BGH · IV ZR 63/59
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
nach der den unehelichen Kindern einer getöteten Verfolgten Renten-ansprüche nur zu stehen, wenn die Verfolgte vor ihrem Tode ihrem Kinde überwiegend Unterhalt gewährt hat, ist mit dem Grundgesetz (Arto 6 Abs« 5? Er hat behauptet» seine Mutter sei überwiegend für seihen Unterhalt aufgekommen, zu demindest habe sie nach besten Kräften dazu beigei ragen« Lange vor ihrer Verhaftung sei sie aus rassischen Gründen verfolgt worden« Deshalb habe sie den Unterhalt des Klägers nicht voll erbringen können« Als der Vater 1939 zur Wehrmacht einberufan worden sei, habe die Furcht vor den gegen Zigeuner gerichteten Maßnahmen sie bewogen, das Kind den Eltern des Klägers zur Pflege zu überlassen« Io Die Klage ist nicht deshalb unzulässig, weil der Kläger keinen zahlenmäßig bestimmten Leistungsantrag gestellt hato Nach dem Vorbringen des Klägers ist davon auszugehen, daß die monatliche Mindestrente von 75?- DM für die Zeit vom 1* Januar 1946 bis 30o Juni 1953 verlangt wird» Da die beantragte Leistung zahlenmäßig bestimmbar ist, entspricht der Klageantrag den Erfordernissen des § 253 AbSo2 Ziff*2 ZPO« lo Das angefochtene Urteil geht davon aus, daß der Kläger als uneheliches Kind einer Verfolgten Rente (Kapitalentschädigung) nur dann verlangen könne, wenn die Mutter das Kind vor ihrem Tode ganz oder überwiegend unterhalten hat oder ohne Verfolgung unterhalten hätte (§ 17 AbSöl Nro3 BEG, § 6 Abs»2 der L DY-BEG, § 9 AbSo3 BEG)» Beide Tatsachengerichte haben nun festgesteilt, daß nicht die Mutter, sondern der Vater den Kläger überwiegend unterhalten hato Deshalb haben sie die Klage abgerissen* Dieses Ergebnis ist aus Rechtsgründen nicht zu beanstanden. Die bereits bestehenden Rechte und Pflichten der unehelichen Mutter werden eingeschränkt (§§ 1738, 1739 BGB a«u« n«P«)o Die Ehelichkeitserklärung ist für den hier erhobenen Anspruch ohne Bedeutung« Sie könnte es nur dann sein, wenn sein Vater, der zu demindest den Antrag gemäß § 1728 Absolp § 1733 Abso2 BGB a«u«n,P„ noch selbst gestellt haben muß, durch nationalsozialistische Verfolgungsmaßnahmen getötet worden wäre« Dies ist nicht der Pall« b) Die im Jahre 1939 getroffene Entscheidung des Reichssippenamts hat auf Grund der Nürnberger Gesetze die beabsichtigte Heirat der Eltern des Klägers untersagt und damit verhindert, daß der Kläger durch Legitimation die Stellung eines ehelichen Kindes erlangt hat« Dieses Verbot stellt eine Verfolgungsmaßnahme dar, die die Rechtsstellung der Mutter und ihres Kindes unmittelbar beeinträchtigt hat« Die rassische Verfolgung hat den Kläger in zweifacher Weise getroffen« Sie hat seine Legitimation unterbunden und ihn seiner Mutter beraubt« Indessen folgt hieraus nicht, daß schon deshalb der Kläger hier als eheliches Kind anzusehen wäre« Nur auf dem durch das Gesetz über die Anerkennung freier Ehen rassisch und politisch Verfolgter vom 23* Juni 1950 (BGBl S«226) eröffneten Wege konnte diese Gleichstellung herbeigeführt werden, § 1 Abs>l dieses Gesetzes sah vor, daß der außerehelichen Verbindung der Verlobten, deren Eheschließung aus rassischen Gründen unmöglich gemacht worden war, auch noch nach dem lode eines Teiles durch Verwaltungsakt die rechtlichen Wirkungen einer gesetzlichen Ehe zuerkannt werden konnten« Nach § 3 Absol dieses Gesetzes waren allein die Landesjustizverwaltungen dazu berufen, zu entscheiden, ob einem Verlöbnis einer oder eines Verfolgten die Wirkungen 2* Die Revision wendet sich gegen die Ansicht des Belauf ungsgerichts, ein Anspruch der in § 16 BEG bezeichne-ten Art stehe dem unehelichen Kind einer getöteten Verfolgten- gemäß § 17 Absd Nr* 3 BEG, § 6 Abs*2 der 1* DV-BEG nur zu, wenn dem Kinde überwiegend Unterhalt von der Mutter gewährt worden sei6 Die Revision hält die Vorschrift des § 6 Abs*2 der 1» DV-BEG für ungültig, weil sie auf einer gesetzlichen Ermächtigung (§27 BEG) beruhe, die den Voraussetzungen des Art*80 Grundgesetz (GG) nicht genüge und deshalb die Rechtsverordnung nicht tragen könne* Selbst wenn aber die Verfassungsmäßigkeit der Ermächtigungsncrm unterstellt werde, sei § 6 Abs*2 der 1« DV-BEG unwirksam, da diese Vorschrift in unzulässiger V/eise die Regelung des § 17 Absnl Nr*3 BEG zu dem Nachteil des unehelichen Kindes einer getöteten Verfolgten abändere* Darüber hinaus sei eine unterschiedliche Behandlung der ehelichen und unehelichen Kinder mit Art*6 Abs«5 GG unvereinbar* wozu es einer Ermächtigung der Bundesregierung in dem erörterten Sinne bedurfte hatte* Diese Vorschrift sagt nur, was sich nach § 17 Abs*l Kr*3 BEG aus der Bezugnahme auf die Bestimmungen des Beamtenrechts über die Gewährung von Kinderzuschlägen ergibt® b) Entgegen der Meinung der Revision hat die Verweisung auf das Beamtenrecht in § 17 Abs*1 Kr®3 BEG nicht lediglich den Sinn, die Zeitdauer, aus der eine Kapitalentschädigung berechnet? unabhängig von der in der Person des Verfolgten gegebenen Umständen zu bestimmen« § 17 Abs*l Nr*3 BEG nimmt nicht nur auf die Vorschriften des Beamtenrechts Bezug, die die Gewährung des Kindergelds unter bestimmten, an die Person des Kindes geknüpften Voraussetzungen über das 16* Lebensjahr hinaus erstrecken, sondern verweist auch auf die Bestimmungen des Beamtenrechts, die festlegen, wann und für welche Zeit ein Kinderzuschlag überhaupt geleistet werden durfte und darf« Das folgt entgegen der Ansicht der Revision gerade aus § 17 Abs®i Nr»4 und 5 BEG® Diese Vorschriften gewähren elternlosen Enkeln oder Verwandten aufsteigender Linie abweichend von der Behandlung der Kinderzuschläge im Beamtenrecht unter den im Gesetz (§ 17 Abs„l Nr * 4 und 5 BEG) genannt en Vorauss et zungen einen Rechtsanspruch auf Rente* Diese Voraussetzungen mußten in das Bundesentschäaigungsgesetz aufgenommen werden, weil die Bezugnahme auf die Normen des Beamtenrechts diesen Rechtsanspruch nicht gedeckt hätte? In diesem Sinne hat der erkennende Senat § 17 Abs-,1 Nr;,3 BEG bereits im Urteil vom 15 * April 1959 - IV ZR 300/58 -ausgelegto Die in § 17 Abs,l Nr,3 BEG bezeichneten Vorschriften des Beamtenrechts (§ 38 Abs„l Satz 2 des Deutschen Beatn-tengesetzes^ ^etzt § '83 Abs«>i des Bundesbeamtengesetzes vom 14« Juli 1953 in der Passung der Bekanntmachung vom I8«,Sep-tember 1957) verweisen auf § 14 des mehrfach geänderten Besoldungsgesetzes vom 160 Dezember 1927 (BGBl I, 349)« Diese Bestimmung umschreibt die Voraussetzungen der Gewährung von Kinderzuschlägen und damit des Anspruchs auf Kapitalentschädigung und Waisenrente für die Zeit bis zu dem Inkrafttreten des Bundesbesoldungsgesetzeso Die Neuregelung der Kinderzuschläge in § 18 des am 1. c) § 17 Absol Nr»3 BEG in Verbindung mit § 14 Abs«2 Ziff®4 in der bis 31* März 1957 geltenden Passung des Besoldungsgesetzes und die hiermit übereinstimmende Vorschrift des § 6 Abso2 der lo DV-BEG knüpfen die Ansprüche der unehelichen Kinder einer Verfolgten an strengere Voraussetzungen als die Entschädigung der ehelichen Kinder« Diese Regelung verstößt nicht gegen Art»6 Abs«5 GGo Danach sind unehelichen Kindern durch die Gesetzgebung die gleichen Bedingungen für die leibliche und seelische Entwicklung und ihre Stellung in der Gesellschaft zu schaffen wie den ehelichen Kindern« Diese Bestimmung setzt nicht unmittelbar geltendes Recht? soweit die Gleichstellung der ehelichen und unehelichen Kinder in Betracht kommt (BAG NJW 1957?605^ BPH BStBl 1956 Ili So305)» Art« 6 Abso5 GG hat als Anweisung an den Gesetzgeber keine derogatorische Kraft und hat daher die Vorschrift des § 14 Abs«2 Nr«4 des Besoldungsgesetzes in der bis zu dem 31* März 1957 geltenden Passung in ihrer Wirksamkeit nicht beeinträchtigt« fassen und die sich daraus ergebenden Interessenkonflikte zu regeln, sondern versucht, das in der nationalsozialistischen Vergangenheit den Verfolgten zugefügte Unrecht nachträglich in beschränktem Umfang wiedergutzwna^hen,» Hierbei hat der Gesetzgeber vielfach Vorschriften des Beamtenrechts, die der Fürsorgepflicht des Dienstherrn entspringen, zu dem Vorbild genommen, und wegen der Rentenansprüche der Kinder getöteter Verfolgter die im Beamtenreeht bisher für die Gewährung von Kinderzuschlagen geltende Regelung entsprechend übernommen» Der Bundesgesetzgeber durfte in diesem .'Zusammenhang an die seit der Verfolgung bestehenden, durch Art»6 Abs.5 SG in ihrer Wirksamkeit unberührt gebliebenen Normen anknupfen, die die verschiedene rechtliche und wirtschaftliche Stellung der ehelichen und unehelichen Kinder während des Entschadigungszeitraums wiederspiegeln« Nur solche Normen führt § 17 Abs»l Nr«3 BEG durch seine Verweisung auf § 14 dos Besoldungsgesetzes als Anspruchsvoraus-. dahex' mit Art«3 Abs«2 GG unvereinbar und seit lo April 1953 außer Kraft getreten ist (Art, 117 Abs^l GG)« Das ist nicht der Fall« Der Vater erhielt gemäß § 14 Abs«2 Nr«4 BesG die Zuschläge für sein uneheliches Kind nur, wenn er dessen vollen Unterhalt bestritten oder das Kind in seinen Haushalt aufgenommen hatte« Der Gesetzgeber ist dabei davon ausgegangen, daß der Vater im Palle der Aufnahme seines unehelichen Kindes in seinen Haushalt auch den vollen Untei’halt erbringt« Dagegen hatte die uneheliche Mutter nach dieser Bestimmung bereits dann den Zuschlag zu beanspruchen, sofern von ihr der Unterhalt überwiegend gewährt wurde« Die uneheliche Mutter ‘jedenfalls war durch die Regelung des § 14 Abs.2 3o a)Nach alledem steht dem Kläger der Anspruch auf Waisenrente nur zu, wenn ihm seine Mutter 'vor vder Verfolgung über wiegend Unterhalt gewährt hat« Das Berufungsgericht hat das auf Grund eingehender Beweiswürdigung Verneint« Einen Rechtsirrtum lassen diese Ausführungen nicht erkennen« ehen Gesichtspunkte kann zu einem dem Kläger günstigen Ergebnis führen« Denn das Berufungsgericht hat^ von der Re-vision nicht beanstandet, fesigestei1t, daß die Mutter des Klägers vor ihrer Festnahme weder gegen sie persönlich gerichteten Verfolgungsmaßnahmen ausgesetzt noch sonst gehindert war, ihrer Erwerbstätigkeit nachzugehen und die Mittel für den Unterhalt des Klägers beizubringen®