BGH · IV ZR 334/63 vom 21.10.1964
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BEG § 43 Ein Anspruch auf Entschädigung wogen Lebens unter haftähnlichen Bedingungen kann bestehen, wenn der Verfolgte durch nationalsozialistische Gewaltmaßnahmen gezwungen worden ist, ohne Einreioepapiero für ein anderes Land auszuwandern und für die Boiso ein üborfülltoo, mangelhaft ausgerüstetes Schiff zu benutzen, das er längere Zeit nicht verlassen konnte. digungoanspruch nach § 45 BEG nicht in Betrachte «her auch falle für die Zeit der Seereise, die vom 6» März 1939 hie zu dem 29° Juni 1939 dauerte, ein Anspruch auf Entschädigung wegen Schadens an Freiheit bestehen sollte, kann die Zeit der Reise von Danzig nach Reni unberücksichtigt bleiben, weil die Hinzurechnung der Tage vom 2» bis zu dem 5» März 1939 keinen weitoron ontschädigungofähigen Monat ergeben würde» 2» Y/ao die mehrere Monate dauernde Seereise von Reni nach Palästina betrifft, so hat das Berufungsgericht insoweit mit zutreffender Begründung einen Anspruch wegen Lebens in der Illegalität unter menschenunwürdigen Bedingungen verneint» Illegal im Sinne des § 47 BEG lebte der Kläger damals nicht, da er nicht, wio es für einen Anspruch auf Grund dieser Vorschrift vorausgesetzt wird, außerhalb der für ihn geltenden Rechtsordnung lebte, um dadurch seine wahre Persönlichkeit vor der Unwelt zu verborgen (Urteile des Senats RzV 1957, 88 Nr» 34, 234 Nr» 28; 1963, 70 Nr» 16)» Von einem Leben in der Illegalität laßt sieh nicht sprechen, wenn eine Gruppe von Menschen, die keine ordnungsmäßigen Ausweis- und Einrciocpapioro hat, sich auf der Seereise zu einem Land befindet, in das sic entgegen den dort geltenden Einrcisebe-otinmungen und möglicherweise heimlich einwandorn will» 3» Rieht zu beanstanden ist ferner die Annahme des Berufungsgericht o, daß der Kläger keinen Anspruch nach § 43 Aba« 1 Satz 2 Nr» 1 oder 2 BEG hat» Darin, daß die Staaten, deren Häfen das Schiff anlief, die Auswanderer am Verlassen dos Schiffes und der Einreise hinderten, weil diese nicht die erforderliche Erlaubnis für die Einwanderung besaßen, und daß sie das Schiff zu dem Verlassen ihrer Häfen und Küsten-gowäosor zwangen, liegt keine von diesen Staaten vorgenommene Freiheitsentziehung. Vie aus dem angefochtenen Urteil weiter horvorgeht, bestanden die Behörden auf der Durchführung des Transports, obwohl ihnen bekannt war, daß die Teilnehmer, zu denen dor Kläger gehörte, koin Einreisevisum für ein anderes Land, insbesondere nicht für Palästina, besaßen, und daß sie dadurch in die Gefahr gerieten, an keinem Ort da3 Schiff, mit dom dor Transport durchgeführt worden sollte, verlassen zu können, wie es dann tatsächlich geschah. führten dazu, daß der Kläger sich zusammen mit den anderen Teilnehmern des Sammeltransports der langen und mühseligen Reise auf dem überfüllten, völlig unzureichende Lebensbc-dingungen bietenden Frachtschiff unterziehen mußte, auf der das Schiff einen Hafen nach dom anderen anliof, ohne daß die Flüchtlinge dao Schiff verlassen durften, bis schließlich nach einer ebenfalls sehr beschwerlichen Fahrt auf einen Motorsegler, auf den die Auswanderer umgebootot worden waren, die endgültige Landung in Palästina erfolgen konnte o 1, 2 BEG) setzt in der Regel einen Gewalthaber voraus, der den Verfolgten unmittelbar durch die andauernde Einsetzung seiner Machtmittel an dem Gebrauch seiner Freiheit hinderte Ebenso ist, wenn in § 43 Abso 3 BEG der Freiheitsentziehung ein Leben unter haftähnlichen Bedingungen, Zwangsarbeit unter haftähnlichen Bedingungen und dio Zugehörigkeit zu einer Straf- oder Bc-währungsoinheit der Wehrmacht gloichgcsetzt worden sind, wie diese Aufzählung zeigt, zunächst an die Auswirkungen froihoitobcschränkender Maßnahmen gedacht, die unmittelbar von einem Gewalthaber ausgegangen sind und denen sich der Betroffene wogen der gegen ihn eingesetzten Machtmittel hat fügen müssen. Dom entspricht es, daß nach der Rechtsprechung dos Senats der Verfolgte unter haftähnlichen Bedingungen gelobt hat, wenn er laufend erheblichen behördlich streng überwachten Einschränkungen seiner Bewegungsfreiheit unterworfen war und nach den sonstigen sich ergebenden Bedingungen ein Leben führen mußte, das dem eines Häftlings sehr nahe kam (RaW 1957, 328 Nr. 28; 1962, 404 Nr. 12). Aber für Ansprüche nach § 43 BEG ist oo keine unerläßliche Voraussetzung, daß die Freiheitsentziehung oder die Herbeiführung eines Lebens unter haftähnlichen Bedingungen durch den fortdauernden Einsatz der Machtmittel dos nationalsozialistischen Gewalthabers herbeigeführt worden ist, wie sie sich etwa in der Bewachung dos Betroffenen oder in der Androhung von Strafen für don Fall der Überschreitung der bloßen Bewegungsfreiheit geäußert haben kann. Es genügt vielmehr nach allgemeinen Grundsätzen, daß die Freiheitsentziehung odor das Leben unter haftähnlichen Bedingungen mit nationalsozialistischen Gewaltmaßnahmon in einem adäquaten ursächlichen Zusammenhang steht und der Verfolgung eigentümlich ist, abgesehen davon, daß nach der in dem Gesotz getroffenen besonderen Regelung für Freiheitsentziehung durch ausländische Staaten stets nur unter den Voraussetzungen dos § 43 Abs« 1 Satz 2 Nr« 1 oder 2 BEG Entschädigung geleistet wird c Durch die Gewaltmaßnahmen der Behörden in Danzig wurde der Kläger gezwungen, auf dor "Astir" und zuletzt auf dom Motorsegler ein Loben zu führen, das sich, was den Lebenszuschnitt und die Bewegungsfreiheit betrifft, von dem eines Häftlings nicht unterschied» Diese Maßnahmen ließen ihm keine andere Möglichkeit, als sich der genannten Schiffe für die Seereise von Rumänien nach Palästina zu bedienen, obwohl die Schiffe, die er während der sich lange hinziehenden Seefahrt nicht verlassen konnte, wegen ihrer Überfüllung und mangelhaften Ausrüstung keine Gewähr für eine ordnungsmäßige Überfahrt boten» Der Kläger war daher genötigt, längere Zeit unter beengten Verhältnissen auf einem äußerst niedrigen Lebens-'3tand zu verbringen, und es stand während der Zeit der Seereise einschließlich des Aufenthalts des Schiffs in den Häfen Bas Bestehen eines adäquaten Ursachenzusammenhangs zwischen den Maßnahmen der Behörden in Banzig und dem Leben, das der Kläger auf den Schiffen zu führen gezwungen war, kann nicht in Zweifel gezogen werden, da die oingetrotonen Folgen nicht außerhalb aller Wahrscheinlichkeit lagen» Sie sind auch der Verfolgung eigentümlich, denn nicht verfolgte Personen kamen nicht in die Lage, in die die Flüchtlinge gerieteno Unerheblich ist es, daß das Transportschiff ''Astir" nicht von den Behörden in Banzig, sondern von der auf deren Bruck handelnden jüdischen Gemeinde in Banzig beschafft worden war» Bas Berufungsgericht verneint das, weil sich nicht habe fcstotollon lassen, daß die Banziger Behörden den Kläger einem haftähnlichen Loben hätten zuführen wollen» Im Anschluß an das RzW 1957s 234 Nr» 28 veröffentlichte Urteil des orkennendon Senats sieht das Berufungsgericht einen solchen auf das Leben unter haftähnlichen Bedingungen gerichteten Schädigungsvorsatz dos Verfolgers als eine notwendige Voraussetzung für den Entschädigungsanspruch an» Eine auf den besonderen cingctretonen Schaden gerichtete Schuld setzt das Gesetz, durch das ein Ausgleich für die durch solche Gewaltmaßnahmon angerichteten Beeinträchtigungen gegeben werden soll, regelmäßig nicht voraus, wie sich aus diesem Gesetzeszweck und der ganzen, wenn auch etwas unsystematischen Anlage do3 Gesetzes sowie auch aus der Vorschrift dos § 9 Abs» 3 BEG ergibt; nach dieser Vorschrift wird nämlich Entschädigung auch für Schäden geleistet, die eingetreten sind, weil der Verfolgte unter dem Bruck der Verfolgung eine Handlung vorgenommen oder unterlassen hat. 5» Bor Kläger hat daher einen Anspruch auf Entschädigung wogen Schadens an Freiheit für die Zeit der Seereise von Reni nach Palästina, sofern er die allgemeinen Anspruchs-