BGH · IV ZR 69/63 vom 30.06.1963
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BUG § 150; BundesvertriebenenG § 1 Abs« 2 Vertriebene im Sinne des § 1 Abs» 2 Nr* 1 BVFG können nur dann zu den in § 150 Abs* 1 BEG bezeichneton Entschädigungs-bcrochtigten gehören9 wenn sie bei ihrem Verbleiben im Ver-treibungsgebiot, also ohne die durch nationalsozialistische Vcrfolgungsmaßnahmen bedizigte Auswanderung,, tatsächlich von einer allgemeinen Ausweisung erfaßt worden wären,, sich einer Maaoenflucht angeachlosscn hätten oder im Sinne des §‘1 Abs* 2 Nr* 2 BVPG umgosicdelt worden wären (Ergänzung zu dem Urteil vom 21« Oktober 1959 - IV ZH 1 C6/59 LM Nr* 2 zu § 1 BVPG = LM Nr* 3 su § 150 BEG 1956 * RzW I960, 35 Nr* 29)* Beklagten und Revisionsbeklagten, hat der IV« Zivilsenat des Bundesgerichtshofs auf die mündliche Verhandlung vom 3* Juli 1963 unter Mitwirkung der Bundesrichtor Johannscn, Wüstenberg, Wilden, Br* Loewenheim und Br* Graf für Rocht erkannt: 55 Nr* 29) hierunter nur diejenigen Personen fallen, die, wenn sie nicht ausgewandert wären, aus ihrer Heimat vertrieben worden wären* Das Berufungsgericht hat sodann geprüft, ob es notwendig ist, daß diese Personen im eigentlichen Sinne vertrieben worden wären, oder ob es auch genügt, wenn sie ohne ihre Auswanderung währond des Krieges umgesiedelt worden ' wären oder nach der Kapitulation als Aucsiedlcr ihre Heimat vorlassen hätten« Das Berufungsgericht ist der Ansicht, daß nur eine eigentliche Vertreibung in Frage kommen könne* Es führt aus, die gegenteilige Auffassung von Bocker/Huber/KUstei (BundesontsehÄdigungsgeoetz, § .68 BErgG, Anm* 5 8* 595) laufe darauf hinaus, daß der Tatbestand des § 1 Abs* 2 Nr* 1 BVFG nicht nur die Vertreibung im Sinne des § 1 Abs* 1 BVFG, sonde, auch die Umsiedlung und die Aussiedlung (§ 1 Abs* 2 Nr* 2 und 3 BVFG) ersetze* Eine derart weitgehende Fikt ions Wirkung, so meint das Berufungsgericht, lasse sich dem § 1 Abs* 2 Nr* < BVFG jedoch weder nach dem Wortlaut noch nach dem.Aufbau und inneren Zusammenhang de3 § 1 BVFG entnehmen« Sodann führt das Berufungsgericht aus, daß in Bulgarien keine allgemeine Vertreibung der Deutschen stattgefunden habe* Mit dieser Feststellung sei die nach dem Urteil des Bundesgerichtshofs vom 28* Februar 1962 - IV ZR 124/61 - (LM BEG 1956 § 154 Nr* 5) bestehende Vermutung ausgoräumt, daß die aus Bulgarien ausge-wanderto Klägerin von Vertreibungsmaßnahmen betroffen worden wäre, wenn sie nicht ausgewandert wäre« Der Klägerin könne infolgedessen nur dann die Vertriebeneneigenschaft gemäß .§ 1 Abo, 2 Nr, 1 BVFG zuerkannt werden, wenn feststünde, daß sie ohne vorherige Auswanderung durch eine Einzelaktion wegen ihrer Volkszugehörigkeit aus Bulgarien vertrieben worden wäre. Dafür fehle jeder Anhaltspunkt, Selbst wenn man unterstelle, daß Einsolausweisungen von deutschen Volks-sugohörigen aus Bulgarien 3tattgefunden hätten, so spreche doch alles dagegen, daß die Klägerin von einer solchen Einzelmaßnahme wogen ihrer deutschen Volkszugehörigkeit erfaßt worden wäre, Sic sei bereits 1913 als Ehefrau eines bulgarischen Staatsangehörigen ins Land gekommen und hätte seitdem selbst die bulgarische Staatsangehörigkeit besessen« Unter diesen Umständen könne nicht angenommen werden, daß sie wegen ihrer deutschen Volkszugehörigkeit aus Bulgarien vertrieben worden wäre« Das angefochtene Urteil kann nicht bestehen bleiben, weil das Berufungsgericht bei der Entscheidung der Präge, ob die Klägerin ohne ihre Auswanderung aus Bulgarien vertrieben worden wäre, von einem rechtlich nicht voll zutreffenden Gesichtspunkt ausgegangen ist. Bei der Entscheidung der Frage, ob der Verfolgte, wenn er nicht ausgewandert wäre, aus seiner Heimat vertrieben wäre, müssen aber alle Kollektivvertreibungsmaßnahmen berücksichtigt werden, die nach dom Gesetz die Vertriebeneneigen-Schaft begründen, also die allgemeine Ausweisung, drie:l^esen> flucht und auch eine Umsiedlung im Sinne des § 1 Abs<> 2 Nr, 2 BVFG, Wenn einem ausgewanderten Verfolgten die Vertriebenen-eigcnschaft versagt werden soll, muß nachgewiesen sein, daß er ohne die Auswanderung nicht durch eine dieser Kollektiv-maßnahmen seine Heimat verlören hätte. Aufgehoben werden muß das angefochtcne Urteil, weil das Berufungsgericht nicht geprüft hat, ob die Klägerin sich beim Herannahmon der feindlichen fruppen nicht einer allgemeinen Flucht der deutschen Volkszugehörigen aus Bulgarien angeschloosen hätte, Bas Gesetz ist, wie der Senat bereits ausgesprochen hat (Urteile vom 29, Mai 1963 - IV ZR 270/62 -und vom 26, Juni 1963 - IV ZR 283/62 beide zur Veröffentlichung bestimmt), in § 1 Abs, 2 Nr, 3 BVFG davon ausgegangen. Da nach den vom Berufungsgericht getroffenen Feststellungen die deutschen Volkszugehörigen aus Bulgarien nicht allgemein ausgewiesen worden sind, muß nach dom Gesotz davon ausgegangen werden, daß Bulgarien jedenfalls zu den Gebieten gehört, die von den deutschen Volkszugehörigen beim Herannahen der Feindtruppen fluchtartig verlassen worden sind.