BGH · IV ZR 27/61
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
14» August 1957, BGBl I 1215, § 1 Abs« 1 Eins Verfolgte, die ihren Wohnsitz in Königsberg hatte, im Jahre 1940 in das Konzentrationslager Ravensbrück verbracht wurde und dort mehrere Wochen nach der Kapitulation Königsbergs, am 6o Mai 1945, starb, ist Vertriebene im Sinne der §§ 150 BEG, 1 Abs» 1 BVFG. Die Revision d-s beklagten Landes gegen das Urteil des 5» Zivilsenats (üntschädigungssenats) des Oberland esgerichts in Köln vom 24« Oktober I960 wird zurückgewiesen. Tatbestands Die Mutter des Klägers, Berta geb wurde am 2« Juni 1937 in Königsberg, wo sie ihren Wohnsitz hatte, verhaftet und durch Urteil des Sondergerichts in Königsberg zu einer Gefängnisstrafe von 1 1/2 Jahren verurteilt, weil sie sich für die Internationale Bibelforscherver einigung betätigt hatte« Hach Verbüßung der Strafe wurde sie am 20„ Februar 1940 in das Konzentrationslager Kavensbrück emg wo sie am 6 1. Nach den Feststellungen des Berufungsgerichts hat die Mutter des Klägers in der Zeit vom 2. § 1 BVFG angesehen werden kann» Nach § 1 Abs. 1 Satz 1 BVIÜ ist Vertriebener, wer als deutscher Staatsangehöriger oder deutscher Volkszugehöriger seinen Y/ohnsitz in den zur Zeit unter fremder Verwaltung stehenden Ostgebieten oder in den Gebieten außerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches nach dem Gebietsstande vom 31- Dezember 1937 hatte und diesen im Zusammenhang mit den Ereignissen des zweiten Weltkrieges infolge Vertreibung, insbesondere durch Ausweisung oder Flucht, verloren hat. a) Das Berufungsgericht hat die Vertriebeneneigenschaft der Erblasserin mit folgenden Erwägungen bejaht: Die Erblasserin habe bei ihrer Verhaftung ihren Wohnsitz in Königsberg gehabt» Diesen Wohnsitz habe si ; nicht aufgegeben und auch nicht durch ihre Inhaftierung verloren» Sie stamme also aus einem Vertreibungs^ebiet„ Auch habe sie ihren Wohnsitz im Zusammenhang mit den Ereignissen des zweiten Weltkrieges verloren» Als Vertriebene seien auch diejenigen in einem Vertreibungsgebiet ansässig gewesenen Personen anzusehen, die sich zur Zeit der Vertreibung aus besonderen Gründen nicht im Vertreibungsgebiet aufgehalten hätten, aber infolge von Vertreibungsmaßnahmen an der Rückkehr in ihre Heimat verhin- dert gewesen seien Die Erblasserin habe den Zeitpunkt der Vertreibung, hier der Unmöglichkeit einer Rückkehr nach Königsberg, erlebt» Mit der am IQ«, April 1945 erfolgten Kapitulation Königsbergs sei die Stadt und schließlich ganz Ostpreußen in den Machtbereich der Sowjetunion gelangt sei unerheblich, ob die politischen Entschlüsse, auf denen die Vertreibungsmaßnahmen in den deutschen Ostgebieten, insbesondere in Ostpreußen, beruhten, erst später, etwa auf der Potsd Koni gefaßt und bestätigt worden seien und ob die Vertreibungsmaßnahmen erst für einen späteren Zeitpunkt, etwa für die Zeit nach einer deutschen Gresamtkapi-tulation, vorgesehen gewesen seien» Bei denjenigen Personen, die nicht mehr in ihren in Ostpreußen gelegenen V/ohn Vertreibung anzusehen, in dem ihr Wohnsitzort in den sowjetischen Machtbereich übergegangen sei«, Mit Vertreibungsmaßnahmen gegen die in Ostpreußen ansässige deutsche Bevölkerung habe in so hohem Maße gerechnet werden müssen, daß der Erblasserin im Zeitpunkt ihres Todes eine Rückkehr nach Königsberg nicht zuzu demuten gewesen wäre» Der Vertreibungsschaden gelte daher nach § 12 Abs, 11 LAG und der Recht- als im Zeitpunkt des Todes eingetreten» Die Erblasserin habe somit die Vertreibung im Sinne von § 1 BVFG erlebt» Einen Wohnsitz in der Sowjet zone habe sie nicht begründet» Es sei anzuenhmen, daß sie im Zeitpunkt ihres Todes ohne Wohnsitz b) Die Revision rügt, das Berufungsgericht habe zu Unrecht angenommen, daß die Erblasserin infolge der Kapitulation Königsbergs ihren Wohnsitz "durch Vertreibung1'verloren habe» Die Revision meint, in diesem Falle sei der Verlust des Wohnsitzes nur eine Folge der Kapitulation, also eines einzelnen Kriegsereignisses«, Die politischen Entschlüsse, auf denen die Verti'eibungsmaßnahmen in den deutschen Ost- rblass nicht um eine Vertreibung handeln Auch sei es zweifelhaft, ob die Verfolgten von den Vertreibungsmaßnahmen erfaßt worden wären» Die vom Berufungsgericht herangexogene Sondervorschrift des Lastenausgleichsgesetzes habe im BVFG keinerlei Niederschlag gefunden» Die Argumentation des Berufungsgerichts stelle eine Fiktion dar, daß nämlich auch der an der Rückkehr in das Vertreibungsgebiet verhinderte Verfolgte als Vertriebener anzusehen sei» Die fiktiven Tatbestände seien aber in Mit Rücksicht auf diese Zwangslage sei für sie die Frage nicht akut geworden, oh sie trotz der militärischen Besetzung und der Gefahr einer allgemeinen Vertreibung in ihre Heimat zurückkehren sollte» zu § 150 BEG 1956 = BzW i960, 85^, das die Vertriebeneneigen Schaft eines verfolgten nach § 1 Abs» 2 Nr» 1 BVFG betrifft, ausgesprochen» Dem Berufungsgericht ist auch darin zuzustimmen, daß - im Gegensatz zu der in § 9 BVFG getroffenen Regelung - die Anspruchsberechtigung nach § 150 BEG weder von der Begründung eines Wohnsitzes noch von einer dauernden Aufenthaltsnahme in der Bundesrepublik abhängt» Nach der Rechtsprechung des erkennenden'benats (Urteil vom 7«. 208) gehören zu den in § 150 Abs» 1 BEG bezeichneten Personen kreis auch diejenigen verfolgten Vertriebenen, die auf der Flucht oder vor der Begründung eines Wohnsitzes in der Bundesrepublik verstorben sind und deshalb regelmäßig die Voraussetzungen des § 4 BEG nicht erfüllen» Es kommt sonach darauf an, ob die Erblasserin die Vertreibung erlebt und dadurch den Wohnsitz verloren hat» Entscheidend ist nach § 1 BVFG der Verlust des Wohnsitzes» Dieser Verlust muß wegen der Zugehörigkeit zu dem Deutschtum in Zusammenhang mit den Ereignissen des zweiten Weltkrieges infolge_Vertreibung eingetreten sein» Als Beispiele der Vertreibung nennt das Gesetz die Ausweisung und die Flucht» Das Gesetz geht sonach davon aus, daß der Wohn- ar eine solche Rückkehr infolge von Vertreibungsmaßnahmen nicht mehr möglich oder nicht mehr zu demutbar, dann ist, wie das Berufungsgericht zutreffend ausgeführt hat, der Verlust des Wohn sitzes im Vertreibungsgebiet durch Umstände eingetreten, di im Zusammenhang mit den Ereignissen des zweiten Weltkriege stehen» Vertriebene sind daher auch Personen, die sich im Vertreibungszeitpunkt nicht an ihrem Wohnsitz aufhielten, denen aber wegen der Vertreibungsmaßnahmen die Rückkehr dorthin versperrt war» Dies ist im Vertriebenenrecht wie auch im Lastenausgleichsrecht anerkannt (vgl» die Ooa»Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts mit weiteren Nachweisen aus dem Schrifttum)» Insoweit kann, entgegen der Meinung der Revision, nicht nur von einer fiktiven Vertreibung gesprochen werden» Die Unmöglichkeit oder Unzu demutbarkeit der Rückkehr bedeutet vielmehr den tatsächlichen Verlust des Wohnsitzes» Dabei ist für die Präge der Unmöglichkeit der Rückkehr nicht auf die persönlichen Verhältnisse des Betroffenen, sondern mehr auf die für alle deshalb nicht berufen, weil diese Unmöglichkeit der Rückkehr auf einer nationalsozialistischen Gewaltmaßnähme beruhte und folglich dem Anspruch nicht entgegengehalten werden kann Zu prüfen ist weiterhin, ob die Erblasserin ihren Wohnsitz infolge Vertreibung verloren hat» Die Revision faßt den Begriff der Vertreibung und der Vertreibungsmaßnahme zu eng Mai 1945 verstorben sind, der Zeitpunkt des Todes, wenn in diesem Zeitpunkt die Rückkehr in das Vertreibungsgebiet wegen Vertreibungsmaß nahmen nicht mehr möglich war. der Revision die entsprechenden politischen Entschlüsse gefaßt worden sind, gesprochen werden kann» In der Tat wäre es eine Verkennung der historischen Begebenheiten, wenn die mit dem Angriff der sowjetischen Armeen auf Ostpreußen einsetzen-de Massenflucht der dortigen Bevölkerung nicht als Vertreibung gewertet würde» Weiteste Kreise der Bewohner Ostpreußens sahen sich anläßlich der bevorstehenden Besetzung dieses Gebiet zur Flucht, nach Möglichkeit unter Mitnah ihrer beweglichen Habe, gezwungen» Daß nach dem Ausmaß des Krieges und der Art d Verlust nicht nur dieser Hauptstadt, sond von nahezu ganz Ostpreußen für das Deutschtum und damit den Ver lust der Heimat und des Wohnsitzes für die Bevölkerung dieses Gebietes. Mit Recht hat daher das Berufungsgericht angenommen, daß die Erblasserin im Zeitpunkt ihres erst mehrere Wochen nach der Kapitulation Königsbergs eingetretenen Todes ihren Wohnsitz in Königsberg bereits infolge Vertreibung verloren hatte. Nach allem hat das Berufungsgericht mit Recht die Ver triebeneneigenschaft der Erblasserin im Sinne des bejaht„ Aus diesen Gründen ist die Revision des beklagten Landes mit der sich aus den §§ 209 Abs* 1, 225 Abs* 1 BEG, § 97 Abs» 1 ZPO ergebenden Kostenfolge zurückzuweisen»