BGH · IV ZR 291/62 vom 13.03.1963
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Ein im Auslände tätig gewesener Angestellter ist insoweit im Altreichsgebiet von der Verfolgung erfaßt worden, als er infolge seiner aus rassischen Gründen erfolgten Entlassung die ihm vertraglich zustehenden Ansprüche gegen eine Pensionakasse mit Sitz im Altreichsgebiet nicht mehr geltend machen kann«. I0G0 Farbenindustarie AG« Am 7« Februar 1939 wurde ihm die Stellung gekündigt« Er schied mit sofortiger Wirkung aus der Firma aus« Da eine vertragliche Kündigung nur zu dem Schluß eines Kalenderjahres möglich war, erhielt er eine Entschädigung in Höhe des Jahresgehalts« 1941 wanderte er mit seiner Familie nach den Vereinigten Staaten aus« Urteils, die Klage auf Zahlung einer monatlichen Rente ab 25o Juni I960 wegen Versorgungsschadens an den Kläger und später an seine überlebende Ehefrau bis zu dem Höchstbetrag von 25 000 UM dem Grunde nach für gerechtfertigt erklärte Mit der vom erkennenden Senat zugelassenen Revision verfolgt das beklagte Land seinen Klageabweisungsantrag weiter. Die Entscheidung hangt von der vom Berufungsgericht mit Recht bejahten, von der Revision dagegen verneinten Frage ab, ob ein im Auslande tätig-gewesener Angestellter insoweit im Altreich3gebiet von der Verfolgung erfaßt worden ist, als er infolge seiner aus rassischen Gründen erfolgten Entlassung die ihm vertraglich zustehenden Ansprüche gegen eine Pensionskoose mit Sitz im Altrcichsgebiet nicht mehr geltend machen kann (.§§ 64 Abs. 1 Satz 1, 134 BEG)<, Das Oberlandesgericht hat seine Auffassung, wie folgt, begründet: Obwohl der Kläger seit 1928 bei der Sodanil in Portugal beruflich tätig gewesen sei, seien, da es sich bei ihr um eine - wenn auch selbständige - portugiesische Tochtergesellschaft der IoG» Farbcnindustrie gehandelt habe, deren nach dort versetzte deutsche Angestellte weiterhin Mitglieder von deren Pcnsionskacse geblieben» Diese habe sich im Altreichsgebiet befunden* Die rassische Verfolgung,, die in der Kündigung des im Auslande tätig gewesenen Klägers und seinem hierdurch bedingten Ausscheiden aus der Pensionokasse bestanden habe, habe ihn mithin im Altreichsgebiet betroffen; denn hier habe die vertragliche Grundlage des Anspruchs auf Versorgung bestanden« Der Entschädigungsanspruch entfalle auch nicht deshalb, weil der Schaden auch ohne die Verfolgung entstanden wäi’e (§9 Abs* 5 BEG)« Zwar wäre der Kläger ohne die Auflösung seines Dienstverhältnisses, wie die nichtverfolgten Angestellten der SflBI, von der alliierten Beschlagnahme der Pensionskasse betroffen worden, ebenso aber, wie diese Angestellten, in der Folgezeit sehr wahrscheinlich in einer der Nachfolgefirmen der I«G« Parbenindustrie wieder beschäftigt und damit Mitglied einer von deren Pensionskassen geworden, womit er die Möglichkeit zur Überbrückung der beitragclocen Zeit ab 1945 durch entsprechende Nachzahlungen erhalten hätte« Die hiergegen gerichteten Angriffe der Revision haben keinen Erfolge Die in der Revisionsbegründung angeführten Entscheidungen, auf die sich das beklagte Land für seinen gegenteiligen Standpunkt beruft, betreffen anders gelagerte Fälle* In dem RzW 1957, 529 veröffentlichten Urteil handelte es sich darum, daß ein Zigeuner, der zunächst im Zuge der polizeilichen Sicherungsmaßnahmen in das Generalgouvernement umgeoiedeit worden war, dort später aus rassischen Gründen einen Schaden im beruflichen Fortkommen erlitten hat, weil er in einem Ghetto festgehalten wurde und unentgeltlich Zwangs arbeiten verrichten mußte» In dem durch das RzW I960, 127 veröffentlichte Urteil entschiedenen Fall hat der Senat eine Entschädigung für Schaden im beruflichen Fortkommen zuge-billigt, obwohl der freiberuflich im Ausland tätige Kläger dort von der Verfolgung erfaßt wurde» Die schriftstellerische (Tätigkeit des Klägers war derart, daß er sie nur bei deutschen Verlegern auswerten konnte» Aus diesem Grunde hat der Senat angenommen, der Kläger sei auch im Reichsgebiet von der Verfolgung erfaßt worden» In dem durch das RzW 1959, 259 veröffentlichte Urteil entschiedenen Fall handelte e3 sich bei dem Kläger um einen selbständigen Gewerbetreibenden» Er war selbständiger Handlungsagent in Holland und vertrat verschiedene deutsche Firmen» Diese haben ihm aus rassischen Gründen ihre Vertretung entzogen» Wesentlich für die Ent Scheidung war, daß der Kläger nicht Angestellter einer der deutschen Firmen war, sondern selbständiger Handelsvertreter, der für jeden beliebigen anderen als Vertreter hätte tätig In dem hier zu entscheidehden Falle handelt es sich um einen nicht selbständig erwerbstätigen Klägero Zweifellos wäre der Kläger im Reichsgebiet von der Verfolgung erfaßt worden, wenn er rechtlich von der I«, Go Farben AG in Frankfurt/Main angestellt worden und für diese in Portugal tätig gewesen wäre und wenn ihm dann von der I. G» Farben AG dort aus rassischen Gründen gekündigt worden wäre, Ebensowenig kann es zweifelhaft sein, daß der Kläger von der Ver-folgung im Reichsgebiet nicht erfaßt worden wäre, wenn er Angestellter einer portugiesischen Firma gewesen wäreP die in keiner v/eise mit einer deutschen Firma verflochten war und dio lediglich im Interesse ihrer Wirtschaftsbeziehungen auf einen Druck einer deutschen Firma hin den Kläger als Juden entlassen hätte» Diese Frage braucht hier aber nicht entschieden zu werden,, In dem hier zu entscheidenden Falle kommt hinzu, daß der Kläger wegen seiner Tätigkeit bei der Tochtergesellschaft der Io Go Farben AG auch Mitglied der Pensionskasse der I«, Go Farbenindustrie AG in Frankfurt/Main war* Diese Gesellschaft hatte nach § 1 der Satzung ihren Sitz in Frankfurt/Main. Aus diesem Grunde hat die Verfolgung des Klägers ihn, mindestens soweit es sich um seine Versorgungsansprüche handelt, auch im Reichsgebiet erfaßt. Die Verfolgung des Klägers hat daher im Reichsgebiet begonnen, und sie hat, zu demindestens soweit es sich um die Versorgungsansprüche handelt, den Kläger auch im Reichsgebiet betroffen. Aus diesen Gründen ist die Revision des beklagten Landes mit der sich aus den §§ 2o9 Abs0 17 225 Abs» 1 BEGP § 97 Abs» 1 ZPO ergebenden Kostenfolge zurückzuweisen»