BGH · IV ZR 289/64
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Der Kläger hat deshalb Ansprüche auf Entschädigung wegen Schadens an Körper und Gesundheit angemeldet und vorgetragen, die jahrelange Behandlung mit Chinin habe bei ihm ein Ohrenleiden verursacht, das sich seit etwa 1938, möglicherweise auch schon früher, bemerkbar gemacht und sich seitdem ständig verschlimmert habe* Das Landgericht hat das beklagte Land verurteilt, an den Kläger eine Kapitalentschädigung von 2»100 DM zu zahlen sowie ihm ein Heilverfahren wegen Malaria für die Zeit vom 1«, Oktober 1935 bis zu dem 31 o Dezember 1941 und wegen einer abgegrenzten Verschlimmerung einer anlagebedingten Otosklerose zu gewähreno Die v/eiter-gehendo Klage hat es abgewieseno Es hat als erwiesen erachtet, daß der Kläger konkreten Verfolgungsraaßnahmen ausgesetzt gewesen sei und daß er sich durch solche Maßnahmen ein Malarialeiden zugezogon habe«, das in der Zeit zwischen dem 10 Oktober 1935 und dom 31° als der Kläger an Malaria erkrankt und mit Chinin behandelt worden seio Durch letztere Behandlung sei das Leiden verschlimmert wordene Die hierdurch verursachte Erwerbsminderung hat das Landgericht auf 10 io geschätzte Es ist bei der Beurteilung des Leidens im wesentlichen einem von dem Direktor der Univorsitäts- Hals-j Nasen-? Ohrenklinik in Marburg/Lahn erstatteten ohrenfachärztlichen Gutachten mit Ergänzungsgutachten gefolgt und hat bei einer verfolgungsbedingten Minderung der Erwerbsfähigkeit von insgesamt 35 i auf der Grundlage eines Hundertsatzes von 40 und einer Einstufung in den gehobenen Dienst für die Zeit vom 10 Oktober 1935 bis zu dem 31 * Dezember 1941 eine Kapitalentschädigung von 2o100 DM errechnet0 Die Berufung des Klägers ist erfolglos gebliebene Mit der vom Bundesgerichtshof zugelassenen Revision verfolgt der Kläger seine Ansprüche auf eine weitere Kapitalentschädigung und eine Rente weitere Das beklagte Land beantragt, die Revision zurückzuweisen O 1o Das Berufungsgericht hat das Urteil des Landgerichts bestätigt3 weil nach deh dem Landgericht erstatteten Gutachten der Kläger an einer Otosklerosc leide, die anlagebedingt sei und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit im Zeitpunkt des Beginns der Behandlung des Klägers mit Chinin schon bestanden habe» Es spreche nichts dafür, daß etwa 8 Jahre lang nur eine reine Nervenschwerhörigkeit bestanden habe und dann 3 Jahre später im Audiogramm zusätzlich eine hochgradige Schalleitungsstörung aufget'reten sei» Die Erkrankung sei folglich nicht durch Verfolguhgsmaßnahmen wesentlich mitverursacht worden» Unerheblich sei, daß der Kläger vor der - verfolgungsbedingten - Erkrankung an Malaria keine auf ein Ohrenleiden hinweisenden Beschwerden gehabt habe, da bei 3 an einer Otosklerose erkrankten Personen nur bei einer eine Schwerhörigkeit aufzutreten pflege» Daher sei nur eine abgrenzbare Verschlimmerung eines anlagebedingten Leidens in Höhe von 10 $ als Folge nationalsozialistischer Verfolgungsmaß-nahmen wahrscheinlich» 2» Die Revision rügt, das Berufungsgericht habe die vom Bundesgerichtshof aufgestollten Grundsätze über den Unterschied zwischen der Entstehung eines Gesundheitsschadens und der Verschlimmerung eines früher entstandenen Leidens nicht berücksichtigt» Es habe zu Unrecht die Tatsache, daß der Kläger vor der Erkrankung an Malaria keine auf ein Ohrenleiden hinweisende Beschwerden gehabt habe, als unerheblich bezeichnet» Im Hinblick auf das Fehlen solcher Beschwerden könne nicht von der Verschlimmerung eines anlügebedingten Leidens gesprochen werden* Es könne sich nur darum handeln,, ob das Gehörleiden durch die Chininbehandlung entstanden oder wesentlich mitverursacht worden sei» Ein so entscheidender Faktor wie die zu dem Zwecke der Bekämpfung der Malaria durchgeführte Chininbehandluhg,' die erstmalig das Gehörleiden habe manifest werden lassen, müsse als wesentlich im Sinne des § 4 2* DV-BEG angesehen werden * gilt dagegen ein anlagebedingtes Leiden als durch nationalsozialistische Gewaltmaßnahmen im Sinne der Entstehung verursacht, wenn es durch diese Maßnahmen wesentlich mitverursacht 'worden ist* Zur Abgrenzung zwischen der Entstehung eines Gesundheitsschadens und der Verschlimmerung eines früher entstandenen Leidens hat der Senat in der BzW '5963, 170 Nr« 15 veröffentlichten Entscheidung Stellung genommen* Er hat in dieser Entscheidung auegeführt, daß eine bei Beginn der Verfolgung schon vorhandene Anlage zu einer Krankheit, mag sie noch "ruhend” oder bereits in der Entwicklung begriffen sein, die keinerlei Beschwerden verursacht und die die Leistungsfähigkeit des Betroffenen nicht berührt, kein früheres Leiden im Sinne des § 5 Abs* 1 2* DV-BEG darstellt* Diese Auffassung hat Die Gutachter, denen das Berufungsgericht gefolgt ist, haben da3 Bestehen der von ihnen als vererbbar oder als vererbt angesehenen Erkrankung bereits für die Zeit vor der Auswanderung des Klägers bejaht, obwohl sie angenommen haben, daß damals noch keine Symptome der Erkrankung vorhanden waren (S. Im Anschluß an diese Gutachten hat das Berufungsgericht dem Umstand, daß der Kläger vor der Erkrankung an Malaria keine auf ein Ohrenleiden hinweisenden Beschwerden hatte, keine Bedeutung beigemessen und demgemäß nur eine abgrenzbare Verschlimmerung eines bereits bestehenden Leidens im Sinne des § 3 2. ob „die durch diese Erkrankung erforderlich gewordene Behandlung mit Wahrscheinlichkeit als wesentliche Mitursache für die Auslösung der Störungen im Sinne des § 4 der 2* DV-BEG- anzusehen ist* Ist das zu bejahen?