BGH · IV ZR 17/57
Originalentscheidung als PDF
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Rechtssatzs In dem Verbot eines Umgangs mit Kriegsgefangenen und in der Bestrafung von Verstößen gegen dieses, Verbot liegt grundsätzlich keine Mißachtung der Menschenwürde?, auch nicht in dem Einsatz von Kriegs-^. - Prozeßbevollmächtigter* Rechtsanwalt Dr* in hat der IV«, Zivilsenat des Bundesgerichtshofs auf die mündliche Verhandlung vom 5« April 1957 unter Mitwirkung des Senatspräsidenten Schmidt, der Bundesrichter Ascher, Dr« v* Werner, Wüstenberg und Wilden für Recht erkannts Das Urteil des 13* Zivilsenats des Oberlandesgerichts in Hamm vom 22c Oktober 1956 wird aufgehoben* Die Berufung der Klägerin gegen das Urteil der Entschädigungskammer des Landgerichts in Detmold vom 28* Dezember 1955 wird zurückgewiesen* Die außergerichtlichen Kosten der Berufung und der Revision hat die Klägerin zu tragen« Von Rechts wegen Tatbestamds Die im Jahre 1922 geborene Klägerin war während des Krieges als Arbeiterin in einer Möbelfabrik beschäftigt0 Hier waren auch rassische Kriegsgefangene zur Arbeit eingesetzt* Mit einem dieser Kriegsgefangenen, der deutsche Sprach-kenntnisse besaß, kam sie, die damals noch nicht verheiratet .war, in nähere Berül rung. Auf die Berufung der Klägerin hat das Oberlandesgericht, nachdem diese ihren Klageantrag entsprechend eingeschränkt hatte, den Beklagten zur Zahlung eines Betrages von 2.100,— DM verurteilt und ihm die gesamten außergericht- IIc Das Oberlandesgericht ist jedoch der Auffassung, daß die Klägerin einer nationalsozialistischen Unrechtshandlung zu dem Opfer gefallen sei, insofern als gegen sie eine unmenschlich hohe Strafe verhängt worden sei« Ein solcher Pall müsse nach § 1 Abs 2 Kr 1 BEG entschädigt werden« Diese Bestimmung besage, •« £ daß das Eintreten mit Wort oder Tat (das sei Einsatz) gegen, bestimmte Teile der nationalsozialistischen Ideologie (Mißachtung der Menschenwürde, Nichtachtung der grundsätzlichen Unantastbarkeit des Menschenlebens) und eine dieserhalb durchgeführte Verfolgung einen entschädigungspflichtigen Tatbestand bilde« doppelt aus* Denn mit einem Einsatz sei ein Handeln begriffsnotwendig verbunden» Es würde dem Geist des Gesetzes daher nicht widersprechen, wenn man das Wort "aktiv” in Gedanken überhaupt streiche* Es sei bekannt * daß den Ostvölkern, Polen und Hussen, weil sie den Bebensraum besaßen, den nationalsozialistische Wahnvorstellungen für sich in Anspruch nahmen, weitgehend die Ausrottung zugedacht gewesen sei; um diesem Ziel gewissermaßen eine moralische Berechtigung zu geben, seien die Ostvölker als minderwertige Untermenschen, denen von den nationalsozialistischen Gewalthabern obendrein noch die eigene schändliche Absicht des Völkermordes untergeschoben worden sei, diffamiert worden« Dies habe dazu geführt, daß jeder menschliche Umgang mit den Angehörigen der Ostvölker, Zivilisten und Kriegsgefangenen als verabscheuungswürdige Verbrechen angeprangert worden seien« Von einem solchen Menschen könne man keine besonders ausgeprägten Willensregungen und Willensäußerungen verlangen; der vom Gesetz verlangte -Einsatz brauche nicht betont zielstrebig zu sein, sofern nur wie im Falle der Klägerin, ein bewußtes Handeln gegen die die Menschenwürde mißachtenden Parolen des Nationalsozialismus erkennbar sei* Hinsichtlich des Erfordernisses der eigenen Gewissensentscheidung bei einer einfachen Frau wie der Klägerin könne man nur verlangen, daß ihr Verhalten frei von Nützlich-keitserwägungen and fremden Einflüssen einer, wenn auch nur gefühlsmäßigen Fügung für das entspreche, was man tun oder unterlassen solle« Einmal widersprach es nicht rechtsstaatlichen Grundsätzen, während eines Ki'ieges den Umgang der Zivilbevölkerung mit Kriegsgefangenen zu verbieten und Zuwiderhandlungen auch unter Strafe zu stellen, auch in anderen wie z.B* den angelsächsischen Ländern haben solche Verbote bestanden (vgl Frey, Die ziplinarische und gerichtliche Bestrafung von Kriegsgefangenen S 64); sodann will das BEG auch nicht alle Unrechtshandlungen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft entschädigen, sondern nur einen begrenzten Kreis, wie er in dem § 1 gezogen worden ist« Grundsätzlich hat der verbotswidrige Umgang mit Kriegsgefangenen, insbesondere der intime Verkehr mit ihnen nichts mit einer politischen Gegnerschaft zu dem Nationalsozialismus zu tun (so auch Blessin-Wilden S 175 Anm 17 zu § l) * Es läßt sich auf Grund des hier vorliegenden Sachverhalts auch nicht sagen, daß, wie der § l'Abs 2 Sr 1 BEG verlangt, die Klägerin sich aktiv gegen die Mißachtung der Menschenwürde eingesetzt hat« Denn einmal liegt sie war nicht eine Maßnahme, mit der lediglich diese Völker verfolgt werden sollten, weil man sie als minderwertig, ansah und sie ausrotten wollte« Abgesehen davon, daß in letzterer Hinsicht Bedenken gegen die Auffassung des Berufungsgerichts bestehen (vgl Blessin-Wilden S 180 Anm 29 zu § 1 BEG), ist der Verkehr auch mit Kriegsgefangenen aus dem Westen hart bestraft worden (vgl Prey aaO S 63)« Vor allem aber fehlt es bei der Klägerin an einem aktiven Einsatz« Denn unter einem solchen kann nur ein Verhalten verstanden werden, das auf die Beseitigung einer vorliegenden Mißachtung der Menschenwürde gerichtet ist, mit dem somit einer solchen Mißachtung unmittelbar entgegengetreten wird« Bas ist aber bei einem Geschlechtsverkehr mit einem Kriegsgefangenen in der Regel nicht der Pall« Zur Bejahung eines solchen Einsatzes reicht auch nicht die Erweisung unbedeutender Gefälligkeiten, wie die Zuwendung eines Prühstücksbrots oder eines Apfels aus(so auch OLG Celle in RzW 54, 368)« Schließlich genügt auch für die Bejahung einer eigenen GewissensentScheidung nicht ein lediglich gefühlsmäßiges Verhalten« Ba somit irgendwelche Tatsachen, die die Annahme recht-fertigen könnten, daß der Kriegsgefangene menschenunwürdig behandelt worden ist und die Klägerin mit ihren Beziehungen zu ihm eine solche Behandlung hat bekämpfen wollen, vom Berufungsgericht nicht festgestellt worden sind, noch solche Tatsachen von der Klägerin behauptet oder sonst ersichtlich sind, der Arbeitseinsatz von Kriegsgefangenen in einer Möbelfabrik grundsätzlich auch nicht gegen die Menschenwürde verstieß (vgl auch das Genfer Abkommen über die Behandlung der Kriegsgefangenen vom 27® 7o 1929 - RGBl 1934 II 207 - insbes« dessen Art« 27)7 mußte das Berufungsurteil aufgehoben und die Berufung der Klägerin gegen das Urteil des Landgerichts zurückgewiesen werden«