BGH · IV ZR 277/65
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PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
tet ist« Die Klägerin wohnte im Haushalt ihrer Schwester und ihres Schwagers« Sie betätigte sich im Büro ihres Schwagers» der selbständiger Vertreter einer Zigarrenfabrik war« Ebenso wie in der Zeit ihrer Tätigkeit im Betrieb ihres Vaters erhielt sie auch hier kein Gehalt«, Ihr Bebensbedarf wurde in vollen Umfang von ihrem Schwager bestritten« In September 1937 wanderte die Klägerin nach Argentinien aus« Stellung verdrängt worden ist, dahingestellt» Es hält den Anspruch der Klägerin deshalb für unbegründet, woil sie nicht in ihrem beruflichen Fortkommen geschädigt worden sei» Zwar habe die Klägerin bis zu ihrer Auswanderung im Jahre 1937 im Büro ihres Schwagers die Tätigkeit einer Kontoristin ausgeübt» Für diese Tätigkeit habe sie jedoch kein Entgelt bezogen» Vielmehr habe sie diese Arbeiten mit Rücksicht auf ihre verwandtschaftlichen Beziehungen zu dem Ehemann ihrer Schwester verrichtet, in dessen Haushalt sie gelebt habe und der auch für ihren gesamten Lebensbedarf aufgekommen sei» Unter diesen Unständen könne nicht gesagt uerdon, der Klägerin sei ein Schaden in der wirtschaftlichen Nutzung ihrer Arbeitskraft im Sinne des BEG entstanden, als sic diese Tätigkeit im Jahre 1937 eingestellt habe* Denn aus der Tatsache, daß sie diese Arbeiten von Beginn ihrer Tätigkeit an im wesentlichen unentgeltlich verrichtet habe, ergebe sich, daß es der Klägerin nicht darum gegangen sei, wiederkohrendo Einnahmen zu erzielen, also um des wirtschaftlichen Ergebnisses willen erwerbstätig zu ooin, Vielmehr habe die Klägerin die Tätigkeit im Hinblick darauf übernommen, daß sie im Haushalt ihres Schwagers gelebt habe und daß sie nicht zuletzt wegen ihrer engen verwandtschaftlichen Bindungen zu dessen Ehefrau ein persönliches Interesse am Godoihen dieses Geschäfts gehabt habe«. 2o Diese Ausführungen tragen das Urteil dos Berufungsgerichts nicht o Allerdings steht der Klägerin eine Entschädigung wegen Schadens im beruflichen Fortkommen nach den §§ 655 87, 88, 92 und 94 BEG nur dann zu, wenn sie in der Nutzung ihrer Arbeitskraft geschädigt worden iot<, Dio Abgrenzung des im siebenten Titel dos BEG umschriebenen Schadenstatbestandes schließt eine Entschädigung aus, wenn es sich um die übliche Mitarbeit eines Ehegatten im Geschäft des anderen handelt, weil eine solche Tätigkeit nach § 1356 Aba0 2 BGB dem Bereich des ehelichen DebenG zuzurechnen ist, also nicht des v/irt schuft liehen Erfolgs wegen ausgeübt wirdo Ebenso kann von einem Schaden im beruflichen Portkommen dann nicht die Rede sein, wenn ein minderjähriges Kind dem elterlichen Hausstand angchört und im Geschäft oder Büro der Eltern mitarbeitoto In diesen Fällen leistet das Kind seine Arbeit nicht aufgrund eines Dienst- oder Arbeitsverhälthisses, sondern im Rahmen der Pamiliengemeinschafto Das hat der erkennende Senat in den Entscheidungen RzW 1961, 268 und RzW 1961, 405 sowie RzW 1967, 170 näher ausgeführt 0 Dagegen kann eine wirtschaftliche Nutzung der Arbeitskraft dann in Betracht kommen, wenn ein von den Eitern unterhaltenes erwachsenes Kind im Betrieb oder im Geschäft seiner Eltern mitarbeitet und dabei regelmäßig einen bestimmten festen Pflichtenkrois ausfüllt, ein Arbeitsverhälthis mit Anspruch auf die übliche oder tarifmäßige Vergütung jedoch nicht vorliegt0 Zwar hat der Bundesgerichtshof eine derartige Mitarbeit der erwachsenen Kinder im Geschäft der Eltern in den Fällen, in denen lediglich über die Anwendung bürgex’lich-rechtlieher Vorschriften (§ 845 BGB} zu entscheiden war, regelmäßig nur unter dem Gesichtspunkt der familienrochtlichen Verpflichtung gewürdigt (BGH FamRZ 60, 101) Für das Gebiet des Entschädigungsrechto sind aber andere Gesichtspunkte maßgebend, v/ie auch die Vorschrift dos § 30 Abs«»2 der 3» DV-BEG zeigt„ Das hat der Senat in den oben angeführten Entscheidungen im einzelnen begründet <> Diese Geoichts-punkto finden auch im vorliegenden Pall Anwendung, in dem es Dich darum handelt, daß die erv/achsenc Klägerin im Geschäft ihres Schwagers ohne Gehalt, aber gegen Bestreitung den vollen Unterhalts tätig war« Wenn die Klägerin, wie das Berufungsgericht feotgeotellt hat, ihre Tätigkeit überwiegend nur der Familie und nicht um dos für sie daraus folgenden wirtschaftlichen Ergebnisses willen ausübte, so bleibt doch maßgebend, daß sie die Grundlage ihrer wirtschaftlichen Existenz bei ihrem Schwager, in dessen Geschäft sie mitarbeiteto, gefunden hatte * Biese Mitarbeit war eine Nutzung der Arbeitskraft, wenn es sich um eine regelmäßige auf Grund eines festen Pflich-tenkroioes ausgeübte, nicht um gelegentliche und unbedeutende Tätigkeit handelte* 3° Sind die vom Berufungsgericht näher festzustellcndcn, gegen die Klägerin gerichteten Maßnahmen als nationalsozialistische Gewaltmaßnahmen im Sinne des § 2 BEG anzusehen, so kann der Entschädigungsanspruch der Klägerin wegen Schadens im beruflichen Fortkommen aus § 88 2iff„ 3 BIG begründet sein* Zu dieser Frage ist zunächst darauf hinzuweisen, daß ein Entschädigungsanspruch nach § 2 BIG nur dort gegeben ist, so staatliche Stellen oder Bienststollen dor NSDAP Gewaltmaßnahmen verübt, veranlaßt oder gebilligt haben, nicht jedoch bei sonstigen Gewaltakten von Privatpersonen, auch wenn ein einzelnes Parteimitglied sich in seinem Verhalten durch die allgemeine Propaganda seitens der NSDAP bestimmen ließ fBGH in HzW 1962, 160)0 Eine rein private Willkürmaßnahme lag jedoch dann nicht vor, wenn die Maßnahme auf die Anregung oder Initiative solcher Stellen zurückzuführen ist0 Daboi ist zu berücksichtigen, daß die Trennung eines arischen Familienmitglieds von seiner jüdischen Verwandtschaft von Anbeginn an ein hervorragendes Ziel dos nationalsozialistischen Regimes war* Es ist allgemein bekannt, daß die Bevölkerung von der NSDAP angohalten wurde. lasoung gehabt habe, nach der erzwungenen Aufgabe der Stellung Deutschland im Interesso ihrer persönlichen Sicherheit zu verlassen, kann nicht gefolgt werden« Es konnte der Klägerin nicht zugemutet werden, Nachtoilo zu vermeiden, indem sic den Forderungen auf Einstellung ihrer persönlichen und wirtschaftlichen Beziehungen zu ihrem Schwager nachkam, und es kann ihr nicht entgegengehalten werden, daß sie sich dazu nicht bereit fand« Vcrfolgungsbedingt war die Auswanderung dann, wenn nationalsozialistische Gewaltmaßnahmen in dem erörterten Sinn wesentlich mitursächlich für sie waren (HzV/ 1965, 164) o Aus diesem Grund kann in der Auswanderung der Klägerin auch kein mitwirkendes Verschulden im Sinne des § 9 Abs« 1 BEG gesehen werden«