BGH · IV ZR 639/68
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Der Kläger kaufte im August 1963 ein gebrauchtes Fahrrad mit Hilfsmotor, Fabrikat Zündapp-Kombinette, und versicherte sich als Halter des Fahrzeugs bei der Beklagten gegen Haftpflicht0 Am 3„ März 1964 fuhr der Kläger mit seinem Moped einen Fußgänger an, der auf einem 11 Zebrastreifenu die Fahrbahn überquerte „ Der Fußgänger starb an den Folgen der erlittenen Verletzungen» Der Kläger, der zur Zeit des Unfalls 17 Jahre alt war, wurde wegen fahrlässiger Tötung zu drei Wochen Dauerarrest verurteilt» Die Beklagte hat dem Kläger den Versicherungsschutz versagt, weil sein Moped sich in einem nicht verkehrssicheren Zustand befunden habe« Einmal sei bei dem Moped eine mögliche Höchstgeschwindigkeit von 78 km/h, die bei weiten die durch die Bauart des Fahrzeugs bestimmte Höchstgeschwindigkeit von 40 km/h (§ 67 a Abs<> 2 Nr, 3 StVZO) überschreite, ermittelt wordeno Zum anderen sei die Lauffläche des hinteren Reifens glatt gefahren gewesen« Weiter macht die Beklagte geltend, daß bei Eintritt des Versicherungsfalls kein wirksamer Versicherungsvertrag bestanden habe« Schließlich hält sich die Beklagte für leistungsfrei, weil sie von dem Versicherungsverträge zurückgetreten sei und den Versicherungsvertrag wegen arglistiger Täuschung angefochten habe« Io Das Berufungsgericht geht davon aus-, daß zwischen den Parteien zur Zeit des Unfalls ein gültiger Versicherungsvertrag bestanden habe0 Es hat dazu ausgeführt: Der Kläger habe beim Kauf seines Mopeds am 24o August 1963 ein ihm von dem Fahrzeughändler vermitteltes Versicherungsverhältnis mit der Beklagten abgeschlossen und dafür das Versicherungskennzeichen BZN 648 erhalten» Dieses Versicherungsverhältnis sei nach dem Inhalt des darüber ausgestellten Versicherungsscheins ohne Kündigung am 29» Februar 1964 um 24 Uhr erloscheno Der Kläger habe dann am 2P März 1964 ein neues Versicherungsverhältnis mit der Beklagten abgeschlossen» Versicherungsbeginn sei nach dem Versicherungsschein der n 2o3o1964p 0 Uhr u gewesen» - Die Revision meint jedoch, ein Versicherungsvertrag zwischen den Parteien sei nicht zustande gekommen;, weil die Beklagte nur ein Fahrrad mit Hilfsmotor haoe versichern wollen, das Fahrzeug des Klägers aber auf Grund der nach dem Unfall vom Technischen Überwachungsverein auf dem Rollenprüfstand gemessenen Höchstgeschwindigkeit von 78 km/h als Kleinkraftrad oder Motorrad anzusehen sei, das nur zu einer wesentlich höheren Prämie versichert werde 0 Den im Versicherungsschein bezeichneten Gegenstand der Versicherung gebe es deshalb überhaupt nicht„ Im vorliegenden Falle stehe nicht nur eine Erhöhung^dorr Gefahr, sondern eine völlig andere Gefahr in Rede0 Zu einem Vertragschluß sei es nicht gekommen, weil es an dafür übereinstimmenden Willenserklärungen fehleo Der Ansicht der Revision kann nicht gefolgt werdeno Der vom Kläger erworbene Fahrzeug typ, eine Zündapp-Kombinette, gilt, wie der Kläger unwidersprochen vorgetragen hat, als Fahrrad mit Hilfsmotor im Sinne des § 6? Pflichtversicherung bei der Beklagten vermittelt und das erste Versicherungskennzeichen ausgehändigt» Dementsprechend haben die Parteien das zweite, am 2» März 1964 begonnene Versicherungsverhältnis abgeschlossen, sie haben nach dem ausgestellten Versicherungsschein das Fahrzeug des Klägers als Fahrrad mit Hilfsmotor versichern wollen« Warum es dafür an übereinstimmenden Willenserklärungen der Parteien fehlen soll, wie die Revision meint, ist nicht ersichtlicho Im vorliegenden Fall wich der tatsächliche Zustand, in dem sich das Fahrzeug des Klägers bei Vertragschluß befunden hat, von dem t y p -mäßigen Zustand eines solchen Fahrzeugs insofern ab, als die erzielbare Höchstgeschwindigkeit 78 km/h betrug und damit die durch die Bauart bestimmte Höchstgeschv/indigkeit des Fahrzeugs erheblich überschritt« gleiche Prämie gezahlt0 Hier ist das Fahrzeug des Klägers typmäßig, insbesondere nach seiner Bauart, ein Fahrrad mit Hilfsmotor und als solches versichert v;orden0 Die dabei von dem Versicherer übernommene Gefahr ergibt sich aus dem Gefahrenbereich des versicherten Fahrzeugtyps in verkehrssicherem Zustandf Bleibt die so bestimmte versicherte Gefahr erheblich hinter der Gefahr zurück, die aus dem tatsächlichen Zustand des versicherten Fahrzeugs droht, weil dieses den für den Fahrzeugtyp verkehrsrechtlich vorgeschriebenen Erfordernissen nicht entspricht, z0 B» eine weit höhere Geschwindigkeit als durch die Bauart bestimmt erreicht - ein solches Fahrzeug ist damit nicht mehr verkehrssicher, weil es nach Bauart und Ausstattung (Bremsen, Reifen) nur eine Höchstgeschwindigkeit von 40 km/h zuläßt -, dann wird dadurch der Versicherungsvertrag nicht ohne weiteres hinfällig oder gegenstandslos, sondern nach Maßgabe der gesetzlichen Vorschriften über eine Gefahrerhöhung umgestaltet0 IIIo Hiernach hängt der Ausgang des Rechtsstreits allein davon ab, ob der Kläger eine Erhöhung der versicherten Gefahr vorgenommen hat und die Beklagte dadurch leistungsfrei geworden ist (§§ 23, 23 VVG)0 Hierfür kommen zwei Vorgänge in Betracht o Einmal die Benutzung des Fahrzeugs mit einer-wesentlich- höheren als durch die Bauart bestimmten Höchstgeschwindigkeit, zu dem anderen die Benutzung des Rades mit abgefahrenem Hinterreifen,, In beiden Fällen ist die Verkehrssicherheit des Fahrzeugs wesentlich beeinträchtigt 0 Das Be- rufungsgericht hält eine Gefahrerhöhung nicht für gegeben, weil die erhöhte Gefahrenlage schon bei Vertragschluß , am 20 März 1964, bestanden habe* Infolgedessen könne der Kläger nur seine vorvertragliche Anzeigepflicht verletzt haben0 Die Beklagte sei deshalb zu dem Rücktritt vom Vertrage berechtigt gewesen, habe aber ihren Rücktritt nicht fristgemäß (§ 20 Abs* 1 VVG) erklärt„ Aus den vorstehenden Gründen kann die Vornahme einer Gefahrerhöhung nicht verneint werden* Die Gefahrstandspflicht des Versicherungsnehmers, ohne Einwilligung des Versicherers keine Erhöhung der versicherten Gefahr vorzunehmen, bedeutet für den Versicherungsneh-mer einer Kfz-Haftpflichtversicherung, das versicherte Fahrzeug nicht zu gebrauchen, v/enn und solange es sich in einem nicht verkehrssicheren Zustand befindet* Verstößt der Versicherungsnehmer nach Vertragschluß gegen diese gesetzliche Obliegenheit, indem er ein verkehrsunsicheres Fahrzeug über eine einmalige Gefährdungshandlung hinaus benutzt, so nimmt er damit eine Gefahrerhöhung vor, ohne daß es darauf ankommt, seit wann der nicht vorschriftsmäßige, verkehrsuntaugliche Zustand des versicherten Fahrzeugs besteht (BGH LM Nr* 11 zu § 23 VVG - VersR 1967, 746 m*w*N*) * Dieser Rechtsprechung des früheren versicherungsrechtlichen II* Zivilsenats, die auch im Schrifttum Zustimmung gefunden hat (Wussovr, AKB 7. Der Versicherungsnehmers der ein Kraftfahrzeug benutzt, dessen Verkehrssicherheit wesentlich beeinträchtigt ist (§31 StVZO), nimmt eine Gefahrerhöhung im Sinne des § 23 VVG jedoch nur dann vor, wenn er den mangelhaften Zustand des Fahrzeugs kennt (seit BGHZ 50, 385 - VersR 1968, 1153 ständige Rechtsprechung; vgl„ VersR 1969, 416, 727, 987, 1035)» Ob der Kläger gewußt hat, daß für sein Fahrzeug eine durch die Bauart bestimmte Höchstgeschwindigkeit (§ 67 a Abs0 2 Nr „ 3 StVZO) bestand und diese durch die tatsächlich erreichte Geschwindigkeit wesentlich überschritten wurde, ist bisher noch offen0 Um die insoweit erforderlichen Feststellungen treffen zu können - der Versicherer hat dabei zu beweisen, daß der Versicherungsnehmer den verkehrsv/idrigen Zustand des benutzten Fahrzeugs gekannt hat (BGHZ 50, 391 « VersR 1968,1154) muß der Rechtsstreit unter Aufhebung des Berufungsurteils an das Berufungsgericht zurückverwiesen werden0