BGH · IV ZR 278/63 vom 24.06.1964
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Zur Präge, unter welchen Voraussetzungen ein tschechoslowakischer Jude, der nach der Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren nach Ungarn geflohen ist, zunächst dort unter menschenunwürdigen Bedingungen in der Illegalität gelebt hat und anschließend (bis zu dem 12, April 1941) in Jugoslawien interniert worden ist, einen Anspruch auf Entschädigung für Freiheitsentziehung nach § 43 Abs, 1 Satz 2 Nr, 1 BEG und für Freiheitsbeschränkung gemäß § 47 BEG haben kann. Auf die Revision der Klägerin wird das Urteil des 3* Zivilsenats - Entschädigungssenats - des Oberlandesgerichts in Koblenz vom 3o» Oktober 1962 aufgehoben, soweit über den Anspruch auf Entschädigung für Schaden an Freiheit in Höhe von 2.55o DM und über die außergerichtlichen Kosten entschieden ist. Von den jugoslawischen Behörden wurde sie im Januar 194o zunächst in SBHD MiBBIB und anschließend in bis zu dem 12, April 1941, Dagegen hat sie den Anspruch der Klägerin auf eine weitere Entschädigung wegen Schadens an Freiheit Sie hat die Auffassung vertreten, daß etwaige Maßnahmen der damals noch souveränen ungarischen oder jugoslawischen Behörden ausschließlich kriegs-bedingte Sicherheitsmaßnahmen und nicht von der nationalsozialistischen Regierung veranlaßt gewesen seien. Mit der Klage hat die Klägerin ihre Ansprüche weiterverfolgt und vorgetragen, sie habe in Ungarn und in Jugoslawien unter menschenunwürdigen Bedingungen leben müssen. Der Bundesgerichtshof hat gegen das Urteil des Berufungsgerichts die Revision insov/eit zugelassen, als über den Anspruch auf Entschädigung wegen Schadens an Freiheit für die Zeit von November 1939 bis 12. Februar 1963 - IV ZR 199/62 RzW 1963, 368 Nr. 18) ist das Berufungsgericht davon ausgegangen, daß die Klägerin für die in Jugoslawien erlittene Freiheitsentziehung nur unter den Voraussetzungen des § 43 Abs. 1 Satz 2 BEG eine Entschädigung beanspruchen kann. Auch der von der Klägerin geltend gemachte Anspruch auf Entschädigung wegen der in Ungarn, möglicherweise auch noch in Jugoslawien, erlittenen Freiheitsbeschränkung hängt nach der Rechtsprechung des Senats (Urteile vom 24. April 1962 - IV ZR 286/61 RzW 1962, 361 Nr. 18 und vom 4» Juli 1962 - IV ZR 37/62 nicht veröffentlicht, jedoch teilweise wiedergegeben im Urteil des OLG Neustadt RzW 1964, 171 Nr. 35, rechte Spalte, Buchstabe a) davon ab, daß hinsichtlich dieser Freiheitsbeschränkung, hier des Lebens in der Illegalität unter menschenunwürdigen Bedingungen, die Voraussetzungen des § 43 Abs. 1 Satz 2 BEG vorliegen. 2. Das Berufungsgericht hat das Vorliegen der Voraussetzungen des § 43 Abs. 1 Satz 2 BEG verneint. Die Klägerin besaß die tschechoslowakische Staatsangehörigkeit und wohnte bis Oktober 1938 in Gattinas, anschließend bis November 1939 in P^h Dem Berufungsgericht hätte dieser ihm unterbreitete Sachverhalt Anlaß geben müssen, den Klageanspruch auch unter dem Gesichtspunkt zu prüfen, ob der von der Klägerin erlittene Freiheitsschaden durch den Verlust des Schutzes des Deutschen Reiches ermöglicht worden ist* Von dieser Prüfung konnte das Berufungsgericht nicht deshalb Abstand nehmen, weil die Klägerin sich nicht ausdrücklich auf die Voraussetzungen des § 43 Abs- 1 Satz 2 BEG berufen, sondern die - rechtsirrige - Auffassung: vertreten hat, es genüge ein ursächlicher Zusammenhang zwischen der Verfolgung und dem ira Ausland erlittenen Freiheitsachaden. März 1939 ihren Wohnsitz, das Heimatrecht oder den Anspruch auf Bestimmung der Heimatzuständigkeit in den Gemeinden im Gebiete des Protektorats hatten (Buchstabe a) oder am Io. Oktober 1938 ihren Wohnsitz in den damals mit dem Deutschen Reich vereinigten Gemeinden der ehemaligen tschechoslowakischen Länder Böhmen und Mähren/Schlesien hatten, bei der Vereinigung aber die tschechoslowakische Staatsangehörigkeit beibehalten oder sie durch Option zurückerworben hatten (Buchstabe b). Diese Besbimmung ist hier jedoch schon deshalb außer Betracht zu lassen, weil die Klägerin ihren Anspruch aus einem bereits vor dem Zeitpunkt des Inkrafttretens der Verordnung erlittenen Preiheitssohaden herleitet. Da sonach die Klägerin Staatsangehörige des Protektorats Böhmen und Mähren war, hatte ihr das Deutsche Reich gemäß Art. 6 Abs. 1 des Erlasses vom 16. V7enn das Deutsche Reich diese Pflicht gegenüber anderen Protektoratsangehörigen erfüllte, bei der Klägerin dagegen die Gewährung diplomatischen Schutzes durch das Deutsche Reich wegen ihrer jüdischen Abstammung nicht in Betracht kam, und wenn sich auf diesen Umstand ihre Festhaltung oder deren Fortdauer oder die Art der Vollziehung zurückführen läßt, so können die Voraussetzungen des § 43 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 BUG vorliegen, sofern die Internierung oder ihr Vollzug vom Standpunkt des internierenden Staates aus unter Mißachtung rechtsstaatlicher Grundsätze erfolgte. Aus diesen Gründen muß das angefochtene Urteil, soweit es einen Anspruch der Klägerin auf Entschädigung für die in Jugoslawien erlittene Freiheitsentziehung verneint hat, aufgehoben und der Rechtsstreit zur weiteren tatrichterlichen Klärung der Voraussetzungen des § 43 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 BEG an das Berufungsgericht zurückverwiesen werden. Das angefochtene Urteil kann auch insoweit keinen Bestand haben, als es einen Anspruch der Klägerin auf Entschädigung wegen illegalen Lebens unter menschenunwürdigen Bedingungen in Ungarn, möglicherweise auch noch kurze Zeit in Jugoslawien, verneint hat. Die Voraussetzungen des § 43 Abs. 1 Satz 2 Nr, 1 BEG können hier erfüllt sein, sofern die Klägerin das illegale Leben deshalb führen mußte, weil sie im Hinblick auf ihre Zugehörigkeit zu dem Judentum für den Pall ihrer Entdeckung nicht damit rechnen konnte, daß die deutschen Behörden ihr diplomatischen Schutz gewähren und wegen ihrer Internierung bei den ungarischen oder jugoslawischen Behörden intervenieren würden. In Betracht kann aber auch ein Anspruch noch ' § 47 BEG i.V» mit § 43 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 BEG dann kommen, wenn die Klägerin in der Illegalität gelebt hat, um der Gefahr zu entgehen, von dem ungarischen oder jugoslawischen Staat in den Machtbereich des Nationalsozialismus abgeschoben und dadurch der Vernichtung preisgegeben zu werden. Somit bedarf auch die Entscheidung über den Anspruch auf Entschädigung wegen Lebens in der Illegalität unter menschenunwürdigen Bedingungen weiterer tatrichterlicher Klärung.