BGH · IV ZR 268/62
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Unter dem 7« Januar 1936 hatte ihm der Bürgermeister von Stflm^^ in einem "Certifieat de Nationality*' bescheinigt, daß er die französische Staatsangehörigkeit durch H6infc6gration gemäß § \ des Anhangs zu Abschnitt V des Versailler Vertrages besitze0 Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der Kläger angenommen«, daß or als Sohn eines hessischen Vaters Deutscher sei« Bald nach seiner Übersiedlung nach Frankreich mußte der Kläger französischen Militärdienst leisten« Von September 1943 bis August 1944 will er mit seiner Familie in Chateau-l'Eveque bei einem Bauern in einem Versteck gelebt haben«, Jetzt wohnt er in St^HH^ und ist als Vertreter tätig« Seinen Antrag auf Entschädigung für Schaden an Freiheit an Eigentum und Vermögen, durch Zahlung von Geldstrafen und Bußen sowie wegen Schadens im .berufliehen und wirtschaftlichen Fortkommen hat die Entschädigungsbohörae abgelehnt« Die gegen diesen Bescheid gerichtete Klage, mit der ganz allgemein die Feststellung des Bestehens der oben genannten Ansprüche verlangt wurde, hat das Landgericht abgewieserio Nach den Gründen dieser Entscheidung steht dom Kläger ein Anspruch auf Entschädigung nicht zu, weil die Voraussetzungen des § 4 BEG nicht vorliegeno In der Übersiedlung des Klägers nach Paris ist nach Ansicht des Landgerichts Keine Aus~ Wanderung zu sehen, weil der Kläger in diesem Zeitpunkt Staatsangehöriger des Landes gewesen sei, in dem er seinen neuen Wohnsitz genommen habe© Im Verfahren vor dem Berufungsgericht hat der Kläger eine Entschädigung für Schaden an Freiheit von 1 350 DM und für Schaden im beruflichen Fortkommen von 31 233,80 DM geforderte Las Berufungsgericht hat ihm auf den zuletzt genannten Anspruch eine feilkapitalentSchädigung von 406 DM (für die Dauer des Wehrdienstes in Frankreich, vom 1c Oktober 1956 bis io Oktober 1937) zugesprochen,. 4 * Das Berufungsgericht will der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs dax'in folgen, daB eine Auswanderung als Anspruchsvoraussetzung nach § 4 Abs« 1 Nr« 1 c BEß zu verneinen ist, wenn der Verfolgte in das Land übersiedelt, dessen Staatsangehörigkeit er besitzt„ Das Berufungsgericht hat auch nicht übersehen, daß der Kläger im August - September 1956P als er von Stuttgart nach Paris verzog, französischer Staats-* ungehöriger war« Es meint aber, es sei hier ausschlaggebend, daß der Kläger die deutsche Staatsangehörigkeit verloren und die französische erv/orben habe, um seiner durch die Judenverfolgung erzwungenen Auswanderung den Weg zu ebnen«, Da der Erwerb der französischen Staatsangehörigkeit der Auswanderung nur um einige Monate vorausgegangen sei, habe der Kläger die fremde Staatsangehörigkeit im Zuge der verfolgungsbedingten Auswanderung erworben«, Bas hat das Berufungsgericht damit begründet, daß das "Certificat de Nationality vom Bürgermeister der Stadt am 2t, die ehelichen oder unehelichen Nachkommen der unter der vorstehenden Nummer genannten Personen mit Aus-nähme derer, die unter ihren Vorfahren väterlicherseitj einen nach dem 15» «Juli 187t eingewanderten Deutschen habeno Nach dem Wortlaut der Nr* 2 spielt es für den automatischen Erwerb der französischen Staatsangehörigkeit keine Rolle, ob die Abstammung von den unter Nr* 1 genannten Personen (Alt~Elsaß-Lothringer) durch den Vater oder' Großvater oder durch eine Mutter oder eine Großmutter vermittelt wird» Auch der Enkel einer Alt-Elsaß-Lothringer Großmutter erwarb somit mit Wirkung vom 11* November 1918 die französische Staatsangehörigkeit* Dieses Ergebnis trat auch dann ein, wenn eine Frau, die durch den Frankfurter Friedensvertrag vom Io* Mai 1871 ihre französische Staatsangehörigkeit verloren hatte, später einen Reichsangehörigen geheiratet hat* Die wiedergegebenen Bestimmungen haben in diesem Palle zur Folge, daß die Abkömmlinge eines deutschen Vaters die französische Staatsangehörigkeit durch Reintegration erwarben (Lichter, Die Staatsangehörigkeit, 2* Auflo, S* 389; Siedler/ Schätzei in: Die Rechtsverfolgung im internationalen Verkehr, Bd* VII, S* 884)» Aus der Anwendung dieser Bestimmungen ergeben sich zahlreiche Zweifelsfragen, gerade in den Fällen, wo, wie hier, alle männlichen Vorfahren des Enkels oder ?5o Juli 1870 nach Elsaß-Lothringen eingewanderten Deutschen haben* läßt sich die Auffassung vertreten, daß der Erwerb der französischen Staatsangehörigkeit erst recht in den Fällen ausgeschlossen ist* in denen »ähnliche Vorfahren überhaupt niemals in Elsaß-Lothringen ansässig gewesen sind» Diese Rechtsansicht findet sich z*B« in der Entscheidung des Tribunal Civil de Straßbourg vom 3oe April 1924* abgedruckt in Revue Juridique d* Alsace et de Lorraine, Jahrgang 1924, Sc 553, während der französische Cour de Cassation in einer Entscheidung vom 9* November 1925 diese ausdehnende Auslegung der erwähnten Ausnahme abgelehnt hat (vgl* Siedler/Schätzei, aaO, So 886, Anm«, 68)e Da die ausdehnende Auslegung der Ausnahme auch vom Reichsgericht in der JY; 1937, l6o Nr0 12 abgedruckten Entscheidung sowie in einem Urteil des Reichsfinanzhofs (RFH 42, 162) vertreten wurde, kam es zu einem Notenwechsel zwischen der deutschen und französischen Regierung, in dem die deutsche Regierung eine Änderung der dem Cour de Cassation folgenden franzö- / genannten Vorschrift den Vorzug verdient, da jedenfalls nach Art« 53 Satz 2 VV im Einzelfall die Entscheidung der zuständigen französischen Behörde - der Gemeinde - den Vorrang haben soll« Nach dieser Bestimmung hat sich Deutschland verpflichtet, die in der Anlage zu dem Vei'sailler Vertrag nioöergelegten Vorschriften über den Wechsel der Staats«* angehörigkeit der Einwohner der genannten Gebiete anzuerkennen und “niemals und nirgends für die aus irgendeinem Grunde für Franzosen Erklärten die deutsche Reichsangehörig-icoit zu beanspruchen«,“ Es bedarf keiner weiteren Begründung, daß Frankreich den Kläger als Franzosen in Anspruch genommen hat* wenn es ihn in das R&int§grationsregister im Sinne dos Art* des fx*anzösi sehen Dekrets vom 11, Januar 192o (abgedruckt bei Lichter, Sc 394) eingetragen und ihm Uber diesen Vorgang eine Urkunde erteilt hat* Labei spielt keine Rolle, daß dieser Eintragung keine rechtsbegründete, sondern nur erklärende Bedeutung zukommt „ Ob eine solche Eintragung von Deutschland unter allen Umständen, z„B0 auch dann, wenn sie erschlichen wurde, hinzunehmen ist, bedarf hier keiner Erörterung, da nichts für derartige besondere Umstände spricht, Liese Tragweite des Art«, 53 Satz 2 VV wird in den erwähnten Entscheidungen des Reichsgerichts und des Reichsfinanzhofes nicht genügend berücksichtigt *