BGH · IV ZR 257/64 vom 08.10.1965
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Die Revision ist unbegründete Io Das Berufungsgericht hat eine Anspruchsbereeh-tigung des Klägers nach § 154 Abs« 1 Satz 2 BEG in Verbindung mit § 1 Abs» 2 Nr» 1 BVPG mit folgenden Erwä-gungen verneint: Die verfolgungsbedingte Plucht des Klägers aus Warschau nach Lemberg stelle keine Auswanderung im Sinne des § 1 Abs„ 2 Nr«, 1 BVFG dar« Zur Zeit dieser Wohnsitzverlegung seien die polnischen Ostgebiete noch nicht in das Staatsgebiet der Sowjetunion eingegliedert gewesen«. Die Eingliederung sei im November 1939 durch russische Gesetze vollzogen worden«, Der Kläger habe seine Plucht schon vor dieser Eingliederung begonnen und sei nach seinen Angaben beim Einmarsch der russischen Truppen am 17* September 1939 in Rowno ostwärts der Demarkationslinie gewesen«, Anfang Oktober 1939 sei er in Lemberg eingetroffen., Die spätere Auswanderung des Klägers aus Polen nach Israel könne seine Anspruchsberechtigung nicht begründen* da der Kläger Polen damals nicht aus den Verfolgungsgrün-den des § 1 BEG verlassen habe und er zudem insoweit nicht vor der allgemeinen Vertreibung ausgewandert sei* Aber auch bei Unterstellung einer verfolgungsbedingten Auswanderung des Klägers von Warschau nach Lemberg würden seine Anerkennung als Vertriebener im Sinne des § 1 Abs* 2 Nr* 1 BVEG und damit seine Anspruchsberechtigung für den geltend gemachten Berufsschäden daran scheitern* daß der Kläger sich nach Kriegsende vom Mai 1943 bis zu dem Beginn des Jahres 1950 in seiner Heimat in Polen aufgehalten habe, ohne von den gegen die deutsche Bevölkerung gerichteten Verfolgungsmaßnahmen erfaßt zu werden« Er habe in seiner polnischen Heimat nach seiner Rückkehr einen polnischen Paß erhalten und sei in seinem Heimatbezirk als Rechtsanwalt zugelassen worden« Aus eigenem Entschluß habe er zu Beginn des Jahres 1950 das polnische Staatsgebiet verlassen, ohne vorher Vertreibungsmaßnahmen ausgesetzt gewesen zu sein» Essei unerheblich, daß er nach seinem Vortrag von vornherein nicht die Absicht gehabt habe, in Polen zu bleiben« Entscheidend sei, daß er sich dort während der Vertreibungszeit tatsächlich aufgehalten habe und von der Vertreibung verschont geblieben sei« Er könne deshalb nicht aufgrund der VPiktaon^d'es;’ § i 1- Abs „2 Nr« 1 BVFG als Vertriebener anerkannt werden« Ob er durch seine Auswanderung nach Israel den Vertriebenenstatus des § 1 Abs« 2 Nr« 3 BVFG (Aussiedler) erlangt habe, könne offen bleiben« da er als solcher für den geltend gemachten Berufsschäden nicht anspruchsberechtigt sei-? a) Der Kläger erfüllt nicht die allgemeinen Wohnsitz- und Stichtagsvoraussetzungen des § 4 BEO« Er kann daher Entschädigung wegen Schadens im beruflichen Fortkommen nur verlangen«, wenn die besonderen Voraussetzungen des § 150 Abs« 1 und des § 154 BEO vorliegen« Diese Bestimmungen sind durch das Zweite Gesetz zur Änderung des Bundesentschädigungsgesetzes (BEG-Schlußgesetz) vom 14« September 1965 ? BGBl I 1315) geändert worden« Nach §§ 150 Abs« 1 und 154 Abs« 1 und 2 BEG in der Fassung von Art« I Nr« 87 und 89 dieses Schlußgesetzes hat ein Verfolg^ter aus den Vertreibungsgebieten, der dem deutschen Sprach-und Kulturkreis angehört hat, Anspruch auf Entschädigung für Schaden im beruflichen Fortkommen, wenn er vor dem 1« August 1945 die in § 1 Abs« 2 Nr« 3 BVFG genannten Gebiete endgültig verlassen hat« Da diese gesetzliche Neuregelung nach ihrem zeitlichen Geltungswillen (Art, XII Nr, 1 des Gesetzes) das streitige Rechtsverhältnis erfaßt«, ist sie nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs (BGHZ 9s, 10T; 36«, 348) vom Revisionsgericht zu berücksichtigen« Bei der sonach gebotenen Anwendung des § 154 n«Po BEG ist ein Anspruch des Klägers auf Entschädigung für Schaden im beruflichen Portkommen zu verneinen* Nach den Peststellungen des Berufungsgerichts hat sich der Kläger in der Zeit von Mai 1945 bis zu Beginn des Jahres 1950 in seinem Heimatland Polen aufgehalten«, Er hat somit dieses Land«, das zu den in § 1 Abs« 2 Nr« 3 BVPG genannten Gebieten gehört, nicht schon vor dem 10 August 1945 im Sinne des § 154 Abs» 2 n«P« BEG endgültig verlassene Denn es kann keinem rechtlichen Zweifel unterliegen«, daß eine früher etwa erfolgte verfolgungsbedingte Flucht oder Auswanderung aus einem Vertreibungsgebiet zu demindest dann kein endgültiges Verlassen dieses Gebietes bedeutet«, wenn der Verfolgte noch vor dem 1» August 1945 wieder in dieses Gebiet zurückgekehrt ist und sich in der Folgezeit noch lange Jahre über diesen Zeitpunkt hinaus in diesem Gebiet aufge-halten hato Angesichts des Wortlauts der neuen Vorschrift kann es auch nicht zweifelhaft sein, daß es auf das endgültige Verlassen der Vertreibungsgebiete ankommt, diese Gebiete also nunmehr als eine Einheit anzusehen aindo Hier ist im übrigen die Frage, ob ein Aufenthalt Über den U August 1945 hinaus in einem anderen Vertreibungsgebiet, als im ursprünglichen Heimatland des Verfolgten, der Anspruchsberechtigung entgegenstehtp gegenstandslos, weil sich der Kläger während dieser Zeit in seinem Heimatland aufgehalten hato Darauf« ob einem Verfolgten ein früheres Verlassen des Vertreibungsgebietes aus Verfolgungsgründen nicht möglich war, kommt es nicht an« Entscheidend'ist lediglich Die Frage, ob das Berufungsgericht mit Recht in der Flucht des Klägers von Warschau, nach Lemberg keine Auswanderung im Sinne des § 154 Abs. 1 Satz 2 a.F. BEG erblickt hat, kann offen bleiben. ) angenommen, dass zu den nach § 154 Abs. 1 Satz 2 BEG in Verbindung mit § 1 Abs. 2 Nr. 1 BVFG anspruchsberechtigten Vertriebenen diejenigen Personen nicht gehören, von denen entweder feststeht, dass sie ohne die Verfolgung nicht vertrieben worden wären« oder die trotz Aufenthalts im Vertreibungsgebiet zur Vertreibungszeit von der Vertreibung tatsächlich verschont worden sindc Dabei ist allerdings grundsätzlich davon auszugehen, daß deutsche Staatsangehörige oder deutsche Volkszugehörige, die vor der allgemeinen Vertreibung aus Verfolgungsgründen ausgewandert sind* von Vertreibungsmaßnahmen betroffen worden wären* wenn sie zur Zeit der allgemeinen Vertreibung sich noch im Vertreibungsgebiet aufgehalten hätten (Senatsurteile RzW 1962, 368 Nr«, 30 und 1964* 180 Nr«, 46) c Es bedarf somit nicht jeweils einer besonderen Prüfung der Pfage, ob der Verfolgte im Palle seines Verbleibens im Vertreibungsgebiet tatsächlich vertrieben worden wäre«, Polglich kann nicht mit der Revision gesagt werden* daß nach der Rechtsprechung des Senats kein dem deutschen Volkstum angehöriger Jude als Vertriebener gelten könne, weil er im Hinblick auf die Verfolgung nicht vertrieben worden wäre* Steht jedoch, wie hier, aufgrund der konkreten Gestaltung des Lebensschicksals eines Verfolgten fest, daß er tatsächlich von der Vertreibung nicht betroffen wurde, obwohl er nach dem Zusammenbruch der nationalsozialistischen Herrschaft in das Vertreibungsgebiet zurückgekehrt ist, so kann ihm nicht die Vertriebeneneigenschaft im Sinne des § 1 Abs„ 2 Kr« 1 BVPG zugebilligt werden«. Denn diese Bestimmung beruht auf der’Fiktion, daß der Verfolgte von der Vertreibung erfaßt worden wäre, wenn er nicht vor der allgemeinen Vertreibung aus Verfolgungsgründen ausgewandert wäre« Für eine solche Fiktion ist aber kein Raum, wenn der Verfolgte tatsächlich während der Vertreibungszeit in seiner Heimat anwesend war und von der Vertreibung verschont geblieben ist«, Die Ausführungen von Schüler in RzW 1964, Die Präge {, ob ein Aufenthalt während der Vertreibungszeit in einem anderen Vertreibungsgebiet als in dem ursprünglichen Heimatland eines Verfolgten der Anspruchsberechtigung nach dem früheren Recht nicht entgegengestanden wäre., bedarf keiner Erörterung«, da sich der Kläger während dieser Zeit in seinem Heimatland aufgehalten hato Ras Berufungsgericht hat somit auf Grund der im Zeitpunkt seiner Entscheidung bestehenden Rechtslage den Anspruch des Klägers auf Entschädigung für Schaden im beruflichen Portkommen zu Recht verneint»