BGH · IV ZR 674/68
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
auf §43 EheG gestützt war, warde durch Urtei1 vom 27« Januar 1961 abgewiesen„ Bas Urteil hat zur Abweisung des Scheidungsanspruchs aus § 48 EheG ausgeführt, der von der Beklagten erhobene Widerspruch sei zulässig, weil den Kläger zu demindest die weitaus überwiegende Schuld an der Zerrüttung der Ehe treffe* und die Aufrechterhaltung der Ehe bei richtiger Wür^^ und des gesamten Verhaltens beider Ehegatten gerechtfertigt sei« Schließlich erhob im April 1962 die Beklagte eine auf § 43 EheG gestützte Scheidungsklage, die sie darauf stützte, daß der Kläger die Aufnahme der häuslichen Gemeinschaft bei ihr in Solingen verweigere• In einem persönlichen Schreiben an das Gericht vom 24* Juli 1962 teilte sie dann mit, es täte ihr leid, daß sie die Klage eingereicht habe; denn sie möchte ihrem Mann trotz allem ein Zuhause halten* Die Klage wurde zurückgenomraen* hilfsweise aus § 46 EheG* Die Beklagte hat sich nicht durch einen Rechtsanwalt vertreten lassen* In mehreren persönlichen Schreiben an das Gericht hat sie sich mit eingehender Begründung gegen die Scheidung der Ehe ausgesprochen«, An dieser Ansicht, mit der die Ausführungen des Berufungsgerichts übereinstimmen, ist festzühalteiu Gegen die Annahme des Berufungsgerichts, daß der Widerspruch der Beklagten zulässig ist, werden von dem Kläger keine Einwendungen geltend gemachte Sie läßt sich nach der Sachlage, wie sie in den Entscheidungen der vorangegangenen Verfahren wiederholt geschildert worden ist, auch rechtlich nicht beanstanden«, Me hiergegen erhobenen Rügen der Revision sind begründe t.Bas Berufungsgericht hat insoweit die Bedeutung der Vorschrift des § 616 ZPO verkannt«, Biese Vorschrift schließt es nicht aus, daß der klagende Ehegatte, der mit einer Scheidungsklage abgewiesen ist, erneut ein auf neue Tatsachen gegründetes Seheidüngsverlangen stellte Bern hat das Berufungsgericht Rechnung getragen und geprüft, ob das vorliegende Seheidungsverlangen des Klägers begründet ist«, Dabei hat es ohne Rechtsfehler angenommen, daß die von dem Kläger zur Be-achtlichkeit des Widerspruchs vorgetragenen neuen Tat~ sachen erheblich sind, d,h«,, daß das neu behauptete Verhalten de^ Scklagten Anlaß gibt für die Prüfung, ob die Beklagte nunmehr die Bindung an die Ehe verloren hat, Biegen aber solche neuen erheblichen Tatsachen vor, dann ist die Prüfung nicht allein auf diese neuen Umstände M beschränken«, Vielmehr ist es erforderlich, die neuen Tatsachen im Zusammenhang mit den früheren Zü würdigen, doh, eine das gesamte Verhalten des beklagten Ehegatten umfassende Würdigung daraufhin vorzunehmen, ob § 41 Anm0 122; Hoffmann/Stephan, EheG 20 Auf 1 * § 41 Rn 126} o Her Kläger macht in solchem falle mit der neuen Klage einen Scheidungstatbestand geltend, der noch nicht Gegenstand des Vorprozesaes war und es auch nicht sein konnte, v/eil er sich erst nach der letzten mündlichen Verhandlung im Vorprozeß verwirklicht hat e Der sachlichen Prüfung des neuen Scheidungsanspruchs steht nicht entgegen, daß die Verwirklichung des ScheidungstatbeStandes sich erst aus einer Verbindung der neu eingetretenen Tatsachen mit den früheren, an sich durch § 616 ZPO ausgeschlossenen Tatsachen ergeben hat» Weder die Rechtskraft des früheren Urteils noch die Vorschrift des § 616 ZPO hindern das Gericht, über den neuen Tatbestand in seiner Gesamtheit zu entscheiden* Bas Berufungsgericht wird daher die Beachtliehkeit des Widerspruchs erneut unter Würdigung des gesamten Verhaltens der Beklagten zu prüfen haben« Bieserhalb war das Berufungsürteil aufzuheben und der Rechtsstreit zur erneuten Verhandlung und Entscheidung an das Berufungsgericht zurüokzuverweiseno Bei der neuen Prüfung der Beachtlichkeit des Widerspruchs wird eine besondere Bedeutung der Tatsache zu-kommen, daß die Beklagte selbst wiederholt die Scheidung der Ehe zu erreichen versucht hat« Im Jahre 1951 hat sie eine auf die Scheidungsgründe der §§43 und 48 EheG gestützte Scheidungsklage erhoben, gegenüber der Scheidungsklage des Klägers vom Jahre 1956 hat sie Widerklage erhoben, und im Jahre 1962 hat sie eine auf § 43 BheG gestützte Scheidungsklage eiliger eicht * Bie Ansicht des Berufungsgerichts, daß die Erhebung der auf Verfehlungen des Klägers gestützten Scheidungsklage aus dem Jahre 1962 aus dem Grunde nicht gegen eine Bindung der Beklagten an die Ehe spreche, v/eil sie nichts Nachteiliges Übei' die eigene Einstellung der Beklagten zur Ehe aus-sage, ist, v/ie die Revision mit Recht rügt, in dieser Form nicht haltbar* Senn es kommt für die Beachtlieh-keit des Widerspruchs nicht darauf an, aus welchen Gründen der beklagte Ehegatte die Bindung an die Ehe verloren hat* Entschließt sich ein Ehegatte dazu, die Auflösung der Ehe durch Erhebung der Scheidungsklage zu erreichen, weil er aufgrund der Verfehlungen des anderen Ehegatten und der dadurch erlittenen Enttäuschungen oder aus anderen Gründen die eheliche Gesinnung verloren hat, dann fehlt ihm die Bindung an die Ehe« Die von dem Berufungsgericht vertretene Ansicht wird auch nicht durch die von ihm angeführte KommentarsteIle (Erman/Eonke, J«, Aufl <» EheG § 48 Anm« 7 E) gedeckte Bort ist nicht die Frage abgehandelt, ob die frühere Erhebung einer auf § 43 EheG gestützten Scheidungsklage durch den Beklagten den Widerspruch des Beklagten gegen die Scheidung unbeachtlich macht, sondern die andere Frage, ob die gleichzeitige Erhebung der Scheidungsklage durch den Widersprechenden einer sachlichen Prüfung des Widerspruchs wegen der Unvereinbarkeit von Widerspruch und Scheidungsklage entgegensteht • Damit ist Jedoch nicht gesagt, da# die frühere Erhebung einer Scheidungsklage durch den beklagten Ehegatten in jedem Falle als ein Ausdruck für den Verlust seiner ehelichen Gesinnung angesehen werden müßte« Allerdings ist das Fehlen der Bindung anzunehmen, wenn die Scheidungsklage aus einer festgegründeten, den Wünschen des beklagten Ehegatten auf Auflösung der Ehe entsprechenden und endgültigen Einstellung heraus erhoben wird « Bas gilt in aller Kegel insbesondere dann, wenn der beklagte Ehegatte die Scheidung der Ehe noch bis zur letzten mündlichen Verband lung des vorliegenden Rechtsstreits verfolgt (so das in M 1968, 1824 veröffentlichte Urteil des erkennenden Senats)® Der Erhebung der Scheidungsklage kann aber auch eine andere Einstellung zugrunde liegeno So ist es möglich, daß der beklagte Ehegatte die frühere Scheidungsklage seinen Wünschen zuwider erhoben hat, weil er sich einem mehr oder weniger starken Bruck des anderen Ehegatten ausgesetzt sah* Bie Scheidungsklage kann auch in der Annahme, daß es wegen der Einstellung des anderen Ehegatten doch nicht mehr zu einer Wiedervereinigung der Bheleuto kommen werde, im Interesse des anderen Ehegatten erhoben worden sein«. Es erscheint nicht ausgeschlossen, daß die Klagcerhebung nur eine impulsive Handlung der Enttäuschung darüber war, daß der Kläger, der damals auswärts arbeitete, lange nichts von sich hören ließ und nach Ansicht der Beklagten Beziehungen zu einer anderen Frau aufgenommen hatte» Die Scheidungsklage von April 1962 hat die Beklagte darauf gestützt, daß der Kläger die Aufnahme der häuslichen Gemeinschaft verweigereIn dieser Begründung könnte ein Ausdruck dafür zu sehen sein, daß der Beklagten im Grunde nicht an der Scheidung als viel« mehr an der Wiederherstellung der She gelegen war und sie hier wie früher in ihrer Enttäuschung und Verärgerung Über das Verhalten des Klägers nur einen falschen und unüberlegten Weg gewählt hat* Dafür scheint das persönliche Schreiben der Beklagten an das Gericht vom 24» Juli 1962 zu sprechen, in dem sic die Einreichung der Klage bedauert, darum bittet, die Klage möge nicht durchgeführt werden, und erklärt, daß sie ihrem Mann trotz allem ein Zuhause halten möchte.