BGH · IV ZR 90/63
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Mit dem Abschluß der vorletzten Klasse einer High School hat ein Schüler in den USA noch nicht den gleichen Bildungsund Befähigungsausweis für den Eintritt in das Berufs- und Erwerbsleben erlangt, wie ihn das Zeugnis der mittleren Reife in Deutschland darstellt. Auf die Berufung der Klägerin wird das am 16„ und 17» November 1963 an Verkündungs Statt zugestellte Urteil der 5= Entschädigungskammer des Landgerichts München I vom 13° November 7961 geändert: Die Klägerin beansprucht Entschädigung wegen Schadens in der Ausbildung mit der Begründung;, daß sie in Deutschland vom Besuch der höheren Schule und dem Studium für die Befähigung zu dem Lehramt an höheren Schulen ausgeschlossen worden sei» In Amerika habe sie das High School-Diplom., das etwa der Mittel-schulreife in Deutschland entspreches erst mit 18 Jahren erhalten. Die Klägerin hat hinsichtlich der Präge, welches Ausbildungsziel sic bei ihrer vorberuflichen Ausbildung erstrebt habe, und inwiefern die Erreichung dieses Zieles durch die Verfol-gung vereitelt oder verzögert worden sei, behauptet, sie habe den Beruf einer akademisch gebildeten Lehrerin und demgemäß einen solchen Abschluß ihrer vorberuflichen Ausbildung erstrebt, der ihr die Aufnahme eines diesem von ihr erstrebten Beruf entsprechenden Studiums ermöglicht haben würde» Dieses Ziel habe sie aus Verfolgüngsgründen nicht erreicht» Da3 Berufungsgericht hat diese Behauptung der Klägerin nicht für bewiesen angesehen, sondern nur unterstellt, daß sie als Abschluß ihrer vorberuflichen Ausbildung die mittlere Rolfe erstrebt habe» Dieses Ziel habe sie trotz der Verfolgung - wenn auch möglicherweise mit einer gewissen verfolgungsbedingten Verzögerung - erreicht» vollertdet gehabt«, In diesem Alter lasse sich noch nicht fest-steilen, welchen Beruf ein Kind später ergreifen werde» Eine Feststellung sei allenfalls, wie der erkennende Senat (RzW I960, 327) ausgeführt habe, dahin möglich, ob das Kind die akademische Laufbahn einschlagen solle» Es seien-jedoch keinerlei Nachweise dafür erbracht, daß die Klägerin in Deutschland eine Hochschule habe besuchen wollen»- In dörflichen Metzger-und Viehhähdlerkreioen, zu denen ihre Eltern gehört hätten, sei es zu demindest vor 20 Jahren nicht üblich gewesen, die Töchter für einen akademischen Beruf, z»B„ als Studienrätin, auszubilden» Die Klägerin habe auch-nicht■etwa dargetan, daß ihre Geschwister oder sonstige nächste Verwandte ein akademisches Studium ergriffen hätten» Sic habe auch nicht durch Vorlage von Schulzeugnissen eine besondere Begabung für ein solches Studium nachgewicsen» Ihre Eignung für einen akademischen Beruf könne auch nicht ihrem späteren Entwicklungsgang entnommen werden, denn sie habe in den USA keine entsprechende Ausbildung nachgeholt 0 Zwar habe sie während eines halben Jahres an einem College einen Abendkursus für Sprachverbesserung und Freizeitgestaltung besucht» Diese Ausbildung habe sie aber nicht fortgesetzt, sondern' eine Stellung als Bürogehilfin angenommen, offenbar weil das Studium ihr neben ihrer beruflichen Tätigkeit zu anstrengend gewesen sei» Die Erfahrung zeige aber, daß junge Leute, die für ein Universitätsstudium besonders begabt seien und ein entsprechendes Berufssiel verfolgten, dieses als Work- -Studenten unter Opfern und Entbehrungen su erreichen suchten» . Die Revision hat dagegen lediglich vorgebracht, die Klägerin habe durch ihre Ausbildung in den USA gezeigt, daß sie durchaus •in der Lage gewesen wäre, das Abitur su machen» Denn sie habe trotz der sicherlich on Anfang vorhanden gewesenen erheblichen -Sprach schv/ierigkeiten die High-School-Ausbildung ohne Verzögerung absolviert und mit dem Diplom dieser Schule einen ord- Es hat aber, u.a, aus der Tatsache, daß die Klägerin den Besuch des College nach kurzer Zeit aufgegeben und einen Abschluß der Ausbildung auf dieser Schule nicht mehr angestrebt hat, geschlossen, daß eine besondere Begabung für einen akademischen Beruf und ein eindeutiger und entschiedener Wille, ein solches Berufssiel zu erreichen, bei ihr nicht vorhanden gewesen seien«, Eine solche, im Kähmen dertatrichterlichen Würdigung dos Sachverhalts mögliche Schlußfolgerung ist rechtlich nicht angreifbar« 'Lanach bleibt allein noch die Frage, deretwegen das Berufungsgericht die Revision zugelassen hat, su entscheiden, die Frage nämlich, ob die Klägerin dadurch mehr als nur geringfügig in ihrer vorberuflichen Ausbildung beeinträchtigt worden ist, daß sie aus Verfolgungsgründen in Leutschland Ende 1936 den Schulbesuch einstellen mußte und ihn erst im Mai 1S37 in den USA wieder aufnehmen konnte. gestellt werden, daß die Klägerin nur mit einer erheblichen Verzögerung das Ausbildungsziel der vorberuflichen Ausbildung erreicht habe' wäre sie in, den USA aufgewachsen, aus besonderen, in ihrer Person liegenden Gründen (günstiges Geburtsdatum, besondere Begabung) mit dem Besuch der High-School schon ein Jahr früher hätte beginnen können und begonnen haben würde, und daß ihr dieser vorzeitige Eintritt in die High-School.wegen der besonderen Lage, in der' sie sich als verfolgte Einwandererin - etwa wegen dor bestehenden Sprachschwicrigkeiton - befunden habe, nicht möglich gewesen sei« Für. Ausbildung mehr als nur geringfügig geschädigt worden ist, kann aber nicht allein auf Grund seines Ausbildungsganges ,in Einwandorungsland beantwortet werden« Einer "Eingliederung" in das dortige Ausbildungswesen auf einer Stufe, die dem.Alter des Verfolgten entspricht, durch die.or'also dort hinsichtlich des Standes seiner Ausbildung im Wesentlichen mit gleichaltrig; Schülern gleichgestellt wird, kann nicht ohne weiteres die Bedeutung cinoö Ausgleichs für die erlittene.Beeinträchtigung in der vorberuflichen Ausbildung zukommeno Die Beantwortung der Frage nach dem Ausmaß dor Auswirkung dieser Beeinträchtigung hängt vielmehr auch davon ab, ob der Verfolgte im Vergleich mit dem Ausbildungsgang,, den er ohne die Verfolgung in Deutschland voraussichtlich durchlaufen hätte, gegenüber deni; was er im Einwanderung3land erreicht hat, nicht unerheblich .benachteiligt ist« Das Berufungsgericht hat auch diesen Vergleich angeatellt und demgemäß die Frage erörtert, wie sich die Ausbildung der Klägerin gestaltet haben würde, wenn sie in Deutschland verblieben und dort - wie eine nichtjüdische Schülerin - ihren Schulbesuch- hätte fortsctzen können« Das Berufungsgericht kommt dabei zu dem Ergebnis, daß die Klägerin dann den Aus-bildungS3tand der mittleren Reife bereits Ende Juli/Anfang August ,1943, also 10 bis 11 Monate vor dem Zeitpunkt erreicht haben könnte, zu dem sie in Amerika die vorletzte Klasse der Commercial High-School abgeschlossen hätte« Das Berufungsgericht meint, daß auch bei diesem Vergleich die Annahme einer mehr als nur geringfügigen Beeinträchtigung ,der.vorberufliehen Ausbildung der Klägerin nicht gerechtfertigt .sei, zu demal wenn man berücksichtige, daß es ungewiß sei, ob die Klägerin unter den in Deutschland in den letzten Kriegsjahren bestehenden Verhältnissen tatsächlich dieses Ziel bereits 1943 erreicht haben würde« Denn in der Regel müsse bei einer längeren Schulzeit mit gewissen Verzögerungen gerechnet werden,.z«B« Dieser Auffassung vermag der Senat nicht zu folgen« Sie beruht auf der Voraussetzung, daß der Ausbildungsstand, den ein Schüler in Amerika mit dem (erfolgreichen) Abschluß der vorletzten Klasse der Commercial High-School erreicht, der mittleren (Obersckundn=)Reife in Deutschland gleichgestellt werden könne« Das mag zwar zutreffen, sofern-bei dem Vergleich allein auf den hüben und drüben- in diesem Abschnitt der Aus- sowie dor Fähigkeit, ihn anzuwenden, abgestellt und von der Bewertung abgesehen wird?.die diesem Bildungsstand im allgemeinen Berufs- und Erwerbsleben zukommt, In dieser Hinsicht kann jedoch nicht außer acht gelassen .-werden, daß zwar wohl mit.‘der Erlangung der mittleren Reife in Deutschland, nicht jedoch mit dem Abschluß der vorletzten Klasse der Commercial High-School ein bestimmter, für das Berufsund Erwerbsleben gültiger Befähigungsnachweis verbunden wird,, der in vielen Berufszweigen für das weitere--berufliche Fortkommen eine bestimmte günstige Voraussetzung schafft. .schulausbildung erfordern, die Mindestvoraussetzung, Daraus' folgt, daß ein Befähigungsnachweis für das Berufsleben, wie er der mittleren Reife in Deutschland entspricht, in Amerika erst mit dem Abschluß (graduation) der High-School erreicht ist. Diesen Abschluß aber hat die Klägerin nach den ■ Feststellungen des Berufungsgerichts erst mit der Vollendung des 18, Lebensjahres, also in jedem Falle erheblich später, erreicht, als sic bei einem im wesentlichen ungestörten Aus-bildungsgang in Deutschland das Zeugnis der mittleren Reife bekommen.haben-'würde. Die Verzögerung, die sich bei diesem Vergleich auf Grund des durch die Verfolgung veränderten Ausbildungcwegcs für da3 berufliche Fortkommen der Klägerin ergibt, ist mehr als nur geringfügig.