BGH · IV ZR 29/63 vom 12.07.1965
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Zur Prago, unter welchen Voraussetzungen ein tschechoslowakischer Judo, der vor der Schaffung des Protektorats Böhmen und Mähren ausgewandort und später im Ausland interniert worden ist* unter dom Gesichtspunkt,, daß ihm das Deutsche Reich gegenüber dem internierenden Staat Schutz hatto gewähren müssen„ Ansprüche auf SntSchädigung wegen Schadens an Proihoit und wegen Schadens an Gesundheit hat» 3p In dem angefochtenen Urteil wird ausgeführt, es habe auf j dem froien.Entschluß des Kläger^ beruht, daß er sich im No- I vember 1939 von Palästina nach Frankreich begeben habe* Eine ] unmittelbare oder auch nur mittelbare Fölge gegen ihn gerichteter nationalsozialistischer GewaltmaSnahmen sei die Reise nicht gewesen« Es sei auch nichts dafür ersichtlich, daß der j Kläger im Juli 194o in Marseille aus Gründen der Rasse oder fa* 4 <n aus sonstigen in § 1 BEG genannten Gründen verhaftet worden sei« Im Gegenteil sprächen alle Umstände dafür* daß der Kläger nicht als Judo* sondern als Ausländer wie andere Ausländer und damit aus rein fremdenpolizeiliehen Erwägungen in dem vom Krieg noch erschütterten Frankreich verhaftet und interniert worden sei» Es sei schließlich nicht erkennbar* inwiefern die erneute/.Festnahme des Klägers in der Zeit nach seiner Befreiung durch die Amerikaner auf nationalsozialistischer Verfolgung beruht haben könnte« Es komme nicht darauf an* ob dem Klüger.in Frankreich und Marokko die Freiheit unter Mißachtung rechtsStaatlieber Grundsätze entzogen wordon soi* ob die Freiheitsentziehung dadurch ermöglicht wordon ooi* daß der Kläger den Schutz des Deutschen Reiches verloren habe* und ob 3chon wenige Tage nach der Beendigung der kriegerischen Auseinandersetzungen in Frankreich im Süden des Bandes Inhaftierungen von Juden und politischen Gegnern des Hationalsozia-lioinus auf Veranlassung der deutschen Regierung vorgenommen worden seien,, Der Kläger habe nach seinen Angaben beim Verlassen der Tschechoslowakei im Jahre 1936 die tschechoslowakische Staatsangehörigkeit besessen und sei niemals deutscher Staatsangehöriger gewesen« Bei der Gründung des Protektorats Böhmen und Mähren aber sei er nicht Protektoratsangonöriger geworden*, da er nach seinen Angaben damals in Palästina gelobt habe« Seinem Aufenthalt in der Tschechoslowakei im Jahro 1939 könne insoweit keine Bedeutung zukommen* da er dort nicht wieder seinen Wohnsitz genommen* sondern sich nur vorübergehend aufgohalten habe« a) Nach dom Erlaß über das Protektorat Böhmen und Mähren vom 16« März 1939 (RGG1 I, 485) sollten nur dio volksäoutcchon Bewohner des Protektorats deutsche Staatsangehörige werden; nach der Verordnung über den Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit durch frühere tschechoslowakische Staatsangehörige deutscher Volkszugehörigkeit vom 2o« April 1939 (BGBl 815) wurde dor Erwerb der d out scheu Staatsangehörigkeit aber auf dio tschechoslowakischen Staatsangehörigen deutscher Volkszugehörigkeit ? hörigkeit durch don Kläger Vorgelegen haben sollten, so blieb er als Jude von diesem Erwerb ausgeschlossen (Runderlaß dos Roichsinnenminiotors vom 29« März 1939, RMBliV 703)o Palls aber nur die Eigenschaft des Klägers als Judo dafür maßgebend gewesen sein sollte, daß er nicht als deutscher Staatsangehöriger angesehen und behandelt wurde, so wäre er nach der ständigen Rechtsprechung des erkennenden Senats für die Entschädigung wegen Freiheitsschadens, aber auch wegen Gcaundbeitsschadens, entschädigungsrechtlich so zu stellen, wie er stoben würde, wenn er die deutsche Staatsangehörigkeit erlangt hatte (Urteile RzW 19599 396 Rr» 39? OIG Karlsruhe, RzW 1962, 78 Kr0 22)» Ausdrücklich hatto sich dio französische Regierung nach dieser Bestimmung verpflichtet, zu verhindern, daß deutsche Kriegs- und Zivilgefangene aus Frankreich in französische Besitzungen oder in das Ausland verbracht wurden» Als deutsche Staatsangehörige mußte Frankreich damals alle Personen anerkennen, die Deutschland als,solche für sich in Anspruch nahm, also auch diejenigen, dio in Verbindung mit der Schaffung des Protektorats Böhmen und Mähren die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten hatten» Wenn der Kläger, weil er als Judo nicht deutscher Staatsangehöriger geviorden war und das Deutsche Reich sich deshalb nicht für ihn einsetzte, von den französischen Behörden festgenommen und anschließend in Kordafrika interniert werden konnto^oder nicht, wenigstens, wie es bei einem deutschen nach der Klärung seinos staatsrechtlichen Status alsbald wieder freigolao-son wurde, so kann die Freiheitsentziehung sowohl in Frankreich selbst wie in Marokko bis zur Befreiung des Klägers durch die Amerikaner nach § 43 Abs* -1 Satz 2 Kr, 1 BEG zu entschädigen soin* Voraussetzung dafür ist, daß die Freiheitsentziehung auch vom Standpunkt des die Freiheitsentziehung durchführ enden Staates aus, der den Kläger v.cn seiner > ersieht aus rechtmäßigen fremdenpolizeilichen Gründen festgehalten haben mag, untor Mißachtung rechtsstaatlicher Grundsätze erfolgte, was etwa bei der Art des Vollzugs der Internierung der Fall gewesen sein könnte (Urteil des Senats RzV/ 1962, 269 Nr* 19; s. Gesundheitsschäden, die der Kläger sich in dieser Haft zugezogen hat, können adäquat kausal darauf, daß ihm im Gegensatz zu anderen Volksdeutschen tschechoslowakischen Staatsangehörigen ' aus rassischen Gründen die deutsche Staatsangehörigkeit vorenthalten und dadurch die Freiheitsentziehung ermöglicht wurde, zurückgehen und damit auf nationalsozialistischen Gewaltmaßnahmen im Sinne des § 2 BEG beruhen (§ 28 Abs* 1 BEG)» Insoweit ist eine Mißachtung rechtsstaatlicher Grundsätze, durch den internierenden Staat nicht An-epruchsvoraussetzungo Zwischen der Vorenthaltung der deutschen Staatsangehörigkeit und der nach der Befreiung durch die Amerikaner durchgeführten Freiheitsentziehung, für die nunmehr die mit Deutschland im Krieg befindlichen Mächte verantwortlich waren, wird allerdings ein adäquater Kausalzusammenhang kaum noch angenommen werden können, doch wäre das gegebenenfalls nähor zu prüfen» In dieser Zeit hätte auch die die deutschen gers keinen Einfluß nehmen können, denn eine Einwirkung dor Schutsmacht zugunsten einer Person, die in Verbindung mit der Schaffung des Protektorats Böhmen und Mähren die deutsche Staatsangehörigkeit erlangt hatte oder Protektorataangehörigor geworden war, hätte die nunmehr maßgebende Gewahrsemsmacht nicht zugclasson, wio sich daraus ergibt, daß Großbritannien am 18* Juli 1941 und die Vereinigten Staaten von Amerika am 11. b) Y/enn für den Kläger auch abgesehen von seiner Eigenschaft als Judo ein Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit nach dor Verordnung vom 2o* April 1939 nicht in Präge gekommenreoin sollte, 00 könnte er doch Protektoratsangehöriger geworden soin, sofern er noch keine andere als die tschechoslowakische Staatsangehörigkeit erworben hatte* die Protektoratsangehörigkoit vom 11* Januar 194o (mitgetcilt bei Lichter, Staatsangehörigkeit 2* Aufl*, 251) Protektoratsangehörige u*a* frühero tschechoslowakische Staatsbürger, die am 16« März 1939 ihren Wohnsitz, das Heimatrecht oder den Anspruch auf Bestimmung der HeimatZuständigkeit in einer Gemeinde im Gebiet des Protektorats hatten, außer wenn sie nach dem Verlust der tschechoslowakischen Staatsangehörigkeit eine andere Staatsangehörigkeit erworben hatten; die Ausnahme, die von dieser Ausnahme für Personen vorgesehen war, die nach dem 15« März 1939 ihren Wohnsitz im Protektorat aufgegeben hatten, kommt nach dem festgentollt.cn Sachverhalt für den Kläger nicht in Betracht* Hach der Verordnung vom 3c Oktober 1939 (BGBl I* 1997) konnten Protektoratsangehörige, die sich im Ausland auf-hilpltcn, unter gewissen Voraussetzungen der Protektoratsange- Es läßt 3ich nicht ausschließen, daß der Kläger auf Grund der angeführten Bestimmungen,Protektoratsangehöriger geworden ist*, Auch wenn er dio Protektoratsangehörigkeit gehabt, sie aber später aus rassischen Gründen oder den sonstigen Gründen des § 1 BEG verloren haben sollte, wäre er entschädigungsrocht lieh so zu behandeln, als habe er die Protektoratsangehörigkeit behalteno Ist von der Protektoratsangehörigkeit des Klägers auczu-gehen, so war zwar seine Festnahme durch französische Behörden nicht schon nach Nr« 19 des Waffenstillstandsabkommcns unzulässigo Wohl aber hatte dann das Deutsche Reich dem Kläger nach Art« 6 Abs« 1 dos.Erlasses vom 160 März 1939 diplomatischen Schutz im Ausland zu gewähren (Urteile des Senats RzW 1958, 7o Nr. 27; 1963, 22o Nr0 13) und bei einer Pc entnähme durch ausländische Behörden zu seinen Gunsten wie boi anderen Protektoratsangohörigen einzugreifen« Wenn das D out sehe Reich diese Pflicht gegenüber anderen Protektoratsangchorigon erfüllte, bei dem Kläger dagegen die Gewährung des diplomatischen Schutzes durch das Deutsche Reich wegen seiner jüdischen Abstammung nicht in Betracht kam, und wenn sich auf diesen Umstand die Festhaltung des Klägers oder deren Fortdauer oder dio Art der Vollziehung zurückführen läßt, so könnten wiederum dio Voraussetzungen des § 43 Abs. 1 Satz 2 Nr« 1 BEG vorlio’gen, sofern die Internierung oder ihr Vollzug vom Standpunkt des internierenden Staates aus unter Mißachtung rechtsStaatlieber Grundsätze erfolgte« Es könnte dann auch ein adäquater Kausalzusammenhang zwischen der Verfolgung, dio in dem aus rassischen Gründen erfolgten Versagen dos diplomatischen Schutzes bestand« und den durch dio Freiheitsentziehung erlittenen Gesundheitsschädon bestehen• Ob das Deutsche Hoich nicht jüdischen Protektoratsangohori-gon, die in Frankreich oder Nordafrika von den dortigen Behörden interniert wurden, den diplomatischen Schutz tatsächlich gewährt hat oder gewährt hätte, “bedarf jedoch besonderer Prüfung* Wenn ein nichtjüdischer Protektoratsangehörigor, der sich in der Lage dos Klägers befand, den diplomatischen Schutz dos Deutschen Kolchos gegenüber dem internierenden Staat nicht erhielt, so kann auch der Kläger nicht geltend machen, ihm sei der ihm als Protoktoratsangehörigen zustohende Schutz aus den Gründen des § 1 BEG vorsnthalten worden, denn dann wäre dem Kläger zwar Unrecht geschehen, aber nicht aus Gründen, für die nach dom Bundesentschädigungsgesetz eine Entschädigung geleistet wird, und er wäre dann nicht anders als andere Protektoratsangehörige behandelt worden* zu denen der 1939 nur vorübergehend in das Protektorat zurückgekehrte Kläger gehörte, den Schutz dos Deutschen Reiches im Ausland genossen haben, so könnte er Entschädigung zu beanspruchen haben, wenn für ihn dieser Schutz deshalb nicht in Betracht kam, weil er Jude war, und es aus diesem Grunde zwecklos war, daß er sich um den Schutz dos Deutschen Reiches bemühte* Darüber, wie das Deutsche Reich ceinor Aufgabe, den Protektoratsangehörigen im Ausland Schutz zu gewähren, nachkam, und ob ein in der Lage des Klägers befindlicher nichtjüdischer Protektoratsangehöriger gegenüber