BGH · IV ZR 30/63
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Die Entschädigungsbehörde bewilligte ihm mit ihrem Bescheid vom 15o Mai 1961 eine Kapitalentschädigung von 11 852,6o DM« Sie berechnete diese Entschädigung nach einem Schadenszeitraum, der am 51* Dezember 1944 sein Ende gefunden hatte« In dem Bescheid wurde ferner ausgesprochen, daß ein Bentenwahlrecht nicht gegeben sei, da der Kläger eine ausreichende Lebensgrundlage gefunden habe« 1« Das Berufungsgericht hat das die Klage abweisende Orteil des Landgerichts bestätigt» weil im Zeitpunkt der letzten mündlichen Verhandlung des Berufungsgerichts (23« Oktober 1962) der Kläger als Oberregierungsrat eine ausreichende Lebensgrundlage gefunden habe» Rach § 82 BEO sei er deshalb nicht berechtigt9 anstelle der Kapitalentschädigung die Rente zu wählen« Gegen die Anwendung dieser Gesetzesbestimmung bestehen keine rechtlichen Bedenken* Die Einwendungen der Revision sind unbegründet« Ihre Ansicht» das Bundesentschädigungsgesetz sei nach Art« V des Dritten Gesetzes zur Änderung des Bundesergänzungsgesetzes zur Entschädigung für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung am 1« April 1956» also nach der Wahl der Rente» in Kraft getreten» ist unrichtig« Wie Art« I des 3« ÄndG in Verbindung mit § 241 BEG bestimmt» ist das Bundesentschädigungsgesetz an die Stelle des seit dem 1« Oktober 1933 (§ 113 BErgG) geltenden Bundesergänzungsgesetzes getreten» und zwar mit Wirkung vom 1. Oktober 1953 ab« Das Inkrafttreten des 3« ÄndG bestimmte also den Zeitpunkt» von dem ab die Rückwirkung des Bundesentschädigungsgesetzes zu beachten war» wobei der Gesetzgeber davon auageheh konnte» daß Zu dieser Zeit der Inhalt des neuen Gesetzes weitgehend bekannt war« Bis zur Verkündung des 3» ÄndG vom 29« Juni 1956 konnte es allerdings geschahen» daß Bescheide oder gerichtliche Entscheidungen noch nach den Bestimmungen des Bundesergänzungsgesetzes ergingen» Gegenüber dem Bundesergänzungsgesetz verbesserte das Burdesentsohädigungsgesetz die Entschädigungsleistungen in vielen Punkten« Damit ein möglichst großer Kreis von Verfolgten diese verbesserten Leistungen Soweit vor VerkUndung des 3« ÄndG ein Entschädigungsanspruch durch unanfechtbaren Bescheid oder eine rechtskräftige Entscheidung abgelehnt oder eine Entschädigung in geringerer Höhe als nach dem.Bundesentschädigungsgesetz zuerkannt worden war, kann der Berechtigte innerhalb der Frist des § 189 Abs. 1 BEG einen neuen Antrag stellen (Art. Ill Nr. 9 Abs. 1 aaO). Die Revision irrt ferner, soweit sie die Ansicht vertritt, durch die Erklärung des Klägers vom 2o« September 1954s daß er die Rente wähle, sei zugleich fest^elegt worden, daß Über den Rentenanspruch nach § 53 BErgG zu entscheiden sei« Es trifft zwar zu, daß der Anspruchsberechtigte an seine Erklärungen gebunden ist« In diesem Punkte stimmen die Entschädigungsgesetze Ubereins § 33 Abs« 4 BErgG, § 84 Satz 3 BEG« Biese veri'ahrensrechtliche Bindung des Berechtigten an seine einmal abgegebene Erklärung hat aber nicht die Wirkung, daß über die sachlichrechtlichen Voraussetzungen des Rentenanspruchs nach dem zur 'Zeit der Rentenwahl geltenden Entschädigungsrecht zu entscheiden wäre, wobei die frage des reohtsstaatliehen Vertrauensschutzes hier unerörtert bleiben soll« Da bei der Verkündung des 3« ÄndG Uber den Anspruch des Klägers noch nicht entschieden war, mußte die Bntsehädigungsbehörde gemäß Art« III Nr« 9 Abs« 2 des 3« ÄndG die frage, ob dem Kläger die Rente zusteht, nach §§ 81 ff BEG beurteilen« Nach § 82 BEG war daher zu prüfen, ob der Kläger im Zeitpunkt der Entscheidung, also im Jahre 196t,. Der Anwendung der gesetzlichen Bestimmungen, in denen das BundesentSchädigungsgesetz die Voraussetzungen des Rentenanspruchs geregelt hat, steht Art. Ill Nr« to Abs« 1 doo 3« ÄndG nicht entgegen« Bio Revision meint, diese Vorschrift zeige, daß der Berechtigte an seine Wahl gebunden sei, so daß damit auch die Voraussetzungen der Wahl bestimmt seien« Biese Ansicht ist unzutreffend, weil der Vorfolgte aus veriährensrechtlichen Gründen an seine., unter der Herrschaft des Bundesergänzungsgesetzes ausgeübte Wahl gebunden bleibt? daß nach den Verhältnissen des in seinem ' beruflichen Fortkommen Geschädigten die früher gewählte Entschädigung nicht mehr vorteilhaft erscheint» Die von der Revision zur Begründung ihrer Rechtsauffassung angezogene Übergangsbestimmung stellt somit auf einen Vergleich der £ntSchädigungsleistungen nach altem und neuen Recht bei Bindung an die einmal gewählte Entschädigungsart ab» Deshalb soll der Verfolgte noch nachträglich die Möglichkeit erhalten? nicht genommen werden können, kann eich der Kläger auch nicht auf § 228 BEG berufene Diese Vorschrift regelt das Zusammentreffen dos vor und nach dem 1. folg haben, weil nach ihrer Ansicht die Vorschriften des Bun-dosentschädigungsgesetzes nur mit der Einschränkung anzuwenden sind, daß eine günstigere Regelung der Entschädigungsansprüche nach dem Bundesergänzungsgesetz nicht angetastet werden kann» In dieser Allgemeinheit läßt sich ein derartiger Grundsatz nicht aufstellen. Das 3» ÄndG enthält nur in Art» III Kr» 1 eine solche Scnutzbestimmung, bei der es auf die Anspruchsgrundlagen nach dem BErgG ankommt, weil es sich hierbei um einen größeren Kreis von Verfolgten handelt der durch die Heuregelung der Anspruchsvoraussetzungen in § 4 Abs» 1 Hr» 1 c BEG nicht benachteiligt werden sollte» Im übrigen schützt das 3. im Verlaufe eines Rechtsstreits Über die Grundlagen der Entschädigung für Schaden im beruflichen Fortkommen (Dauer dos Entschädigungszeitraume, Einstufung) übersehen konnten, wie die Kapitalentschädigung oder die Rente zu berechnen sein würde)«- Dadurch wurden viele Verfolgte eret zu einer sinnvollen Ausübung der Wahl in den Stand gesetzt« Infolge des Umstandes, daß die Entscheidung über die zu wählende Entschädigung nach §§ 82, 84 BEG hinausgeschoben werden konnte - was nach § 99 BErgG nicht möglich war kamen noch sehr zahlreiche ältere Verfolgte, die infolge von Alter oder Krankheit keine Erwerbstätigkeit mit ausreichender Lebensgrundlage mehr ausüben konnten, in den Genuß des Wahlrechts« Demgegenüber ist es bei Verfolgten im vorgerückten Alter, die eine ausreichende ErwerbStätigkeit noch nicht erlangt oder wieder eingebußt haben, nur selten der Fall, daß der weitere Zeitablauf noch eine nachhaltige Verbesserung ihrer Daseinsgrundläge, d«h* die Aufnahme einer Erwerbstä-tigkeit mit ausreichender Lebensgrundlage, mit sich bringt« Gegenüber dieser allgemeinen Verbesserung der Entschädigungsleistungen durfte der Gesetzgeber Verschlechterungen in Einzelfällen in Kauf nehmen, um das Ziel zu erreichen, eine möglichst gleichmäßige, einheitliche Anwendung des neuen Rechta zu sichern« Hierzu ist hoch zu bemerken, daß bei nicht abgewickelten Verfahren jede Änderung eines für die Anepruchsgrundlage wesentlichen Stichtages oder maßgebenden Zeitpunktes einem $eil der Berechtigten Nachteile bringen muß« let dioser Kreis dor Berechtigten sehr klein, wie hier, so kann der Gesetzgeber ohne Verstoß gegen Grundsätze des Rechtsstaats davon absehen, den Besitzstand zu schützen, wenn so eine einfache und gleichmäßige Anwendung des geänderten Rechts erreicht wird« Boi dieser Erwägung fällt ferner ins Gowioht, daß die Vorschriften des BErgG von vornherein als eine in Eile zustande gekommene Kodifikation anzusehen waren, deren Verbesserung schon bei ihrer Entstehung das erklärte Ziel des Gesetzgebers war« Hierauf hot die Revision selbst hingowieseno Diese Gesichtspunkte werden auch in der BVerfGE 13* 39* 41 abgedruckten Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts betont* 3o Nach alledem verstößt die Anwendung des § 82 BEG nicht gegen die rechtsstaatlichen Grundsätze des Vertrauensschutzes, wie sie in der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts herausgearbeitet worden sind (BVerfGE 14* 288, 296, 299* ferner die Entscheidung des BVerfG BvD 2/6o, 3/6o vom 11* Dezember 1962, S* 33 ÜA) • Daß angesichts der vorläufigen Regelung des BErgG der Kläger auch keine eigentumsgleiche Rechtsstellung (Art* 14 GG) erlangt hatte, bedarf weiter keiner Begründung, Hierauf braucht auch schon deshalb nicht eingegangen zu werden, weil die Kapitalentschädigung nicht angetastet worden ist* Es kann daher unentschieden bleiben, ob die Revision auch deshalb scheitern muß, weil sie zu Unrecht davon ausgegangen ist, daß dem Kläger nach § 33 BErgG ein Anspruch auf Rente zustündc, Aus der RzW 1959, 324 Nr« 26 abgedruckten Entscheidung ergibt sich vielmehr, daß nach § 33 BErgG die Anspruchsgrundlagen möglicherweise nicht gegeben sind.