BGH · IV ZR 46/57 vom 12.04.1957
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Zivilsenat des Bundesgerichtshofs auf die mündliche Verhandlung vom 1„ April 1957 unter Mitwirkung des Senatspräsidenten Schmidt, der Bundesrichter Ascher, Pr.v.Werner, Wüstenberg und Wilden für Recht erkannt? Auch in diesem Umfang wird die Berufung der Klägerin gegen das Urteil der 9» Zivilkammer - Entschädigungskammer - des Landgerichts in Oldenburg vom 30. Hach dem Inkrafttreten des Bundesergänzungsgesetzes hat die Klägerin eine Umstellung ihrer Rente auf die neuen Sätze des Bundesergänzungsgesetzes und eine KapitalentSchädigung für die 2eit seit dem ^ode ihres Mannes bis zur Bewilligung der Rente beantragt» Die Ent-schädigungsbehörde hat diesen Antrag abgewiesen. Die hiergegen erhobene Klage hatte keinen Erfolg» Auf die Berufung der Klägerin hat das Oberlandesgericht ihr eine Umstellung der ihr vom Kreissonderhilfsausschuß zugesprochenen Hinterbliebenenrente, auf die Sätze des Bundesentschädigungsgesetzes zugebilligt, den Anspruch auf Kapitalentschädigung, jedoch abgewiesen.- Es ist der Ansicht, daß er sich bei seiner Wiedereinbürgerung in Deutschland fälschlich als zu dem deutschen Volksjtum gehörig bezeichnet habe und daher zu Unrecht eingebürgert worden sei. Daß der Grund für die Verhaftung eine politische Gegnerschaft des Ehemanns der Klägerin gegen den Nationalsozialismus gewesen sei, sei nicht dargetant Aus diesem Grunde könne die Klägerin, soweit ihr nicht der rechtskräftige Bescheid des &reissonderhilfsausschus-ses zur Seite stehe, keine Entschädigungsansprüche geltend machen. Es kann dabei dahinstehen, ob das Urteil, wie die Klägerin geltend macht, an gewissen Mängeln leidet, sie sind jedenfalls für die Entscheidung nicht erheblich» Denn entscheidend ist nicht, ob der Ehemann der Klägerin tatsächlich im Ein-bürgerun^sverfahren unrichtige Angaben gemacht hat, sondern ob er als ein politischer Gegner des Nationalso-zialismus verfolgt worden ist» Das ist aber zu verneinen. Eine derartige Verfolgung kann aber einer solchen aus Gründen politischer Gegnerschaft gegen den Nationalsozialismus nicht gleichgesetzt werden (vgl auch Blessin-Wilden Anm 4 zu § 1 BEG und Anm 48 zu Art I Ändg,}. IIIo Das Berufungsgericht hat jedoch geglaubt, der Klägerin eine Erhöhung der ihr vom Kreissonderhilfsausschuß zugebilligten Rente auf die Sätze des Bundesentschädigungsgesetzes zusprechen zu müssen, weil es insoweit sich nur um die Umstellung einer ihr bereits rechtskräftig zustehenden Rente handle und bei dieser Umstellung nach § 234 BEG eine sachliche Prüfung darüber nicht mehr möglich sei, ob ihr Entschädigungsanspruch dem Grunde nach berechtigt sei« Hach Inkrafttreten des Bundesentschädigungsgesetzes könne auch eine Rente, wie sie der Kreissonderhilfsausschuß ihr zugebilligt habe, ihr nicht mehr nach landesrechtlichen Forschriften, sondern nur nach den Bestimmungen des Bundesentschädigungsgesetzes zustehen. vor Verkündung des Xnderungsgeset-zes nach bisherigem Recht eine Entschädigung rechtskräftig abgelehnt oder in geringerer Höhe als nach dem Bundesentschädigungsgesetz zuerkannt worden ist, der Berechtigte !,einen neuen Antrag auf Entschädigung stellen”, Schon der Wortlaut dieser Bestimmungen ergibt, daß es sich hierbei nicht lediglich um eine "Umstellung” der nach Landesrecht zustehenden Beträge auf die Sätze des Bundesentschädigungsgesetzes handelt, sondern daß mit dieser Bestimmung in einem bestimmten Umfang die Rechtskraft bisheriger Entscheidungen beseitigt werden .soll und daß der Berechtigte beantragen kann? mangels einer ausdrücklichen Bestimmung nur so beschie-den werden, wie dies auch für jeden anderen Antrag auf Grund des Bundesentschädigungsgesetzes vorgeschrieben ist, der nach dessen Inkrafttreten gestellt wird. Infolgedessen ist, wenn in einem solchen Falle ein Antrag auf Erhöhung gestellt wird, dieser nicht nur hinsichtlich der Höhe des verlangten Betrages, sondern auch hinsichtlich seiner sachlichen Berechtigung nach den Vorschriften des BEG neu zu prüfen5 Es folgt dies auch aus dem Zweck dieser Bestimmung6 Denn mit ihr soll nur die Möglichkeit geschaffen werden, jeden Geschädigten, auch wenn sein Schadensfall schon vor Inkrafttreten des BEG rechtskräftig geregelt ist, nicht ungünstiger, aber auch nicht günstiger zu behandeln, als wenn über seinen Entschädigungsantrag erst nach Inkrafttreten des EEG entschieden würde* Es läßt sich auch nicht sagen, daß es seit Inkrafttreten des BEG eine Rente nach Landesrecht nicht mehr gebe.. Zunächst steht dem die Bestimmung des Art III Nr 12 ÄndG entgegen, derzufolge es bei rechtskräftiger Festsetzung einer Entschädigung vor Inkrafttreten des Xnderungsgesetzes bei dieser zugunsten des Berechtigten sein Bewenden behalten soll* Sodann spricht hiergegen die Bestimmung des § 228 Abs 2 Satz 2 BEG, über die Aufrechterhaltung weitergehender landesrechtlicher Ansprüche, ferner daß es jedem Berechtigten, dem auf Grund der landesrechtlichen Bestimmungen eine Entschädigung zugebilligt ist, wie sich aus dem Gebrauch des Wortes !,kannw im § 234 Abs 1 BEG ergibt, freigestellt ist, einen neuen Entschädigungsantrag zu stellen, und daß nach § 230 BEG wiederkehrende Leistungen auf Grund bisheriger Vorschriften solange weiter zu gewähren sind, bis Leistungen nach dem BEG gewährt werden* Baß nach § 234 Abs 2 BEG wiederkehrende Leistungen auf Grund des BEG von Amts wegen neu festzusetzen sind, zwingt auch nicht zu einer anderen Beurteilung; denn die.se Bestimmung soll den Berechtigten nur von der Notwendigkeit einer eigenen Prüfung und Antragstellung hinsichtlich wiederkehrender Leistungen befreien, läßt aber im übrigen klar erkennen, daß es sich um Leistungen nauf Grund des EEGM handeln muß« Schließlich ist auch die Rechtslage, wie sie auf Grund des Bundesergänzungsgesetzes entsprechend dessen §§ 107, 91 Abs 4 Satz 2 war, durch das Bundesentschädigungsgesetz nicht grundlegend geändert worden« Es ist lediglich die Mindestgrenze von 5 v*H« in Portfall gekommen, die für eine Erhöhung vorgeschrieben war, ferner das Erfordernis einer Antragstellung auch bei wiederkehrenden Leistungen und schließlich die beschränkte Nachprüfbarkeit der Entscheidungen der Entsehädigungsbehör-den über Erhöhungsanträge durch das Gericht« Hinsichtlich der Rechtslage nach dem Bundesergänzungsgesetz hat aber der erkennende Senat bereits ausgesprochen, daß bei einem Antrag auf Erhöhung von rechtskräftig festgesetzten Entschädigungen stets auch zu prüfen war, ob auf Grund der Bestimmungen des BErgG eine Entschädigung zustand (vgl insbes das in RzW 56, 60^0 abgedruckte Urteil des Senats)« Es kann angenommen werden, daß der Gesetzgeber, dem diese Entscheidung bekannt gewesen ist, dem § 254 BEG eine andere Passung gegeben hätte, wenn er eine solche Auslegung des Gesetzes nicht als zutreffend angesehen hätte«