BGH · IV ZR 751/68
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Die Beklagte ist dem Scheidungsbegehren entgegengetreten und hat einer Scheidung nach § 48 EheG widersprochen Sie hat beantragt, die Klage abzuweison Der Kläger hat Berufung eingelegt und mit ihr sein Scheidungsbegehren weiterverfolgt 0 sige Revision ist begründete In dem angefochtenen Urteil wird zunächst ausführlich dargelegt, daß das auf § 43 EheG gestützte Scheidungsbegehren des Klägers unbegründet sei0 Teilweise wird das vom Kläger der Beklagten zur Last gelegte Verhalten nicht als erwiesen angesehen, teilweise wird es nicht als schwere Eheverfehlung gewertet, und teilweise wird angenommen, daß das darauf gestützte Scheidungsbegehren nach § 43 Satz 2 EheG sittlich nicht gerechtfertigt sei0 Damit ist die Feststellung, daß der Kläger die Zerrüttung der Ehe überwiegend verschuldet habe, nicht hinreichend begründet* Es ist erheblich, festzustellen, wann die eingetretene EheZerrüttung unheilbar geworden ist und welche Ursachen zu dieser Zerrüttung beigetragen haben; diese Ursachen sind dann in ihrer Bedeutung für die Zerrüttung abzuwägen* Dabei kommt es nicht darauf an, ob das Verhalten des einen oder des anderen Ehegatten als schwere EheVerfehlung im Sinne des § 43 EheG zu bewerten ist, wie auch verziehene Ehewidrigkeiten und einem Ehegatten nicht zu dem Verschulden gereichende Verhaltensweisen, die sich ehezerrüttend ausgewirkt haben, und ferner solche, auf die § 43 Satz 2 EheG anzuwenden ist, zu berücksichtigen sind* Zu beachten ist, daß der beklagte Ehegatte die Beweislast für die Tatsachen hat, aus denen sich die überwiegende Schuld des Klägers an der Zerrüttung ergibt, doch kann das Vorbringen des Klägers, mit dem er den Verlust seiner ehelichen Gesinnung begründet, zuungunsten des Beklagten nur berücksichtigt werden, wenn für seinen Vortrag, auch nach dem Ergebnis der Verhandlung und Beweisaufnahme, eine gewisse Wahrscheinlichkeit spricht (BGH FamRZ 1968, 592 und Urteil vom 17o Dezember 1969 - iV ZR 1125/68)<> Handelt es sich um Vorgänge, die sich allein zwischen den Parteien ereignet haben, so kann zu erwägen sein, die glaubwürdiger erscheinende Partei eidlich zu vernehmen (§§ 448, 452 ZPO); doch kommt eine Beeidigung nur bei Bekundungen über bestimmte Tatsachen, über die die Partei sich nicht irren und auch keine vorgefaßte Meinung erlangt haben kann, in Betracht0 Feststellungen, die zu dem auf § 43 EheG gestützten Seheidungsverlangen getroffen sind, sind also nicht ohne weiteres und nur unter Berücksichtigung der im Rahmen des § 48 Abs0 2 EheG geltenden Besonderheiten verwertbar0 Dem tragen die Ausführungen des angefochtenen Urteils nicht hinreichend Rechnung0 Das Berufungsgericht hat festgestellt, daß die Beziehungen der Parteien verhältnismäßig gut waren, nachdem die Beklagte die im Jahre 1955 erhobene Scheidungsklage zurückgenommen hatte„ Die davorliegenden ehebrecherischen Beziehungen des Klägers zu anderen Frauen können demnach nicht unmittelbar die Zerrüttung der Ehe, die den Kläger zu seiner Jetzigen Scheidungsklage veranlaßt hat, herbeigeführt haben, wenn sicherlich auch ihre Bedeutung für die Entwicklung der Ehe nicht gering ist» Daß die später einsetzenden Beziehungen des Klägers zu der Zeugin dMH geschlechtlicher Art oder mit Zärtlichkeiten verbunden seien, hat das Berufungsgericht nicht festgestelltA Dagegen ergibt das angefoch-tene Urteil, daß das Verhalten des Klägers zu Frau Dfli BUB geeignet war, bei der Beklagten den bösen Schein der ehelichen Untreue zu erwecken* Darauf reagierte die Beklagte , wie weiter aus dem Berufungsurteil hervorgeht 3 empfindlich und in unangemessener Weise, indem sie andere Menschen, auch Jugendliche und mindestens einmal einen Vorgesetzten des Klägers, in ihre Eheangelegenheiten hineinzog und eine umfangreiche Überwachung des Klägers ins Szene setzte0 Es ist erforderlich, den Umfang der ehewidrigen Reaktionen der Beklagten auf die neuerlichen Verfehlungen des Klägers unter Berücksichtung der dargelegten Beweislastgrundsätze zu ermitteln«, Das würde dazu führen, daß vom Kläger behauptete Ehewidrigkeiten der Beklagten, sofern nur eine gewisse Wahrscheinlichkeit für sie spricht, in weiterem Umfang als in der zu § 43 EheG ergangene anzunehmensind• Beispielsweise wäre es notwendig, die dem Kläger von der Beklagten am 160 Juni 1962 mit der Brennschere beigebrachte Verletzung nicht als nur versehentlich zugefügt anzuüehen, da die Beklagte selbst bei ihrer Vernehmung vor dem Landgericht dsfsals möglich bezeichnet hat, daß sie mit der Schere auf den Kläger eingeschlagen habe„ Außerdem kommt es hier darauf an, wie der Vorfall auf den Kläger wirkte» Im übrigen ist darauf hinzu\*eisen, daß die Zeugin DfHHHB ausgesagt hat, etwa im Frühjahr 1962 habe sich ihr erstes Zusammensein mit dem Kläger ergeben,, während die Beklagte bereits im Sommer 1961 festzustellen glaubte, daß der Kläger wieder ehev/idrige oder ehebrecherische Beziehen unterhalte« Um beurteilen zu können, von wann an etwaige EheWidrigkeiten der Beklagten Reaktionen auf die Begegnungen des Klägers mit der Zeugin waren, sind zeitlich eindeutige Feststellungen, soweit sie möglich sind, angebracht„ Jedenfalls scheint das eheliche Verhältnis im März 1962 schwer erschüttert gewesen zu sein, wie der Brief zeigt, den der Anwalt der Beklagten in dieser Zeit an den Kläger richtete 0 Ferner ist es, ehe in der Schuldfrage eine Entscheidung gegen den Kläger getroffen werden kann, geboten, nach Maßgabe des beiderseiten Parteivortragsdie Entwicklung der Ehe seit der Aussöhnung nach der Beendigung des früheren Scheidungsprozesses bis zur Begegnung des Klägers mit Frau DflHHHB zxx untersuchen und möglichst unter Feststellung der Zeitpunkte für die maßgebenden Vorfälle, gegebenenfalls wiederum unter Berücksichtigung der angegebenen Beweislastgrundsätze, zu klären, wie es dazu kam, daß der Kläger seine eheliche Gesinnung verlor 0 Die allgemeine und unbestimmte Wendung des angefochtenen Urteils, es lägen keinerlei Anhaltspunkte dafür vor, daß der Kläger sich letztlich nur infolge des Verhaltens der Beklagten anderen Frauen zu- und von ihr abgewendet habe, reicht nicht aus« Enttäuschungen, wie sie sie durch die früheren ehebrecherischen Verhältnisse des Klägers erfahren hat, eine Rolle spielen* Ein abschließendes Urteil ist erst zu gewinnen, wenn das beiderseitige Verhalten und die Entwicklung der Ehe losgelöst davon, inwieweit dem einen oder anderen schwere Eheverfehlungen zur Last zu legen sind, aufgeklärt ist»