BGH · IV ZR 264/62
Originalentscheidung als PDF
PDF öffnen ↗Leitsatz / Zusammenfassung
Hat das Berufungsgericht die Revision nach § 219 Abs«, 2 Ziff, 3 BEG mit der Begründung zugelassen, dass streitig sei5 ob daa Land, gegen das der Anspruch auf Entschädigung gerichtet sei 9 zu Recht al3 zuständig in Anspruch genommen sei, hat aber das Berufungsgericht die Klage nicht wegen fohlender Paosivlegitimation, sondern aus materiell-rechtlichen Gründen abgewiesen, weil der geltend gemachte Anspruch nicht besteht«, so kann angenommen werdenn daß die Revision noch § 219 Abs, 2 Ziff, 'i BEG zugelassen worden ist, wenn das Berufungsgericht über eine Rechtsfrage von grundsätzlicher Bedeutung entschieden hat«, die bisher vom Bundesgerichtshof noch nicht entschieden worden ist. Mai 1956 hatte der Kläger auch einen Entschädigungsantrag wegen Schadens an Körper und Gesundheit gestellt« Diesen Antrag lohnte das Bayerische Landesentschädigungsamt durch den Bescheid vom 16« Juli 196o mit der Begründung ab, der Kläger sei von Bayern aus nicht in ein fremdes Land ausger wandort, sondern in seine polnische Heimat zurückgekehrt und habe dort einen dauernden Aufenthalt begründet* Das beklagte Land sei daher für den Anspruch nicht passiv legitimiert. Das Landgericht München wies die vom Kläger gegen den ablehnenden Bescheid erhobene Klage, mit der er wegen Schadens ah Körper und Gesundheit eine Kapitalentschädigung und eine Rente verlangte, ab. Io Das Berufungsgericht hat die Revision nach § 2'?9 Abs* 2 2iff, 3 BEG zugelaosen (vgl0 Entscheidungsgründe V* So 23)o Nach dieser Vorschrift ist die Revision zuzulassen* wenn streitig istj ob das Land, gegen das der Anspruch auf Entschädigung gerichtet ist* zu Recht als zuständig in Anspruch genommen istc Das Berufungsgericht hat angenommene, daß im vorliegenden Palle die Voraussetzungen für die Zulassung der Revision nach der genannten Vorschrift gegeben seien*. Es führt zunächst im Tatbestand auf S0 2 aus, daß zwischen den Parteien streitig sei* ob der beklagte Freistaat Bayern passiv legitimiert sei* Auf S0 4 des Tatbestandes nimmt es auf den ablehnenden Bescheid des Landesentochädigungsamts vom.16« Juli i960 Bezug und weist darauf hin* daß das Amt den Anspruch des Klägers auf Schaden an Körper und Gesundheit abgelchnt habe* weil der beklagte Freistaat mit Rücksicht darauf* daß der Kläger von Bayern nicht in ein fremdes Land ausgewandert* sondern in seine Heimat zurückgekehrt sei und dort einon dauernden Aufenthalt begründet habe* gemäß § 4 Abs„1 Ziff * 2 BEG nicht passiv legitimiert sei« In den Entucheidungs-gründen (9. streitig ist, welches land von mehreren in Betracht kommenden Ländern als Schuldner des erhobenen Anspruchs anzusehen ist, ' Die Rechtslage ist hier die gleiche wie im Gebiet des bürgor- ; liehen Rechts, wenn es sich darum handelt, ob ein Anspruch auf Schadensersatz wegen Amtopflichtverletsung gegen den Bund, ein Land oder eine Gemeinde zu richten ist« Es müssen also auch im Bereich des BEG mehrere Länder als zuständig in Betracht kommen, um einen Rail der Pascivlegitiraation im Sinno des § 219 Abs* 2 Ziff.3 BEG als vorliegend annchmen zu können* Im vorliegenden Palle kommt jedoch noch der Hechts- ' auffaesung des Berufungsgerichts als Schuldner des erhobenen Anspruchs allein der Freistaat Bayern in Präge* Das Bcrufungc«, gcricht hat diesen Ansrpuch auch nicht deshalb verneinte weil ein anderes Land Schuldner des Anspruchs sei, sondern deshalb,!; wandert sei* Indem das Berufungsgericht die Frage der Auswanderung des Klägers geprüft und verneint hat, hat es das Bestehen des Anspruchs als solchen sachlich geprüft und entschieden* War danach aber die Frage der Passivlegitimation des beklagten Landes nicht streitig, so bestand der Zulccsungs-grund des § 219 Abs* 2 Ziff* 3 BSG nicht, so daß das Berufungs- : gericht die Revision nicht nach dieser Vorschrift hätte zulassen dürfen* Wenn es auch bei dieser Sachlage nicht zwoifel- . unbeachtlich ist, wenn die Revision nur nach § 219 Abs« 2 Ziff.3 BEG zugelassen worden ist, das Berufungsgericht aber die Klage aus einem anderen sachlich-rechtlichen Grund als wegen Rehlens der Passivlegitimation des beklagten Landes abgewioson hat« In dem dieser Entscheidung zugrunde-liogendcn Rechtsstreit hatte das Berufungsgericht dem Vortrag des Klägers folgend die Passivlegitimation des beklagten Landes bejaht« Nach der Auffassung des erkennenden Senats konnte das beklagte Land insoweit keine Revision ein-logcn, da es durch diese Entschcidungr.nicht sachlich beschwert war, weil die Klage aus sachlich-rechtlichen Gründen abgewiesen worden war« Das beklagte Land könne daher, so hat der erkennende Senat ausgeführt, somit nicht geltend machen, daß seine Passivlegitimation zu Unrecht angenommen worden sei* Bas Berufungsgericht hat zur Frage des Begriffs der Auswanderung den von erkennenden Senat entwickelten Grundsatz, daß niemand in seine Heimat auswandern könne, insoweit erweitert, als es eine Auswanderung auch dann verneinen will, wenn der Verfolgte zwar nicht in das Land seiner Staatsangehörigkeit, wohl.aber in ein Land übersiedelt, mit dem er durch Sprache, VolkeZugehörigkeit und jahrzehntelange Staatsbürgerschaft verbunden war und in dem er, falls er nicht schon ohne weiteres so. behandelt wurde, als wäre er polnischer Staatsbürger, jederzeit durch einfachen Antrag in der Lage war, formell wieder die polnische Staatsbürgerschaft zu erwerben und dadurch in Bezug auf Arbeitsund Aufenthaltserlaubnis und politische Rechte einem polnischen Staatsangehörigen gleichgestellt werden* Hier handelt es sich um eine Rechtsfrage von grundsätzlicher Bedeutung, die auch vom Bundcogerichfc hof noch nicht entschieden worden ist* Es kann daher mit Recht angenommen werden, daß das Berufungsgericht die Revision wegen der Entscheidung dieser Rechtsfrage nach § 219 Abs«. Es kann hierbei dahingestellt bleiben, ob ein Anspruch nach § 4 Abs* 2 BEG deshalb zu bejahen ist, weil der Klüger aus dem Gebiet des beklagten Landes nach ausgewandert ist, Denn in jedem Palle ergibt sich die grundsätzliche Anspruchsberechtigung des Klägers aus § 4 Abs* 1 Ziff* 1 c BEG wach den Feststellungen des Berufungsgerichts hat der Kläger in Jahre 1947 einen Wohnsitz in begründete Wenn er im Jahre 195o von Br^Hl nach übergesiedelt ist? die am 31 o Dezember 1937 zu dem Deutschen Reich gehört haben* Daß der Kläger seinen Wohnsitz in Brflflp erst nach dem Zusammenbruch der nationalsozialistischen Herrschaft genommen hat, stelltP wie der erkennende Senat in der Entscheidung vom 17o Januar 1962 - IV ZR 173/61 -, EzW 1962, 3o5 Er* 14, dargelegt hat, dieser Auffassung nicht entgegen* Zwar hat der Gesetzgeber* als er in den Kreis der Entschädigungsberechtigten die Personen einschloß, die nicht aus dem Geltungsbereich des BEG., sondern aus anderen Teilen des Altreichsgebietes ausgewandert waren, vor allem an die Personen gedacht, die schon vor dem Zusammenbruch der nationalsozialistischen Herrschaft in diesen Gebieten wohnten* Es sollten auch solche ehemaligen Borger des Deutschen Reiches, die nur eine räumliche Beziehung zu diesen Teilen des Altreichsgebietes hatten, soweit sie nicht7später eine neue räumliche Beziehung dorthin begründeten, voll entschädigungoberechtigt sein (EGH vom 7. Auf weitere Beziehungen zu dem Deutschen Reich, etwa auf die deutsche Staatsangehörigkeit, kommt es nicht an* Bo wird auch nicht vorausgesetzt, daß die durch den Wohnsitz oder den dauernden Aufenthalt geschaffenen räumlichen Beziehungen zun Altreichsgebiet schon zur Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft bestanden haben* Der im Ausland Verfolgte,, der nach dem Zusammenbruch der nationalsozialistischen (Jewel therrscht im Altreichsgebiet seinen Wohnsitz oder dauernden Aufenthalt genommen hat, hat sich nach dem eindeutigen und in dieser Hinsicht keine andere x\uslegung zu-lassenden^Wortlaut des Gesetzes diejenige Bindung dorthin geschaffen, die dafür erforderlich ist, daß die Bundesrepublik bei einer vor dem 31* Dezember 1952 erfolgten Auswanderung nach Maßgabe der Vorschriften des BEG Entschädigung leistet* Bedeutungslos ist es, ob der Teil des Altreiehsge-biotes, in dem der Verfolgte seinen Wohnsitz oder dauernden Aufenthalt nahm, bereits zu der Zeit, als der Y/ohnsits oder Aufenthalt dort begründet wurde, unter fremder Verwaltung stand* Maßgebend ist allein, daß das Gebiet, während der Verfolgte dort wohnte, zu dem Deutschen Reich nach seinen Grenzen vom 31* Dezember 1957 gehört hat«.