BGH · IV ZR 30/69
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Der IV* Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung vom 29* Mai 1970 unter Mitwirkung des Senatspräsidenten Dr* Hauß sowie der Bundesrichter Johannsen, Dr* Pfretzschner, Dr* Reinhardt und Dr* Bukow für Recht erkannt; Von Rechts wegen Die Klägerin hat an die Witwe und die Waisen des Rentners Kerstingaufderheide, der von einem bei dem Beklagten haftpflichtversicherten Personenkraftwagen tödlich überfahren worden ist, Hinterbliebenenrente zu zahlen. Die Parteien streiten darüber, ob der Beklagte seinem Versicherungsnehmer mit Recht wegen Obliegenheitsverletzung (Fahrerflucht) den Versicherungsschutz versagt und daher gemäß § 158 c Abs* 4 WG a*F* für die Aufwendungen der Klägerin nicht aufzukommen hat* Der Beklagte entzog McKemp den Versicherungsschutz , weil er durch Unfallflucht seine Aufklärungspflicht (§7 12/2 AKB) verletzt habe. den angeblichen Freistellungsanspruch des McKeHB gegen den Beklagten pfänden« Der .Arrestbefehl nebst Pfändungsbeschluß wurde dem Beklagten als Drittschuldner am 15o Juni 1965 zugestellt« An diesem Tage beantragte die Klägerin für die Zustellung des Beschlusses an McKeJHBdie öffentliche Zustellung, hilfsweise die Zustellung auf diplomatischem Wege« Über das Deutsche Konsulat in Liverpool wurde der Beschluß am 1« September 1965 dem Schuldner McKe^^ zugestellt» Noch am 15« Juni 1965 reichte die Klägerin ihre Klage ein« Sie begehrt damit, die Verpflichtung des geklagten festzustellen9 seinem Versicherungsnehmer McKeflB Versicherungsschutz für die nach § 1542 RVO auf die Klägerin übergegangenen Ersatzansprüche zu gewähren« Ic Zur Aktivlegitimation der Klägerin hat das Berufungsgericht ausgeführt: Die Klägerin habe an dem Freistellungsanspruch des HcKeflHI - vorausgesetzt, daß der Anspruch im Zeitpunkt der Pfändung sachlich-rechtlich bestanden habe - ein Pfändungsrecht erworben, als sie den Arrestbefehl nebst Pfändungsbeschluß dem Der Arrestbefehl sei dem Schuldner McKeflB2V,ar nicht innerhalb einer Woche nach Zustellung an den Beklagten als Drittschuldner,- wie es § 929 Abs.3 Satz 2 ZPO vorschreibe, zugestellt wordene Bei einer Zustellung im Ausland sei die Frist jedoch gemäß § 207 ZPO gewahrt, v/eil das Gesuch um Zustellung J fristgemäß eingegangen und die Zustellung "demnächst11 erfolgt sei. Dem ist ebenso wie den weiteren Ausführungen des Berufungsgerichts zuzustimmen, wonach die Klägerin als Pfändungspfandgläubigerin alles tun dürfe, ,.was • zur Erhaltung ihres Pfandrechtes erforderlich-sei. Ein rechtliches Interesse für die erhobene Feststellungsklage hat Vorgelegen, weil der Beklagte das Bestehen eines Befreiungsanspruchs geleugnet hatte und die Klägerin nur durch Erhebung einer Klage den drohenden Ablauf der Ausschlußfrist des § 12 Abs.3 VVG abwenden konnte. I* Vorsätzlich konnte McKeHH seine Aufklärungspflicht nur verletzen, wenn er bemerkt oder doch mit der Möglichkeit gerechnet hatte, einen Unfall verursacht zu haben» Hierfür ist nach der Rechtsprechung -des Senats (BGH2 52, 86 » VersR 1969, 694) aus Gründen der materiellen Gerechtigkeit der Versicherer beweis-pflichtig» Diese Beweislastregelung ist im vorliegenden Falle jedoch nicht streitentscheidend gewordene Denn das Berufungsgericht hat sich rechtlich unangreifbar davon überzeugt, daß McKeüHmit der Möglichkeit gerechnet hat, an einem Unfall beteiligt gewesen zu sein, trotzdem aber weitergefahren ist„Zu dieser Überzeugung ist das Berufungsgericht einmal auf Grund der Schäden am Unfallfahrzeug, u, a» Zerstörung und Ausfall eines Scheinwerfers, gelangt* Zum anderen hat es dem Zeugnis von McKeflB entscheidendes Gewicht beigemessen* Dieser hatte bei seiner Vernehmung als Zeuge als Grund für die Weiterfahrt seine Furcht angegeben, jemanden ver- Das Berufungsgericht hat dazu ausgeführt: Bei der Beurteilung des Verschuldens könne nicht unberücksichtigt bleiben, daß die durch Unfallflucht begangene Obliegenheits-Verletzung von einem der deutschen Sprache nicht mächtigen Angehörigen der Britischen Rheinarmee gegangen worden sei. Entscheidend sei jedoch, daß McKefim, v;:*-e sich bei seiner Vernehmung als Zeuge herausgestellt habe, das Bewußtsein gehabt habe, als Versicherter dem Versicherer die Aufklärung des Sachverhaltes nicht erschweren zu dürfen, andernfalls man mit versicherungsrechtlichen Schwierigkeiten rechnen müsse. Nach den weiteren Vorstellungen des Zeugen, die dieser schon vor dem Unfall gehabt habe, verhindere oder erschwere eine Entfernung von der Unfallstelle die Aufklärung des Tatbestandes. Diese Feststellungen hat das Berufungsgericht fehlerfrei getroffen; sie rechtfertigen den daraus gezogenen Schluß auf eine vorsätzliche Verletzung der Aufklärungspflichto Denn hei dem Gebot, nach einem Unfall sofort anzuhalten und an der Aufklärung des Unfalls mitzuwirken, handelt es sich um eine elementare, dem Aufklärungsinteresse aller Beteiligten dienende Verhaltensnorme Verstößt der Versicherungsnehmer bewußt gegen eine solche Verhaltensnorm, so kommt es für seinen Vorsatz nicht auf die zusätzliche Vorstellung an, daß die Übertretung des Verbots nicht nur generell, sondern gerade und insbesondere dem Versicherer gegenüber unstatthaft ist (vgl, BGH VersR 1970, 458)„ III, Der Beklagte ist auch berechtigt, sich wegen der vorsätzlichen Verletzung der Aufklärungspflicht auf seine Leistungsfreiheit nach § 7 V AKB zu berufen, Das Verschulden ist nicht gering.