz außerhalb des Peutschen Reichs genommen hätte,, weil aus Verfolgungsgründen nationalsozialistische Ge-waltmaßnahmen gegen ihn verübt worden wären oder ihm gedroht hätten« Pie Klägerin ist der Meinung* daß der Erblasser sowohl durch die Übersiedlung von Gablonz nach Spraslav im September 1938 als auch durch die Flucht von dort nach Polen im April 1939 jeweils ein Vertreibungsgebiet verlassen und seinen Wohnsitz außerhalb des Deutschen Reichs genommen habe«, so daß die Voraussetzungen des § 15o Abs«. Vertriebenen,, die bis zu dem 31« Dezember 1952 im Geltungsbereich des Grundgesetzes oder in West-Berlin ihren ständigen Aufenthalt genommen haben« bestimmte Rechte und Vergünstigungen gewähren (§ 9 ff BVPG)« Es geht dabei davon aus, daß der Vertreibungstatbestand bei den Personen, denen es den Status von Vertriebenon zuerkennt, abgeschlossen ist,, der Vertriebene also nach der Vertreibung seinen ständigen Aufenthalt in einem Gebiet genommen hat., in weichem er keiner Vertreibung mehr ausgesetzt ist« Das Gesetz unterscheidet deshalb auch zwischen Kindern- die vor der Vertreibung geboren sind und den Status als Vertriebene originär erwerben, und solchen, die nach der Vertreibung geboren sind und diesen Status gemäß § 7 BVPG von einem Elternteil erwerben können.. Ein Vertriebener, der während der Vertreibung - etwa auf dem Transport von Ungarn nach Deutschland in der Tschechoslowakei - verstorben ist, konnte danach mit der 7'ertriebeneraigenschafi im Rechtssinne nicht mehr ausgestattet werden. In den Fällen des § 1 Abs, 2 Ziff* 1 BVPG tritt nun an die Stelle des - durch Auswanderung vermiedenen Vertreibungstatbestandes - das durch tatsächliche oder drohende Yerfolgungsm&Bnahmen ^eranlaßte Verlassen des Yertreibungs-gebiets und das Wohnsitznehmen außerhalb des Deutschen Reichs, Dieser Tatbestand kann aber nur dann zu dem Erwerb der Vertriebeneneigenschaft führen, wenn der ausgewanderte Verfolgte die Vertreibungszeit noch erlebt hat. Ist er - nach seiner Auswanderung - vor dieser Zeit gestorben, so kann er die Ver.'&riebenesaoigenschaft ebensowenig erwerben wie der vor der Vertreibung im Vertreibungsgebiet verstorbene Deutsche oder Volksdeutsche« Denn nach § 1 ÄbSc 2 Ziff« 1 BVPG sollen die Rechtsstellung als Vertriebene und die damit verbundenen Rechtsvorteile denjenigen nicht versagt werden., die sie ledifjli^ll deshalb nicht erlangt haben-, weil sie vor der Vertreibung unter dem Truck nationalsozialistischer Verfolgungsmaßnahmen ausgewandert sind» Andere Hinderungsgründe für den Erwerb der Vertriebenen-eigonschaft als die verfolgungsbedingte Auswanderung werden durch die Fiktion der genannten Bestimmung nicht beseitigt. Oktober 1959 - IV ZR 106/59 - dargelegt, daß ein - in jenem Palle aus Österreich - ausgewsnderter Verfolgter dann nicht als Vertriebener angesehen werden kann* wenn er ohne die Emigration später in dem Land* das er verlassen hat, nicht, vertrieben worden wäre« Ter Hinderungsgrund für den Erwerb der Vertriebenen-eigenschaxt war beim Erblasser nicht seine vorherige Auswanderung aus einem Vertreibungsgebiet - dieser Hinderungsgrund wäre, wie ausgeführt, durch § 1 Abs.« 2 Ziff« 1 BVFG beseitigt worden -, vielmehr hätte seine Auswanderung aus dem Sudetenlanö in die Tschechoslowakei und von dort nach Polen seine Vertreibung nicht verhindert« Wenn es zu seiner Vertreibung nicht mehr gekommen ist. so nicht deshalb, weil er, wovon das Gesetz im § 1 Abs» 2 Ziff« 1 BVPG ausgeht, das Vertreibungsgebiet bereits vor dem Einsetzen der Vertreibungsmaßnahmen verlassen hatte, sondern weil er bereits vorher verstorben war« Nun hatte freilich der Erblasser nach der unbestrittenen Behauptung der Klägerin seit dem Jahre 1939 die Absicht gehabt, Polen zu verlassen und der Klägerin nach England zu folgen«■ Er ist daran möglicherweise durch nationalsozialistische verfolgungs-