BGH · IV ZR 29/62
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
1, Abweichend vom Landgericht hat das Berufungsgericht die Frage 5 ob zwischen dem Leiden des Klägers und seiner verfolgungabedingten beruflichen Tätigkeit ein adäquater ursächlicher Zusammenhang besteht, nicht abschließend beurteilt, sondern seine Entscheidung damit begründet, daß mit Ausnahme eines kurzen und unerheblichen Zeitraums die Beeinträchtigung der Erwerbsfähigkeit des Klägers den für die (JeWährung der Rente ausschlaggebenden Satz von 25 vom Hundert niemals erreicht habe» b) Für die Zeit vor dieser Operation (1934 bis 1958) hatte der ärztliche Gutachter das Ausmaß der Minderung der Erwerbsfähigkeit nicht angegeben, weil nach seiner Überzeugung ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Verfolgungsmaßnahmen und der Krankheit des Klägers überhaupt nicht besteht» Auch für diesen Zeitabschnitt hat jedoch das Berufungsgericht ohne Hilfe eines ärztlichen Sachverständigen die Minderung der Erwerbsfähigkeit geschätzt» Es ist davon ausgegangen, daß diese über den Satz von 10 vom Hundert hinausgegangen sei, es aber nicht wahrscheinlich sei, daß sie den Satz von 25 vom Hundert jemals erreicht habe» Diese Beurteilung hat das Berufungsgericht zunächst auf die Anhaltspunkte für die ärztliche Gutachtertätig-keit im Versorgungswesen gestützte In diesen Richtlinien werden Krampfadern unter Nr» 69 erörtert; im Teil D wird bei Krampfadern mit Neigung zu Geschwürsbildung eine Minderung der Erwerbsfähigkeit von 10-30 vom Hundert angenommen» Daß die Minderung der Erwerbsfähigkeit beim Kläger den innerhalb dieser Spanne liegenden Satz von 25 vom Hundert nicht erreicht habe, hat das Berufungsgericht damit erklärt, daß der Kläger trotz des Leidens seinem "schweren Beruf als Schlosser" sogar mit Überstunden nachgegangen sei, das Leiden also auch nach seiner Darstellung die Be-rufoausübung nicht oder jedenfalls nicht nennenswert beeinträchtigt habe» b) Die Revision beanstandet aber mit Recht, daß das Berufungsgericht die Frage, in welchem Umfange die Erwerbs-fähigkeit des Klägers vor der Operation beeinträchtigt war, ohne ärztlichen Sachverständigen entschieden hat» Die Mitwirkung eines Arztes war hier nicht zu umgehen, weil die fortschreitende Entwicklung des Leidens mit den wachsenden Beschwerden, die Wirkung der verschiedenen ärztlichen Maßnahmen und vor allem der Einfluß der körperlichen Arbeit auf dieses Leiden und das Zusammenwirken aller dieser Faktoren vom Richter in aller Regel nicht ausreichend gewürdigt werden können» Nach der Darstellung des Klägers erscheint es keineswegs ausgeschlossen, daß dieses Leiden, mindestens für einzelne Zeitabschnitte, seine Leistungsfähigkeit so beeinträchtigt hat, daß die für den Renten-anspruch geforderte Grenze erreicht oder überschritten wurde» Es ist zwar nicht zu übersehen, welche Schwierigkeiten es dem Tatrichter bereitet, geeignete Ärzte für die Mitwirkung in Entschädigungssachen heranzuziehen, ohne Gefahr zu laufen, die Entscheidungen erheblich zu verzögern; im Widerstreit zwischen diesen Schwierigkeiten und der Gefahr, daß ohne Mitwirkung von Ärzten auf diesem Gebiete. c) Es kommt hier noch dazu, daß die Ausführungen des Berufungsgerichts zur Minderung der Erwerbsfähigkeit des Klägers vor der Operation von Erwägungen beeinflußt worden 3ind, die sich mit Sinn und Zweck des § 33 BEO nicht vereinbaren lassen* Nach dieser Vorschrift kommt es darauf an, in welchem Umfange der Verletzte durch sein Leiden mit den körperlichen und seelischen Begleiterscheinungen gehindert ist, sich durch Arbeit zu ernähren* Bas ist, soweit wie möglich, nach objektiven Maßstäben zu bestimmen* Bie vom Verletzten tatsächlich erzielten Einkünfte geben regelmäßig keinen Maßet ab hierfür ao* Oft genug kommt es vor, daß die Beeinti’äch-tigung der Erwerbsfähigkeit freiwillig oder unter dem Zwang der Lebensverhältnisse durch Einsatz aller verbliebenen geistigen und körperlichen Kräfte überwunden wird, wahrend auf der anderen Seite die Fälle nicht selten sind, daß der Verletzte seine Beschwerden überbewertet und einer zu demutbaren Verwertung seiner Arbeitskraft aus dem Wege geht* Biese Gesichtspunkte finden sich schon in § 25 des Reichsversorgungsgesetzes vom 12o Mai 1920«. körperlich schwere Arbeiten, mitunter Uber die Übliche Arbeitszeit hinaus9 verrichtete, konnte das Berufungsgericht daher nicht auf eine verhältnismäßig geringfügige, unter allen Umständen unter 25 vom Hundert liegende Minderung der Erwerbsfähigkeit schließen» Diese Bedenken habon hier • umso mehr Gewicht, als der Kläger in der Schilderung seines beruflichen Werdeganges, zu der er vom Berufungsgericht veranlaßt worden war, dargestellt hat, daß er seinen Lebensunterhalt nach seiner Auswanderung nur durch solche körperliche Arbeit verdienen konnte» Er hat angegeben, wie er beim Fehlen einer abgeschlossenen Ausbildung als Metall-handwerker darauf angewiesen war, sich als Hilfsarbeiter durchzuschlagen, was zur Folge hatte, daß er überall unangenehme und schwere Arbeit verrichten mußte» d) Diese verfahrensrechtlichen und sachlich-rechtlichen Bedenken betreffen zwar zunächst nur die Erwägungen, mit denen das Berufungsgericht zur Höhe der Minderung der Erwerbsfähigkeit des Klägers vor der Operation Stellung genommen hat» Sie gelten darüber hinaus auch für die Bemessung des Grades dieser Beeinträchtigung für die Zeit nach der Operation» Zwar hat für diesen Zeitraum der ärztliche Sachverständige Dr» Fulde die Minderung der Erwerbsfähigkeit auf höchstens 10 vom Hundert veranschlagt, weil das Leiden des Klägers durch die Operation wesentlich gebessert worden sei» Sowohl sein Gutachten wie die Würdigung dieser Stellungnahme durch das Berufungsgericht zoigen aber, daß auch in diesem Zusammenhang die Arbeit dos Klägers in der bereits erörterten Weise rechtlich unzutreffend gewertet worden ist» Es läßt sich daher nicht ausschließen, daß der unter 2 c behandelte Hechtsfehler auch für diesen Zeitabschnitt die Bemessung der Minderung der Erwerbsfähigkeit zu dem Nachteil des Klägers beeinflußt hat» Daß die Schädigung des Klägers in diesem Ausmaß nur kurze Zeit vorhanden war, spielt nach dem Gesetz keine Rolle, sofern die körperliche Leistungsfähigkeit überhaupt durch das Leiden für eine mehr als vorübergehende 2eit herabgesetzt war* Auf den Grad dieser Beeinträchtigung kommt es für die Frage, ob die Schädigung weder die geistige noch die körperliche Leistungsfähigkeit nachhaltig beeinträchtigt hat, nicht an* Daraus folgt, daß ein Verfolgter auch dann nach § 29 ff BEG zu entschädigen ist, wenn das verfolgungsbedingte Leiden seine körperliche oder geistige Leistungsfähigkeit über längere Zeit hinaus nur geringfügig herabgesetzt hat (ebenso Blessin/ Ehrig/Wilden, Bundesentschäaigungsgesetze 3» Aufl«, An. 2 zu § 28 auf Seite 398; von Dam/Loos, Bundesentschädigungsgesetz Anm* 1 b zu § 28 auf Seite 216)« 3« Infolge dieser Mängel kann das angefochtene Urteil nicht bestehen bleiben* Im weiteren Verfahren wird das Berufungsgericht die Frage nach dem Grade der Minderung der Erwerbsfähigkeit nochmals prüfen müssen, es wird auch genötigt sein, mit Hilfe eines geeigneten ärztlichen Sachverständigen die Frage nach dem ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Leiden des, Klägeis und den Arbeitsbedingungen zu entscheiden* Daß Krampfadern nach dem gegenwärtigen Stande der ärztlichen Wissenschaft regelmäßig auf einer angeborenen Bindegewebsschwäche beruhen, schließt die Anwendung des § 4 der 2. DV-BEG geforderte Zustimmung der Entschädigungsbehörde zu besitzen» Der Kläger hatte schon in seinem Antrag auf Entschädigung des Gesundheitsschadens auf die bevorstehende Opera-tion und Krankenhausbehandlung hingewiesen» Es kann kein Zweifel sein, daß diese Operation zu einer Besserung seines Leidens geführt hat» Unter diesen Umständen kann sich die Entschädigungsbehörde auf das Fehlen der vorherigen Zustimmung zu diesem Heilverfahren nicht berufen (vgl» hierzu LG München RzW I960, 72 Nr» 19).