BGH · IV ZR 49/66 vom 28.06.1967
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Der Rechtsstreit wird zur anderweiten Verhandlung und Entscheidung, auch über die außergerichtlichen Kosten der Revision, an das Berufungsgericht zurückverwiesen. Ras Berufungsgericht hat ausgeführt, bei dem Kläger seien außer einer nicht ins Gewicht fallenden geringgradigen Schallempfindungsstörung links und Veränderung im Skelettsystem keine organischen leiden festgestellt worden« Bine festzustellende Veränderung der Wirbelsäule beruhe nicht auf der Verfolgung des Klägers. Gestutzt auf das Sachverständigengutachten hat das Berufungsgericht bei dem Kläger vom Ende seiner Verfolgung bis zu dem Ende des Jahres 1946 eine durch die vegetativen Störungen bedingte Minderung der Erwerbsfähigkeit von 30 v.H. angenommen, von der nur 20 v.H, auf die Verfolgung zurückzuführen seien. Biese Ausführungen des Berufungsgerichts werden den §§ 3 und 4 der 2« Verordnung zur Burehführung des Bundesentschädigungsgesetzes nicht gerecht« Hach § 3 Abs« 1 dieser Verordnung liegt eine Verschlimmerung vor, wenn sich der Krankheitswert eines früheren Leidens durch nationalsozialistische Gewaltmaßnahmen erhöht hat« Um eine verfolgungsbedingte Verschlimmerung eines Leidens kann es sich daher nur dann handeln, wenn bei dem Verfolgten bereits vor Beginn der Verfolgung ein? Wie der Senat in seinem RzW 1963, 170 Kr. 15 veröffentlichten Urteil ausgeführt und näher begründet hat, stellt eine bei Beginn der Verfolgung schon vorhandene Anlage zu einer Krankheit, mag sie noch "ruhend” oder bereits in der Entwicklung begriffen sein, die die Leistungsfähigkeit des Betroffenen nicht berührt, kein früheres Leiden im Sinne des § 3 Abs. 1 der 2. Wenn erst im Zusammenhang mit der Verfolgung auf Grund dieser Anlage ein Leiden manifest wird, das zu einer Minderung der Erwerbsfähigkeit führt, kann nicht von der Verschlimmerung eines früheren Leidens im Sinne des $ 3 Abs« 1 der 2« DV-BBG gesprochen werden, sondern es muß geprüft werden, ob dieses durch die Anlage bedingte Leiden nach § 4 der 2. Das Berufungsgericht hat keine Festste Ilung darüber getroffen» ob die Erwerbsfähigkeit des Klügere, durch die bei ihm bestehenden anlagebedingten vegetativen Störungen bereits gemindert war» bevor er von den Nationalsozialisten verfolgt wurde» Es kann daher nicht ausgeschlossen werden» daß dieses Beiden erst durch die Verfolgung manifest geworden ist und zu einer Minderung der Erwerbsfühigkeit geführt hat» Nenn das zutreffen sollte» würde das für den Zeitpunkt der Beendigung der Verfolgung festgestellte Beiden des Klägers nach § 4 der 2« DV-BEG als durch nationalsozialistische Oewaltmaßnahmen im Sinne der Entstehung verursacht anzusehen sein« Dem Kläger würde -dann schon nach den bisher getroffenen Feststellungen des Berufungsgerichts wegen der dadurch bedingten Minderung seiner Erwerbsfähigkeit vom 50 v.H« bis zu dem Ende des Jahres 1946 eine Kapitalentschädigung zustehen. Damit das Berufungsgericht prüfen kann» ob der Kläger bereits vor dem Beginn der Verfolgung durch sein anlagebedingtes Beiden in seiner Erwerbsfähigkeit gemindert war» mußte das angefochtene Urteil aufgehoben und der Rechtsstreit zur anderweiten Verhandlung und Entscheidung an das Berufungsgericht zurückverwiesen werden. In der erneuten Verhandlung vor dem Berufungsgericht wird der Kläger dann auch Gelegenheit haben» seinen Anspruch auf Zuerkennung eines Heilverfahrens weiterzuverfolgen und näher zu begründen.