BGH · IV ZR 60/60
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Der Kläger wanderte im April 1939 mit seiner Ehefrau und seinen beiden damals noch minderjährigen Kindern aus Gründen rassischer Verfolgung aus Deutschland aus* Er hielt sich bis November 1940 in England auf und wanderte dann, nachdem er das von ihm noch in Deutschland beantragte Einreisevisum für die Vereinigten Staaten von Nordamerika erhalten hatte, nach dort weiter* Er lebt jetzt in SOFflBI Auf die Berufung des Klägers hat das Oberlandesgericht, unter Abänderung des landgerichtliohen Urteils, das beklagte Land zur Zahlung von 7*096 DM an den Kläger verurteilt. Rie relative Länge des Zwischenaufenthalts in England atehc dem Anspruch nicht entgegen; denn der Kläger habe von vornherein beabsichtigt, erst in den USA eine neue Existenz aufzubauen, und sei zu dem Zwischenaufenthalt in England nur durch die Verzögerung der Visaerteilung für sich und seine Familie bis Hovember 1940 gezwungen gewesen« Ra er zur Bestreitung des notwendigen Lebensunterhalts für sioh und seine Familie während dieses Aufenthalts infolge Versagung der Arbeitserlaubnis sein ReVisenvermögen, wie angegeben, habe angreifen müssen, sei es nicht gerechtfertigt, von seinen notwendigen Aufwendungen diejenigen Beträge abzusetzen, die er auf jeden Fall an Unterhaltskosten für sich und seine Familie hätte auf wenden müssen« Ras entspräche auch nicht der bisherigen Handhabung des beklagten Lan-dcc- Es dürfe ferner nicht außer acht gelassen werden, daß diese Aufwendungen den Erwerb von Revisen vorausgesetzt hätten; dieser sei für rassisch verfolgte Auswanderer stets sehr schwierig und in der Regel mit erheblichen finanziellen Verlusten verbunden gewesen« Rie Aufzehrung der dem Verfolgten oft nur in geringer Menge zur Verfügung stehenden Revisen- Per Kläger könne auch nicht darauf verwiesen werden, die Zeit des Aufenthalts in England falle in diejenige seines Beruf es chadens und sei mit diesem entschädigt worden; denn dieser betreffe einen anderen Schadenstatbestand, nämlich die Schädigung in der Nutzung der Arbeitskraft, während hier ein Vermögensschaden vorliege, weil der Kläger während der Auswanderung für sich und seine mitvcrfolgtoiFamilienmitglieder zur Durchführung der Auswanderung notwendige Aufwendungen habe machen müssen« Aufwendungen sind freiwillige Vermögensopfer zur Erreichung bestimmter Zwecke (BzW 1959> 35 Nr« 39, mit weiteren Kachvveioungen)« Jedoch geht nach der Hechtsprechung des Senats (£H Nr« 4 zu § 56 BSG 1956, Nr« 3 zu § 57 BEG 1956) der Sinn des § 57 BEG nicht dahin, dem Auswanderer sämtliche mit der Auswanderung noch in ursächlichem Zusammenhänge stehenden Kosten zu ersetzen; vielmehr besteht nur ein Anspruch auf Erstattung der notwendigen, unmittelbar die Auswanderung betreffenden Kosten« Zusätzliche, den gewöhnlichen Bedarf Übersteigende Aufwendungen, die der Verfolgte für seinen und seiner Angehörigen Unterhalt notwendigerweise machen mußte, insbesondere Hotelund Restaurationskosten sowie sonstige zusätzliche Verpflegungskosten, können in der Regel in dem Umfang, wie sie auf die Zeit der Auswanderung entfallen, als Kosten der Auswanderung geltend gemacht werden« Hierbei kann, wie vom Senat berücksichtigt (IM Nr. 3 zu § 57 BJgG 1956), die Zeit der Auswanderung einen längeren Zeitraum umfassen, z«B. Denn er hat nach seiner eigenen, aus dem angefochtenen Urteil ersichtlichen Darstellung in dieser Zeit seine Lebenshaltungskosten so niedrig, wie möglich, gehalten; das ergebe sich daraus, daß er mit seiner Ehefrau und seinen beiden Kindern in der Zeit von April 1939 bis November 1940 mit einem Betrage von 600 engl« Pfund ausgekommen sei« Während seines Aufenthalts in England habe er keine Arbeitserlaubnis gehabt und daher nichts hinzuverdienen können« Er habe deshalb von seinem geringen LeVisenvermögen 600 engl« Pfund verauslagen müssen, um seine Auswanderung bis zu Ende durchzuführen« 2« Gemäß § 56 Abs« 3 BEG hat der Verfolgte jedoch Anspruch auf Entschädigung auch dann, wenn eine Auswanderung oder deren Vorbereitung zu einem Transferverlust geführt hat« Nach dieser Vorschrift werden die Verluste ersetzt, die der Verfolgte dadurch erlitten hat, daß er im Hinblick auf seine bevorstehende Auswanderung Beichsmarkbeträge oder Reichs-markguthaben zu dem Erwerb von Devisen oder von Guthaben in ausländischer Währung verwendet und dabei aus Verfolgungsgründen . einen erheblich geringeren Gegenwert in fremden Währungseinheiten erhalten hat, als dem amtlichen Wechselkurs entsprochen hätte« Der in HM zu berechnende Transferverlust ist entsprechend dem allgemeinen Grundsatz des § 11 BEG im Verhältnis 10 t 2 auf DM umzustellen, aber nur bis zu einem Höchstbetrag von 75.000 DM zu erstatten. Da je doch der vom Kläger begehrte Betrag ihm unter dem rechtlichen Gesichtspunkt der Entschädigung wegen Auswänderungs-koaten nicht zugesprochen werden kann, wii'd das Oberlandesgericht nunmehr zu prüfen haben, ob dieser Betrag dem Kläger, ebenfalls im Rahmen der Vorschriften über Schaden an Vermögen (§§ $6 ff BEG), als Entschädigung für einen Trans-ferverluat zusteht, insbesondere auch, ob dieser Anspruch etwa auf Grund einer besonderen Anmeldung bereits durch Zahlung, Vergleich oder in sonstiger Y/eise erledigt worden ist-