BGH · IV ZR 293/62
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Er behauptet, seit der Trennung von der Beklagten am 1« Mai 1957 habe er mit ihr keinen Kontakt mehr« Die Beklagte habe auch nicht das Geringste mehr zur Wiederherstellung einer ehelichen Lebensgeneinschaft getan« Sie habe damit eindeutig zu erkennen gegeben, daß es ihr an jeder ehelichen Gesinnung fehle und sie nur aus materiellen Gründen an der Ehe festhaltc* Dies zeige sich auch darin, daß sich die Beklagte sogar noch zwei Herzinfarkten, die er im Frühjahr 1961 erlitten habe, nicht um ihn gekümmert habe« Bezeichnend für ihre Haltung sei ferner ein.Schreiben, das sie unter dem Datum vom 18« Oktober 1961 mit folgendem Text an ihn gerichtet habe: In diesem Schreiben habe die Beklagte ^ wie in'früheren Schreiben auch - weder die übliche Anrede noch einen Gruß für ihn übrig gehabt* Anläßlich eines Zusammentreffens bei der Beerdigung seines Bruders Alfred in £xBBB am 7 5« August 1959 habe sie ihn keines Blickes gewürdigt* Im Oktober 1961 habe die Beklagte ihn auch gegenüber dem geschiedenen Ehemann seiner zweiten Frau, Paul SchB^K, schlecht gemacht; so habe sic Paul SchBi^P gegenüber sinngemäß geäußert, sie könne gar nicht verstehen, weshalb seine frühere Frau ihn, den Kläger, noch habe heiraten können, er bewohne jetzt nur ein kleines schmutziges Zimmer* Die Beklagte, so trägt der Klüger weiter vor, wohne mit den beiden Söhnen Helmut und Erhard zusammen, mit denen er auf das äußerste verfeindet sei* Sie denke nicht daran, sich von diesen Söhnen zu trennen« Nach seinen Herzinfarkten sei ihm schon aus gesundheitlichen Gründen ein Zusammenleben mit der Beklagten nicht möglich, da die damit verbundenen Aufregungen seien Tod bedeuten könnten« sich von ihren Kindern zu trennen« Darauf habe der Richter geäußert unter diesen Umständen sei es besser* wenn er* der Kläger* aussiehe«, damit die Mutter mit den Söhnen zusammen leben könne Diesen Rat habe er befolgt und sich deswegen in dem Vergleich zur Räumung der Wohnung verpflichtet« Sein Prozeßbevollmächtig ter habe darauf ein Schreiben des Frozeßbevollmäehtigton der Beklagten vom 5« April 1957 erhalten* in dem es heißt: Durch das im Jahre 1958 im Vorprozeß ergangene Urteil, dessen überzeugende Begründung sich auch das Berufungsgericht zu eigen mache, stehe rechtskräftig fest, daß der Beklagten jedenfalls bis zu dem Februar 1958 nur der Vorwurf gewisser Ungeschicklichkeiten und Fehler gemacht werden könne, die jedoch keine schworen Ehcverfchlungen darstelltcn« Andererseits sei aber auch den Ausführungen und Feststellungen in diesem Urteil klar zu entnehmen, daß es gerade der Kläger gewesen sei, der sich in mehrfacher Hinsicht erhebliche Fehler im ehelichen Zusammenleben der Parteien habe zuschulden kommen lassen« Er habe dadurch weitgehenden Anlaß zu dem von ihm beanstandeten Verhalten der Beklagten gegeben und schließlich das eheliche Zerwürfnis ohne rechtfertigenden Grund zu dem äußersten getrieben« Es könne ferner kein Zweifel darüber bestehen, daß der Kläger in erheblichem Maße durch häufige Wirtchauobesucho und Angetrunkenheit Anlaß zu ehelichen Streitigkeiten gegeben habe« Obwohl er der Beklagten bei Eingehung der zweiten Ehe versprochen gehabt habe, nicht mehr zu trinken, habe er doch erheblich und regelmäßig dem Alkohol zugccprochen« März 1956 habe er zu dem Anlaß genommen, sich auch von der Beklagten, mit der er gerade 6 Monate harmonisch zusammen gelebt hatte, vollkommen zurückzuziohen und damit die eheliche Trennung durchzuführeno Die Beklagte habe ihm durch ihr rein passives Verhalten bei der Schlägerei zwischen ihm und dem Sohn keinen Anlaß zu dieser schwerwiegenden Maßnahme gegeben«, Untor diesen Umständen sei es Sache des Klägers gewesen, nachdem seine frühere Scheidungsklage rechtskräftig abgewiosen worden und er durch das Urteil nachdrücklichst auf die Unrichtigkeit seines Standpunktes hingewiesen worden war, die notwendigen Folgerungen zu ziehen und sein eheliches Verhältnis neu zu ordneno Wenn er sich eigensinnig dagegen verschlossen und noch heute jegliche V/iederherstellung der Ehegeraeinschaft trotz des mehrfach angekündigten weitgehenden Entgegenkommens der Beklagten ablehnc, so könne auch deshalb nicht zweifelhaft sein, daß ihn das erheblich überwiegende Verschulden an der etwaigen unheilbaren Zerrüttung der Ehe treffen würde« Der Klüger könne sich auch nicht mit dem Hinweis auf den Haumungo-vergleich entschuldigen« Dieser beziehe sich ausdrücklich nur auf die Zeit bis zur rechtckräftigen Entscheidung dos früheren Scheidungsprozesses« Dem Verschulden des Klägers gegenüber könne auch dos gleichgültige Verhalten der Beklagten seit dem Abschluß des letzten Scheidungsprozesses, wie es sich anläßlich der Erkrankung des Klägers und in der Form ihrer kurzen schriftlichen Mitteilung an ihn gezeigt habe, nicht ins Gewicht fallen« Dieses Vorhalten sei die Folgo des eigenen völlig ablehnenden Verhaltens des Klägers« Das gleiche gelte für das Verhalten der Beklagten bei der Beerdigung des Bruders des Klägers« Dio persönliche Vernehmung <3er Beklagten habe auch ergehen, daß eo ihr nicht an einer echten Bindung an die Ehe fehle und daß sie wirklich bereit sei, die eheliche Gemeinschaft wieder aufcunohmen» Um dies zu ermöglichen* wolle sie sich sogar rjumlich von ihren beiden Söhnen trennen» Gegen eine 3indung an die She spreche nicht die Tatsache, daß sie während des früheren Scheidungsprozesses im Frühjahr 1957 vorübergehend selbst eine cinvcrständliche Scheidung erwogen und durch ihren erstinstanzlichen Anwalt darüber mit dem Anwalt des Klägers habe verhandeln lassen» Biese Verhandlungen seien sofort gescheitert, weil der Kläger sich nicht bereit gezeigt habe, ausreichend für den Unterhalt der Beklagten zu sorgen» Bao Berufungsgericht hat sonach im folgenden nur feststellcn können, daß die von ihm festcustcllende Zerrüttung, die möglicherweise noch keine unheilbare ist, ven den Kläger allein oder überwiegend verschuldet war, und daß die Beklagte sich noch an die Ehe gebunden fühle und bereit sei, diese fortsusotzen» Eine solche Begründung des Urtoils ist zwar logisch möglich,, Es kann aber zweifelhaft sein, ob dieses Verfahren mit Rücksicht auf § 616 ZPO statthaft ist« Zwar ist der Xlägor dadurch,, daß das Berufungsgericht die Klage nicht deswegen abgewiesen hat* weil dio Ehe nicht unheilbar zerrüttet ist* sondern weil jedenfalls die Ehe nicht gegen den Widerspruch der Beklagten geschieden werden kann* nicht beschwort« Piece Art der Urteilsbegründung gereicht nur der Beklagten zu dem Nachteil« Bonn sie versagt ihr den SchutzP den sie sonst nach § 616 ZPO durch ein zu ihren Gunsten ergehendes Urteil erlangt« Der Kläger kann* nachdem diese Klage rechtskräftig abgewiesen ist, jederzeit mit der Behauptung«, daß die Ehe nunmehr unheilbar zerrüttet sei* neu auf Scheidung der Ehe klagen« In dem dann anhängig werdenden Verfahren würde das Gericht durch die in diesem Verfahren getroffenen Feststellungen nicht gebunden sein* Es müßte vielmehr unabhängig von den in diesem Verfahren getroffenen Feststellungen neu prüfen, ob eine dann vorliegende unheilbare Zerrüttung der Ehe von dem Kläger ganz oder überwiegend verschuldet ist« Die Beklagte kann aber diese Nachteile, die sich für sie aus der Urteilsbegründung ergeben«, nicht mit einem Rechtsmittel geltend machen« Bonn sie ist« da die Ehescheidungsklage abgewiesen worden ist, durch das Urteil nicht beschwert« Aus diesem Grunde könnte es möglich sein«, daß das Urteil des Berufungsgerichts auf einem Ver-fahrenefehler beruht«, der vom Revisionsgericht auf ^rund der von Klüger eingelegten Revision von Amts wegen zu berücksichtigen ist« Cb dem so ist, braucht hier nicht entschieden zu worden, da das Urteil aus anderen Gründen ohnehin aufgehoben werden muß« daß dio fcstgcotelltc Zerrüttung der Ehe von dem Kläger ganz oder überwiegend verschuldet ist« Ihre Rüge* daß das Berufungsgericht in diesem Zusammenhang nicht den ganzen Prozeßstoff berücksichtigt habe* ist zwar unbegründet« Die Gründe des. Es ist möglich* daß ein nur fehlerhaftes, ungeschicktes Vei'haltcn eine solche Wirkung hat* daß nicht fcstgc-stellt werden kann, der andere i’eil habe durch seine Reaktion auf dieses Verhalten die Ehe ganz oder schuldhaft überwiegend zerrüttet« Ob das Berufungsgericht den Sachverhalt unter diesen Gesichtspunkt gewürdigt hat, läßt das angefochtene Urteil nicht sicher erkennen« Bo nag dahingestellt bleiben« 3c Das angefochtene Urteil mußte jedenfalls aufgehoben werden, weil das Berufungsgericht entweder den in § 48 Abs« 2 EheG enthaltenen Begriff einer Bindung an die Ehe rechtlich nicht richtig verstanden hat oder weil es bei der Entscheidung der Präge, ob die Beklagte sich nicht mehr an die Ehe gebunden fühle, wesentliche von der Revision angeführten Tatsachen nicht berücksichtigt und damit gegen § 286 ZPO verstoßen hat« Das Berufungsgericht hat seine Überzeugung davon, daß die Beklagte 3ich noch an die £ho gebunden fühle und bereit sei, die Ehe mit dem Kläger fortzuoetzen, allein darauf gegründet, daß die Beklagte bei ihrer Vernehmung vor dem Berufungsgericht erklärt hatte, daß sie jederzeit bereit sei, die eheliche Gemeinschaft mit dem Kläger wieder aufsunehmen und daß sie zu diesem Zwecke auch bereit sei, sich räumlich von ihren Kindern zu trennen« Bei der Feststellung, ob der beklagte Ehegatte sieh nicht mehr an die Ehe gebunden fühlt, können die Erklärungen, die er hierzu abgibt, nur im Zusammenhang mit seinem Verhalten gegenüber seinem Ehepartner gewürdigt werden« Dieses Verhalten kann ergeben, daß in Wahrheit keine Bindung an die Ehe mehr besteht und daß die vor dem Gericht abgegebene Erklärung nicht der wirklichen inneren Einstellung dos beklagten Ehegatten entspricht« Daß die Beklagte keine Hand zur Versöhnung gereicht und sich so vollständig von ihm zurückgehalten hat, steht in einen schwer zu erklärenden Widerspruch su ihrer Behauptung, daß sie sich noch an die Ehe gebunden fühle und bereit sei, eine wirkliche und echte eheliche Lebensgemeinschaft mit dem Kläger wieder aufzunohmon^ Weil das Berufungsgericht diese Umstände bei der von ihm zu treffenden Entscheidung nicht gewürdigt hot, mußte das angefochtene Urteil aufgehoben werden«, Dos Berufungsgericht wird auf Grund der neuen Verhandlung zu prüfen haben, ob nicht das Verhalten der Beklagten so sehr dafür spricht, daß sie jedes Gefühl für den Kläger verloren hat, daß hierdurch eine tatsächliche Vermutung dafür begründet wird, daß der Beklagten die Bindung an die Ehe fehlt, so daß es nunmehr ihre Aufgabe ist, diese Vermutung zu entkräften, indem sie andere Umstände für ihr auffälliges Verhalten gegenüber dem Kläger darlogt, die eine andere Beurteilung ihres Verhaltens möglich erscheinen lassen«