BGH · IV ZR 60/63
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Einem Verfolgten steht auch dann ein Anspruch auf 3'intSchädigung nach § 118 BEG zu, wenn er eine Berufsausbildung, für die ihm nicht nur geringfügige Aufwendungen erwachsen sind und die er aus Verfolgungsgründen nicht hat beenden können .und nicht nachholen v/ill, nur beginnen konnte, weil er aus Verfolgungsgründen nicht zu dem Wehrdienst eingezogen wurde« Der Kläger begehrt Entschädigung wegen Ausbildungsschadens nach § 118 BEG» Er hat behauptet, seine Absicht, Landingenicur zu werden, habe er nicht verwirklichen können, da er zu dem Studium der Landwirtschaft als jüdischer Mischling nicht zugclassen worden sei» Deswegen habe er sich zu dem praktischen Landwirt ausbilden lassen» Jedoch habe er auch diese Ausbildung nicht beenden können» Denn er sei als jüdischer Mischling nicht zu den Abschlußprüfungen zugclassen worden. Dio Bntschädigungsbehorde hat dem Kläger eine Entschädigung mit der Begründung versagt, daß er auch ohne die Verfolgung nicht hätte studieren können, da er dann zu dem Reichoarbeitsdienst und anschließend aur Wehrmacht eingezogen worden wäre» Bas Berufungsgericht hat dem Kläger den geltend gemachten Anspruch versagt, weil nach seiner Ansicht der Kläger auch ohne dio Verfolgung mit größter Wahrscheinlich keit den gleichen Ausbildungsschaden erlitten hätte, Ber Kläger wäre, wie das Berufungsgericht festgestellt hat, alsbald nach dem Bestehen der Reifeprüfung zu dem Arbeitsdienst und anschließend zur£Wehrmacht eingezogen worden, wenn er nicht jüdischer Mischling ersten Grades gewesen wäre. Pas träfe nach den vom Berufungsgericht getroffenen Beststellungen zu, wenn der Anspruch auf Entschädigung allein darauf gegründet wäre, daß der Kläger wegen der Verfolgung das erstrebte Studium als LandIngenieur nicht aufnehmen konnte« Per Kläger hat aber auch geltend gemacht, daß er durch die Verfolgung gezwungen war, einen anderen Beruf zu ergreifen, und daß er wiederum aus Verfolgungs-griinden diese Berufsausbildung, die Ausbildung zu dem Landwirt, nicht habe abschließen können« Pamit hat der Kläger seinen Anspruch auch darauf gegründet, daß er die erstrebte Ausbildung als praktischer Landwirt aus Verfolgungsgründen nicht hat beenden können und daß er diese auch nicht nachgeholt habe« Pieser Anspruch entfällt nach § 9 Abs« 5 BEG nicht deswegen, weil der Kläger, wenn er nicht verfolgt worden wäre, die Ausbildung gar nicht hätte beginnen können« Denn dem Kläger wäre dann nicht derselbe Schaden entstanden, den er nach seinen Behauptungen durch die Verfolgung erlitten hat« Per Schaden, der darin besteht, daß eine erstrebte Ausbildung nicht begonnen und später auch nicht nachgeholt wird, ist seiner Natur nach ein anderer als der, der darin besteht, daß eine Ausbildung unterbrochen und später nicht vollendet wird. Im letzteren Pall würde der Anspruch auf Entschädigung nach § 118 BEG gemäß § 9 Abs« 5 BEG nur dann nicht bestehen, wenn dargetan wird, daß der hypothetische Schaden und der tatsächlich erlittene 3ich auf den Verfolgten wirtschaftlich in gleicher Weise ausgewirlct hat» Bas ist aber nicht der Pall, wenn wie es der Kläger behauptet, der Verfolgte für die unterbrochene Ausbildung mehr als geringfügige Aufwendungen (§ 64 Abs, 1 BEG) gemacht hat, die nutzlos gewesen 3ind, weil diese Ausbildung später nicht nachgeholt worden ist» Für die Präge, ob der Verfolgte solche Aufwendungen gemacht hat, können allerdings nur die durch die Ausbildung als solche verursachten Aufwendungen berücksichtigt werden» Die normalen Lebenshaltungskosten gehören ihrer Natur nach nicht dazu» Das angefochtene Urteil muß daher aufgehoben und der Rechtsstreit an das Berufungsgericht zurückverwiesen werden, damit dieses Gericht prüfen kann, ob der Kläger aus Verfolgungsgründen die erstrebte Ausbildung als praktischer Landwirt nicht hat vollenden können, und ob für diese Ausbildung Aufwendungen notwendig gewesen sind»