BGH · IV ZR 255/61 vom 18.04.1962
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hat den Entschädigungsantrag des Klägers durch den Bescheid vom 5»Mai 1958 mit der Begründung abgelehnt, daß ein adaquatei’ ursächlicher Zusammenhang zwischen der drohenden nationalsozialistischen Verfolgung und dem Tod seines Vaters nicht bestehe» Die von dem Kläger gegen den ablehnenden Bescheid erhobene Klage blieb in erster und zweiter Instanz erfolglos» Mit der vom Berufungsgerieht zugelassenen Revision verfolgt der Kläger seinen Antrag, Sie führt zur Aufhebung des Berufungsurteils und zur Zurückverweisung des Rechtsstreits zur erneuten Verhandlung und Entscheidung» Das Berufungsgericht hat die Klage aus folgenden Gründen abgewiesens Der Kläger könnte, da bei Schaden an Leben infolge Maßnahmen eines ausländischen Staates der in § 43 Abs. 1 Satz 2 BEG für Freiheitsschaden enthaltene Grundsatz nicht anzuwenden sei, Entschädigung wegen des Todes seines Der Tod in einem sowjetrussischen Arbeitslager stünde nur dann in adäquatem ursächlichem Zusammenhang mit der gegen ihn gerichteten Verfolgung, wenn er bei Beginn der Verfolgung für den Verfolger oder einen sog» optimalen Beobachter erkennbar gewesen wäre» Tatsächlich habe der Tod S00& jedoch bei Beginn der Verfolgung außerhalb jeder Wahrscheinlichkeit gelegen» Ob und inwieweit ein optimaler Beobachter im vorbezeichneten Sinne bei der Vertreibung des Verfolgten aus Bromberg damit habe rechnen müssen, daß der Verfolgte im Zuge und in Auswirkung der gegen ihn gerichteten Verfolgungsmaßnahmen im russisch besetzten Teil Polens Gefahren, Schädigungen oder sonstigen Nachteilen ausgesetzt sein würde, sei hier nicht zu untersuchen» Ebensowenig sei für die Entscheidung von Bedeutung, ob dieser Beobachter davon habe ausgehen müssen, daß der Vater des Klägers im Jahre 194o, also vor Beginn des deutschrussischen Krieges, gezwungen sein würde, auch den russisch besetzten Teil Polens im ganzen zu verlassen und sich in die Sowjetunion zu begeben« Außerhalb aller, bei vernünftiger Würdigung in Betracht kommender Möglichkeiten habe es jedoch gelegen, daß der Vater des Klägers vom russisch besetzten Teil Polens aus illegal in die Sowjetunion einreisen würde» Schon die mit einer derartigen Einreise verbundenen persönlichen Gefahren in einer Zeit politischer Spannungen zwischen Polen und der Sowjetunion, die einen Teil Polens besetzt gehabt habe, hätten dagegen gesprochen, daß ^BB^ gerade diesen Weg wählen würde; ganz abgesehen von den Schwierigkeiten, die - wiederum vom Standpunkt des optimalen Beobachters aus - wegen der militärischen Gerade die Illegalität der Einreise in die Sowjetunion habe nach dem eigenen Vorbringen des Klägers den Grund für die Verhaftung und seine Einweisung in das Arbeitslager gebildet, in dem er später den Tod gefunden habe» Nicht von Bedeutung für die Inhaftierung sei dagegen die Tatsache gewesen, daß S*^ als Jude aus dem deutsch besetzten Teil Polens vertrieben worden sei» Denn auch die weitere Flucht des Verfolgten aus dem russisch besetzten Teil Polens in das Innere Rußlands liegt nicht außerhalb des Bereichs der Auswirkungen der Verfolgung, für die die Bundesrepublik Deutschland einzustehen hat» Daß der Verfolgte illegal in dieses Gebiet eingewandert sei, ist eine Annahme des Berufungsgerichts, die nicht durch ausreichende Feststellungen untermauert ist. Bei der scharfen Überwachung der Bevölkerung durch Polizei und Partei in der Sowjetunion kann nach den Erfahrungen des Lebens nicht angenommen werden, daß der Aufenthalt des mit seiner Ehefrau und dem im September 194o geborenen Kläger den sowjetrussischen Behörden unbekannt geblieben ist» Der adäquate Kausalzusammenhang zwischen der nationalsozialistischen Verfolgung und der weiteren Flucht des Vaters des Klägers ist aber auch denn zu bejahen, wenn dieser entsprechend der Annahme des Berufungsgerichts illegal nach Harablin weitergeflohen ist. Danach muß der Urheber der Bedingungen, die das schädigende Ereignis verursachten oder initverursachten, den ursächlichen Zusammenhang gegen sich gelten lassen,, wenn er von seinem Standpunkt aus den Ablauf der Dinge erkannte« Diese Grenze, bis zu der dem Urheber einer Bedingung die Haftung zuzu demuten ist, spielt im Entschädigungsrecht eine besondere Bolle, weil die damaligen Machthaber Ziele und Dolgen ihrer Politik und der mit ihr verbundenen Gewaltmaßnahmen weitgehend geheim hielten« Es würde der Gerechtigkeit widersprechen, bei der Begrenzung der Haftung in dem oben erörterten Sinne dieses Wissen der damaligen Machthaber außer Betracht zu lassen« Es genügt daher, wenn die für die Fluchtwelle in Polen verantwortlichen Machthaber auf Grund ihrer Xenntnisse vom Inhalt der mit der Sowjetunion getroffenen Vereinbarung über die Besetzung Ostgaliziens die Gefährdung der jüdischen Flüchtlinge in dem Rußland überlassenen Gebiet erkannten« Die nationalsozialistischen Gewalthaber sahen damals voraus, daß die Massen der jüdischen Flüchtlinge und ihre Bemühungen, in den Auswänderungsländern Fuß zu fassen, Gegenaktionen der Regierungen dieser Länder und ihrer Bevölkerung gegen die Juden auslösen würden« Diese Folgen waren den damaligen Machthabern sogar erwünscht« Das zeigt der Erlaß des Auswärtigen Amtes in Berlin vom 25« Januar 1939? Welche Umstände letztlich bewogen, sich in das eigentliche Gebiet der Sowjetunion zu begeben, kann heute nicht mehr festgestellt werden« Es kommt nach dem oben Ausgeführten auch nicht darauf an« Maßgebend für die Bejahung eines rechtlich maßgeblichen Kausalzusammenhanges zwischen der nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahme und seiner Flucht nach Karablin ist allein, daß für den Verfolger selbst das weitere Schicksal des sozial entwurzelten Verfolgten in dem fremden Lande, in dem er der Willkür der sowjetischen Machthaber notwendig ausgesetzt war, insbesondere aber eine weitere Flucht des Verfolgten nicht so gänzlich außerhalb des Möglichen lag, daß dafür die die Umstände kennenden nationalsozialistischen Verfolger nicht verantwortlich gewesen wären*Schließlich ist der Anspruch des Klägers auf Entschädigung für Schaden am Leben seines Vaters dem Grundsatz nach auch dann begründet, wenn man die Haftung der Bundesrepublik nicht so sehr von der Bejahung des adäquaten Kausalzusammenhangs als solchem als vielmehr davon abhängig sein läßt, ob die Bejahung der Verantwortlichkeit der nationalsozialistischen Machthaber für den Tod des Verfolgten billig erscheint« Eine solche Bewertung des hier zu beurteilenden Sachverhalts entspricht auch dem Sinn und Zweck des Bundesentschädigungs- gesetzes, Durch die unmenschliche und grausame Verfolgung der Juden mußte unter Aufgabe seiner wirtschaftlichen Existenz und unter Verlust seiner gesamten Habe fliehen, um wenigstens das nackte Leben zu retten, Iin Zuge dieser Flucht lag auch seine Weiterwanderung nach Harablin, sei es nun, weil er in Stanislau keine Existenzmöglichkeit mehr sah, oder sei es auch, weil er sich in Reichweite der nationalsozialistischen Machthaber dort nicht genügend sicher glaubte, Der adäquate Kausalzusammenhang ist daher für die Verschleppung des Vaters des Klägers in ein sowjetrussisches Arbeitslager zu bejahen. 4» Die Frage, ob ein adäquater Kausalzusammenhang auch zwischen der nationalsozialistischen Verfolgung und dem Tod des Vaters des Klägers zu bejahen ist, kann von dem erkennenden Senat nicht abschliessend entschieden werden. Denn die allgemeine Gefahrenlage des Verfolgten ist durch seine auf nationalsozialistischen Verfolgungsmaß-nahmen beruhende Flucht gegenüber nichtverfolgten Personen entscheidend erhöht worden« Das folgt ebenfalls aus der Natur der Sache und bedarf keiner weiteren Darlegungen« Ein Nichtverfolgter hätte sich in einer Zeit politischer und militärischer Spannungen nicht von seinem Wohnsitz in Bromberg entfernt und auf eine gefahrvolle Flucht begeben« Unter Zugrundelegung dieser rechtlichen Ge-sichtspunkte wird daher das Berufungsgericht auch die Frage der Eigentümlichkeit des Schadens, den der Vater des Klägers erlitten hat, erneut zu prüfen haben« 6« Schließlich ist oereits jetzt darauf hinzuweisen, daß für die Entscheidung des Anspruchs wegen Schadens an Leben der Zeitpunkt der Geburt des Klägers ohne recht-liehe Bedeutung ist« Es kommt nicht darauf an, ob er vor oder nach der Ankunft seiner Eltern in harablin bei Stalingrad geboren worden ist« Vielmehr ist allein darauf abzustellen, daß der Kläger als Sohn des Hinterbliebener des Verfolgten im Sinne des § 17 Abs« 1 Ziff» 3 BEG ist«