BGH · IV ZR 319/57
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Gesetz § BEG § 2 Rechtssatzs Eine nationalsozialistische Gewaltmaßnahme liegt nicht vor, wenn in einem Strafverfahren das Strafgericht eine Strafe wegen einer Straftat verhängt, die mit der Gegnerschaft gegen den Nationalsozialismus als solchen nichts unmittelbar zu tun hat, das Gericht aber zu seiner 'Überzeugung von den Vorliegen der Straftat auf Grund einer politischen Gegnerschaft des Verurteilten gegen den Nationalsozialismus und den von diesem beherrschten Staat • gekommen isto Eine Entschädigung kann jedoch in Frage kommen, wenn eine solche Straftat zur Bekämpfung des Nationalsozialismus begangen worden ist, ' . Tatbestands Der im Jahre,1913 geborene Kläger, der das Schlosserhandwerk erlernt hat, ist als Opernsänger ausgebildet worden» Er hat sich vor 1933 politisch nicht betätigt und auch einer politischen Partei nicht angehört* Auf einer Konzertreise ins Ausland, wo er sich etwa 2 Jahre aufgehalten haben will, kam er in Brüssel mit Emigrantenkreisen in Berührung, deren Mittelpunkt ein Jude, Deo war» Dieser soll nach der Darstellung des Klägers wegen Landesverrats in einem Konzentrationslager in Deutschland inhaftiert und nach seiner Flucht aus diesem Agent des britischen Geheimdienstes gewesen und von der Gestapo gesucht worden sein. Er behauptet, er habe sich bei diesen Gesprächen nach der Stärke einer in Ohrdruf stationierten SS-Formation erkundigte Er wurde am 23» Januar 1940 vom Volksgerichtshof wegen Landesverrats zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt* Diese Strafe verbüßte er bis'zu seiner Befreiung durch amerikanische Truppen am 5» Mai 1945 in verschiedenen Strafanstalten* Die Strafe ist nach einer Mitteilung des Oberstaatsanwalts bei dem Landgericht in Kiel vom 11* Februar 1952 gemäß f§ 1, 5 der Verordnung für die britische Zone über die Gewährung von Straffreiheit vom 3» Juni 1947 im Strafregister getilgt worden* Hach einer Auskunft der Strafregisterbehörde sind im Begister noch folgende Vorstrafen gegen ihn vermerkt» Der Kläger behauptet, ein erbitterter Gegner des Nationalsozialismus gewesen, als solcher auch bekannt gewesen und deshalb verfolgt worden zu sein* Seine Verurteilung durch den Volksgerichtshof sei wegen seiner Agitation gegen den Nationalsozialismus und seiner feindlichen Einstellung gegenüber dem nationalsozialistischen Staat erfolgt, wenn auch seine Tat nach außen hin als Landesverrat gekennzeichnet worden sei« Er habe sich auch nicht als Agent des betätigt und sich nicht des Landes- Die Entschädigungsbehörde und das Landgericht haben dem Kläger eine Entschädigung versagt, weil er nicht wegen einer politischen Gegnerschaft gegen den Nationalsozialismus, sondern wegen Landesverrats verfolgt worden sei« Dagegen hat das Oberlandesgericht ihm die begehrte Haftentschädigung zugesprochen und seinen Anspruch-für Schaden im beruflichen und wirtschaftlichen Fortkommen dem Grunde nach für gerechtfertigt erklärt« Das Berufungsgericht hat sich hierbei wesentlich auf die Aussage eines von ihm vernommenen Zeugen gestützt, die es als glaubwürdig angesehen hat* Hiernach habe der Kläger keine Agententätigkeit ausgeübt, wie dies ein inzwischen verstorbener Zeuge in einer von selbst dem Anwalt des Klägers übersandten eidesstattlichen Versicherung angegeben hatte* Einer Entscheidung über diese Verfahrensrügen bedarf es jedoch nicht; denn die Auffassung des Berufungsgerichts, der Kläger sei aus Gründen politischer Gegnerschaft verfolgt worden, hält einer rechtlichen Nachprüfung nicht stand» Wenn in einem Strafverfahren eine Person wegen landesverräterischer Handlungen bestraft worden ist, die' als solche mit dem Nationalsozialismus unmittelbar nichts zu tun haben, und wenn das verirrt eil ende Gericht zu seiner Überzeugung von dem Vorliegen einer solchen Straftat auf Grund der politischen Gegnerschaft des Verurteilten gegen den Nationalsozialismus gekbmmen ist, so ist das Strafurteil keine nationalsozialistische Verfolgungsmaßnahme im Sinne des § 2 BEG und der Bestrafte nicht verfolgt (§ 1 BEG)e Nach der Peststellung des Berufungsgerichts hat der Volksgerichtshof den Kläger nicht wegen seiner politischen Gegnerschaft gegen den Nationalsozialismus unschädlich machen wollen, sondern den Kläger lediglich wegen Landesverrats bestraft, also nicht wegen einer politischen Gegnerschaft gegen den Nationalsozialismus» Diese hat es nach den Peststellungen des Berufungsgerichts nur als Indiz dafür angesehen, daß der Kläger sich landesverräterisch betätigt hat» Der Kläger ist bei diesem Sachverhalt lediglich wegen einer Straftat verurteilt worden, die in allen Ländern und zu allen Zeiten mit schweren Strafen geahndet wird (vgl» auch EzW 57, 52^8 = LM Nr» 1 zu § 46 BEG)o Die Bestrafung wegen Landesverrats widerspricht daher nicht ohne weiteres rechtsstaatlichen Grundsätzen» Der Tatbestand des § 2 BEG ist nicht erfüllt» Das Berufungsgericht hat auch nicht festgestellt} daß etwa die Höhe der über den Kläger verhängten Strafe a^^f seine politische Gegnerschaft gegen den Nationalsozialismus zurückzuführen ist* Das Berufungsgericht stellt nicht ausdrücklich fest* welchen der zahlreichen Tatbestände des Landesverrats, die die §§ 88 ff des Strafgesetzbuches in der damals geltenden Fassung enthielten, der Volksgerichtshof auf die angeblich festgestellten Handlungen des Klägers angewandt hat» Nach den Ausführungen des Berufungsurteils auf Seite 10 ff dürfte es möglich sein, daß der Volksgerichtshof den Kläger wegen Landesverrates verurteilt hat, weil er es unternommen habe, sich ein Staatsgeheimnis (§88 StGB) zu verschaffen, um es zu verraten (§90 StGB).' Ein soloher Fall ist hier aber nicht gegeben, da der Kläger selbst ausdrücklich behauptet hat, niemals Landesverrat begangen zu haben, somit nicht mit einer solchen Straftat den Nationalsozialismus bekämpft haben kann, Der Kläger kann sich auch nicht darauf berufen, daß er nach § 1 Abs, 3 Nr, 2 oder 3 BEG als Verfolgter gelte und deswegen einen Entschädigungsanspruch erheben könne. Die Anwendung des § 1 Abs«, 3 Nr, 2 setzt voraus, daß der Geschädigte, der eine ihm zur Last gelegte Handlung in Bekämpfung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft oder in Abwehr der Verfolgung begangen hat, den Beweggrund dieser Handlung verbergen konnte« Hach der eigenen Darstellung des Klägers, von der das Berufungsgericht auch ausgegangen ist, war jedoch dem Volksgerichtshof die politische Gegnerschaft des Klägers gegen den Nationalsozialismus bekannt, gerade auf Grund dieser Kenntnis soll der Gerichtshof den Kläger wegen Landesverrats verurteilt haben« Auch Ziffer 3 des § 1 Abs« 3 BEG greift nicht ein« Denn der Kläger ist, wie sich aus seinem eigenen und vom Berufungsgericht verwerteten Vorbringen ergibt, nicht deswegen von einer Gewaltmaßnahme betroffen worden, weil er irrtümlich zu der Personengruppe der politischen Gegner des Nationalsozialismus gerechnet wurde« Der Kläger macht ja geltend, und das Berufungsgericht stellt dies auch ausdrücklich fest, daß der Kläger ein politischer Gegner des nationalsozialistischen Gewaltsystems gewesen ist«